Die Alzheimer-Krankheit ist eine der am meisten gefürchteten neurodegenerativen Erkrankungen unserer Zeit. In Deutschland sind schätzungsweise 1,2 Millionen Menschen betroffen, und diese Zahl wird bis 2050 voraussichtlich auf 2,8 Millionen ansteigen. Angesichts dieser erschreckenden Zahlen ist es entscheidend, die Fakten von den Mythen zu trennen, um ein besseres Verständnis der Krankheit zu fördern und Betroffenen sowie ihren Familien Hoffnung zu geben.
Was ist Alzheimer überhaupt?
Alzheimer ist die häufigste Ursache von Demenz, einem Syndrom, das durch den Verlust kognitiver Fähigkeiten gekennzeichnet ist. Diese Fähigkeiten umfassen Gedächtnis, Denken, Orientierung, Sprache und Urteilsvermögen. Alzheimer macht etwa 60 Prozent aller Demenzfälle aus und zeichnet sich durch Gedächtnisverlust sowie Probleme beim räumlichen Verständnis und der Orientierung aus.
Mythos 1: Alzheimer und Demenz sind dasselbe
Demenz ist ein Überbegriff für mehr als 50 verschiedene Störungen der Gehirnleistung, während Alzheimer die häufigste Unterform von Demenz ist. Andere Demenzformen sind die vaskuläre Demenz, die Lewy-Körperchen-Demenz und die frontotemporale Demenz.
Mythos 2: Alzheimer ist eine normale Alterserscheinung
Es ist zwar richtig, dass das Alter der größte Risikofaktor für Alzheimer ist, aber es ist keine zwangsläufige Alterserscheinung. Alzheimer ist eine neurodegenerative Erkrankung, die durch die Ablagerung von Beta-Amyloid- und Tau-Proteinen im Gehirn gekennzeichnet ist. Diese Ablagerungen, auch Plaques genannt, können durch bildgebende Verfahren sichtbar gemacht werden.
Mythos 3: Nur alte Menschen erkranken an Alzheimer
Obwohl das Alter der größte Risikofaktor ist, können auch jüngere Menschen an Alzheimer erkranken. In diesen Fällen sprechen Experten von "Frühdemenz", die vor dem 65. Lebensjahr auftritt. Genetische Veranlagung oder neurologische Erkrankungen können hierbei eine Rolle spielen.
Lesen Sie auch: Entlarvung von Alzheimer-Mythen
Mythos 4: Wenn ein Elternteil Alzheimer hat, bekommen es auch die Kinder
Nur etwa ein Prozent aller Alzheimer-Erkrankungen sind eindeutig erblich bedingt. Das bedeutet, dass die Erkrankung eines Elternteils nicht zwangsläufig bedeutet, dass die Kinder ebenfalls erkranken werden. Es gibt jedoch genetische Varianten, die das Erkrankungsrisiko erhöhen können.
Mythos 5: Alzheimer ist unheilbar und unbehandelbar
Alzheimer ist zwar unheilbar, aber es gibt verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, um den Verlauf der Krankheit zu verlangsamen und Begleiterscheinungen wie Depressionen oder Aggressionen zu behandeln. Medikamente, Gedächtnistraining, körperliche Aktivität und emotionsorientierte Behandlungen können dazu beitragen, die Selbstständigkeit der Betroffenen zu erhalten.
Mythos 6: Alzheimer-Patienten sterben, weil sie das Atmen vergessen
Menschen mit Alzheimer vergessen nicht zu atmen. Sie sterben auch nicht unmittelbar an der Alzheimer-Krankheit, sondern an Begleiterkrankungen wie Atemwegsinfekten oder Lungenentzündungen, da ihr Immunsystem im letzten Krankheitsstadium erheblich geschwächt ist.
Mythos 7: Aluminium verursacht Alzheimer
Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass Aluminium Alzheimer verursacht. Obwohl erhöhte Aluminium-Konzentrationen im Gehirn von verstorbenen Alzheimer-Patienten gefunden wurden, gehen Forscher davon aus, dass es sich um eine Begleiterscheinung und nicht um eine Ursache der Krankheit handelt.
