Alzheimer, Chemtrails und Wissenschaft: Eine Analyse der Verschwörungsmythen

Kondensstreifen, die fast schon zum Himmel gehören, sind ein häufiges Phänomen. Verschwörungstheoretiker glauben jedoch, dass diese weißen Streifen nicht aus Wassertropfen bestehen, sondern aus Chemikalien, die von Regierungen und "Superverschwörern" versprüht werden. Diese Behauptung wird als Chemtrail-Mythos bezeichnet. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen und Auswirkungen dieser Verschwörungstheorie, insbesondere im Zusammenhang mit komplexen Phänomenen wie Alzheimer und Klimawandel.

Was sind Chemtrails?

Chemtrail-Gläubige sind davon überzeugt, dass die Regierungen der Welt unter dem Einfluss von Superverschwörern Chemikalien auf Mensch und Natur niederrieseln lassen. Es ist also eine wirklich klassische Wahrnehmung von „Wir hier unten, Ihr da oben“. Anhänger von Verschwörungstheorien jeglicher Couleur glauben, dass das Weltgeschehen von bösen Mächten bestimmt wird - Teufel etwa, Freimaurer oder Illuminaten, Außerirdische, der Vatikan oder bei Antisemiten auch häufig Juden. Diese Superverschwörer werden dann für alle Übel verantwortlich gemacht.

Chemtrail-Gläubige vertreten nicht eine These, sondern mehrere und behaupten, dass die Abgasfahnen der Jets in Wirklichkeit Gift-Wolken seien, die Flugzeuge im Auftrag von Staaten versprühen, um - je nach Ausrichtung - das Klima oder Wetter zu beeinflussen, die Geburtenraten herunterzudrücken, Krankheiten hervorzurufen, natürliches Saatgut gegenüber Genprodukten unbrauchbar zu machen, Tiere und Menschen zu vergiften oder ruhigzustellen. Fotos von Kondensstreifen am Himmel, die durch den steigenden Flugverkehr tatsächlich zugenommen haben, werden dann als vermeintliche Augenzeugenbeweise getauscht und kommentiert, so dass die Chemtrail-Gläubigen ihre Mythen gegenseitig bestätigen.

Die Psychologie hinter Verschwörungsmythen

Verschwörungsmythen entstehen aus dem Gefühl heraus, dass etwas mit der Welt und der Menschheit nicht stimmt. Es ist natürlich möglich, aber sehr anstrengend, sich dazu wissenschaftlich zu informieren. Sehr viel einfacher und zunächst auch spannender ist es, eine Gruppe von Superverschwörern verantwortlich zu machen - und zack! - alles ist vermeintlich erklärt. Wenn ich morgens Kopfschmerzen habe, brauche ich nicht mehr meinen Lebensstil zu hinterfragen, sondern kann Chemtrails dafür verantwortlich machen. Im Internet werde ich blitzschnell andere Verschwörungsgläubige finden, die mir bestätigen, dass ich damit besonders schlau und aufgeklärt bin - und im Gegensatz zur dummen Mehrheit die Zeichen am Himmel richtig deuten kann. Das fühlt sich doch viel besser an, als die Ermahnung der Ärztin, ich möge weniger Alkohol trinken und mehr schlafen.

Chemtrails sind besonders starke Verschwörungsmythen, da sie unbewusst an religiöse Rituale anschließen. Denken wir an die Sterndeuter von Bethlehem oder römischen Auguren, die die Himmels- und Vogelflugzeichen für das Reich deuteten.

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Ursprung und Verbreitung des Chemtrail-Mythos

Schon in den 90er Jahren verbreiteten sich überwiegend anonyme Beobachtungen und Mutmaßungen über Contrails, also Kondensstreifen am Himmel, im Internet. Daraus entstanden immer spezialisiertere Foren und Webseiten. Die Chemtrail-Verschwörungsmythen wurden also nicht von einer bestimmten Gruppe ins Leben gerufen, sondern haben sich als Flüstergeschichten im Internet entwickelt - und wurden dann schnell immer populärer.

So wie der Buchdruck ab dem 15. Jahrhundert Hexenglauben und Antisemitismus neu befeuert hat, bewirken die digitalen Medien, aber auch die Globalisierung, heute ein neues Aufblühen von Verschwörungsmythen. Zum einen wird es leichter denn je, sie zu publizieren und damit öffentlich zugänglich zu machen. Auch auf den Fanseiten von Büchern, Comics und Filmen wie „Matrix“ und „Akte X“ finden sich Verschwörungsinteressierte sehr schnell, um sich dann gegenseitig zum Verschwörungsglauben zu bekehren.

