Ein Hirnaneurysma, auch zerebrales oder intrakranielles Aneurysma genannt, ist eine ballonartige Ausbuchtung einer Arterie im Gehirn. Diese Gefäßmissbildung kann angeboren sein oder sich im Laufe des Lebens entwickeln. Obwohl viele Menschen mit einem Hirnaneurysma symptomfrei leben, besteht die Gefahr, dass es platzt und eine lebensbedrohliche Hirnblutung verursacht. Daher ist es wichtig, sich über Ursachen, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten zu informieren.
Was ist ein Hirnaneurysma?
Ein Aneurysma ist eine Ausbuchtung in der Wand eines Blutgefäßes. Im Gehirn entstehen Aneurysmen häufig an den Verzweigungsstellen der Arterien, die das Gehirn mit Blut versorgen. Normalerweise sind Arterien fest und elastisch, ähnlich wie Schläuche. Wenn die Wand einer Arterie aber an einer Stelle nachgibt, sich nach außen wölbt und eine Ausbuchtung bildet, spricht man von einem Aneurysma. Die Größe eines Aneurysmas kann von wenigen Millimetern bis zu mehreren Zentimetern variieren.
Aneurysma verum
Bei dem sogenannten "echten Aneurysma" sind sämtliche Schichten der Gefäßwand unverletzt erhalten. Die ballonartige Auswölbung der Gefäßwand wird von allen Gewebeschichten gemeinsam gebildet.
Aneurysma dissecans
Hier ist eine einzelne Schicht der Gefäßwand der Arterie verletzt. Dadurch sammelt sich Blut zwischen den Schichten des Gewebes. Die Gefäßwand ist stark verdickt. Das Blutgefäß zeigt dadurch eine Auswölbung. Man spricht auch von einem gespaltenen Aneurysma.
Aneurysma spurium
In diesem Fall ist die Gefäßwand in ihrer Gesamtheit durchlässig. Abgedichtet wird das Blutgefäß nur noch durch umgebendes Gewebe. Es bildet sich häufig ein Bluterguss, der sich mit der Zeit zu Bindegewebe umwandelt. Eigentlich handelt es sich hierbei nicht um ein wirkliches Aneurysma. Deswegen wird es auch "falsches Aneurysma" genannt. Oft entsteht diese Art von Aneurysma bei mechanischen Gefäßverletzungen etwa bei Herzkatheter-Untersuchungen oder Eingriffen an den Blutgefäßen.
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Ursachen und Risikofaktoren
Ein Hirnaneurysma entwickelt sich meist im Laufe des Lebens, weil an der betroffenen Stelle die Elastizität der Gefäßwand nachlässt. Die genauen Ursachen sind nicht vollständig geklärt, aber es gibt verschiedene Risikofaktoren, die die Entstehung eines Aneurysmas begünstigen können:
- Bluthochdruck: Ein unbehandelter Bluthochdruck kann die Gefäßwände schädigen und damit die Ausbildung eines Aneurysmas fördern.
- Rauchen: Rauchen führt über die Zeit zu Entzündungen - auch in der Aneurysmawand - und kann so das Einreißen begünstigen.
- Arteriosklerose (Gefäßverkalkung): Hier führt ebenfalls die mangelhafte Elastizität der Gefäßwände und damit ein ungenügender Druckausgleich im Kreislaufsystem zu einer Dehnung und Aussackung von Schwachstellen in der Arterie.
- Erbliche Faktoren: Sind Verwandte bereits von einem Aneurysma betroffen, so erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, ebenfalls zu erkranken. In manchen Familien tritt die Krankheit gehäuft auf. Bei einigen Erbkrankheiten ist neben anderen Symptomen auch die Entwicklung eines Aneurysmas bezeichnend.
- Alter: Das Gefäßsystem verliert im Alter an Elastizität. Dadurch können sich an belasteten Schwachstellen der Gefäße Aussackungen bilden, die mit der Zeit an Volumen zunehmen.
- Geschlecht: Frauen haben ein höheres Risiko für Hirnaneurysmen als Männer.
- Infektionen: Bakterielle Infektionen können zu einer Entzündung der Gefäßwände führen. In diesem Fall besteht ebenfalls ein erhöhtes Risiko, ein Aneurysma zu entwickeln. Beispiele hierfür sind Infektionen mit Tuberkulose oder Syphilis. Aber auch andere Infektionskrankheiten können sich in dieser Beziehung ungünstig auswirken.
- Kokainmissbrauch:
Symptome
Viele Menschen mit einem Hirnaneurysma spüren keine Beschwerden. In diesem Fall spricht man von einem „asymptomatischen“ Aneurysma. Zu Beschwerden kann es kommen, wenn ein Aneurysma besonders groß ist oder ungünstig liegt. Es kann dann auf das Gehirn oder auf Nerven drücken, die vom Gehirn wegziehen - zum Beispiel auf den Sehnerv.
