Alzheimer-Risiko senken: Maßnahmen für ein gesundes Gehirn

Die Diagnose Demenz ist ein Schock für Betroffene und ihre Familien. Wissenschaftler sind sich jedoch einig, dass mindestens ein Drittel aller Fälle durch die richtige Prävention verhindert werden könnte. Angesichts des Mangels an heilenden Therapien in Europa kommt der Vorbeugung von Demenzerkrankungen eine entscheidende Bedeutung zu. Eine aktuelle prospektive Kohortenstudie [1] zeigt: Einer Alzheimer-Erkrankung lässt sich effektiv vorbeugen! Es ist also nie zu spät, mit der Prävention zu beginnen.

Die Bedeutung der Prävention

Da das Demenzrisiko mit dem Lebensalter steigt und unsere Gesellschaft zunehmend altert, wird auch die Zahl der Erkrankten weiter ansteigen. In Deutschland sind derzeit 1,6 Millionen Menschen an Demenz erkrankt. Im Jahr 2050 könnte diese Zahl auf etwa 2,8 Millionen ansteigen (1). Aufgrund des weiterhin bestehenden Mangels an zugelassenen Wirkstoffen zur kausalen Behandlung der Demenz in Europa ist die Prävention von entscheidender Bedeutung. So könnten etwa 40 % der Demenzerkrankungen verzögert oder sogar verhindert werden, wenn es gelänge, modifizierbare Risikofaktoren zu eliminieren oder effektiv zu behandeln (2).

Professor Gerhard Eschweiler, Oberarzt an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie und ärztlicher Leiter des Geriatrischen Zentrums der Uniklinik Tübingen, forscht in einer Langzeitstudie zur kognitiven Leistungsfähigkeit und dem Demenz-Risiko. Das primäre Ziel der Trend-Studie sei, frühzeitig Muster von Veränderungen zu erkennen, die Risikofaktoren für eine Parkinson-Erkrankung oder für Demenz sein können. Das Alter ist zwar der bedeutendste Risikofaktor für kognitiven Rückgang, aber eine Demenz im hohen Alter ist nicht unvermeidlich. Es gibt Risikofaktoren, die modifizierbar, also beeinflussbar sind.

Lebensstilfaktoren und ihre Auswirkungen

Eine Studie mit 2449 Menschen im Alter von mindestens 65 Jahren zeigte, dass ein gesunder Lebensstil das Demenzrisiko deutlich senken kann. Die Teilnehmenden erhielten für jeden umgesetzten Lebensstilfaktor (von fünf möglichen) einen Punkt. Je mehr Punkte erzielt wurden, desto gesünder war der Lebensstil.

Die Studie zeigte einen linearen Effekt: Je mehr gesunde Lebensstilfaktoren umgesetzt wurden, desto höher war der positive Effekt. Frauen im Alter von 65 Jahren, die vier oder sogar alle fünf gesunden Lebensstilmaßnahmen umsetzten, hatten eine Lebenserwartung von 24,2 Jahren. Gleichaltrige Frauen, die keine oder nur eine dieser Maßnahmen umsetzten, hatten eine um 3,1 Jahre verkürzte Lebenserwartung. Frauen mit einem gesunden Lebensstil verbrachten durchschnittlich 2,6 Jahre ihrer Lebensspanne mit einer Demenzerkrankung, während Frauen mit einem ungesunden Lebensstil durchschnittlich 4,1 Jahre mit einer Demenz lebten.

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Professor Hans Christoph Diener, Pressesprecher der DGN, erklärte: „Die Ergebnisse zeigen eindrücklich, dass man aktiv durch einen gesunden Lebensstil einer Alzheimer-Demenz vorbeugen kann und an Lebenszeit gewinnt, vor allem auch an ‚Demenz-freier‘ Lebenszeit.“

Modifizierbare Risikofaktoren

Neben dem Lebensstil gibt es weitere modifizierbare Risikofaktoren, die das Demenzrisiko beeinflussen können. Dazu gehören:

  • Kopfverletzungen: Relativ neu als Risikofaktoren anerkannt sind Kopfverletzungen, erhöhter Alkoholkonsum und Luftverschmutzung.
  • Ernährung: Wissenschaftler am Deutschen Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Bonn haben herausgefunden, dass schlechte Ernährung das Risiko, an Alzheimer-Demenz zu erkranken, um ein Vielfaches erhöhen kann.
  • Hören und Sehen: Professor Eschweiler weiß inzwischen, dass neben dem Lebensstil auch gutes Hören und Sehen wichtig sind, weil diese Sinneseindrücke das Gehirn schulen.