Chemtrails und wissenschaftlicher Nonsens

Die beschuldigten Organisationen, zum Beispiel das deutsche Umweltbundesamt, Forschungsinstitute und Fluggesellschaften haben wieder und wieder glaubwürdig klargestellt, dass sie keine entsprechenden Programme verfolgen. Und Forscher haben mit Hilfe allerhand chemischer Untersuchungen keine der behaupteten Stoffkonzentrationen gefunden. Schließlich müssten Abertausende Piloten, Wissenschaftler, Politiker, Firmen und Behörden beteiligt sein - oder schweigen. Die Chemtrail-These ist also wissenschaftlich schlichtweg nicht haltbar. Deshalb verwenden Chemtrail-Gläubige jede Widerlegung als einen weiteren Beweis dafür, wie raffiniert und weitgespannt die Verschwörung tatsächlich sei.

Die Rolle von Krisen und neuen Medien

Krisen, aber auch gesellschaftliche und technische Umbrüche sind der Nährboden von Verschwörungstheorien. Bestes Beispiel dafür ist der Hexenglauben, dem heute noch jährlich Tausende Menschen in Afrika und Papua-Neuguinea zum Opfer fallen. Im christlichen Europa war der Hexenglauben bereits überwunden, doch mit heftigen Missernten, der Erfindung des Buchdrucks und den Erschütterungen der Kirchen durch die Reformation kehrte er mächtig zurück. Der „Hexenhammer“ von 1486 war kein Werk des finsteren Mittelalters, sondern einer der ersten Buchdruck-Bestseller - und die meisten vermeintlichen Hexen wurden in der frühen Neuzeit bis ins 17. Jahrhundert verfolgt.

Die Verbindung zu Alzheimer und anderen Gesundheitsproblemen

Verschwörungsgläubige rechtfertigen ja die Bildung von Chemtrails mit direkten gesundheitlichen Folgen wie Asthma, Alzheimer, Husten, Allergien, weil irgendwelche Chemikalien in die Luft verteilt würden.

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Einige behaupten, dass Aluminium, das angeblich in Chemtrails enthalten ist, eine Rolle bei der Entstehung von Alzheimer spielt. Es ist wichtig zu beachten, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft diese Behauptungen nicht unterstützt.

Können Verschwörungstheorien entzaubert werden?

Sämtliche Untersuchungen zeigen, dass wissenschaftliche Studien und rationale Argumente eingefleischte Verschwörungsgläubige gar nicht mehr erreichen. Sie fühlen sich damit vielmehr darin bestätigt, dass eine riesige Superverschwörung ihre „Wahrheit“ unterdrücken möchte. Aufklärung und wissenschaftliche Bildung sind aber nicht völlig wirkungslos. Sie können weitere Menschen davor bewahren, den Verschwörungsgläubigen auf den Leim zu gehen.

Die menschliche Seite von Verschwörungstheorien

Letztlich erinnert uns der Verschwörungsglauben daran, dass wir Menschen nicht nur rational und materialistisch sind. Wir hungern nach Sinn, Bedeutung und Gemeinschaft. Wenn wir all das nicht mehr in einem Glauben an gute Mächte finden, steigt die Gefahr, dass wir in den Glauben an superböse Mächte abrutschen - und uns dabei selbst für besonders klug und aufgeklärt halten.

Kondensstreifen und Klimawandel

Dass der weltweite Flugverkehr einen Beitrag zum Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre leistet, ist eine Binsenweisheit. Doch Kohlendioxid ist nur ein Faktor von vielen, wenn es um die Auswirkungen der Luftfahrt auf die anthropogene Klimaerwärmung geht.

In einer umfangreichen internationalen Studie unter Leitung der Manchester Metropolitan University haben Forscher mit bislang unerreichter Präzision berechnet, welche Effekte der globale Flugverkehr im Detail hat.

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Im „Journal Atmospheric Environment“ berichten sie, dass nur ein Drittel der Klimawirkung des Luftverkehrs auf die Emission von Kohlendioxid zurückzuführen ist. Die anderen zwei Drittel entfallen auf Kondensstreifen sowie die Emission von Ruß, Wasserdampf, Stickoxiden und diversen Aerosolen.

„Unter Verwendung der neuen Methodik fanden wir heraus, dass der Einfluss der Kondensstreifen-Zirren, also Wolken aus kleinen Eiskristallen, weniger als die Hälfte der zuvor geschätzten Klimawirkung entfaltet, aber immer noch den größten Beitrag des Luftverkehrs zur globalen Erwärmung beisteuert“, erklärt Professor Robert Sausen vom DLR-Institut für Physik der Atmosphäre in Oberpfaffenhofen, das an der Studie beteiligt war. „Kondensstreifen-Zirren reflektieren zum einen Strahlung der Sonne in den Weltraum; das wirkt kühlend. Zum anderen verringern sie die Wärmeabstrahlung der Erde; das erwärmt das Klima. Im globalen Mittel dominiert der erwärmende Effekt.“

Insgesamt kommen die Forscher zu dem Ergebnis, dass die Luftfahrt für 3,5 Prozent der anthropogenen Klimaerwärmung verantwortlich ist. Es liegt in den Augen des Betrachters, ob man diesen Wert als groß oder klein ansehen mag. Die gute Nachricht der neuen Studie ist jedenfalls, dass zwei Drittel dieser 3,5 Prozent auf kurzfristigen Effekten basiert. Die Wirkung der kurzlebigen Kondensstreifen-Zirren hält ja nicht länger an.

