Vektorimpfstoffe AstraZeneca und das Risiko von Multipler Sklerose: Eine umfassende Analyse

Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Vektorimpfstoffen wie AstraZeneca und dem Risiko für Multiple Sklerose (MS) ist von großer Bedeutung, insbesondere im Kontext der COVID-19-Pandemie. Dieser Artikel beleuchtet die verfügbaren Daten und Erkenntnisse, um eine fundierte Einschätzung zu ermöglichen.

Hintergrund: COVID-19-Impfstoffe und mögliche Nebenwirkungen

Impfstoffe gegen COVID-19 haben sich als entscheidend im Kampf gegen die Pandemie erwiesen. Allerdings wurden auch Bedenken hinsichtlich möglicher Nebenwirkungen geäußert. So wurde beispielsweise die COVID-19-Vakzine Jcovden (COVID-19-Impfstoff Ad26.COV2-S [rekombinant]) von Johnson & Johnson mit einem erhöhten Risiko für das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) in Verbindung gebracht. Eine im „JAMA Network Open“ veröffentlichte Auswertung von Fällen, die an die US-Nebenwirkungsdatenbank VAERS gemeldet wurden, zeigte, dass die GBS-Melderaten innerhalb von 21 und 42 Tagen nach der Janssen-Impfung neun- bis zwölfmal höher waren als nach einer mRNA-Impfung mit den COVID-19-Vakzinen von BioNTech/Pfizer (Comirnaty) und Moderna (Spikevax). Für die beiden mRNA-Impfstoffe konnte kein entsprechender Zusammenhang ermittelt werden.

Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) und COVID-19-Impfstoffe

Aufgrund bekannter Assoziationen zwischen anderen Impfstoffen und dem Guillain-Barré-Syndrom (GBS) war die Erkrankung eine vordefinierte Nebenwirkung von besonderem Interesse für die COVID-19-Impfstoffüberwachung. Winston E. Abara und Kollegen vom COVID-19-Response-Team der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde (Centers for Disease Control and Prevention [CDC]) in Atlanta werteten Daten von mehr als 480 Millionen Impfdosen aus. Die retrospektive Kohortenstudie untersuchte die von Dezember 2020 bis Januar 2022 beim Vaccine Adverse Event Reporting System (VAERS) eingegangenen Meldungen über Erkrankungen am Guillain-Barré-Syndrom nach einer COVID-19-Impfung. Als Vakzine kamen Ad26.COV2.S (Johnson & Johnson), BNT162b2 (BioNTech/Pfizer) und mRNA-1273 (Moderna) zum Einsatz. Die Forschenden verglichen die Meldemuster in den 21 und 42 Tagen nach der Corona-Impfung. Insgesamt umfasste die Analyse 487.651.785 COVID-19-Impfdosen.

Ergebnisse der Studie

Bei den Impfdosen entfielen 3,7 % auf den Janssen-Impfstoff, 54,7 % auf die mRNA-Vakzine von BioNTech/Pfizer und 41,6 % auf den mRNA-Impfstoff von Moderna. Insgesamt verzeichnete das VAERS 295 GBS-Fälle nach einer COVID-19-Impfung; in 275 Berichten (93,2 %) war eine Hospitalisierung dokumentiert. Innerhalb von 21 Tagen nach der COVID-19-Impfung gingen 209 gemeldete Fälle von Guillain-Barré-Syndrom ein, innerhalb von 42 Tagen waren es 253. Die 21-Tage-Raten an Meldungen pro 1.000.000 Impfdosen betrugen 3,29 für Ad26.COV2.S (Johnson & Johnson), 0,29 für BNT162b2 (BioNTech/Pfizer) und 0,35 für mRNA-1273 (Moderna). Die entsprechenden Raten in den 42 Tagen nach der Impfung lagen bei 4,07 (Johnson & Johnson), 0,34 (BioNTech/Pfizer) und 0,44 (Moderna). In den 21 Tagen nach der Impfung mit der COVID-19-Vakzine Janssen gab es mehr GBS-Meldungen als nach der Impfung mit den mRNA-Impfstoffen von BioNTech/Pfizer (RRR 11,40, 95%-KI 8,11-15,99) oder Moderna (RRR 9,26, 95%-KI 6,57-13,07]). Ähnliche Ergebnisse wurden innerhalb von 42 Tagen nach der Impfung beobachtet (BNT162b2: RRR 12,06, 95%-KI 8,86-16,43; mRNA-1273: RRR 9,27, 95%-KI 6,80-12,63). Die Rate von beobachteten zu erwarteten (OE-Ratio) Fällen an Guillain-Barré-Syndrom betrug 3,79 (95%-KI 2.88-4.88) für das 21-Tage- und 2,34 (95%-KI 1.83-2.94) für das 42-Tage-Intervall nach der Janssen-Impfung. Nach der mRNA-Impfung mit BNT162b2 und mRNA-1273 lag die OE-Ratio in beiden Zeiträumen unter 1 (nicht signifikant).

