Multiple Sklerose, Harnverhalt und Katheterisierung: Ein umfassender Überblick

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die durch Entzündungsherde im Gehirn und Rückenmark gekennzeichnet ist. Diese Entzündungen können verschiedene Symptome auslösen, je nachdem, welche Nervenstrukturen betroffen sind. Blasenfunktionsstörungen sind ein häufiges und oft unterschätztes Symptom von MS, das die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Harnverhalt, die Unfähigkeit, die Blase vollständig zu entleeren, ist eine der möglichen Blasenfunktionsstörungen bei MS und kann eine Katheterisierung erforderlich machen.

Blasenfunktionsstörungen bei Multipler Sklerose

Blasenfunktionsstörungen treten bei vielen MS-Patienten im Verlauf ihrer Erkrankung auf. Ursächlich sind in der Regel Schädigungen am Rückenmark, die die Ansteuerung der Blase stören. Bei MS können verschiedene neurogene Blasenstörungen auftreten. Mit bis zu 30 Prozent kommt es häufig zur sogenannten Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie. Diese neuromuskuläre Funktionsstörung wird durch Entmarkungsherde im Rückenmark verursacht, die zu einer mangelnden Koordination der Austreibermuskulatur der Blase und dem Schließmuskel führen. Der Schließmuskel hindert den Urin normalerweise am unerwünschten Austritt. Anstatt sich zu entspannen, treten beim äußeren Schließmuskel spastische Kontraktionen auf. Mit der gleichzeitigen Kontraktion der Blasenmuskulatur führt das zu einem gestörten Harnabfluss und die Blase kann nicht vollständig entleert werden. Eine andauernde Überdehnung der Blase kann zum Verlust der Elastizität und Kontraktionsfähigkeit führen.

Häufige Symptome von Blasenfunktionsstörungen bei MS sind:

  • Häufiges Wasserlassen: Betroffene müssen oft sehr häufig zur Toilette, auch nachts (Nykturie).
  • Gesteigerter Harndrang: Ein plötzlicher, starker Harndrang, der kaum zu unterdrücken ist.
  • Dranginkontinenz: Unwillkürlicher Harnverlust bei starkem Harndrang. Hierbei zieht sich der Blasenmuskel bereits bei geringer Füllmenge der Blase zusammen.
  • Harnverhalt: Schwierigkeiten, die Blase vollständig zu entleeren, oder die Unfähigkeit, überhaupt Wasser zu lassen.
  • Ungewollter Harnverlust: Inkontinenz oder eine unvollständige Blasenentleerung mit Verbleiben von Restharn.
  • Harnsperre: Unfähigkeit, die Blase zu entleeren.

Harnverhalt bei Multipler Sklerose

Harnverhalt ist eine der möglichen Folgen von Blasenfunktionsstörungen bei MS. Er kann akut oder chronisch auftreten. Akuter Harnverhalt ist ein medizinischer Notfall, der sofort behandelt werden muss. Chronischer Harnverhalt entwickelt sich langsam und kann lange unbemerkt bleiben.

Ursachen für Harnverhalt bei MS sind:

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  • Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie: Eine mangelnde Koordination zwischen der Blasenmuskulatur und dem Schließmuskel.
  • Verminderte Kontraktion der Blase: Die Blasenmuskulatur kann sich nicht ausreichend zusammenziehen, um die Blase vollständig zu entleeren.
  • Überaktive Blase: Eine überaktive Blase kann zu häufigem Harndrang führen, aber auch zu einer unvollständigen Entleerung der Blase.

