Die Alzheimer-Krankheit, eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die durch kognitiven Abbau und Gedächtnisverlust gekennzeichnet ist, stellt eine immense gesundheitliche Herausforderung dar. Jüngste Studien aus Kanada und anderen Ländern haben bedeutende Fortschritte im Verständnis der Risikofaktoren, Präventionsstrategien und potenziellen Therapieansätze für diese verheerende Krankheit erzielt. Dieser Artikel fasst die wichtigsten Erkenntnisse aus diesen Studien zusammen und beleuchtet die vielversprechendsten Entwicklungen in der Alzheimer-Forschung.
Körperliche Aktivität und Alzheimer: Eine Studie aus Kanada und den USA
Eine in "Nature Medicine" veröffentlichte Studie von Forschern aus den USA und Kanada unter der Leitung von Way-Ying Wendy Yau und Jasmeer P. Chhatwal untersuchte den Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und dem Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit. Die Studie umfasste fast 300 ältere Personen, von denen 88 bereits Beta-Amyloid-Ablagerungen und Tau-Proteine im Gehirn aufwiesen, die als ursächlich für Alzheimer vermutet werden. Die Probanden zeigten jedoch noch keine Symptome der Gehirnerkrankung.
Zu Beginn der Studie wurde die Anzahl der täglichen Schritte der Teilnehmer sieben Tage lang mit einem Schrittzähler gemessen. Anschließend wurden sie in vier Gruppen eingeteilt: "Inaktive" (3.000 oder weniger Schritte), "wenig Aktive" (3.001 bis 5.000 Schritte), "mäßig Aktive" (5.001 bis 7.500 Schritte) und "Aktive" (mehr als 7.501 Schritte). Über einen Zeitraum von 14 Jahren führten die Forscher jährlich kognitive Tests durch und maßen die Amyloid- und Tau-Ablagerungen im Gehirn der Probanden.
Die Ergebnisse zeigten, dass Probanden, die mehr als 3.000 Schritte pro Tag gingen, eine signifikante Verbesserung gegenüber den "Inaktiven" aufwiesen, was sich in einer geringeren Anreicherung der Ablagerungen zeigte. Die größte Reduktion wurde bei 5.001 bis 7.500 Schritten beobachtet, während zusätzliche Bewegung darüber hinaus keine zusätzliche Verbesserung brachte. Auch bei den Tests zur kognitiven Leistungsfähigkeit schnitten die Probanden mit der "mäßigen Aktivität" am besten ab.
Die Studienautoren schlussfolgerten, dass bereits ein moderates Maß an körperlicher Aktivität, das auch ältere Personen schaffen können, ausreicht, um Alzheimer entgegenzuwirken. Emrah Düzel vom Uni-Klinikum Magdeburg bestätigte, dass Bewegungsmangel ein etablierter Risikofaktor für die Alzheimer-Krankheit ist und dass diese Studie erstmals Effekte auch bei Menschen zeigt, die bereits Alzheimer-typische Veränderungen im Gehirn haben. Körperliche Aktivität scheint demnach die Ausbreitung der Krankheit zu verlangsamen und die mentale Leistungsfähigkeit zu schützen.
Lesen Sie auch: Informationen für Alzheimer-Patienten und Angehörige
Es wird vermutet, dass Bewegung auch die Kognition trainiert, da die Personen navigieren, sich orientieren und mit ihrer Umgebung interagieren müssen. Es wird empfohlen, sich nicht nur mit 5.000 Schritten zufriedenzugeben, sondern auch Sportarten wie Radfahren, Tanzen oder Joggen auszuüben, die zusätzlich das Gehirn stimulieren.
Kritik und Ergänzungen zur Bewegungsstudie
René Thyrian vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Rostock bemängelte, dass nur einmal zu Beginn der Studie das Ausmaß der Bewegung gemessen wurde und andere Bewegungsformen wie Radfahren nicht berücksichtigt wurden. Zudem könne mit dem gewählten Studiendesign keine Kausalität gezeigt werden. Dennoch passt das Studienergebnis zu vielen anderen Studien, die ähnlich positive Wirkungen von körperlicher Aktivität für die Gehirngesundheit zeigen.
