Alzheimer-Therapie: Nachteile und Risiken im Fokus

Die Alzheimer-Krankheit, eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, betrifft Millionen von Menschen weltweit. Im Kampf gegen diese Krankheit wurden in den letzten Jahren bedeutende Fortschritte erzielt, insbesondere in der Entwicklung von Medikamenten, die auf die Ursachen der Krankheit abzielen. Ein solches Medikament ist Leqembi (Wirkstoff: Lecanemab), das im August in Europa zugelassen wurde. Obwohl Leqembi als erster Wirkstoff gilt, der ursächlich gegen Alzheimer wirkt, ist seine Anwendung nicht unumstritten. Dieser Artikel beleuchtet die Nachteile und Risiken der Alzheimer-Therapie, insbesondere im Zusammenhang mit neuen Medikamenten wie Leqembi und Donanemab, und diskutiert alternative Therapieansätze.

Neue Therapieansätze: Hoffnung und Herausforderungen

Antikörper-Medikamente: Ein vielversprechender Ansatz

Antikörper-Medikamente wie Leqembi und Kisunla (Wirkstoff: Donanemab) stellen einen neuen Ansatz in der Behandlung der Alzheimer-Krankheit dar. Diese Medikamente richten sich gegen Amyloid-Plaques, schädliche Proteinablagerungen im Gehirn, die als eine der Hauptursachen der Krankheit gelten. Leqembi war das erste in der EU zugelassene Antikörper-Medikament, kurz darauf wurde auch Kisunla zugelassen. Beide Medikamente sind seit Herbst 2025 in Deutschland erhältlich.

Lecanemab, der Wirkstoff in Leqembi, ist ein Antikörper, der an die Amyloid-Plaques im Gehirn bindet und diese markiert, sodass sie vom Immunsystem abgebaut werden können. Studien haben gezeigt, dass Leqembi die Plaques größtenteils abräumen kann, was in Hirn-Scans sichtbar ist. Donanemab zielt ebenfalls auf Amyloid-Beta-Plaques ab und soll den kognitiven Abbau verzögern. Studien zeigen, dass der kognitive Verlust im Frühstadium der Erkrankung um bis zu 35 Prozent verlangsamt werden kann.

Einschränkungen und Risiken der Antikörper-Therapie

Trotz des vielversprechenden Ansatzes weisen Antikörper-Medikamente erhebliche Einschränkungen und Risiken auf:

  • Eingeschränkter Anwendungsbereich: Leqembi und Kisunla sind ausschließlich für Menschen im frühen Alzheimer-Stadium geeignet, also bei leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI) oder beginnender Demenz. Dies schränkt die Anzahl der potenziellen Patienten erheblich ein.
  • Notwendige Voruntersuchungen: Vor Beginn der Behandlung sind ein Gentest sowie der Nachweis von Amyloid-Ablagerungen (Liquoruntersuchung oder PET-Scan) erforderlich. Diese Untersuchungen sind aufwendig und kostspielig.
  • Nebenwirkungen: Die Behandlung mit Antikörper-Medikamenten kann schwerwiegende Nebenwirkungen verursachen, darunter Hirnschwellungen (Hirnödeme) und Hirnblutungen. In klinischen Studien traten Hirnödeme bei bis zu 27,5 Prozent der Patienten auf, Mikroblutungen sogar bei mehr als 30 Prozent. Diese Nebenwirkungen erfordern engmaschige Kontrollen und können in seltenen Fällen tödlich sein.
  • Kosten: Die Kosten für die Behandlung mit Leqembi und Donanemab sind sehr hoch. Es ist davon auszugehen, dass jährlich ungefähr 24.000 € Medikamentenkosten entstehen. Hinzu kommen die Kosten für die notwendigen Voruntersuchungen und Kontrolluntersuchungen.
  • Begrenzte Wirksamkeit: Nach den Ergebnissen der Zulassungsstudien verzögert Leqembi den Fortschritt der Demenz nur um wenige Monate. Kritiker bemängeln, dass der Nutzen für die Patienten kaum zu bemerken ist, da die Erkrankung weiterhin fortschreitet.