Komplikationen von Harnverhalt

Unbehandelter Harnverhalt kann zu einer Reihe von Komplikationen führen, darunter:

  • Harnwegsinfektionen (HWI): Restharn in der Blase bietet einen idealen Nährboden für Bakterien, was zu wiederkehrenden Harnwegsinfekten führen kann. Diese verursachen Schmerzen und Brennen beim Wasserlassen und weitere Beschwerden wie Schmerzen im Unterbauch durch eine Verkrampfung der Blasenmuskulatur. Bleiben die Blasenentzündungen unbehandelt, können sie andere MS-Symptome wir Spastiken oder Fatigue negativ beeinflussen. Immer wieder auftretende Harnwegsinfekte gelten - wie andere Infektionen auch - als mögliche Auslöser für eine Verschlechterung.
  • Blasenüberdehnung: Eine chronische Überdehnung der Blase kann zu einer Schädigung der Blasenmuskulatur führen.
  • Nierenprobleme: Der Rückstau von Urin in die Nieren kann zu Nierenschäden und Nierenversagen führen.
  • Inkontinenz: Paradoxerweise kann Harnverhalt auch zu Inkontinenz führen, da die übervolle Blase schließlich überläuft.
  • Nykturie: Da Patienten häufig auch nachts auf die Toilette müssen, kommt es zu Schlafstörungen.

Diagnose von Blasenfunktionsstörungen und Harnverhalt

Eine frühzeitige und sorgfältige Abklärung von Blasenfunktionsstörungen ist wichtig, um Komplikationen zu vermeiden. Es ist wichtig, dass MS-Patienten sich schon im Frühstadium fachärztlich betreuen lassen.

Zur Diagnose von Blasenfunktionsstörungen und Harnverhalt werden verschiedene Untersuchungen durchgeführt:

  • Anamnese: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte und die aktuellen Beschwerden des Patienten.
  • Körperliche Untersuchung: Der Arzt untersucht den Bauchraum und die Genitalien.
  • Urinuntersuchung: Der Urin wird auf Infektionen und andere Auffälligkeiten untersucht.
  • Urodynamische Untersuchung: Per urodynamischer Untersuchung kann das komplexe Zusammenspiel von Nerven und Muskulatur der Blase sowie des Beckenbodens auf Funktionsstörungen untersucht werden.
  • Restharnbestimmung: Nach dem Wasserlassen wird die verbleibende Urinmenge in der Blase gemessen.
  • Miktionsprotokoll: Der Patient führt ein Tagebuch darüber, wann und wie oft er zur Toilette muss und welche Symptome auftreten.

Behandlung von Harnverhalt und Blasenfunktionsstörungen bei MS

Es gibt verschiedene Behandlungsmethoden für Harnverhalt und Blasenfunktionsstörungen bei MS. Die Wahl der Behandlung hängt von der Ursache und dem Schweregrad der Beschwerden ab. Die Blasenschwäche behandeln wir in erster Linie medikamentös. Je nachdem, welche Art der Funktionsstörung vorliegt, können unterschiedliche Wirkstoffe zum Einsatz kommen.

Zu den Behandlungsmöglichkeiten gehören:

