Aminosäuren und andere Biofaktoren in der Therapie von Nervenschmerzen: Aktuelle Studien und Perspektiven

Schmerzen, insbesondere neuropathische und vertebrale Schmerzen, stellen eine erhebliche Belastung für die Betroffenen dar und beeinträchtigen ihre Lebensqualität oft massiv. Die Ursachen sind vielfältig, was eine sorgfältige Diagnostik und zielgerichtete Therapie erforderlich macht. Neben der klassischen Schmerztherapie rückt die Bedeutung von Biofaktoren wie Vitaminen, Mineralstoffen und Aminosäuren zunehmend in den Fokus. Dieser Artikel beleuchtet die Rolle verschiedener Aminosäuren und anderer Biofaktoren bei der Entstehung und Behandlung von Nervenschmerzen, basierend auf aktuellen Studien und Expertenmeinungen.

Die Vielfalt der Schmerzarten

Schmerz ist ein komplexes Phänomen, das als Begleitsymptom sowohl ernster als auch banaler Erkrankungen auftritt. Prof. Dr. Dr. med. Dieter Loew, Arzt für klinische Pharmakologie, unterscheidet zwischen nozizeptiven und neuropathischen Schmerzen. Nozizeptive Schmerzen entstehen durch die Stimulation von Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren) bei intaktem Nervensystem, während neuropathische Schmerzen auf einer Erkrankung oder Läsion des peripheren und/oder zentralen Nervensystems beruhen. Häufig treten Mischformen auf, die als "mixed pain" bezeichnet werden. Zudem kann Schmerz auch als Symptom psychiatrischer oder psychosomatischer Erkrankungen auftreten.

Die Auswahl des Schmerzmittels richtet sich nach der Akuität des Schmerzes, dem pharmakologischen Wirkprofil und der diagnostizierten Indikation. Biofaktoren können eine sinnvolle Ergänzung der Pharmakotherapie darstellen, da sie Mangelzustände ausgleichen und in höheren Konzentrationen therapeutische Wirkungen entfalten können.

Aminosäuren im Fokus: Therapieansätze bei Nervenschmerzen

Aminosäuren sind nicht nur Proteinbausteine, sondern auch Ausgangssubstanzen für zahlreiche Metabolite wie Kreatin, Carnitin, Glutathion, DNA, Serotonin und Melatonin. Eine verminderte Verfügbarkeit einzelner Aminosäuren kann bei Maldigestions-Syndromen, katabolen Stoffwechselzuständen sowie bei erhöhten Belastungen des Organismus auftreten. Vor der Substitution einzelner Aminosäuren ist eine Bestimmung der AS-Konzentrationen im Blutserum/Plasma zu empfehlen, um Aminosäuren-Imbalancen zu vermeiden.

Taurin: Stabilisierung und Schutz von Nervenmembranen

Die schwefelhaltige Aminosäure Taurin ist für ihre ausgeprägten antioxidativen Eigenschaften bekannt und wirkt stabilisierend und schützend auf Nervenmembranen. Von besonderer Bedeutung ist die analgetische Wirkung von Taurin, die auf einem regulatorischen Effekt bezüglich der intrazellulären Calciumhomöostasis beruht, welche wiederum mit der Schmerzwahrnehmung in Zusammenhang steht.

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L-Tryptophan: Vorstufe des Neurotransmitters Serotonin

L-Tryptophan, eine essentielle Aminosäure, wird im Organismus über die Zwischenstufe 5-Hydroxytryptophan in den Neurotransmitter Serotonin umgewandelt. Ein Tryptophanmangel und ein daraus resultierender verminderter Serotoningehalt im Blutserum können neben depressiven Verstimmungen und Stimmungsschwankungen auch Schmerzsyndrome verursachen.

Arginin: Bedeutung für das Nerven-, Gefäß- und Immunsystem

Arginin ist die Ausgangssubstanz für die Bildung von Stickoxid (NO), das in fast allen Zellsystemen nachgewiesen werden konnte. Besonders wichtig ist die Funktion von NO im Nervensystem, Gefäßsystem und Immunsystem. NO wirkt als Vasodilatator und vermindert die Thrombozyten- und Granulozytenaggregation. Durch Supplementierung mit Arginin lässt sich eine Verbesserung der endothelialen Dysfunktion erreichen. Arginin spielt auch eine Rolle für das Immunsystem, da NO ein wichtiges Effektormolekül der Makrophagen und anderer Immunzellen ist.

