Alzheimer ist die häufigste Form der Demenz und stellt eine wachsende Herausforderung für die deutsche Gesellschaft dar. Während die Forschung intensiv an neuen Medikamenten arbeitet, die das Fortschreiten der Erkrankung verzögern sollen, ist eine Heilung derzeit noch nicht in Sicht. Die vorliegende Analyse beleuchtet die aktuellen Zahlen und Prognosen für Deutschland, um ein umfassendes Bild der epidemiologischen Lage und der damit verbundenen Herausforderungen zu vermitteln.
Demenz: Ein Überblick
Demenz ist ein Oberbegriff für verschiedene Erkrankungen, die mit einer Beeinträchtigung der Gehirnleistung einhergehen. Die Alzheimer-Krankheit ist die weltweit häufigste Form der Demenz und betrifft etwa zwei Drittel aller dementen Menschen. Die Erkrankung verläuft oft über viele Jahre unbemerkt, bevor erste Symptome auftreten.
Charakteristische Symptome der Alzheimer-Demenz
- Gedächtnisprobleme: Vergessen von zeitnahen Ereignissen, Schwierigkeiten mit dem Kurzzeitgedächtnis.
- Veränderungen im Denkvermögen: Abnahme der Fähigkeit zu denken, zu planen und zu urteilen.
- Wortfindungsprobleme (Aphasie): Schwierigkeiten, Worte zu finden oder sich flüssig auszudrücken.
- Desorientierung: Sowohl zeitliche als auch räumliche Desorientierung.
- Probleme bei Alltagsaufgaben und Selbstversorgung: Schwierigkeiten bei alltäglichen Aktivitäten wie Anziehen, Körperpflege, Kochen und Essen.
- Veränderungen im Verhalten und der Persönlichkeit: Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Aggressivität und sozialer Rückzug.
Ursachen und Risikofaktoren
Die genauen Ursachen der Alzheimer-Krankheit sind noch nicht vollständig geklärt, aber es gibt verschiedene Faktoren, die das Risiko erhöhen können:
- Amyloid-Klümpchen im Gehirn: Ansammlung von Proteinstückchen (Amyloid-Beta) zwischen den Nervenzellen, die zu unlöslichen, giftigen Fasern verkleben und den Nervenzellen schaden.
- Tau-Protein-Verwicklungen: Anhäufung von sogenannten Tau-Proteinen in den Gehirnzellen, die verdreht und faserig sind und zum Absterben der Zellen führen.
- Infektionen: Verschiedene Viren und Bakterien könnten an der Entstehung von Alzheimer beteiligt sein, insbesondere wenn sie Entzündungen an Nerven im Gehirn auslösen.
- Genetische Faktoren: Bestimmte Genvarianten, wie der ApoE4-Genotyp, erhöhen das Risiko.
- Alter: Das Alter ist der wichtigste Risikofaktor.
- Geschlecht: Studien deuten darauf hin, dass Männer ein höheres Risiko haben als Frauen.
- Durchblutungsstörungen: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, hoher Blutdruck und hohe Cholesterinwerte.
- Umwelt und Lebensweise: Eine ungesunde Lebensweise kann das Risiko erhöhen, während eine gesunde Lebensweise mit ausgewogener Ernährung, ausreichend körperlicher Aktivität und geistiger Stimulation das Risiko verringern kann.
Prävention
Es gibt Hinweise darauf, dass bestimmte Impfungen, insbesondere gegen Herpes Zoster (Gürtelrose), das Demenzrisiko senken können. Eine im April 2025 veröffentlichte Studie deutet darauf hin, dass die Impfung das Risiko um etwa 20 Prozent reduzieren könnte.
Aktuelle Zahlen zur Demenz in Deutschland
1,8 Millionen Betroffene im Jahr 2023
Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft (DAlzG) lebten im Jahr 2023 in Deutschland etwa 1,8 Millionen Menschen mit Demenz. Rund zwei Drittel von ihnen waren an Alzheimer erkrankt. Diese Zahl basiert auf Berechnungen von Professor Dr. René Thyrian und Dr. Iris Blotenberg vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) am Standort Rostock/Greifswald.
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Zunehmende Fallzahlen
Die Zahl der Menschen mit Demenz in Deutschland nimmt kontinuierlich zu. Dies ist vor allem auf den demografischen Wandel zurückzuführen, da die Bevölkerung immer älter wird. Im Jahr 2021 kamen etwa 440.000 Neuerkrankungen hinzu.
Regionale Unterschiede
Die Verteilung von Demenzerkrankungen variiert zwischen den Bundesländern. In Sachsen und Sachsen-Anhalt ist der Anteil an der Gesamtbevölkerung mit jeweils 2,5 Prozent am höchsten, während er in Hamburg und Berlin mit 1,7 Prozent am niedrigsten ist. Diese Unterschiede spiegeln die unterschiedliche Altersstruktur der Bevölkerung in den jeweiligen Bundesländern wider.
Demenz bei Menschen mit Migrationshintergrund
In Deutschland leben etwa 2,4 Millionen Menschen über 65 Jahre mit Migrationshintergrund. Schätzungen zufolge sind davon etwa 158.000 an Demenz erkrankt. Diese Gruppe stellt besondere Herausforderungen an die Versorgung, da sprachliche Barrieren, kulturelle Unterschiede und fehlende kulturspezifische Informationen den Umgang mit der Erkrankung erschweren können.
