Einführung
Die Alzheimer-Krankheit ist eine der häufigsten Ursachen für Demenz und stellt eine wachsende Herausforderung für die alternde Bevölkerung dar. Am morgigen Welt-Alzheimer-Tag rückt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) das Thema Prävention in den Fokus und gibt einen Impfaufruf. Jede vielversprechende Präventionsmaßnahme sei angesichts der hohen Alzheimer-Prävalenz sinnvoll. Derzeit leben in Deutschland 1.798.000 Menschen mit einer Demenzerkrankung (Stand 12/2021); einen Großteil davon macht die Alzheimer-Erkrankung aus.
Die Rolle von Infektionen bei der Entstehung von Alzheimer
Bei der Entstehung der Alzheimer-Erkrankung scheinen Infektionen eine gewisse Rolle zu spielen, indem sie Neuroinflammation, Neurodegeneration, aber auch Amyloid- und Tau-Ablagerungen, die typisch für das Krankheitsbild sind, fördern. Infektionen sind mögliche Demenz-Treiber. Man nimmt an, dass verschiedene bakterielle und virale Infektionen zu entzündlichen Prozessen im Gehirn und zum Untergang von Nervenzellen führen können. Auch scheinen solche Infektionen die Ablagerung von Beta-Amyloid und Tau zu fördern. Die Ansammlung dieser Proteine gilt als typisches Kennzeichen der Alzheimer-Krankheit.
Impfungen als möglicher Schutzfaktor
Im Umkehrschluss wurde inzwischen in etlichen Untersuchungen gezeigt, dass Impfungen (z.B. gegen Gürtelrose (Herpes zoster - HZ), Tetanus-Diphtherie-Pertussis (Tdap) sowie Pneumokokken) bei Erwachsenen das Alzheimer-Risiko verringern. Ob also gegen Tetanus, gegen Gürtelrose, gegen Pneumokokken oder ob gegen die Grippe - wer sich impfen lässt, scheint gleichzeitig auch besser vor Alzheimer gewappnet zu sein. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie will ältere Menschen aufgrund der Studienergebnisse ermuntern, diesen potenziellen Zusatzschutz von Impfungen, die für sie vom Robert Koch-Institut ohnehin empfohlen werden, zu nutzen.
Retrospektive Kohortenstudie liefert Hinweise
Eine retrospektive Kohortenstudie ging anhand von Daten der anonymisierten „Clinformatics“-Patientendatenbank (n= 1.651.991) dieser Frage nach. Verglichen wurden für jede der Impfungen (gegen Tdap, HZ- oder Pneumokokken) je zwei Kohorten, eine geimpfte und eine ungeimpfte. Die Patientinnen und Patienten waren zu Beginn der achtjährigen Nachbeobachtungszeit ≥ 65 Jahre alt und während der ersten zwei Jahre frei von Demenz.
Im Ergebnis kam es bei Menschen, die eine der Impfung erhalten hatten, im Vergleich zu den jeweils nicht Geimpften signifikant seltener zur Erstmanifestation einer Alzheimer-Erkrankung. Bei den gegen Tetanus-Diphtherie-Pertussis Geimpften waren es 7,2 % (n=8.370) gegenüber 10,2 % (n=11.857) derjenigen, die diese Impfung nicht erhalten hatten (RR 0,7), bei der Impfung gegen Herpes zoster waren es 8,1 % (n=16.106) versus 10,7 % (n=21.273) (RR 0,75) und bei der Impfung gegen Pneumokokken 7,92 % (n=20.583) versus 10,9 % (n=28.558) (RR 0,73).
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Risikoreduzierung durch Impfungen
„Das entspricht einer Risikoreduzierung von 25 bis 30 Prozent, was wirklich viel ist“, erklärt Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der DGN. Zwar handle es sich um eine retrospektive Auswertung, angesichts der Größe der Kohorte und der Tatsache, dass bereits andere Studien auf eine Risikoreduzierung durch Impfungen hindeuteten, liefere die aktuelle Erhebung ein „ernstzunehmendes Signal“, so der Experte, dass diese Routineimpfungen auch das Alzheimer-Risiko senken.