Cystein: Wichtiger Bestandteil von Glutathion

Cystein ist eine schwefelhaltige Aminosäure und der wichtigste Teil des Glutathionmoleküls. Reduziertes Glutathion (GSH) und Cystein spielen eine wesentliche Rolle für die Aufrechterhaltung und Regulierung des Redoxpotentials. Cystein sollte aus chemischen Stabilitätsgründen als N-Acetyl-Cystein (NAC) substituiert werden. NAC senkt Homocystein, Lipoprotein (a) und erhöht das HDL-Cholesterin im Blutserum. Cystein spielt eine wesentliche Rolle bei Entgiftungsreaktionen in der Leber.

Glutamin: Unterstützung für Immunsystem und Dünndarmfunktion

Glutamin ist die Aminosäure mit der höchsten Konzentration im Blut. Zellsysteme mit hoher Zellteilungsrate sind auf ein ausreichendes Glutathionangebot angewiesen. Ein Glutaminmangel beeinträchtigt in erster Linie das Immunsystem und die Funktion des Dünndarms. Glutamin gehört neben Arginin und den Omega-3-Fettsäuren zur so genannten Immunnutrition, die immer häufiger bei Patienten mit metabolischem Stress zur Vermeidung von Mucosaatrophie, Sepsis, Wundheilungsstörungen etc. eingesetzt wird.

Lysin: Baustein für Kollagene und Gegenspieler von Arginin

Lysin ist neben Glycin und Prolin ein wichtiger Baustein der Kollagene. Lysin fördert die Calciumresorption aus dem Darm und die Calciumeinlagerung in die Knochen. Lysin ist hilfreich bei Infektionen mit Herpesviren und wirkt als natürlicher Arginin-Antagonist.

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Methionin: Bereitstellung von Methylgruppen und Rolle bei Depressionen

Methionin ist eine essentielle schwefelhaltige Aminosäure und im Stoffwechsel die wichtigste Quelle für H+-Ionen. Eine wesentliche Stoffwechselfunktion des Methionin ist die Bereitstellung von Methylgruppen für zahlreiche Biosynthesen, z.B. von Neurotransmittern, Nukleinsäuren und Adrenalin. SAM hat sich in einigen Studien bei der Behandlung von Depressionen als wirksam erwiesen.

Weitere Aminosäuren

Eine Kombination aus sechs nicht-essentiellen Aminosäuren (Alanin, Natrium-L-Aspartat, L-Glutaminsäure, Glycin, L-Serin und L-Prolin) kann Gelenkschmerzen, Beschwerden und Steifheit sowohl im Ruhezustand als auch bei normaler Aktivität verbessern.

Vitamin-B-Mangel und seine Auswirkungen auf Nervenschmerzen

Mangelzustände der Vitamine B1 (Thiamin), B6 (Pyridoxin), B12 (Cobalamin) und Folsäure können unter anderem die Entwicklung von neuropathischen Schmerzen begünstigen. Eine Substitution der defizienten Vitamine ist notwendig für eine sichere Rückbildung der neuropathischen Schmerzen. Eine Besserung der Schmerzen kann auch ohne einen im Serum nachgewiesenen Vitaminmangel erzielt werden, da die Verhältnisse im intrazellulären Kompartiment durch die Serumspiegel nur unvollkommen reflektiert werden.

Vitamin B1 (Thiamin): Bedeutung für Nervensystem und Energiestoffwechsel

Vitamin B1 ist zur Aufrechterhaltung des zentralen und peripheren Nervensystems an der Erregungsleitung und -übertragung beteiligt. Bei der Stimulation von Nerven wird Thiamin freigesetzt. Ein Vitamin-B1-Mangel kann Nervenschädigungen verursachen oder verstärken, insbesondere bei Diabetikern. Benfotiamin, eine Vorstufe von Vitamin B1, kann einen nervenschädigenden Thiaminmangel ausgleichen und verschiedene pathogene Stoffwechselwege hemmen. Die Wirksamkeit von Benfotiamin bei der diabetischen Neuropathie wurde in verschiedenen Studien nachgewiesen.