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  • Medikamente:
    • Anticholinergika: Sie werden auch als Anticholinergika bezeichnet und funktionieren, indem sie die Signale blockieren, die das Zusammenziehen des Detrusormuskels hervorrufen. Auf diese Weise wird ständiger Harndrang reduziert.Anticholinergika können allerdings Nebenwirkungen haben. Während der Einnahme kommt es häufig zu Mundtrockenheit, Verstopfung, Kopfschmerzen und anderen Symptomen.
    • Alpha-Blocker: Sie entspannen die Muskulatur des Blasenhalses und der Prostata und erleichtern so das Wasserlassen.
    • Botulinumtoxin (Botox®): Zur Behandlung von Blasenüberaktivität wird bei manchen Patienten Botulinumtoxin (Botox®) in die Blase injiziert. Dadurch entspannt sich die Blase und unwillkürliche Kontraktionen der Blasenmuskulatur werden verhindert. Allerdings besteht eine Nebenwirkung dieser Behandlung manchmal darin, dass die Blase nicht mehr so gut vollständig entleert werden kann. Wenn nach dem Toilettengang noch Resturin in der Blase verbleibt, kann das die intermittierende Selbstkatheterisierung des Betroffenen erfordern.
  • Katheterisierung:
    • Intermittierende Katheterisierung (ISK): Für diejenigen, die ihre Blase nicht auf normale Weise entleeren können, ist die intermittierende Katheterisierung die Therapie der Wahl, um die Gesundheit der Harnröhre zu erhalten. Hier führen Sie bei Bedarf vorübergehend einen Einmalkatheter - eine dünne Röhre mit seitlichen Löchern zum Ableiten des Urins - in die Harnröhre ein, um die Blase zu entleeren. Beim intermittierenden Selbstkatheterismus wird in regelmäßigen Abständen (in der Regel 4-6 Mal pro Tag) ein Einmalkatheter über die Harnröhre in die Blase eingeführt, um den Urin kontrolliert abzulassen. Anschließend wird der Katheter wieder entfernt. Der intermittierende Selbstkatheterismus ist eine sichere, hygienische und patientenfreundliche Methode zur Blasenentleerung. Wichtig dabei ist, sich für einen Katheter zu entscheiden, der zu Ihnen und Ihrem Lebensstil passt. Die Anwendung der richtigen Technik sowie ein hydrophil beschichteter Katheter kann ebenfalls das Risiko von Harnwegsinfektionen reduzieren.
    • Dauerkatheter: Ein Katheter, der über einen längeren Zeitraum in der Blase verbleibt. Ein Dauerkatheter verbleibt mit einem Ballon oder einem anderen Retentionsmechanismus in der Blase und wird entweder durch die Bauchdecke (suprapubischer Blasenkatheter) oder durch die Harnröhre (transurethraler Blasenkatheter) gelegt. Suprapubische Katheter werden nur für den kurzfristigen Gebrauch empfohlen und transurethrale Dauerkatheter sollten immer vermieden und/oder deren Verwendung minimiert werden. Komplikationen treten häufiger bei der Verwendung von Dauerkathetern auf und umfassen Infektionen, Blasensteine und Katheterverstopfungen.
  • Beckenbodentraining: Sie stärken die Muskulatur, mit der Sie den Urinfluss einleiten und anhalten. Beim Beckenboden-Training pressen Sie die Muskulatur zusammen, mit der Sie normalerweise den Urinfluss stoppen. Halten Sie die Kontraktion fünf Sekunden lang und entspannen Sie danach fünf Sekunden. Im Laufe der Zeit steigern Sie die Kontraktion auf zehn Sekunden mit zehn Sekunden Pause. Versuchen Sie, sich auf drei Einheiten mit je zehn Kontraktionen pro Tag zu steigern. Beckenboden-Training eignet sich für Männer und Frauen.
  • Blasenschrittmacher (Sakrale Neuromodulation): Eine andere mancherorts eingesetzte Behandlung im Kampf gegen Blasenüberaktivität ist die Stimulation des Sakralnervs. Dabei wird ein elektronisches Gerät (Blasenschrittmacher) normalerweise direkt unter der Haut im oberen Gesäßbereich implantiert. Ein dünnes Kabel wird ebenfalls im unteren Rücken implantiert und mit dem Schrittmacher über eine Batterie verbunden. Mit dem Schrittmacher kann eine fehlerhafte Signalübertragung zwischen Blase und Gehirn korrigiert und auf diese Weise das Verhalten Ihrer Blase modifiziert werden.
  • Toilettentraining: Toilettentraining ist eine Art von Verhaltenstherapie, mit der Sie möglicherweise die Kontrolle über Ihre Blase zurückerlangen können. Im Laufe der Zeit kann das Toilettentraining dazu führen, dass die Zeiträume zwischen einzelnen Toilettengängen länger werden, dass mehr Urin in der Blase gespeichert werden kann und dass Sie wieder mehr Kontrolle über den Harndrang haben, sodass Notsituationen und unkontrolliertem Urinverlust vorgebeugt werden kann. Überlegen Sie zuerst, wie häufig Sie die Toilette aufsuchen. Einfache Notizen oder das Führen unseres Blasenprotokolls liefern Ihnen hier einen Überblick. Wenn Sie z. B. feststellen, dass Sie stündlich zur Toilette gehen, planen Sie Ihre Toilettengänge, abhängig von der Trinkmenge, im Abstand von einer Stunde und 15 Minuten. Seien Sie streng mit sich und suchen Sie die Toilette genau zu diesem Zeitpunkt auf, auch wenn Sie gerade keinen Harndrang verspüren. Das ist ein hervorragendes Mittel zum Toilettentraining. Wenn Sie den ersten Harndrang verspüren, versuchen Sie, das Wasserlassen weitere 5 Minuten zurückzuhalten. Steigern Sie mit der Zeit die Dauer der Verzögerung. Wenn Sie das Wasser nicht mehr länger zurückhalten können, gehen Sie zur Toilette.
  • Invasive Therapiemethoden: Möglich ist es auch, die Blasenfunktion mit invasiven Therapiemethoden zu unterstützen. Dazu gehören Injektionsbehandlungen der Blase mit Botox oder die sakrale Neuromodulation. Dabei handelt es sich um eine Art Blasenschrittmacher bzw. ein Schrittmachersystem, das die Sakralnerven bzw.