Thyrian betonte, dass Bewegung regelmäßig erfolgen sollte und Freude machen sowie gut in den Alltag integrierbar sein sollte. Wichtig sei aber auch ein insgesamt gesunder Lebensstil, zu dem auch ausgewogene Ernährung, geistige Aktivität und soziale Kontakte gehören, um auch anderen Krankheiten vorzubeugen.
Der Einfluss früher Oophorektomie auf das Alzheimer-Risiko
Eine Studie der Universität Toronto untersuchte den Zusammenhang zwischen der Entfernung der Eierstöcke (Oophorektomie) vor dem 50. Lebensjahr und dem Alzheimer-Risiko bei Frauen. Die Forscher analysierten die Daten von 34.603 Frauen aus der UK Biobank und fanden heraus, dass Frauen, bei denen beide Eierstöcke im Alter von etwa 43 Jahren operativ entfernt wurden, ein viermal höheres Risiko hatten, an Alzheimer zu erkranken, als Frauen, die im Durchschnittsalter von 54 Jahren in die natürliche Menopause kamen.
Die Studie ergab auch, dass der Verlust des natürlich vorkommenden Hormons Östradiol infolge der chirurgischen Entfernung beider Eierstöcke mit dem APOE4-Allel interagieren könnte, um das Alzheimer-Risiko weiter zu erhöhen. Ein hohes Bildungsniveau war jedoch mit einer um 9 Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit verbunden, an Alzheimer zu erkranken, und zwar bei Frauen mit beiden Arten von Wechseljahren. Überraschenderweise gab es auch einen bescheidenen Zusammenhang zwischen dem Body-Mass-Index (BMI) und dem Alzheimer-Risiko, allerdings nur bei den Frauen mit früher bilateraler Oophorektomie. Jede zusätzliche BMI-Einheit war mit einem um 7 Prozent geringeren Risiko für die Entwicklung einer Alzheimer-Krankheit verbunden.
Lesen Sie auch: Kinder-Alzheimer: Ein umfassender Überblick
Es wird vermutet, dass ein höherer BMI bei Frauen, denen die Eierstöcke entfernt wurden, mit einem geringeren Alzheimer-Risiko verbunden sein könnte, weil das Fettgewebe Östron produziert, das in Ermangelung von Östradiol aufgrund der Oophorektomie zur Aufrechterhaltung der kognitiven Funktion im frühen mittleren Alter beitragen kann. Dieses Ergebnis unterstreicht die Bedeutung östrogenbasierter Therapien für die Verringerung des Alzheimer-Risikos bei Frauen, denen die Eierstöcke vor dem 50. Lebensjahr operativ entfernt wurden.
Weitere Risikofaktoren für Demenz
Eine Studie der University of Alberta analysierte die Daten von 39.000 Patienten und identifizierte weitere Risikofaktoren für Demenz. Eine neue Erkenntnis ist, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Risikofaktoren weniger wichtig sind als psychische und soziale Probleme wie Depressionen und wenige soziale Kontakte. Auch Rauchen, Diabetes und Arthrose wurden als Risikofaktoren identifiziert. Bei den über 80-Jährigen war ein starkes Untergewicht mit einem stark erhöhten Demenzrisiko verbunden.
Helicobacter-pylori-Infektion und Alzheimer-Risiko
Eine Studie der Charité Berlin und der McGill University (Kanada) ergab, dass bei Menschen über 50 Jahren das Alzheimer-Risiko nach einer symptomatischen Helicobacter-Infektion um durchschnittlich 11 % erhöht sein kann, rund 10 Jahre nach der Infektion sogar um 24 %. Es wird vermutet, dass das Bakterium über verschiedene Wege das Gehirn erreichen und dort Entzündungen, Schädigungen und den Verfall von Nervenzellen verursachen kann. Zudem könne die Infektion die Aufnahme von Vitamin B12 und Eisen beeinträchtigen, was das Demenz-Risiko ebenfalls erhöht.