Vitamin B12 (Cobalamin): Wichtig für Diabetiker unter Metformintherapie

Eine Behandlung mit Metformin kann einen Vitamin-B12-Mangel hervorrufen, der wiederum eine Neuropathie verursachen oder verschlimmern kann. Daher sollte der Vitamin-B12-Status bei Patienten mit Metformintherapie regelmäßig geprüft werden.

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Kombination von B-Vitaminen bei vertebralen Schmerzen

Die gemeinsame Verabreichung der Vitamine B1, B6 und B12 hat sich in der Therapie vertebragener Schmerzzustände wie Ischialgie, Neuralgien, Zervikalsyndrom und Hexenschuss bewährt. Sie verstärkt die analgetische Wirkung nicht-steroidaler Antiphlogistika, was eine wichtige Behandlungsoption darstellt.

Vitamin D und Magnesium: Ein starkes Duo für Knochen und Nerven

Schmerzen im Rücken können auch bei Osteoporose auftreten. Die Kombination von Vitamin D und Magnesium ist für die Knochenfestigkeit von Bedeutung. Vitamin D fördert die Resorption von Magnesium im Dünndarm, während Magnesium für die Aktivierung von Vitamin D erforderlich ist. Ein Mangel der beiden Biofaktoren kann nicht nur negative Effekte auf den Knochenstoffwechsel haben, sondern auch zu einem Anstieg der Sekretion von proinflammatorischen Zytokinen führen.

Vitamin D ist auch für die Entwicklung und Funktionsfähigkeit des Nervensystems bedeutend. Es wirkt im Nervensystem als Neurosteroid und beeinflusst unter anderem die Bildung von neurotrophen Faktoren wie dem Nervenwachstumsfaktor BDNF. Vitamin D wirkt Entzündungsprozessen entgegen und verringert die Schmerzempfindlichkeit.

Uridinmonophosphat (UMP): Unterstützung der Nervenregeneration

Bei einer peripheren Nervenschädigung sind meist die Myelin produzierenden Schwann-Zellen der peripheren Nerven betroffen. UMP, ein Nukleotid, hat sich in klinischen Modellen zu Myelinscheiden-Schädigungen als sinnvoller Ansatz erwiesen. UMP regt die Synthese von Phospho- und Glykolipiden sowie Glykoproteinen an und unterstützt den Wiederaufbau der Myelinschicht. In Kombination mit Vitamin B12 und Folsäure ist UMP ein wichtiger Baustein, um das optimale Millieu für eine Regeneration zu schaffen.

Weitere Therapieansätze und Vitalstoffe

Neben den genannten Aminosäuren und Vitaminen spielen auch andere Vitalstoffe eine Rolle bei der Behandlung von Nervenschmerzen. Ginkgo Biloba zeichnet sich durch protektive Faktoren und eine antioxidative und durchblutungsfördernde Wirkung aus. α-Liponsäure hat einen gewissen Stellenwert in der Behandlung der PNP erlangt, insbesondere bei diabetischer Neuropathie. Magnesium und Zink können in Kombination mit Antioxidanzien ebenfalls positive Effekte erzielen.

Warnung vor unselektiver Supplementierung

Auch wenn NEM in der heutigen Zeit häufig und gerne eingesetzt werden, um dem Körper Vitalstoffe zuzuführen, sind sie für einen gesunden Menschen bei abwechslungsreicher, obst- und gemüsereicher Mischkost aus ernährungsphysiologischer Sicht nicht notwendig. NEM seien in erster Linie sinnvoll, wenn nachweislich Nährstoffdefizite bestünden, bzw. bei Risikogruppen und in bestimmten Lebensphasen mit erhöhtem Nährstoffbedarf (Schwangerschaft und Stillzeit, ältere Personen, chronische Erkrankungen etc.). Von einer Selbstmedikation – die auch bei älteren Personen weit verbreitet ist – und unselektiven Supplementierung ohne detaillierte Diagnostik sei auf jeden Fall abzuraten.

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