Aluminium und Gesundheit: Was sagt die Wissenschaft?

Aluminium hat sich seit Langem unter anderem als Adjuvans in Impfstoffen und als nebenwirkungsarmes Agens bei pathologischer Hyperhidrose in der medizinischen Anwendung bewährt. In den letzten Jahren steht allerdings die in der Öffentlichkeit zum Teil sehr unkritisch geführte Diskussion um die neurotoxische Wirkung von Aluminium und eine potenziell krebserzeugende Wirkung im Vordergrund. Schlagzeilen wie „Erste Beweise: Aluminium in Deos kann tatsächlich Brustkrebs auslösen“ suggerieren dem Leser einen erwiesenen Zusammenhang. Aus wissenschaftlicher Sicht stellt sich daher die Frage, wie hoch die Gefahr gesundheitlicher Auswirkungen durch eine Exposition gegenüber Aluminium tatsächlich einzuschätzen ist. Hierzu liegt eine Vielzahl von Arbeiten vor (siehe Review von Willhite et al. [3]).

Es stellt sich die Frage, ob durch die Aluminiumbelastung aus Umwelt und Therapien ein erhöhtes Erkrankungsrisiko besteht. Als kritische Endpunkte hierfür werden die Alzheimer Erkrankung und Brustkrebs diskutiert.

Die Pandemie als Nährboden für Verschwörungserzählungen

Die Pandemie ist die Stunde der Verschwörungserzählungen. Der eigene Vater schickt ein YouTube-Video, das vor angeblich finsteren Hintergedanken der Regierung warnt. Alte Bekannte installieren die Messenger-App Telegram und treten dort Gruppen bei, in denen ständig neue Mythen zum Coronavirus in die Welt geschleudert werden. Die Erklärungen für die Corona-Pandemie, die im Netz kursieren, sind mindestens abenteuerlich. Hinter dem Virus stecke der Milliardär Bill Gates, heißt es etwa. Der verfolge einen Geheimplan, um der gesamten Menschheit durch Impfungen einen Mikrochip zu implantieren. Angebliche Belege, die Verschwörungsideolog:innen für ihre Behauptungen liefern, beruhen auf Missverständnissen oder sind schlichtweg erfunden. Dass Tausende Menschen sie nun dennoch glauben, scheint geradezu lachhaft. Die Pandemie, sie wird begleitet von einer „Infodemie“, wie die Weltgesundheitsorganisation es nannte.

Umgang mit Verschwörungsgläubigen

Expert:innen raten davon ab, Verschwörungsgläubige für ihr abstruses Weltbild auszulachen. Vieles von dem, was mit den Betroffenen geschieht, erinnert an den Beitritt zu einer sogenannten Sekte. Wie bei sogenannten Sekten werden auch bei Verschwörungsideologien komplexe Sachverhalte auf einfache Erklärungen reduziert. Die Toleranz für anderslautende Meinungen schwinde. Mitunter würden Gläubige sogar aggressiv. Ein typisches Merkmal für beide sei die Unterteilung der Welt in Gut und Böse. Am Ende schotten sich Betroffene womöglich ab und bleiben unter Gleichgesinnten. Menschen können von einer Verschwörungstheorie so überzeugt sein, dass sie ihr ganzes Leben verändern und den Kontakt zu ihren Lieben abbrechen.

Zunächst müssen Angehörige erkennen, wie weit die Entwicklung bei den Betroffenen fortgeschritten ist. Riede rät, danach zu fragen, woher die Informationen stammen und sie zusammen aufzurufen, auch über die Quellen zu sprechen. Häufig verbreiten sich die Erzählungen, weil Menschen die nötige Medienkompetenz fehlt. Sie können schlichtweg nicht einschätzen, wie glaubwürdig bestimmte Internetangebote sind.

Es ist wichtig, die Verschwörungsgläubigen für ihre Ansichten nicht auszulachen oder wütend darauf zu reagieren. Stattdessen sollte man mit den Angehörigen auf Augenhöhe sprechen, sie ernst nehmen - auch dann, wenn es schwer fällt. Wem das nicht gelingt, der erreicht womöglich das Gegenteil des gewünschten Effekts. Dann wenden sich die Angehörigen womöglich von einem ab und einer anderen Gruppe zu. Das Ziel ist deshalb nicht, für jede falsche Aussage einen Gegenbeleg zu finden. Angehörige müssen geduldig sein. Die Meinung zu ändern, ist etwas, das Zeit braucht. Zudem will sich niemand vor anderen Menschen blamieren.

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