Dieses Ergebnis bekräftigt die Annahme, dass eine Helicobacter-pylori-Infektion ein beeinflussbarer Risikofaktor für Alzheimer-Demenz sein könnte. Ob und in welchem Maß die Bekämpfung des Keims durch antimikrobielle Eradikationsprogramme die Entwicklung von Alzheimer tatsächlich beeinflusst, muss allerdings erst in großen randomisierten Studien getestet werden.
Neuartiger Wirkstoff gegen Alzheimer: Eine Phase-1b-Studie
Ein neuartiger Wirkstoff gegen Alzheimer hat in einer Studie mit über 30 Patientinnen und Patienten eine gute Verträglichkeit bewiesen. Das experimentelle Medikament zielt darauf ab, die Produktion eines für die Erkrankung relevanten Eiweißstoffes - des sogenannten Tau-Proteins - im Gehirn zu drosseln. An der internationalen Untersuchung waren auch Fachleute des DZNE aus Bonn und Ulm beteiligt.
Lesen Sie auch: Alzheimer und Demenz im Vergleich
Im gesunden Gehirn stabilisieren Tau-Proteine das Gerüst von Nervenzellen. In Zuge einer Alzheimer-Erkrankungen lösen sie sich jedoch von diesem Gerüst und ballen sich innerhalb der Zellen zu winzigen Aggregaten. Diese Verklumpungen gehen mit dem Tod von Nervenzellen einher. Es gibt daher Überlegungen, die Produktion von Tau-Proteinen im Gehirn zu drosseln. Studien an Mäusen deuten darauf hin, dass sich dadurch Nervenschädigungen reduzieren und kognitive Störungen abmildern lassen.
In der aktuellen Untersuchung, einer sogenannten 1b-Studie, wurde im Wesentlichen nur die Verträglichkeit des Wirkstoffs getestet. Dafür wurde das Mittel mit einer Nadel in einen Zwischenraum im Bereich der Lendenwirbelsäule gespritzt. Über den Spinalkanal konnte der Wirkstoff dann bis ins Gehirn gelangen. Insgesamt 46 Frauen und Männer mit milden Alzheimer-Symptomen nahmen an der Studie teil: 34 Probanden erhielten den experimentellen Wirkstoff, 12 ein Scheinmedikament. Die Behandlung erfolgte in regelmäßigen Abständen über einen Zeitraum von 13 Wochen.
Der Wirkstoff hat sich als gut verträglich erwiesen. Die häufigste Nebenwirkung waren Kopfschmerzen. Gleichzeitig konnte die Konzentration von Tau-Proteinen im Nervenwasser gesenkt werden. Die klinische Erprobung geht damit in die nächste Phase. Nun muss sich herausstellen, ob das Medikament auch tatsächlich gegen Alzheimer wirkt. Eine entsprechende Studie ist bereits angelaufen. Mit Ergebnissen ist aber erst in einigen Jahren zu rechnen.
Bei dem nun getesteten Arzneimittel handelt es sich um ein „Antisense-Oligonucleotid“: Es verringert die Herstellung von Tau-Proteinen im Gehirn, indem es das dafür zuständige Gen quasi leise stellt. Dies geschieht, indem sich der Wirkstoff an die sogenannte mRNA heftet - so heißt das Boten-Molekül, das den Bauplan für Tau-Proteine vom Genom zu den Proteinfabriken in den Nervenzellen transportiert. Der neue Wirkstoff unterbricht diese Übermittlung.
Die Antisense-Technik ist ein sehr junger Ansatz. Erst seit wenigen Jahren sind entsprechende Medikamente zur Behandlung der SMA zugelassen. Für Alzheimer ist die Antisense-Technik noch Neuland. Es war hier das erste Mal, dass ein solches Medikament an Patienten getestet wurde. Die Hoffnung ist, dass man über das Tau-Protein in die grundlegenden Mechanismen der Alzheimer-Erkrankung eingreift und so die Erkrankung verlangsamen, idealerweise sogar stoppen kann.