Alternative Therapieansätze

Neben den Antikörper-Medikamenten gibt es auch alternative Therapieansätze, die in der Behandlung der Alzheimer-Krankheit eingesetzt werden:

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  • Antidementiva: Antidementiva wie Acetylcholinesterase-Hemmer (z. B. Donepezil, Rivastigmin, Galantamin) und Glutamat-Antagonisten (z. B. Memantin) können helfen, den geistigen Abbau zu verlangsamen und die Selbstständigkeit länger zu erhalten. Diese Medikamente verbessern die Signalübertragung im Gehirn oder schützen Nervenzellen vor Überstimulation.
  • Ginkgo biloba: Der pflanzliche Wirkstoff Ginkgo biloba kann zur Unterstützung der kognitiven Funktionen eingesetzt werden. Es gibt Hinweise auf eine Wirksamkeit bei leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz.
  • Neuroleptika: Neuroleptika werden bei bestimmten Begleiterscheinungen der Alzheimer-Krankheit eingesetzt, wie z. B. herausfordernden Verhaltensweisen, Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Wegen möglicher Nebenwirkungen ist der Einsatz von Neuroleptika jedoch mit Vorsicht zu bewerten.
  • Antidepressiva: Depressionen treten bei Menschen mit Demenz häufig auf und sollten behandelt werden, da sie sich negativ auf die Lebensqualität und die geistige Leistungsfähigkeit auswirken können. Zur Behandlung von Depressionen bei Alzheimer-Demenz werden häufig Mirtazapin oder Sertralin eingesetzt.
  • Nicht-medikamentöse Therapien: Neben Medikamenten können auch nicht-medikamentöse Therapien wie kognitive Verhaltenstherapie, Bewegungstherapie oder Musiktherapie helfen, Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.
  • Palliative Versorgung: Palliative Versorgung kann Menschen mit Alzheimer in allen Krankheitsphasen entlasten. Sie berücksichtigt körperliche, seelische und soziale Aspekte sowie persönliche Werte und Wünsche. Ziel ist es, Symptome zu lindern und eine möglichst gute Lebensqualität zu ermöglichen.
  • Transkranielle Pulsstimulation (TPS): Die Transkranielle Pulsstimulation zielt nicht auf Amyloid-Plaques, sondern aktiviert direkt die neuronalen Netzwerke - dort, wo Alzheimer seine Symptome verursacht.

Herausforderungen und Risiken der Alzheimer-Therapie

Medikamenteninduzierte Demenz

Ein oft übersehenes Risiko in der Alzheimer-Therapie ist die Möglichkeit einer medikamenteninduzierten Demenz. Ältere Menschen, die häufig mehrere Medikamente gleichzeitig einnehmen (Polypharmazie), sind besonders anfällig für unerwünschte Arzneimittelwirkungen, die sich als Demenz manifestieren können.

  • Anticholinerge Medikamente: Viele gängige Medikamente haben eine anticholinerge Wirkung, die zu Verwirrtheit und kognitiven Beeinträchtigungen führen kann.
  • Neuroleptika, Antidepressiva und Tranquilizer: Diese Medikamente können paradoxe Wirkungen haben und Verwirrung, Ängstlichkeit und Depressionen verstärken.
  • Levodopa: Dieses Medikament, das zur Behandlung von Parkinson eingesetzt wird, kann bei manchen Patienten Delirzustände auslösen, die fälschlicherweise als Demenz diagnostiziert werden können.

Um das Risiko einer medikamenteninduzierten Demenz zu minimieren, ist es wichtig, den Medikamentenkonsum älterer Menschen regelmäßig zu überprüfen und unnötige Medikamente abzusetzen.

Frühzeitige Diagnose und Prävention

Eine frühzeitige Diagnose ist entscheidend, um von neuen Therapien wie Leqembi profitieren zu können. Allerdings kann es in Deutschland im Durchschnitt vier Jahre dauern, bis die Diagnose definitiv feststeht. Für viele Patienten kommt die Diagnose damit zu spät.

Forscher gehen davon aus, dass weltweit 45 Prozent aller Demenzerkrankungen vermieden oder verzögert werden könnten. Allerdings nicht durch Medikamente, sondern indem jeder einzelne für seine Gehirn-Gesundheit sorgt: durch gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung und soziale Kontakte.

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