Betroffene unter 65 Jahren
Obwohl Demenz vor allem im höheren Alter auftritt, sind auch jüngere Menschen betroffen. In Deutschland leben mehr als 100.000 Menschen zwischen 40 und 65 Jahren mit der Diagnose Demenz. Diese Zahl ist höher als in früheren Veröffentlichungen, was auf eine verbesserte Diagnostik zurückzuführen ist. Die DAlzG fordert mehr Angebote für diese Altersgruppe, da Konzepte für die Fortführung der Berufstätigkeit und passende Betreuungsangebote fehlen.
Prognosen für die Zukunft
Anstieg auf bis zu 2,7 Millionen Betroffene bis 2050
Die Forscher am DZNE rechnen bis zum Jahr 2050 mit einer weiteren Zunahme der Demenzfälle auf etwa 2,4 bis 2,8 Millionen Patienten über 65 Jahren. Diese Prognose berücksichtigt den demografischen Wandel und die steigende Lebenserwartung.
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Einflussfaktoren auf die Prognose
Die genaue Entwicklung der Fallzahlen hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Entwicklung der Altersstruktur der Bevölkerung, die Zuwanderungsraten und die Geburtenrate. Eine höhere Lebenserwartung und geringere Zuwanderung könnten zu einer stärkeren Zunahme der Demenzfälle führen.
Internationale Perspektive
Die internationale Arbeitsgruppe GBD 2019 Dementia Forecasting Collaborators geht von weltweit steigenden Demenzfallzahlen aus. Nach aktuellen Hochrechnungen könnte sich die Zahl der Betroffenen in den nächsten Jahrzehnten fast verdreifachen - von schätzungsweise 57,4 Millionen im Jahr 2019 auf 152,8 Millionen im Jahr 2050.
Herausforderungen und Lösungsansätze
Frühzeitige Diagnose und Behandlung
Oftmals wird Alzheimer-Demenz erst diagnostiziert, wenn bereits deutliche Symptome aufgetreten sind. Eine frühzeitige Diagnose ist jedoch entscheidend, um die Behandlungsmöglichkeiten zu verbessern und Betroffenen und ihren Familien rechtzeitig Unterstützung zu bieten. Forschende arbeiten daher an der Entwicklung sicherer Frühtests, die bereits vor Eintritt der Demenz Hinweise auf die Alzheimer-Krankheit geben.
Neue Medikamente und Therapien
Mittlerweile gibt es erste Medikamente, die die schädlichen Prozesse im Gehirn direkt beeinflussen und die Alzheimer-Erkrankung im Entstehungsprozess bremsen sollen. Der Antikörper-Wirkstoff Lecanemab ist seit September 2025 in Deutschland auf dem Markt, und für den Antikörper Donanemab hat die Europäische Arzneimittelagentur EMA eine Zulassungsempfehlung erteilt. Diese Antikörper richten sich gegen die Amyloid-Stückchen, so dass diese vom Immunsystem beseitigt werden können, bevor sie Schaden anrichten.
Kritik an neuen Therapieansätzen
Die neue Antikörper-Therapie bei Alzheimer-Demenz ist jedoch nicht unumstritten. Sie ist sehr aufwendig, da der Wirkstoff alle zwei bis vier Wochen intravenös verabreicht werden muss, und kann erhebliche Nebenwirkungen wie Blutungen und Schwellungen im Gehirn verursachen. Auch die Kosten sind sehr hoch.
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Unterstützung für Betroffene und Angehörige
Die Pflege von Menschen mit Alzheimer erfordert viel Geduld, Verständnis und spezialisierte medizinische Betreuung. Es ist wichtig, dass Betroffene und ihre Familien rechtzeitig geeignete Unterstützung beim Umgang mit der Erkrankung suchen. Die Tagespflege kann für pflegende Angehörige eine wichtige Entlastung darstellen, aber es fehlt an Plätzen und Pflegekräften.
Finanzielle Belastung
Die Kosten für die Pflege von Menschen mit Demenz sind hoch und steigen jedes Jahr. Der Eigenanteil in auf Demenz spezialisierten Heimen kann schon jetzt bei über 4.000 Euro liegen. Die Alzheimer Gesellschaft sieht dringenden Handlungsbedarf und fordert eine Begrenzung des Eigenanteils und eine stärkere finanzielle Unterstützung durch die Politik.
Wohnen gegen Hilfe
Ein innovativer Lösungsansatz ist das Modell "Wohnen gegen Hilfe", bei dem Studenten im Haushalt von Demenzkranken leben und im Gegenzug für mietfreies Wohnen im Haushalt helfen und die Betreuung übernehmen.
Nationale Demenzstrategie
Die von der Bundesregierung verabschiedete Nationale Demenzstrategie hat das Ziel, die Situation von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen zu verbessern.
Prävention als Schlüssel
Da Demenz nicht kurativ therapierbar ist, kommt der Prävention von demenzrelevanten Faktoren über die gesamte Lebensspanne besondere Bedeutung zu. Zu diesen Faktoren gehören soziale und umweltassoziierte Determinanten der Gesundheit, gesundheitsrelevante Verhaltensweisen und bestimmte Vorerkrankungen.