Fazit der Studie

In der retrospektiven Studie wurden unverhältnismäßig viele Meldungen von Fällen an Guillain-Barré-Syndrom nach der COVID-19-Impfung mit der Janssen-Vakzine festgestellt. Demzufolge scheint dieser Impfstoff mit einem erhöhten Risiko für GBS verbunden zu sein. Das absolute GBS-Risiko nach der Janssen-COVID-19-Impfung liegt laut Schätzungen der Forschenden aber nur in einer Größenordnung von einigen Fällen pro Million Impfdosen.

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Möglicher Zusammenhang mit Adenovirus-Vektor-Impfstoffklassen

Die spezifischen Ursachen und Risikofaktoren einer GBS-Erkrankung sind oft unklar; die Pathogenese ist bis heute nicht vollständig geklärt. Molekulare Mimikry könnte jedoch eine Rolle bei der Ätiologie spielen. Ad26.COV2.S ist ein rekombinanter Impfstoff, der einen nicht replizierenden Adenovirus-Vektor verwendet, welcher für das SARS-CoV-2-Spike-Protein kodiert, um eine immunologische Antikörperreaktion auszulösen. Theoretisch ist es möglich, dass durch den Janssen-Impfstoff induzierte Antikörper mit Glykoproteinen auf der Myelinscheide der Axone peripherer Nerven kreuzreagieren und ein Guillain-Barré-Syndrom auslösen.

Ebenso gab es Berichte über ein erhöhtes GBS-Risiko nach der Impfung mit der ChAdOx1 nCov-19 Vakzine (Vaxzevria von AstraZeneca). Dieser Impfstoff verwendet einen replikationsinkompetenten Schimpansen-Adenovirus-Vektor und wurde in Europa in großem Umfang verabreicht. In einer Studie war die Zahl der GBS-Fälle innerhalb von 14 Tagen nach einer Impfung mit der AstraZeneca-Vakzine 1,4- bis 10-mal höher als erwartet. Ein erhöhtes GBS-Risiko nach diesen Impfstoffen könnte auf einen Zusammenhang mit Adenovirus-Vektor-Impfstoffklassen hindeuten, zumindest in Bezug auf COVID-19-Impfstoffe.

AstraZeneca und Nebenwirkungen: Ein differenziertes Bild

Laut aktuellem Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts werden die meisten Verdachtsfälle von Nebenwirkungen nach einer COVID-19-Impfung mit dem Vektorimpfstoff von AstraZeneca berichtet. Allerdings muss dies nicht automatisch bedeuten, dass dieser Impfstoff schlechter verträglich ist.

Melderate und Reaktogenität

Dem PEI fiel auf, dass prozentual die meisten Verdachtsfälle zu nicht schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen nach einer Impfung mit dem Vektorimpfstoff von AstraZeneca berichtet wurden: 7,6 Meldungen auf 1.000 Impfungen im Vergleich zu 1,6 bis 2,9 Meldungen auf 1.000 Impfungen bei den mRNA-Impfstoffen. Es soll vor allem häufiger zu Fieber, Schüttelfrost und grippeähnlichen Beschwerden gekommen sein. Allerdings muss nach Meinung des PEI dies nicht automatisch bedeuten, dass die Vektorvakzine schlechter verträglich ist, als es die beiden mRNA-Impfstoffe sind: „Aus der vergleichsweise höheren Melderate des AstraZeneca-Impfstoffes für nicht schwerwiegende Reaktionen kann jedoch nicht zwangsläufig auf eine höhere Reaktogenität des Impfstoffs geschlossen werden“, erklärt das PEI. Die erhöhte Melderate könne auch mit der erhöhten medialen Aufmerksamkeit für den Impfstoff und den unterschiedlichen Altersgruppen der geimpften Personen zusammenhängen, bedenkt das Paul-Ehrlich-Institut.

