Amphetamin-Forschung zu Alzheimer: Neuroenhancement, Risiken und Auswirkungen auf das Gehirn

Einführung

Neuroenhancement, der Versuch, die geistige Leistungsfähigkeit gesunder Personen durch psychoaktive Substanzen zu steigern, ist ein wachsendes Phänomen. Ziel ist es, Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnis zu verbessern. Doch welche Substanzen werden eingesetzt, welche Risiken bestehen und welche Auswirkungen hat dies auf die Forschung zu neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer? Dieser Artikel beleuchtet diese Fragen umfassend.

Was ist Neuroenhancement?

Neuroenhancement, auch Cognitive Enhancement genannt, bezeichnet den Versuch, die geistige Leistungsfähigkeit gesunder Personen durch die Einnahme psychoaktiver Substanzen zu steigern. Der Begriff "Gehirndoping" beschreibt den Gebrauch einer Untergruppe dieser psychoaktiven Substanzen, die verschreibungspflichtig sind oder bei denen es sich um Betäubungsmittel handelt und deren Anwendung durch Gesunde einen Missbrauch darstellt. Die Einnahme von nicht verschreibungspflichtigen OTC-Arzneimitteln wird gelegentlich als "Soft-Enhancement" bezeichnet, das auch die Einnahme von homöopathischen Mitteln umfasst. Eine weitere Unterdefinition ist das "Mood Enhancement", welches die Einnahme von Substanzen, überwiegend Antidepressiva, beschreibt, die emotionale Funktionen und damit das psychische Wohlbefinden beeinflussen sollen.

Der Gebrauch von Mitteln, die den Wachzustand und die geistige Leistungsfähigkeit beeinflussen, ist kein neues gesellschaftliches Phänomen. Seit jeher versuchen Menschen, durch den Einsatz verschiedenster Substanzen sowohl ihre körperliche als auch ihre geistige Leistungsfähigkeit zu verbessern.

Verbreitung von Neuroenhancement

Aktuell geben 6,7 % der deutschen Erwerbstätigen zwischen 20 und 50 Jahren an, bereits einmal Neuroenhancement praktiziert zu haben - Tendenz steigend. Die Zunahme des pharmakologischen Neuroenhancement spiegelt die gestiegenen Anforderungen der heutigen Arbeitswelt wider. Berufstätigen werden in hohem Maße psychische Belastbarkeit, Stress-Resistenz, hohe Konzentrationsfähigkeit und schnelles Reaktionsvermögen abverlangt. Aus diesem Grund finden sich unter den Anwendern von Neuroenhancement nicht mehr nur Künstler und Intellektuelle, sondern Banker, Manager, Softwareentwickler, Wissenschaftler, Ärzte und zunehmend auch Schüler und Studenten.

Eine 2008 veröffentlichte Online-Umfrage der renommierten Fachzeitschrift Nature unter rund 1400 Wissenschaftlern aus 60 Ländern ergab, dass etwa 20 % von ihnen selbst schon einmal verschreibungspflichtige Präparate eingenommen haben, um ihre Konzentration und Aufmerksamkeit zu steigern.

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Verwendete Substanzen

Die am häufigsten verwendeten Substanzen sind:

  • Koffein
  • Ginkgo biloba
  • Methylphenidat
  • Amphetamine
  • Modafinil
  • Antidementiva
  • Antidepressiva
  • Illegale Drogen wie Speed oder Ecstasy

Eine Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit bei Gesunden ist tatsächlich nur für die Substanzen Koffein, Methylphenidat, Amphetamine und Modafinil nachgewiesen.

Nicht-verschreibungspflichtige Substanzen

  • Koffein: Ist die weltweit am häufigsten verwendete Substanz mit psychoaktiven Eigenschaften. Es steigert die Aufmerksamkeit und Wachheit, verkürzt Reaktionszeiten und steigert die Gedächtnisleistung bei Aufgaben mit moderatem Schwierigkeitsgrad. Nebenwirkungen können Kopfschmerzen, Unruhe, Schwitzen, Magen-Darm-Beschwerden, Nervosität, Schlafstörungen, Zittern, Bluthochdruck, Herzrasen und Übelkeit sein. Regelmäßige Koffein-Konsumenten entwickeln eine milde Abhängigkeit.
  • Ginkgo biloba: Ginkgo-Extrakt ist unter anderem zur symptomatischen Behandlung von Beschwerden bei hirnorganisch bedingten Leistungsstörungen bei demenziellem Syndrom zugelassen. Zu den beschriebenen Eigenschaften gehören neuroprotektive, antioxidative und durchblutungsfördernde Wirkungen. Als Nebenwirkungen können leichte allergische Hautreaktionen und Wechselwirkungen mit Gerinnungshemmern auftreten.

