Migräne: Die Rolle der Vererbung vom Vater

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, von der schätzungsweise 10 % der Bevölkerung betroffen sind. Angesichts dieser Häufigkeit ist es nicht überraschend, dass viele Betroffene andere Migränepatienten kennen, sowohl im Bekannten- als auch im Familienkreis. Dies wirft die Frage auf, inwieweit Vererbung bei der Entstehung von Migräne eine Rolle spielt.

Familiäre Häufung von Migräne

Studien deuten darauf hin, dass etwa 80 % der Migränepatienten einen Verwandten ersten Grades (Eltern, Geschwister oder Kinder) haben, der ebenfalls unter Migräne leidet. Dieser Wert ist deutlich höher als die allgemeine Prävalenz von Migräne in der Bevölkerung vermuten lässt.

Genetische Studien zur Migräne

Die ersten genetischen Untersuchungen zur Migräne wurden Mitte der 1990er Jahre in Skandinavien durchgeführt. Dabei wurde das relative Risiko eines Kindes, an Migräne zu erkranken, untersucht, wenn ein Elternteil betroffen ist.

Die Ergebnisse zeigten, dass Kinder von Eltern mit Migräne ohne Aura ein 1,9-fach erhöhtes Risiko haben, ebenfalls an dieser Form der Migräne zu erkranken. Wenn ein Elternteil jedoch an Migräne mit Aura leidet, steigt das Risiko für die Kinder, ebenfalls eine Migräne mit Aura zu entwickeln, sogar um das 3,8-fache!

Zwillingsstudien zur Migräne

Ein weiterer Ansatz zur Untersuchung der genetischen Komponente von Migräne sind Zwillingsstudien. Hierbei wird die Häufigkeit untersucht, mit der beide Zwillinge unter Migräne leiden.

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Migräne ist keine rein genetische Krankheit

Es ist wichtig zu betonen, dass Migräne keine genetische Krankheit im klassischen Sinne ist. Das bedeutet, dass sie nicht wie beispielsweise die Blutgruppe nach den Mendelschen Regeln vererbt wird. Es gibt zwar eine sehr seltene Unterform der Migräne, die familiäre hemiplegische Migräne (FHM), die tatsächlich eine genetische Krankheit ist. Diese betrifft jedoch nur einen sehr kleinen Teil der Migränepatienten (ca. 0,01 %). Die weitaus häufigste Form der Migräne (ca. 12 % der Bevölkerung) ist komplexer und wird nicht durch ein einzelnes Gen verursacht.

Polygenetische Veranlagung und Umweltfaktoren

Die Forschung deutet darauf hin, dass bei der Entstehung von Migräne eine Kombination mehrerer Gene eine Rolle spielen kann (polygenetische Veranlagung). Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass eine bestimmte Genom-Sequenz allein für die Entstehung der Krankheit verantwortlich ist. Vielmehr spielen auch Umweltfaktoren und individuelles Verhalten eine wichtige Rolle.

Epigenetische Gen-Regulation

Erworbene Merkmale können über Generationen vererbt werden, was bedeutet, dass auch Umweltveränderungen und fehlangepasstes Verhalten Migräne verursachen können. Diese Vererbung erfolgt nicht über die Genom-Sequenz selbst, sondern über die Steuerung, wie ein Gen nutzbar gemacht wird (epigenetische Gen-Regulation). Inwieweit diese Gen-Schalter bei der Migräne eine Rolle spielen, ist noch unklar, aber es ist ein vielversprechender Forschungsansatz.

Stressgene und individuelle Sollwerte

Gene spielen bei der Migräne eine Rolle, insbesondere sogenannte Stressgene. Umweltveränderungen und Verhalten können diese Gene an- und ausschalten. Anhaltender Stress kann zu einer Überbelastung führen und die Aktivität der Stressgene übersteuern. Diese Stressachsen sind Teil eines umwelt-genetischen Regelkreises, bei dem das Gehirn individuelle Erfahrungen in ein genetisches Reaktionsmuster übersetzt.

CADASIL als seltene Ursache migräneartiger Kopfschmerzen

CADASIL (Cerebrale autosomal-dominante Arteriopathie mit subkortikalen Infarkten und Leukoenzephalopathie) ist eine seltene genetische Erkrankung, die sich in der zweiten Lebenshälfte zunächst mit migräneartigen Kopfschmerzen bemerkbar machen kann. Sie führt zu gehäuft auftretenden Schlaganfällen und in der Folge zu vaskulärer Demenz. CADASIL wird dominant vererbt, was bedeutet, dass es ausreicht, wenn eine Person das entsprechende Merkmal von Mutter oder Vater bekommt, damit die Krankheit ausbricht.