Das Imageproblem von AstraZeneca

Der COVID-19-Impfstoff von AstraZeneca erhielt am 29. Januar die EU-Zulassung (ohne Altersobergrenze) und durfte zunächst nur bei 18- bis 64-Jährigen geimpft werden. Fehlende Daten zur Wirksamkeit bei Älteren veranlassten die Ständige Impfkommission (STIKO) zu dieser Empfehlung. Zudem hatte die Vakzine in Studien mit 70 Prozent Impfeffektivität eine geringere Wirksamkeit als die beiden mRNA-Impfstoffe (etwa 95 Prozent) gezeigt und wurde so teils als „schlechtere“ Vakzine und Mittel der zweiten Wahl dargestellt und wahrgenommen. Dies könnte zu einem Nocebo-Effekt beigetragen haben, also einer negativen gesundheitlichen Wirkung nach der Impfung ohne Zusammenhang, oder zu einer erhöhten Meldemotivation. Mittlerweile hat die STIKO ihre Empfehlung geändert, sodass seither der Vektorimpfstoff auch bei Ab-65-Jährigen geimpft werden darf.

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Anaphylaxie und andere Nebenwirkungen

Das PEI berichtet zudem über 67 anaphylaktische Reaktionen nach Impfung mit einem der drei COVID-19-Impfstoffe. Das Ereignis sei „sehr selten“ aufgetreten. In drei Fällen hatten die Geimpften den Vektorimpfstoff von AstraZeneca erhalten - und hier wurden in den Studien keine anaphylaktischen Reaktionen beschrieben. Für die beiden mRNA-Impfstoffe sind zudem verzögerte Lokalreaktionen an der Impfstelle berichtet worden: gut abgrenzbare Hautrötung, Schwellung am Impfarm, teils verbunden mit Schmerzen und/oder Juckreiz. Diese Hautreaktionen können etwa eine Woche nach Impfung auftreten. Wichtig ist vor allem, dass ein COVID-Arm kein Grund ist, bei den betroffenen Menschen die zweite Impfdosis auszusetzen oder zu verzögern, erklärt das PEI.

Ereignisse unter besonderer Beobachtung

Das PEI berichtet zudem über „Ereignisse unter besonderer Beobachtung“ - wie Fälle von Arthritis, Fazialisparese, Verschlechterung einer Multiplen Sklerose, Enzephalitis, Guillain-Barrée-Syndrom, Schlaganfall oder Krampfanfall. Das Paul-Ehrlich-Institut betont: „Bei keinem dieser unerwünschten Ereignisse unter Beobachtung überstieg aktuell die Anzahl der beobachteten Fälle die Anzahl der aufgrund der Hintergrundinzidenz in der Bevölkerung erwarteten Fälle, d. h. die Zahl der Meldungen lässt sich durch ein zeitlich zufälliges Zusammentreffen zwischen Impfung und Erkrankung interpretieren“, erklärt das PEI.

COVID-19-Impfung bei Multipler Sklerose: Empfehlungen und Erkenntnisse

Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) sowie das Krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) haben Empfehlungen zur COVID-19-Impfung bei MS-Patienten herausgegeben. Demnach gelten derzeit die folgenden Empfehlungen:

  • Menschen mit Multipler Sklerose sollten sich an die allgemeinen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) des Robert-Koch-Instituts (RKI) halten und sich gegen Krankheiten immunisieren lassen, für die eine Impfung im Erwachsenenalter vorgesehen ist. Das gilt auch für COVID-19.
  • Bisher liegen aus den Zulassungsstudien der COVID-19-Impfstoffe noch keine Daten zu einem möglichen Einsatz bei Personen mit Autoimmunerkrankungen und/oder immunmodulierenden/-supprimierenden Therapien vor.
  • Aktuelle Einschätzungen zur Corona-Schutzimpfung beruhen hierzulande auf dem allgemeinen Wissen über die Wirkmechanismen der MS-Therapien, sowie über die Wirksamkeit von Impfstoffen bei Multipler Sklerose.

Allerdings: Nach Angaben der DMSG zeigen erste Erfahrungen aus Israel keine bislang unerwarteten Nebenwirkungen nach einer Corona-Schutzimpfung. Zudem gibt es keine Hinweise auf eine durch die Impfung ausgelöste Aktivierung der Multiple Sklerose. Diese Erkenntnisse stützen sich auf Impfungen von 500 MS-Patienten, die den mRNA-Impfstoff von BioNTech/Pfizer erhalten haben. Ebenso zeigte eine Impfung von 300 MS-Patienten in England keine besonderen Auffälligkeiten bezüglich der Verträglichkeit.