Umgang mit Blasenfunktionsstörungen im Alltag

Neben den medizinischen Behandlungen gibt es einige Maßnahmen, die MS-Patienten selbst ergreifen können, um mit Blasenfunktionsstörungen im Alltag besser zurechtzukommen:

  • Flüssigkeitsmanagement: Versuchen Sie, die Flüssigkeitsaufnahme sowie Ihre Toilettengänge zeitlich zu takten, um wieder mehr Kontrolle zu erhalten. Wenn Sie zu wenig trinken, können sich Blasen- und Nierensteine entwickeln. Wenn Sie unter Verstopfung leiden, hilft es, wenn Sie mindestens 1,5 Liter Flüssigkeit pro Tag zu sich nehmen und sich ballaststoffreich ernähren, beispielsweise mit Vollkornprodukten, Obst und Gemüse.
  • Ernährung: Ernährung ist das A und O.
  • Inkontinenzhilfsmittel: Inkontinenzhilfsmittel wie Vorlagen, spezielle Slips oder Tropfenfänger können Urin auffangen und speichern. Zudem stehen ableitende Inkontinenzprodukte zur Verfügung wie Kondom-Urinale oder Einmal- sowie Dauer-Katheter. Die Hilfsmittel können von der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt verordnet und die Kosten vom entsprechenden Leistungsträger übernommen werden. Weit weniger häufig als Harnverhalt tritt die plötzliche und vollständige Entleerung der Blase, der unwillkürliche Harnabgang, als Symptom der Multiplen Sklerose auf. Hierzu werden meist Vorlagen verwendet, obwohl Kondom-Urinale und Urinbeutel eine bei weitem komfortablere und effizientere Produktlösung für viele Männer mit Harninkontinenz bieten. Kondom-Urinale werden wie ein Kondom über den Penis abgerollt und mit einem diskreten Urinbeutel verbunden.
  • Barrierefreie Toiletten: Der Euro-WC-Schlüssel öffnet über 12.000 Behindertentoiletten in Europa, beispielsweise auf Autobahn-Rastplätzen, in Fußgängerzonen, Museen, Bahnhöfen und Behörden. Menschen mit MS können den Schlüssel mit einem ärztlichen Nachweis u. a. beim Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter e. V. Druck nehmen, Türen öffnen: „Euroschlüssel“ holen! Er öffnet behindertengerechte Toiletten - überall.
  • Offene Kommunikation: Ermutigen Sie Ihre Patient:innen, Beschwerden wie Blasenstörungen offen anzusprechen. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt. Wer Probleme mit der Blasenentleerung oder der Darmfunktion bei sich entdeckt, sollte sich daher vertrauensvoll an einen Arzt oder seine MS-Schwester wenden. Mit der MS-Schwester können Patienten nicht nur über ihre Gedanken und Sorgen im Umgang mit diesen schambesetzten Themen sprechen.

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