Weitere Studien bestätigen den Zusammenhang
Studien in der Vergangenheit haben gezeigt, dass Standardimpfungen bei Erwachsenen auch vor Alzheimer-Demenz schützen können. Zuletzt wurde dies anhand einer Herpes-Zoster-Impfung untersucht. Zwei neue Studien am Universitätsklinikum Tübingen untersuchen die Nebenwirkungen von COVID-19-Impfungen sowie die Erkennung von Emotionen und nonverbale Kommunikation beim Tragen von Masken. Eine weitere US-Studie untersuchte den Einfluss regelmäßiger Grippeimpfungen auf das Demenzrisiko bei älteren Menschen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass wiederholte Influenza-Impfungen das Risiko einer Demenzerkrankung verringern können. Besonders auffällig war der Effekt bei Personen, die sechs oder mehr Impfungen erhalten hatten.
RSV-Impfung als potenzieller Schutzfaktor
Eine RSV-Impfung verminderte in einer großen Kohortenstudie das Demenzrisiko. Grund dafür könnte ein bestimmtes Adjuvans sein, das dem Impfstoff zur besseren Effektivität beigesetzt ist, berichtet ein Forschungsteam der Universität Oxford (npj vaccines 2025; DOI: 10.1038/s41541-025-01172-3). Den Forschenden zufolge ist eine Impfung gegen das Respiratorisches Synzytial-Virus (RSV) mit einer 29-prozentigen Verringerung des Demenzrisikos in den nächsten 18 Monaten im Vergleich zu einer Grippeimpfung verbunden.
Die Bedeutung der Herpes-Zoster-Impfung
Insbesondere zwei große Studien aus Wales und Australien liefern Hinweise darauf, dass eine Impfung gegen Gürtelrose mit einem geringeren Risiko für Demenzerkrankungen verbunden sein könnte: In beiden Ländern wurde die Gürtelrose-Impfung im Rahmen staatlicher Impfprogramme eingeführt. Dabei galten feste Altersgrenzen.
Natürliches Experiment in Wales
Vor zwei Jahren entdeckte Dr. Min Xie, Wissenschaftler am Heidelberg Institute of Global Health (HIGH) ein „natürliches Experiment“ in Wales. „In Wales begann am 1. September 2013 ein Impfprogramm, bei dem jeder, der zu diesem Zeitpunkt 79 Jahre alt war, ein Jahr lang Anspruch auf den Impfstoff gegen Gürtelrose hatte. Personen, die 78 Jahre alt waren, hatten im nächsten Jahr ein Jahr lang Anspruch darauf usw. Menschen, die am 1. September 2013 80 Jahre oder älter waren, hatten Pech - sie hatten keinen Anspruch auf den Impfstoff.“ Diese Regel hatte vor allem das Ziel, den begrenzten Vorrat an Impfstoff zu rationieren. Gleichzeitig ermöglichte sie, die Wirkung des Impfstoffs isoliert zu betrachten.