Nutzen der Impfung für MS-Patienten

Das Hauptziel der Impfkampagne war und ist es, schwere Verläufe der Coronainfektion zu verhindern. Eine Impfung kann sowohl Dich als auch andere davor schützen. Auch nach einer mild verlaufenden Infektion mit dem Coronavirus können langanhaltende Symptome (Long Covid) auftreten, die Dich sowohl körperlich als auch mental beeinträchtigen können. Dazu gehören zum Beispiel Geschmacksstörungen und - für MS-Erkrankte besonders belastend - chronische Müdigkeit, Fatigue und Depressionen. Eine Impfung kann das Risiko für derartige Komplikationen verringern. Die Befürchtungen einiger MS-Erkrankter, dass eine Corona-Schutzimpfung Schübe auslöst oder sich auf das Voranschreiten der MS auswirkt, konnte bislang nicht bestätigt werden.

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Wirksamkeit der Impfung unter verschiedenen Therapien

Die Frage, ob die Corona-Schutzimpfung unter jeder Therapie gleich wirksam ist, wird aktuell in der Wissenschaft anhand vieler neuer Daten diskutiert. In einer im April veröffentlichten israelischen Studie konnte beispielsweise nachgewiesen werden, dass sich das Ausmaß der Antikörperbildung (Immunantwort) nach der Corona-Impfung unter verschiedenen MS-Therapien unterscheiden kann. Die Anzahl der Antikörper, die nach einer Impfung festgestellt werden, kann Auskunft über den Impfschutz geben. Die Daten beziehen sich auf den mRNA-Impfstoff Biontech/Pfizer.

Empfehlungen für eine dritte Impfung

Bereits im August hatten sich die DMSG und das KKNMS in einer gemeinsamen Stellungnahme dazu geäußert und darauf hingewiesen, dass MS-Patienten deren Immuntherapie die Impfantwort beeinträchtigt, über eine dritte Impfung gegen COVID-19 mit einem mRNA-Impfstoff nachdenken sollten. Die STIKO empfiehlt, dass Menschen mit einer Immunschwäche sechs Monate nach einer vollständigen Impfserie eine Auffrischung angeboten wird. Bei schwerer Immundefizienz, bei der eine stark verminderte Immunantwort erwartet wird, kann die dritte Impfung bereits vier Wochen nach der zweiten Impfung erfolgen.

mRNA- oder Vektorimpfstoffe?

Die DMSG empfiehlt aktuell die Corona-Schutzimpfung für MS-Erkrankte mit allen in der EU zugelassenen COVID-19-Impfstoffen mit Verweis auf die Einhaltung der nationalen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO). Allerdings: Stehen beim Impftermin verschiedene Impfstoffe zur Verfügung, rät die DMSG derzeit eher dazu, bei MS-Erkrankten die mRNA-basierten Impfstoffe zu verwenden. Dabei handelt es sich um eine vorläufige Einschätzung, die noch nicht durch ausreichende Daten gestützt ist.

MS und das Risiko einer COVID-19-Infektion

Generell weiß man bisher: MS-Patienten haben nicht automatisch ein erhöhtes Erkrankungsrisiko oder einen schweren Verlauf einer COVID-19-Erkrankung zu befürchten. MS in Zeiten von Corona. Die Diagnose Multiple Sklerose spricht prinzipiell nicht dagegen, sich gegen Infektionskrankheiten impfen zu lassen. Im Gegenteil: Ein möglichst guter Impfschutz ist insbesondere für Menschen mit chronischen Erkrankungen generell sehr wichtig. Denn Infektionen können schwerwiegende Erkrankungen verursachen, und speziell bei MS-Betroffenen Schübe auslösen und zur Krankheitsverschlechterung beitragen.

Sicherheit der Impfstoffe

Wie bei jeder Impfstoffentwicklung gelten auch für die Zulassung der Corona-Impfstoffe nationale und internationale Qualitätsstandards. Der Impfstoff muss ein klinisches Studienprogramm aus drei Phasen bestehen. Erst danach erhält er eine Marktzulassung in Deutschland. Dass die Entwicklung im Zuge der Pandemiebekämpfung so schnell ermöglicht werden konnte wie noch nie zuvor, liegt unter anderem an neuen Technologien, die den Entwicklern zur Verfügung stehen. Die Wissenschaftler profitieren außerdem von Vorerfahrungen mit Impfstoffprojekten gegen verwandte Viren (zum Beispiel MERS-CoV). Die rasche Zulassung wurde ermöglicht durch eine noch engere Zusammenarbeit aller beteiligten Instanzen, wodurch Prozesse effizienter gestaltet werden konnten - und das ohne Abstriche bei der Sorgfalt.