Mythos 8: Gedächtnistraining hilft gegen Alzheimer
Gedächtnistraining ist eher für geistig gesunde Menschen zu empfehlen. Menschen mit Alzheimer können lediglich noch vorhandenes Wissen und vorhandene Fähigkeiten bewahren, aber nicht wiederherstellen. Es ist wichtig, sie nicht zu überfordern und mit ihren Defiziten zu konfrontieren. Besser ist es, die Erinnerung sanft zu stimulieren, beispielsweise mit alten Fotos oder Liedern von früher.
Lesen Sie auch: Informationen für Alzheimer-Patienten und Angehörige
Prävention und Risikofaktoren
Obwohl es keine Garantie dafür gibt, Alzheimer zu verhindern, gibt es einige Faktoren, die das Risiko beeinflussen können. Professor Karl M. Einhäupl, Direktor der Neurologischen Klinik des Universitätsklinikums Charité in Berlin, betont, dass es für die Blutdrucksenkung deutliche Hinweise zur Demenz-Prävention gibt. Er rät dazu, auf den Blutdruck zu achten und einen gesunden Lebensstil mit viel Sport zu pflegen. Allerdings weist er darauf hin, dass es keine wissenschaftlich gut gesicherten Daten dafür gibt, dass geistiges Training Alzheimer vorbeugen kann.
Die Rolle der Forschung und Innovation
Die Alzheimer-Forschung erlebt derzeit eine neue Ära. Nach mehr als 20 Jahren ohne Neuzulassungen im Bereich der Alzheimer-Behandlung gibt es nun vielversprechende Entwicklungen. In den USA sind bereits neue, monoklonale Antikörper zugelassen, die laut Studien das Fortschreiten der Erkrankung deutlich bremsen können. Auch in der EU liegen momentan Anträge für solche Medikamente vor.
Diese Fortschritte verändern die Sichtweise auf die Alzheimer-Krankheit - weg von einem unveränderlichen Schicksal, hin zu neuen Perspektiven. Ein wachsendes Verständnis der Erkrankung und der Einsatz von Biomarkern haben bereits die Art und Weise, wie Alzheimer diagnostiziert wird, revolutioniert. Frühe Diagnosen eröffnen Zeitfenster, um in die Krankheit einzugreifen.
Herausforderungen und Zukunftsperspektiven
Trotz der vielversprechenden Entwicklungen in der Alzheimer-Therapie gibt es noch viele Herausforderungen zu bewältigen. Das Gesundheitssystem muss sich verändern, um sicherzustellen, dass Patient:innen auch tatsächlich von Innovationen profitieren. Es braucht adäquate politische Rahmenbedingungen, damit Wissenschaft nicht reine Wissenschaft bleibt, sondern das Leben der Betroffenen und Angehörigen verändert.
EFPIA und EBC haben acht konkrete Handlungsempfehlungen für politische Entscheidungsträger:innen erarbeitet:
Lesen Sie auch: Kinder-Alzheimer: Ein umfassender Überblick
- Alzheimer-Erkrankung und Hirn-Gesundheit national, europa- und weltweit zu einer Priorität der öffentlichen Gesundheit machen.
- Beschäftigte im Gesundheitswesen aus- und weiterbilden und sie sowie Bürger:innen für das Thema sensibilisieren.
- Daten, Informationsaustausch und entsprechende Technologien zu Nutze machen.
- Zugang zu Innovationen verbessern.
- Genügend finanzielle Mittel für Forschung und Infrastruktur sicherstellen.
- Bevölkerung und Patient:innen involvieren.
- Multidisziplinär denken.
- Post-diagnostische Behandlungspfade über Leitlinien definieren und mit entsprechenden Geldern versehen.
Professor Einhäupl sieht große Hoffnung in der Entwicklung eines Impfstoffs gegen Alzheimer. Ein solcher Impfstoff könnte nicht nur präventiv wirken, sondern auch kurativ. Er betont, dass die Nervenzellen in der Umgebung von Plaques nicht alle tot sind und ihre Funktion wieder aufnehmen könnten, wenn das Amyloid abgebaut wird.