Verschreibungspflichtige Substanzen

  • Methylphenidat und Dexamfetamin: Sind in Deutschland zugelassen zur Behandlung der Aufmerksamkeits-Defizin-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) und unterliegen dem Betäubungsmittelgesetz. Sie steigern die Wachheit, (Dauer-)Aufmerksamkeit, Konzentration und verkürzen die Reaktionszeiten. Die Liste der Nebenwirkungen ist lang: Überempfindlichkeitsreaktionen, Magen-Darm-Beschwerden, Appetitminderung, Kopfschmerzen, Schwindel, innere Unruhe, Schlafstörungen, Nervosität, Übelkeit, Erbrechen, Zittern, Schweißausbrüche, Hitzewallungen, Delirium-ähnliche Zustände mit Halluzinationen, Bluthochdruck, Beschleunigung des Herzschlags, Herzrhythmusstörungen bis zum plötzlichen Herztod, zerebrale Krampfanfälle, etc. Wie alle Stimulanzien können Methylphenidat und Amphetamine insbesondere zu psychischen Abhängigkeiten führen.
  • Modafinil: Ist in Deutschland verschreibungspflichtig und zur Behandlung exzessiver, krankhafter Tagesmüdigkeit bei Narkolepsie zugelassen. Es gibt nur drei kleinere vergleichende Studien, die die Wirkungen verschiedener psychoaktiver Substanzen auf die kognitive Leistungsfähigkeit bei Gesunden untersuchen. Es wurden die Effekte von 600 mg Koffein, 20 mg Dexamfetamin und 400 mg Modafinil auf gesunde Personen mit Schlafentzug untersucht, die Substanzen wurden dabei als Einmaldosis verabreicht. Alle drei Stimulanzien steigerten die (Dauer-)Aufmerksamkeit der Probanden, es fanden sich keine wesentlichen Wirkunterschiede. Zu den am häufigsten auftretenden Nebenwirkungen gehören verminderter Appetit, Kopfschmerzen, Nervosität, Schlaflosigkeit, Angst, Depression, Denkstörungen, Verwirrtheit, Reizbarkeit, Schwindelgefühl, verschwommenes Sehen, Bauchschmerzen, Übelkeit, Mundtrockenheit, Durchfall, Verstopfung, Brustschmerzen, Beschleunigung des Herzschlags, Herzklopfen, Bluthochdruck und viele weitere.

Antidementiva und Antidepressiva

  • Antidementiva: Zu den Antidementiva gehören zwei Substanzklassen mit unterschiedlichem Wirkmechanismus. Donepezil, Galantamin und Rivastigmin sind Acetylcholinesterase-Inhibitoren und in Deutschland als verschreibungspflichtige Arzneimittel zur Behandlung der milden bis mittelschweren Alzheimer-Demenz zugelassen. Ebenfalls verschreibungspflichtig ist der Wirkstoff Memantin, ein NMDA (N-Methyl-D-Aspartat)-Partialantagonist zur Behandlung der mittelgradigen bis schweren Alzheimer-Demenz. Typische Nebenwirkungen der Antidementiva sind Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Verstopfung, Kopfschmerzen, Schwindel, Schwächegefühl, Appetitlosigkeit, Zittern, Harninkontinenz und dosisabhängig Halluzinationen, Verwirrtheit, Erregungszustände und aggressives Verhalten.
  • Antidepressiva: Aus der Gruppe der Antidepressiva werden überwiegend selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer als Neuroenhancer eingesetzt. Dazu gehört der Wirkstoff Fluoxetin, in Deutschland ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel zur Behandlung von Episoden einer schweren Depression. Häufigste Nebenwirkungen sind verminderter Appetit und Gewichtsverlust, Nervosität, Ruhelosigkeit, Angst, Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Aufmerksamkeitsstörungen, Schwindel, Benommenheit, verschwommenes Sehen, Störungen der Sexualfunktion und gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verstopfung.