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Ergebnisse der Studie aus Wales
Die beiden Erstautoren dieser Studie, Min Xie und Markus Eyting, untersuchten zusammen mit Simon Heß von der Wirtschaftsuniversität Wien daraufhin die Gesundheitsdaten von mehr als 280.000 älteren Erwachsenen aus Wales, die zu Beginn des Impfprogramms zwischen 71 und 88 Jahre alt waren und nicht an Demenz litten. Sie konzentrierten sich bei ihrer Analyse auf Personen, die kurz vor und kurz nach der Anspruchsgrenze geboren wurden. Min Xie und Markus Eyting analysierten, dass der Impfstoff das Auftreten der Gürtelrose bei den Geimpften über einen Zeitraum von sieben Jahren um etwa 37 % senken könnte. „In dem siebenjährigen Nachbeobachtungszeitraum wurde bei mehr als einem von sechs älteren Erwachsenen, die nicht geimpft wurden, eine Demenz diagnostiziert. Im Gegensatz dazu entwickelte nur etwa einer von acht älteren Erwachsenen, die aufgrund ihrer Berechtigung die Gürtelroseimpfung erhielten, die Krankheit.“
Schutz vor allem bei Frauen beobachtet
Ein wichtiges Ergebnis der Studie war, dass der Schutz vor Demenz durch die Impfung bei Frauen viel stärker zu seinen scheint als bei Männern. „Dieser Rückgang könnte möglicherweise auf geschlechtsspezifische Unterschiede in der Immunantwort zurückzuführen sein oder in der Art und Weise, wie sich Demenz entwickelt, so Geldsetzer. „Frauen haben im Durchschnitt eine stärkere Antikörperreaktion auf eine Impfung. Und wir wissen auch, dass sowohl Gürtelrose als auch Demenz bei Frauen häufiger vorkommt als bei Männern.“
Aktuelle Auswertungen aus Ontario
Aktuelle Auswertungen aus Ontario, der einzigen kanadischen Provinz mit einer altersabhängigen Empfehlung zur Gürtelrose-Impfung, ergänzen die bisherigen Ergebnisse. Auch hier nutzten Forschende die Einführung des Impfprogramms ab 2016, um zu vergleichen, wie häufig Demenz bei impfberechtigten Personen und bei nicht impfberechtigten Vergleichsgruppen neu festgestellt wurde. Die Ergebnisse fielen ähnlich aus wie in Wales und Australien: Geimpfte Personen erhielten seltener eine Demenzdiagnose. Darüber hinaus zeigte sich, dass unter ungeimpften Personen etwa 10 Prozent eine leichte kognitive Beeinträchtigung (MCI) entwickelten, während es unter geimpften Personen rund 7 Prozent waren. Zudem deuteten die Daten darauf hin, dass geimpfte Menschen auch bei bereits bestehender Demenz länger lebten.
STIKO empfiehlt Gürtelrose-Impfung
Auch die Ständige Impfkommission (STIKO) verweist inzwischen ebenfalls auf Studien, die neben dem Schutz vor Gürtelrose weitere gesundheitliche Vorteile der Impfung nahelegen. Man sollte sich auch gegen Gürtelrose impfen lassen, wenn man bereits eine Gürtelroseinfektion hatte. Eine ausgestandene Infektion schützt nicht vor erneutem Ausbruch. Dazu zählen neben dem geringeren Demenzrisiko auch ein reduziertes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. Die STIKO empfiehlt die Gürtelrose-Impfung in Deutschland weiterhin ab 60 Jahren.
Mögliche Mechanismen der Schutzwirkung
Ob und wie genau die Gürtelrose-Impfung das Demenzrisiko senkt, ist noch nicht genau geklärt. Dafür benötige es weitere Forschung, so die Studienautoren. Sie schlugen drei mögliche Mechanismen vor.
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So könnte es durch die Impfung zu einem verringerten Opioidgebrauch gekommen sein. Bei Personen mit erheblichem Opioidgebrauch wurden Veränderungen im Gehirn im Zusammenhang mit der Alzheimer-Krankheit beobachtet. Das für Gürtelrose verantwortliche Varizella-Zoster-Virus wird außerdem mit der Ablagerung von Amyloid-β und Tau sowie mit Gefäßschäden, die mit Alzheimer in Verbindung stehen, assoziiert. Wird das Virus durch die Impfung weniger oft reaktiviert, könnte so das Demenzrisiko verringert werden. Denkbar sei laut Studienautoren auch eine unabhängige Wirkung durch Immunmodulation: Eine durch das Varizella-Zoster-Virus verursachte Neuroinflammation soll reduziert werden.