Ernährung als Schlüsselfaktor

Eine deutschlandweite Ernährungsstudie des DZNE mit über 500 Risikopatienten für Demenz ergab, dass eine gesunde, eher mediterrane Ernährung vor Gedächtnisverlust und Alzheimer-Demenz schützen kann. Ungesunde Fette, Fleisch und jede Menge Weißbrot erhöhen dagegen das Risiko für Alzheimer-Demenz.

Professor Peter Stehle erklärte: „Tierisches Fett wird charakterisiert durch große Mengen an gesättigten Fettsäuren, die wir in der Ernährungsphysiologie relativ ungünstig bewerten, weil sie dazu führen, dass es eher zu Veränderungen von Gefäßen kommt. Olivenöl ist charakterisiert durch die sogenannte Ölsäure. Bis zu 90 Prozent des Fettes ist Ölsäure. Das ist eine sogenannte einfach ungesättigte Fettsäure. Einfach ungesättigte Fettsäuren oxidieren nicht so schnell. Das heißt, sie werden nicht ranzig.“

Präventionsprogramme und Früherkennung

Professor Georg Adler, Leiter des Instituts für Studien zur psychischen Gesundheit (ISPG) in Mannheim, ist spezialisiert auf die Vorbeugung und Früherkennung von Demenzerkrankungen. Am ISPG in Mannheim werden die geistige Leistungsfähigkeit, genetische Veranlagung, vor allem aber die körperlichen Risikofaktoren der Patienten ermittelt. Die Behandlung von Risikoerkrankungen ist ein wichtiger Baustein für die Prävention von Demenz. Werden diese Erkrankungen gut behandelt, tut man gleichzeitig auch etwas gegen Demenz. Auch Professor Adler rät dazu, die Ernährung anzupassen, insbesondere zu weniger Kohlehydraten, was sich auch positiv auf den Cholesterinspiegel auswirkt, zu einer aktiven Lebensführung und zu einem begrenzten Alkoholkonsum.

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Weitere Maßnahmen zur Risikoreduktion

Neben den bereits genannten Faktoren gibt es weitere Maßnahmen, die dazu beitragen können, das Demenzrisiko zu senken:

Behandlung von Vorhofflimmern und anderen vaskulären Risikofaktoren

Ein wesentlicher Mechanismus, über den das Vorhofflimmern die Demenz fördert, ist das Entstehen von Thromboembolien. Hier greifen orale Antikoagulanzien an. Eine große schwedische Studie zeigte, dass eine orale Antikoagulation das Risiko für die Entwicklung einer Demenz in der Intention-to-Treat-Analyse um 29 % senken konnte (4). In der On-Treatment-Analyse nahm das Risiko um 48 % ab. Laut Dichgans konnten weitere Studien untermauern, dass orale Antikoagulanzien bei Vorhofflimmern das Demenzrisiko reduzieren und dieser Effekt unabhängig vom Schlaganfall war.

Ergebnisse einer Studie mit knapp 10 000 Hypertoniepatienten ohne Schlaganfall oder Diabetes mellitus zeigten, dass eine strenge Einstellung des systolischen Blutdrucks < 120 mmHg im Vergleich zu einer Einstellung < 140 mmHg das Risiko für milde kognitive Dysfunktion beziehungsweise milde kognitive Dysfunktion oder Demenz jeweils signifikant senken konnte (5).

Proaktives Delirmanagement

Auch ein Delir kann das Demenzrisiko um das bis zu 12-Fache erhöhen (7). Da Krankenhäuser Hochrisikoorte für die Entwicklung eines Delirs sind und Multimedikation, Demenz sowie fortgeschrittenes Alter die Vulnerabilität für ein Delir erhöhen, empfahl Prof. Dr. med. Christine von Arnim, Klinik für Geriatrie, Universitätsmedizin Göttingen, ein proaktives Delirmanagement.

Das proaktive Delirmanagement basiert auf Risikoerfassung, Prophylaxe, Screening zur Früherkennung und Frühbehandlung. Laut von Arnim werden für die Nationale Demenzstrategie derzeit entsprechende Algorithmen entwickelt.

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Verbesserung der Schlafqualität

Es gibt Hinweise auf bidirektionale Zusammenhänge zwischen Schlafqualität und Neurodegeneration, das heißt einen Teufelskreis zwischen schlechter Schlafqualität und Beta-Amyloidablagerung (9). Einer Assoziationsstudie zufolge nimmt ab einer Schlafdauer von weniger als 7 Stunden pro Nacht das Demenzrisiko zu (10).