Impfreaktionen können bei jeder Impfung auftreten, so auch bei einer Immunisierung gegen COVID-19. Sie zeigen sich in der Regel kurz nach der Impfung und klingen nach einigen Tagen wieder ab. Am häufigsten wurde bei den bisher zugelassenen Impfstoffen Schmerzen an der Einstichstelle beobachtet. Darüber hinaus kam es zu Symptomen wie Erschöpfung, Kopf- und Muskelschmerzen. Vereinzelte Nebenwirkungen waren unter anderem Schulterschmerzen und Schwellungen der Lymphknoten in der Achselhöhle. In den Zulassungsstudien gab es keinerlei als schwerwiegend beurteilte Nebenwirkungen.

Studien zu COVID-19-Impfungen und MS-Schüben

Für inaktivierte Impfstoffe, zu denen auch die Impfstoffe gegen COVID-19 zählen, gibt es eine Reihe von Fall-Kontroll Studien. Es konnte in diesen Studien nie ein kausaler Zusammenhang zwischen Impfung und Krankheitsaktivität gefunden werden. Eine Studie aus Israel zur COVID-19-Impfung von über 500 Patienten mit MS ergab, dass im Zusammenhang mit der ersten Impfung mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer 2,1 % der geimpften Personen mit MS einen Schub erlitten, nach der zweiten Impfung wurden bei 1,6 % der Kohorte MS-Schübe dokumentiert. Dieser Prozentsatz entspricht genau dem Anteil an MS-Patienten mit Schüben im Vergleichszeitraum der Jahre 2017-2020, also vor Verfügbarkeit der COVID19-Impfung. Eine weitere Impfstudie aus Italien belege diese Beobachtung. Zwei Monate nach der COVID-19-Impfung von 324 Personen mit MS mit den Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna wurde bei 2,2 % der Kohorte ein MS-Schub dokumentiert, zwei Monate vor der Impfung erlitten 1,9 % der Kohorte ein solches Ereignis. Auch diese Daten belegen, dass die Impfung nicht zur Veränderungen der Krankheitsaktivität führt und nicht als kausal für das Auftreten von MS-Schüben angesehen werden kann.

Akute Transverse Myelitis (ATM)

Was die immer wieder im Zusammenhang mit der COVID-19-Impfung befürchtete Akute Transverse Myelitis (ATM, eine akute Entzündung des Rückenmarks) angeht, so muss zunächst klargestellt werden, dass die meisten Fälle mit dieser Komplikation durch eine Infektion mit SARS-CoV-2 ausgelöst wurden (n=43). Lediglich drei Fälle einer ATM wurden im Zusammenhang mit einer COVID-19-Impfung beschrieben, und zwar ausschließlich mit dem Vektorimpfstoff von AstraZeneca, der für die Impfkampagne in Deutschland derzeit von untergeordneter Bedeutung ist. Es kann zwar nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden, dass es sich bei den drei Fällen um eine immunologische Kreuzreaktion handelt, aber diese wenigen Fälle haben derzeit keine Auswirkung auf die grundsätzliche Nutzen-Risiko-Bewertung der COVID-19-Impfung.

Stellungnahme von KKNMS und DMSG

Angesichts dieser Sachlage sehen sich das Krankheitsbezogene Kompetenznetzwerk MS (KKNMS) und die Deutsche MS Gesellschaft (DMSG) zu folgender Stellungnahme veranlasst:

  • Es gibt derzeit keine wissenschaftliche Evidenz, dass eine Impfung gegen COVID-19 zu einer Aktivitätszunahme bzw. einem Schub bei MS führt.
  • Es mag dennoch (seltene) individuelle Konstellationen geben, in denen bei MS-Patienten eine Impfung ausgesetzt bzw. verzögert werden muss. Diese Entscheidung sollte allerdings in Absprache mit einem erfahrenen MS-Behandler auf der Basis der individuellen Krankengeschichte getroffen werden.
  • Ebenso wenig stellt die Anwendung einer MS-Immuntherapie - gleich welcher Art - eine Kontraindikation gegen die COVID-19-Impfung dar. Die in Deutschland verwendeten Impfstoffe, bei denen es sich nicht um Lebendimpfstoffe handelt, können somit auch gefahrlos bei immunsupprimierten Patienten angewendet werden - und sollten dies auch aufgrund der oben genannten Vorteile.
  • Es besteht unter Behandlung allenfalls das Problem, dass die Impfantwort ggf. beeinträchtigt ist, weshalb Boosterimpfungen erwogen werden können.