Alzheimer-Impfstoff: Ein Hoffnungsschimmer?
Von vielen wird die neue Impfung gegen Alzheimer schon gefeiert, obwohl sie in Europa noch gar nicht zugelassen ist. Der Impfstoff soll in einem frühen Krankheitsstadium schädliche Ablagerungen im Gehirn beseitigen.
Wie wirkt die Impfung gegen Alzheimer?
Zu den typischen Anzeichen einer Alzheimer-Erkrankung zählt die Bildung von Amyloid-Plaques, also Ablagerungen, im Gehirn. Diese sind am Nervenzelluntergang beteiligt und wahrscheinlich der Grund für die Gedächtnisstörungen. Die Impfung gegen Alzheimer aus synthetisierten Amyloid-Bruchstücken motiviert das körpereigene Abwehrsystem, diese Plaques zu beseitigen. Das funktioniert auch, weshalb das Medikament in den USA zugelassen wurde.
Für wen ist die Impfung geeignet und welche Risiken sind mit ihr verbunden?
Für die Impfung kommen ausschließlich Betroffene in Frage, die nur leicht erkrankt sind und sich in einem frühen Stadium der Erkrankung befinden. Zudem muss man ausreichend Alzheimerplaques besitzen. Hier ist eine frühe Diagnostik mit Biomarkern notwendig. Außerdem hatte die Impfung, die regelmäßig monatlich als Infusion verabreicht werden muss, bei einigen natürlich Nebenwirkungen. Um den Körper dazu zu bringen, die Plaques zu bekämpfen, ist eine leichte Entzündungsreaktion gewollt. Bei manchen sehen wir aber auch vermehrte entzündliche Veränderungen in der Bildgebung des Gehirns. Aus diesen Gründen ist es notwendig, sich während der Therapie regelmäßig beim Neurologen vorzustellen und immer wieder ein MRT des Kopfes zu machen.
Wann ist mit einer Zulassung in Europa zu rechnen?
Der Antrag liegt der europäischen Zulassungsbehörde bereits vor, mit einer Entscheidung wird in diesem Herbst gerechnet. Aufgrund der wenigen Daten aus den Studien bin ich nicht sicher, wie die Behörde entscheidet.
Was tun bei ersten Anzeichen einer Demenz?
Das Wichtigste ist zunächst eine umfassende Diagnostik. Dazu muss neben einer MRT-Untersuchung und neuropsychologischen Tests auch eine Liquoranalyse durchgeführt werden. Inzwischen kann man die Alzheimer-Biomarker im Labor sehr genau messen. Diese Diagnostik dauert zwei Tage. Sie kann stationär, aber auch tagesklinisch stattfinden, so dass die Patientinnen und Patienten abends nach Hause gehen und zuhause schlafen können. Erst nach einer genauen Diagnose sollte man eine individuelle Therapie festlegen. Es gibt ja auch schon seit über 10 Jahren zugelassene und wirksame Medikamente, die das Fortschreiten des Gedächtnisverlustes zumindest aufhalten können, auch wenn sie nicht kausal wirken.
Weitere Risikofaktoren und Präventionsmaßnahmen
Bekannte Alzheimer-Risikofaktoren sind: niedriger Bildungsstand im frühen Lebensalter, Schwerhörigkeit, Hypertonie, Übergewicht, Diabetes mellitus, Bewegungsmangel/körperliche Inaktivität, Depressionen, Schädel-Hirn-Traumen, soziale Isolation, übermäßiger Alkoholkonsum (>21 Einheiten pro Woche), Rauchen und Luftverschmutzung. Bei Vermeidung aller bekannten Risikofaktoren könnten bis zu 38% der Neuerkrankungen verhindert werden. Allerdings lassen sich nicht alle Faktoren beeinflussen.