Daher können bei Schlafstörungen Maßnahmen für eine bessere Nachtruhe dazu beitragen, das Demenzrisiko zu senken. Flöel empfahl, die Schlafhygiene zu verbessern. Weiterhin könne die nicht invasive elektrische Hirnstimulation gezielt elektrophysiologische Korrelate gesunden Schlafes verstärken.

14 Risikofaktoren im Überblick

Eine Fachkommission hat eine Liste mit 14 Risikofaktoren für Demenz im Fachmagazin The Lancet veröffentlicht:

  1. Erhöhten LDL-Cholesterinspiegel senken: Ein erhöhter LDL-Cholesterinspiegel könnte zur Entstehung von Demenz beitragen.
  2. Sehverlust vorbeugen: Es könnte ein Zusammenhang zwischen Sehstörungen und Demenz bestehen.
  3. Schwerhörigkeit erkennen und ausgleichen: Schwerhörigkeit ist ein wichtiger beeinflussbarer Risikofaktor für Demenz.
  4. Auf Bildung achten - und zwar lebenslang: Alzheimer und ähnliche Krankheiten treffen vor allem Menschen mit niedrigerem Bildungsabschluss.
  5. Kopfverletzungen, also Schädel-Hirn-Traumata, so gut wie möglich vermeiden: Tatsächlich kann bereits eine kleine Gehirnerschütterung viele Jahre später das Risiko für eine Demenz verdoppeln.
  6. Bluthochdruck vorbeugen beziehungsweise senken: Bereits Blutdruckwerte von 140/90 mmHg und erst recht höhere können das Alzheimerrisiko deutlich erhöhen.
  7. Weniger Alkohol ist besser: Keine Frage, das Nervengift Alkohol schadet dem Gehirn.
  8. Adipositas - Übergewicht abbauen: Vor allem ein BMI von 30 und mehr, in mittleren Jahren, ist mit einem erhöhten Demenzrisiko verbunden.
  9. Mit dem Rauchen aufhören: Rauchen ist nicht nur ein Risikofaktor für Krebs und Arteriosklerose mit ihren Folgen, sondern auch für Demenzerkankungen.
  10. Stress und Depression richtig behandeln: Psychische Belastungen könnten nachweislich das Gehirn schädigen.
  11. Gesellschaft statt Einsamkeit und Isolation: Wer schon immer alleine lebt oder verwitwet ist, hat ein erhöhtes Risiko für Demenzerkrankungen.
  12. Meiden Sie Luftverschmutzung und Feinstaub: Stickoxide und Feinstaub schaden dem Gehirn nachweislich.
  13. Ausreichend Bewegung: Körperliche Inaktivität ist direkt mit Demenz verbunden.
  14. Diabetes-Typ-2 unbedingt vermeiden: Menschen, die Typ-2-Diabetes haben, sind im Alter besonders stark von Demenz bedroht.

Bewegung und soziale Interaktion

Die Experten sind sich einig: In Sachen Demenz-Prävention hilft zudem ein aktives Leben mit vielen sozialen Kontakten, in der Gruppe und in der sozialen Interaktion. Gerade die Kommunikation und die Lebensfreude in der Gemeinschaft sei zentral wichtig, um mental fit und aktiv zu bleiben. Ein weiterer wichtiger Faktor für die Vorbeugung von Demenz ist Bewegung. Auch Professor Eschweiler geht davon aus, dass im Trainingsprozess beim Sport Substanzen etwa aus den Muskeln freigesetzt werden, die auch die Nerven stabilisieren. "Von daher ist selbst bei beginnender Demenz die Bewegung und das körperliche Training sehr hilfreich."

Eine besonders spektakuläre Erkenntnis ist: Man kann der Demenz „davonlaufen“ - etwas unter 10.000 Schritte am Tag scheint die optimale „Bewegungsdosis“, die mit dem geringsten Demenz-Risiko verbunden ist. Optimal war ein bewusstes 30-minütiges Training mit einem Tempo von 112 Schritten pro Minute.

Gewicht und Ernährung im Blick

Frauen sollten in der zweiten Lebenshälfte Übergewicht vermeiden, Männer Untergewicht. Eine gesunde Ernährung zeichnet sich durch viel Obst und Gemüse, Vollkorngetreide, Nüsse, Hülsenfrüchte und Olivenöl, außerdem auch Fisch aus. Fleisch und Milchprodukte kommen seltener auf den Tisch.

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