Impfstofftypen und ihre Wirkungsweise

Impfstoffe basieren auf dem Prinzip, dem Immunsystem Teile (Antigene) des Erregers SARS-CoV-2 zu zeigen, so dass ein Immunschutz aufgebaut werden kann, ohne eine Erkrankung auszulösen. Es gibt verschiedene Impfstofftypen:

  • mRNA-Impfstoffe: enthalten in Form von Boten-RNA (messenger RNA, mRNA) den Bauplan von einem bestimmten Teil des Erregers, dem sogenannten Spike-Protein. Durch die Impfung gelangt die mRNA in die menschlichen Körperzellen. Dort wird dieser Bauplan abgelesen, was dazu führt, dass die Körperzellen selbst das Spike-Protein herstellen. Diese Spike-Proteine werden daraufhin vom Immunsystem als fremd erkannt, was die gewünschte schützende Immunantwort auslöst.
  • Vektorbasierte Impfstoffe: nutzen für die Impfung sogenannte Trägerviren (Vektoren). Diese sind harmlos, da sie sich nicht im Körper vermehren können. Diese Trägerviren tragen in sich den Bauplan (in Form eines DNA-Abschnittes) für das Spike-Protein von SARS-CoV-2. Nach der Impfung gelangen die Trägerviren in die Körperzellen. Diese lesen die Erbinformation ab und produzieren selbst Spike-Proteine. Zellen des Immunsystems erkennen die Spikes als fremd, die gewünschte schützende Immunantwort ist die Folge.
  • Inaktivierte Impfstoffe: verwenden inaktivierte, also abgetötete Erreger.
  • Subunit-Impfstoffe: verwenden nur bestimmte Bestandteile des Erregers, meist Proteine.

Der Abbau der Impfstoffe im Körper

Wissenschaftler:innen und Gesundheitsbehörden betonen immer wieder, dass bei den mRNA- und DNA-Vektorimpfstoffen auch deshalb keine Spätfolgen zu erwarten seien, weil die Impfstoffe nach erfolgreicher Aktivierung des Immunsystems schnell durch normale Stoffwechselprozesse im Körper abgebaut werden.

mRNA-Impfstoffe

Der Umgang mit mRNAs ist ein täglicher Routinevorgang in unseren Zellen. Die Zellen brauchen ständig neue Proteine. Und der Bauplan für körpereigene Proteine ist eben auch: mRNA. Die Proteine werden anhand der mRNAs in den Ribosomen produziert, den Protein-Fabriken der Zellen. Die mRNAs der Impfstoffe machen da keine Ausnahme. Erst sitzt an beiden Enden des mRNA-Strangs (wie bei anderen mRNAs auch) noch eine Art schützende Kappe - Moleküle, die die Vernichtung durch Enzyme noch für kurze Zeit aufhalten. Wie lange eine mRNA in der Zelle überlebt, unterscheidet sich je nach mRNA - die Zeitspanne reicht dabei von einigen Minuten bis zu mehreren Tagen. Diese Zeiten und die Tatsache, dass mRNA nach der Produktion der Proteine zuverlässig abgebaut wird, gelten unter Wissenschaftler:innen als unstrittig. Bei den mRNA-Impfstoffen ist die mRNA in eine Fetthülle verpackt, auch Lipid-Nanopartikel (LNP) genannt. Wenn sie die mRNA erfolgreich in die Zelle eingeschleust haben, werden nach Angaben von Biontech die Lipidhüllen mithilfe von Lysosomen abgebaut. Lysosome sind kleine Organellen mit Enzymen, die die Lipidhülle in ihre Einzelteile zerlegen.

Vektorimpfstoffe

Zur Verstoffwechselung der DNA aus den Vektorimpfstoffen gibt es keine genauen Zeitangaben. Adenoviren gehören zu den unbehüllten Virenarten, sie haben keine schützende Lipidmembran. Wenn das Kapsid die DNA in der Zelle erfolgreich entlassen hat, werden seine übrig gebliebenen Bestandteile als nutzlose Proteine von der Zelle erkannt, ähnlich wie bei den Lipidhüllen von Enzymen angegriffen und in kleine Bestandteile aufgespalten.

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