Dieser Ansatz wird als mögliche Ergänzung zu Medikamenten gesehen, die sich gegen die eingangs schon erwähnten Amyloid-Proteine richten. Es wäre zu wünschen, wenn man Alzheimer von verschiedenen Seiten angehen könnte. Ob die Antisense-Technik dabei eine Rolle spielen kann, muss sich in künftigen Untersuchungen herausstellen. Die aktuelle Studie hat jedenfalls die Voraussetzung dafür geschaffen.
Impfung gegen Gürtelrose und Demenzrisiko
Infektionen und Entzündungsprozesse werden seit einigen Jahren als mögliche Einflussfaktoren bei der Entstehung von Demenzerkrankungen erforscht. Dabei stehen auch bestimmte Viren im Fokus, darunter das Varizella-Zoster-Virus, das als Erstinfektion die Windpocken verursacht und danach lebenslang im Körper verbleibt. Jahre später kann es erneut aktiv werden und Gürtelrose (Herpes Zoster) auslösen.
Vor diesem Hintergrund untersuchen Forschende auch die Effekte von Impfungen gegen solche Viren, zum Beispiel gegen Herpes Zoster. Insbesondere zwei große Studien aus Wales und Australien liefern Hinweise darauf, dass eine Impfung gegen Gürtelrose mit einem geringeren Risiko für Demenzerkrankungen verbunden sein könnte.
In beiden Ländern wurde die Gürtelrose-Impfung im Rahmen staatlicher Impfprogramme eingeführt. Dabei galten feste Altersgrenzen. Diese Altersgrenzen waren für die Forschung besonders hilfreich, da Gruppen von Menschen verglichen werden konnten, die fast gleich alt waren und sich in vielen Punkten ähnelten. Verglichen wurden impfberechtigte und nicht impfberechtigte Jahrgänge; der beobachtete Effekt wird darauf zurückgeführt, dass in den impfberechtigten Gruppen mehr Menschen tatsächlich geimpft waren.
Über einen Zeitraum von etwa sieben Jahren zeigte sich in beiden Ländern: In den Gruppen, die Anspruch auf die Impfung hatten, wurde seltener neu eine Demenz festgestellt als in den Vergleichsgruppen. In der Studie aus Wales zeigte sich bei tatsächlich geimpften Personen ein um etwa 20 Prozent geringeres Demenzrisiko, wobei bei Frauen der Schutzeffekt stärker zu sein scheint als bei Männern.
Dass ähnliche Ergebnisse in zwei verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Gesundheitssystemen gefunden wurden, gilt als wichtiges Zeichen dafür, dass es sich nicht nur um einen Zufall handelt. Trotzdem ist noch nicht klar, warum die Impfung diesen Effekt haben könnte.
Aktuelle Auswertungen aus Ontario, der einzigen kanadischen Provinz mit einer altersabhängigen Empfehlung zur Gürtelrose-Impfung, ergänzen die bisherigen Ergebnisse. Auch hier nutzten Forschende die Einführung des Impfprogramms ab 2016, um zu vergleichen, wie häufig Demenz bei impfberechtigten Personen und bei nicht impfberechtigten Vergleichsgruppen neu festgestellt wurde. Die Ergebnisse fielen ähnlich aus wie in Wales und Australien: Geimpfte Personen erhielten seltener eine Demenzdiagnose. Darüber hinaus zeigte sich, dass unter ungeimpften Personen etwa 10 Prozent eine leichte kognitive Beeinträchtigung (MCI) entwickelten, während es unter geimpften Personen rund 7 Prozent waren. Zudem deuteten die Daten darauf hin, dass geimpfte Menschen auch bei bereits bestehender Demenz länger lebten.
Die Ständige Impfkommission (STIKO) verweist inzwischen ebenfalls auf Studien, die neben dem Schutz vor Gürtelrose weitere gesundheitliche Vorteile der Impfung nahelegen, darunter ein reduziertes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. Die STIKO empfiehlt die Gürtelrose-Impfung in Deutschland weiterhin ab 60 Jahren.