Risiken und Nebenwirkungen

Unabhängig von den Effekten beim Einzelnen haben die genannten Stimulanzien teilweise erhebliche körperliche Nebenwirkungen und ein mehr oder weniger ausgeprägtes Abhängigkeitspotential. Veränderungen und Anpassungen des Hirnstoffwechsels erfordern in der Regel sehr schnell eine Regelmäßigkeit der Einnahme und eine Dosissteigerung.

Es gibt Berichte über den Zusammenhang zwischen Stimulanzienkonsum und einem erhöhten Risiko für einen plötzlichen Herztod. Grundsätzlich ist anzumerken, dass Stimulanzien ein Abhängigkeitspotenzial haben.

Der Einsatz von Antidepressiva bei Gesunden zielt überwiegend auf ein „mood enhancement“ ab, also die Verbesserung der Stimmung und der sozialen Funktionsfähigkeit. Es gibt jedoch keine Untersuchungen, die diese Effekte bei Gesunden nachweisen konnten.

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Neuroenhancement und Alzheimer-Forschung

Eine Demenzerkrankung vor dem 65. Lebensjahr hat ihre Wurzeln häufig schon im Kindes- und Jugendalter. Zu den Risikofaktoren gehören auch häufige Alkoholexzesse und ein Drogenkonsum. Eine Studie deutet darauf hin, dass es neben Hinweisen auf eine genetische Störung und unklaren Risiken eine Reihe von modifizierbaren Risikofaktoren (Alkohol-und Drogenintoxikationen, systolischer Blutdruck vielleicht auch Schlaganfälle) vorliegen, deren Veränderung möglicherweise das Schicksal einer Demenz abwenden könnte.

Amphetamine ähneln in ihrem chemischen Aufbau körpereigenen Botenstoffen (Neurotransmitter) und veranlassen eine unkontrollierte und ungehemmte Ausschüttung dieser Neurotransmitter. Die Folge ist ein Feuerwerk an Nervenimpulsen im Gehirn, was der Körper als künstlich erzeugten Stress erlebt. Mediziner vermuten in dem dauerhaft erzeugten Stresszustand auch die eigentliche Ursache für die Vernarbungen im Herzmuskelgewebe der Betroffenen.

Alkohol, Kokain und Crystal Meth erhöhen das Risiko für Nervenerkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson. Drogen scheinen die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger zu machen. Die Folge: Eisen reichert sich in den Nervenzellen an und produziert dort so genannte freie Radikale. Die Schäden, die dabei entstehen, können schließlich zum Tod der Zelle führen. So wurden beispielsweise bei Personen, die an Alzheimer erkrankt sind, in bestimmten Hirnregionen vermehrt Eisenablagerungen festgestellt.

Ethische Aspekte

Der Einsatz von Neuroenhancern wirft ethische Fragen auf. Sollten gesunde Menschen Substanzen einnehmen, um ihre Leistung zu steigern? Wo verläuft die Grenze zwischen Selbstoptimierung und unzulässigem Wettbewerbsvorteil? Diese Fragen sind noch nicht abschließend beantwortet und bedürfen einer gesellschaftlichen Diskussion.

Gesunde Alternativen

Es gibt gesunde Alternativen zum Neuroenhancement, um das Gehirn auf Hochtouren zu bringen. Dazu gehören ausreichend Schlaf und Pausen, eine gute Flüssigkeitsversorgung, reichlich Bewegung und frische Luft. Sinnvolle Pausen zeichnen sich dadurch aus, dass man eine Tätigkeit wirklich unterbricht, aufsteht, die Gedanken schweifen lässt, etwas völlig anderes tut. Wenn möglich, sind viele kurze Pausen besser als eine lange. Gegen die Tasse Kaffee zwischendurch spricht dabei in den meisten Fällen nichts. Auch helles Licht, ein Nickerchen, der richtige Snack oder Meditation können helfen.

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