Anatomie des Graupapageiengehirns: Ein Einblick in die Intelligenz eines Vogels

Die Intelligenz von Papageien, insbesondere Graupapageien, fasziniert Wissenschaftler und Tierliebhaber gleichermaßen. Ein Schlüssel zum Verständnis ihrer bemerkenswerten Fähigkeiten liegt in der Anatomie ihres Gehirns. Dieser Artikel beleuchtet die besonderen Merkmale des Graupapageiengehirns und wie diese zu ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit beitragen.

Die Beteiligten an der Erforschung

Die Erstellung dieses Artikels erfolgte unter der Leitung von Rolf Sauermost (Projektleiter) und Doris Freudig (Redakteurin). Erweiterte redaktionelle Unterstützung kam von Dr. Michael Bonk und Dr. Andreas Sendtko. Weitere Beteiligte waren Dr. Helmut Genaust (Etymologische Bearbeitung), Dr. Claudia Gack (Bildtafelredaktion), Hermann Bausch (Grafik) sowie zahlreiche weitere Personen, die in den Bereichen EDV, Beratung und Autorenschaft tätig waren. Zu den Autoren gehörten Marcus Anhäuser, Dr. Katharina Arnheim, Dr. Johannes Becker-Follmann und viele andere Experten aus verschiedenen Fachgebieten.

Lateralisation des Gehirns: Eine Gemeinsamkeit mit dem Menschen

Australische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Papageien, ähnlich wie Menschen, ein "lateralisiertes" Großhirn besitzen. Bisher wurde diese zweigeteilte Gehirnstruktur höheren Säugetieren zugeschrieben und ermöglicht die parallele Bearbeitung komplexer Aufgaben. Diese Entdeckung deutet darauf hin, dass die hohe Intelligenz von Papageien möglicherweise mit dieser speziellen Gehirnstruktur zusammenhängt.

Die Vorteile zweier Hirnhälften liegen darin, dass das Gehirn mehrere Informationen gleichzeitig verarbeiten kann, wodurch komplexe Probleme gelöst werden können. Viele Aufgaben werden nur in einer Gehirnhälfte ausgeführt, was die Leistungsfähigkeit steigert. Die Lateralisation, also die Aufteilung der Prozesse auf die linke und rechte Gehirnhemisphäre, gilt als eine Voraussetzung für Intelligenz.

Intelligenz bei Vögeln: Mehr als nur die Gehirngröße

Neben Papageien gelten auch andere Vögel als außerordentlich klug. Kolkraben lernen schnell, haben ein Moralempfinden und können sogar schwindeln. Es ist wichtig zu beachten, dass die relative Größe des Gehirns im Verhältnis zur Körpergröße ein entscheidender Faktor für die Intelligenz ist. Ein Elefant hat zwar ein größeres Gehirn als ein Kolkrabe, ist aber dennoch nicht annähernd so trickreich, da sein Gehirnvolumen im Verhältnis zu seiner Größe gering ist. Die Krähe hat hingegen die günstigsten Hirn-Körper-Proportionen in der gesamten Vogelwelt.

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Alex der Graupapagei: Ein sprechendes Beispiel für Intelligenz

Alex, ein Graupapagei, der 2007 verstarb, war ein besonders prominentes Beispiel für tierisches Sprachtalent. Er konnte nicht nur über 100 englische Vokabeln nachplappern, sondern sie auch semantisch und syntaktisch zuverlässig einsetzen, um beispielsweise Bauklötze, Bälle oder Schlüssel nach Farbe, Material und sogar Anzahl zu unterscheiden. Er stellte sogar eine existenzielle Frage - welche Farbe er hat.

Die Sprachfertigkeiten von Alex entwickelten sich über mehrere Jahrzehnte, in denen er mit Irene Pepperberg zusammenarbeitete. Er lernte schnell einzelne Bezeichnungen und abstrahierte von diesen konkreten Wort-Ding-Beziehungen. Er verstand, dass ein roter und ein silberner Schlüssel beide unter die Bezeichnung „Schlüssel“ fallen, aber trotzdem nicht dasselbe Objekt sind. Bereits nach drei Jahren konnte er auf Fragen der Art Welche Farbe hat dieses Objekt? und Welches dieser Objekte ist grün? antworten. Erkannte Alex keine einfache Lösung derartiger Aufgaben, war er in der Lage, eigene Antworten kreativ zu entwickeln. Bei seiner ersten Begegnung mit einem Apfel etwa bezeichnete er diesen als Banirsche und erschuf damit ein Portmanteau aus bereits gelernten Namen (Banane und Kirsche), um das ihm bis dato unbekannte Objekt zutreffend benennen zu können. Im Laufe seines Trainings lernte Alex auf ähnliche Weise das Konzept von Zahlen und diese zu addieren. Er verstand auch die Idee von „gleich“ bzw. „verschieden“ und hatte eine Vorstellung von „kein“, also Nicht-Existenz. Interessanterweise gab Alex, trotz seiner Fähigkeiten, oft falsche Antworten. Seine Trainerin führte dies auf eine Unterforderung und damit einhergehende Langeweile zurück. Dieses Verhaltensmuster ähnelt augenscheinlich dem von gelangweilten, unterforderten Schülern.