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Symptome von CADASIL

Die ersten Beschwerden in Zusammenhang mit CADASIL treten meist im mittleren Lebensalter auf und können umfassen:

  • Migräne: Bei etwa der Hälfte der Betroffenen sind migräneartige Kopfschmerzen ein frühes Symptom.
  • Ischämische Schlaganfälle: Ab dem 45. bis 50. Lebensjahr kann es zu wiederholten Schlaganfällen kommen.
  • Neurologische und motorische Störungen: Schwierigkeiten beim Gehen, Sehen, Schlucken und Kauen, Lähmungserscheinungen und Taubheitsgefühle sind möglich.
  • Demenz: Konzentrationsstörungen, Vergesslichkeit, Verlangsamung, Apathie und Persönlichkeitsveränderungen können auftreten.
  • Psychische Symptomatik: Depressionen und bipolare Störungen sind möglich.

Diagnose von CADASIL

Die Diagnose von CADASIL kann durch verschiedene Verfahren gestellt werden:

  • Kernspintomographie (MRT): Veränderungen im Gehirn können sichtbar gemacht werden.
  • Molekulargenetische Untersuchung: Veränderungen auf dem NOTCH3-Gen können nachgewiesen werden.
  • Hautbiopsie: Gefäßveränderungen in den kleinen Gefäßen der Haut können nachgewiesen werden.

Behandlung von CADASIL

Eine ursächliche Therapie für CADASIL gibt es derzeit nicht. Die Behandlung konzentriert sich auf die Linderung der Symptome und die Beeinflussung des Krankheitsverlaufs.

Die Rolle des Vaters bei der Vererbung von Migräne

Obwohl Studien gezeigt haben, dass Migräne familiär gehäuft auftritt, ist die genaue Rolle des Vaters bei der Vererbung noch nicht vollständig geklärt. Einige Studien deuten darauf hin, dass die Vererbung eher über die Mutter erfolgt. Eine prospektive Studie ergab beispielsweise, dass eine enge Korrelation zwischen Müttern mit Migräne und später erkrankten Kindern besteht, während die Gefahr eines Kindes, eine Migräne zu entwickeln, nur unmaßgeblich erhöht war, wenn der Vater, nicht aber die Mutter, unter diesem Krankheitsbild litt.

Präventive Maßnahmen und therapeutische Ansätze

Unabhängig von der genetischen Veranlagung gibt es verschiedene Maßnahmen, die Migränepatienten ergreifen können, um die Häufigkeit und Schwere ihrer Attacken zu reduzieren. Dazu gehören:

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  • Regelmäßige Mahlzeiten: Das Einhalten regelmäßiger Mahlzeiten kann helfen, den Blutzuckerspiegel stabil zu halten und Migräneattacken vorzubeugen.
  • Stressbewältigung: Stress ist ein bekannter Auslöser von Migräne. Entspannungstechniken wie autogenes Training oder Yoga können helfen, Stress abzubauen.
  • Vermeidung von Auslösern: Viele Migränepatienten können bestimmte Auslöser identifizieren, die ihre Attacken provozieren. Diese sollten möglichst vermieden werden.
  • Medikamentöse Prophylaxe: In einigen Fällen kann eine medikamentöse Prophylaxe sinnvoll sein, um die Häufigkeit und Schwere der Migräneattacken zu reduzieren. Hierfür stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, wie beispielsweise Betablocker, Antidepressiva oder Antiepileptika.
  • Akupunktur: Einige Studien deuten darauf hin, dass Akupunktur bei der Behandlung von Migräne wirksam sein kann.
  • Verhaltensmedizinische Therapie: Eine Verhaltenstherapie kann helfen, ungünstige Verhaltensmuster zu erkennen und zu verändern, die zur Entstehung von Migräne beitragen können.

Neue Therapieansätze

Die Forschung im Bereich der Migräne schreitet stetig voran, und es gibt vielversprechende neue Therapieansätze. Dazu gehören beispielsweise:

  • CGRP-Antikörper: Diese Antikörper blockieren das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP), ein Molekül, das eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Migräne spielt.
  • Botulinumtoxin: Botulinumtoxin (bekannt als Botox) kann bei chronischer Migräne eingesetzt werden, um die Häufigkeit und Schwere der Attacken zu reduzieren.
  • Neuromodulation: Bei der Neuromodulation werden Nerven stimuliert, um die Schmerzwahrnehmung zu beeinflussen. Es gibt verschiedene Neuromodulationsverfahren, die bei Migräne eingesetzt werden können, wie beispielsweise die transkranielle Magnetstimulation (TMS) oder die Vagusnervstimulation (VNS).

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