Soziales Lernen und Intelligenz

Die Ornithologin Michaela Hofmann hat in ihrer Forschung festgestellt, dass es Papageien leichter fällt, neue Bezeichnungen zu lernen, wenn dies in einen sozialen Kontext eingebunden wird, wie etwa beim Model-Rival-Modell. Das Konstruieren von Situationen, die soziales Verhalten erzwingen, ist im Labor schwierig, während es in der freien Wildbahn gelegentlich beobachtet werden kann. Es zählt dabei als ein Indikator für Intelligenz, da bereits das Talent, andere Lebewesen als kohärent handelnde und denkende Entitäten wahrzunehmen, kognitive Leistung voraussetzt.

Werkzeuggebrauch als Indikator für Intelligenz

Ein weiterer Indikator für Intelligenz und Abstraktionsfähigkeit von Tieren ist die Fähigkeit zum Herstellen und Gebrauchen von Werkzeugen. Die neukaledonische Krähe wurde etwa beobachtet, wie sie stabile Blätter abreißt und zum Stochern nach Insekten benutzt. Forscher testen die Fähigkeit zum Werkzeuggebrauch auch im Labor, wie etwa mit der Saatkrähe Betty in Oxford.

Neurologische Aspekte und Erkrankungen

Neurologische Auffälligkeiten sind bei Vögeln keine Seltenheit. Es ist wichtig, die neurologische Untersuchung der Patienten korrekt durchzuführen. Zu den relevanten Fachbüchern und Artikeln gehören "Avian Anatomy: Textbook and Colour Atlas" von Liebich HG, "Avian Medicine" von Samour J. und "Current Therapy in Avian Medicine and Surgery" von Speer B.

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Es gibt verschiedene Fallstudien über neurologische Probleme bei Papageien, wie z.B. "Peripheral nerve sheath tumor in a subadult golden eagle (Aquila chrysaetos)" von Beckmann K. et al., "Congo African grey parrot" von Gaschen L. et al. und "Leg paresis in a cockatoo caused by aspergillosis" von Greenacre C.

Tierische Kommunikation: Mehr als nur Worte

Tierstudien machen immer deutlicher, wie viel man ohne Worte sagen kann. Einzelne Menschenaffen haben in intensiven Trainingsjahren erfolgreich Vokabeln in Zeichen- oder Bildsprachen gebüffelt und können diese teilweise in einfachen Sprachsituationen zuverlässig einsetzten. Auch in der Wildnis kommunizieren Schimpansen differenziert mit Gesten und Lauten. Andere Tiere nutzen komplexere Kommunikationsformen als bisher angenommen - etwa Gibbons, Delfine, Ratten und Elefanten. Von Einblicken in die Vielfalt tierische Protosprachen erhoffen Forscher sich neue Indizien für die Geburt der Sprache bei unseren Vorfahren.

Ethische Konsequenzen und Tierwohl

Die Erkenntnisse über die Intelligenz und das Sozialverhalten von Tieren haben weitreichende ethische Konsequenzen. Nicht nur Papageien, sondern auch zahlreiche andere Arten, sind soziale Tiere und leiden darunter, wenn sie alleine gehalten werden. Auch Käfighaltung bedeutet für viele Tiere eine große Einschränkung. Es gibt sogar Zentren speziell für Papageien, die von ihren ehemaligen Besitzern traumatisiert wurden.

Macrorhabdiose: Eine häufige Erkrankung bei Papageien

Die Macrorhabdiose wird von Macrorhabdus ornithogaster ausgelöst. Es handelt sich dabei um eine Pilzart, die im gesamten Verdauungstrakt der Papageien vorkommen kann. Typische Symptome sind das Spelzen aber nicht abschlucken von Futterkörner, hochwürgen des Kropfinhaltes, vermehrtes Speicheln, unverdaute Körner im Kot teilweise Diarrhoe. Der Nachweis von Macrorhabdus ornithogaster gelingt am besten aus einer Kotprobe des erkrankten Vogels.

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