Die möglichen Symptome eines Aneurysmas im Gehirn sind:
- Extrem starke Kopfschmerzen, die völlig unvermittelt auftreten können
- Benommenheit
- Übelkeit und Erbrechen
- Nackensteifigkeit
- Schläfrigkeit
- Lähmungen
- Bewusstlosigkeit
- Epileptische Anfälle
- Schlaganfall
Aneurysmaruptur und Subarachnoidalblutung (SAB)
Sollte ein Aneurysma bereits geplatzt sein, liegt ein lebensbedrohlicher Notfall vor und die Patienten werden auf einer Neurochirurgischen Intensivstation behandelt. Durch das Einreißen kommt es zu einer Hirnblutung - genauer gesagt zu einer sogenannten Subarachnoidalblutung. Dies ist ein lebensbedrohlicher Notfall, der so schnell wie möglich notärztlich behandelt werden muss. Durch die Blutung steigt der Druck im Schädel und das empfindliche Hirngewebe wird geschädigt. Plötzliche sehr starke Kopfschmerzen sind typische Anzeichen. Viele Betroffene sprechen von dem stärksten Kopfschmerz, den sie jemals erlebt haben. Zu Beginn tun oft vor allem der Hinterkopf und Nacken weh.
Weitere Symptome einer Subarachnoidalblutung können sein:
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- Nackensteifigkeit
- Übelkeit, Erbrechen
- Bewusstseinsstörungen, Bewusstlosigkeit
Diagnose
Da die meisten Menschen mit einem Aneurysma keine Beschwerden oder lediglich kaum merkliche Symptome spüren, wird die Krankheit oft nur durch einen Zufall diagnostiziert. Häufig sind es bildgebende Untersuchungen, die in einem ganz anderen Zusammenhang vorgenommen werden, die zur Entdeckung der krankhaften Gefäßveränderung führen. Aber auch beim Abhören mit dem Stethoskop erkennt der Arzt auffällige Strömungsgeräusche in der Hauptschlagader (Aorta). Teilweise lässt sich eine im Herzrhythmus pulsierende Vorwölbung unter der Bauchdecke erkennen.
Bei Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Sehstörungen kann die Ärztin oder der Arzt zu einer Magnetresonanztomografie (MRT) oder Computertomografie (CT) raten. Besonders gut sichtbar werden Aneurysmen bei der sogenannten digitalen Substraktionsangiografie (DSA). Dabei wird eine Röntgenaufnahme mit und eine ohne Kontrastmittel gemacht. Ein Computer errechnet daraus ein Bild, das nur noch die Blutgefäße zeigt - andere Strukturen wie Knochen sind nicht mehr zu sehen.
Diagnostische Verfahren im Überblick
- Anamnese: Der Arzt fragt nach Vorerkrankungen und gegebenenfalls nach familiären Fällen von Aneurysmen. Er untersucht den Patienten auf Bluthochdruck. Zudem erkundigt er sich gezielt nach Beschwerden, die für die jeweilige Lage des Aneurysmas denkbar sind.
- MRT/MR-Angiographie (Magnetresonanztomographie): Zur Diagnostik der AVMs und späteren Indikationsstellung für eine mögliche Behandlung ist eine MRT/MR-Angiographie (Magnetresonanztomographie) sowie eine DSA (Digitale Subtraktionsangiographie) zwingend notwendig. Während die MRT die Lokalisation und Ausdehnung der AVM im Hirngewebe und benachbarte Strukturen, sowie Blutabbauprodukte einer möglichen stattgehabten Blutung darstellt, kann die DSA die einzelnen Gefäße, den Nidus, sowie Fluss- und Strömungsverhältnisse und ggf.
- CT und CT-Angiographie: Bei Patienten, die notfallmäßig mit einem geplatzten Aneurysma und einer Subarachnoidalblutung (SAB) zuverlegt werden, erfolgt die Primärdiagnostik mittels CT und CT-Angiographie um schnellstmöglich einen Überblick zu bekommen, welche Gefäßmissbildung als Ursache für die Blutung verantwortlich ist. Die CT bzw. CT Angiographie spielt nur für die Notfalldiagnostik bei Patienten mit einer atypischen Blutung eine Rolle.
- Digitale Subtraktionsangiographie (DSA): Manchmal bleibt die Entscheidung schwierig, egal wie genau man das Aneurysma erkundet. Weil die Risiken auf beiden Seiten schwer wiegen. Dabei wird ein feiner Katheter über die Leiste oder den Arm bis zu den Halsgefäßen geführt und ein Kontrastmittel eingespritzt - so werden selbst kleinste Veränderungen an den Hirngefäßen sichtbar. Die Untersuchung dauert etwa eine Stunde, geschieht unter örtlicher Betäubung und gilt als sicher.
Behandlung
Ob ein Aneurysma behandelt wird oder nicht, ist eine Frage der Abwägung. Die Entscheidung für oder gegen eine Behandlung ist aber oft schwierig, da viele Faktoren eine Rolle spielen - etwa die Lage des Aneurysmas und der allgemeine Gesundheitszustand. Bei der Therapie-Empfehlung von unrupturierten Aneurysmen muss immer das Behandlungsrisiko gegen das mutmaßliche Rupturrisiko abgewogen werden. Sowohl das Behandlungsrisiko, als auch das Rupturrisiko hängen stark von Form, Größe und Ort des Aneurysmas, aber auch von der Wahl der Behandlungsmethode ab. Aneurysmen können endovaskulär und chirurgisch behandelt werden.
Konservative Behandlung
Wer keine Beschwerden hat und kein erhöhtes Risiko, dass das Aneurysma reißt, benötigt nicht unbedingt eine Behandlung. Auf jeden Fall ist es sinnvoll, Risikofaktoren für Komplikationen zu vermeiden - also zum Beispiel einen Bluthochdruck zu behandeln und nicht zu rauchen. Bei einem unbehandelten Aneurysma wird in 1- bis 3-jährigen Abständen ein MRT oder CT gemacht. Gerade bei stabilen, kleinen Aneurysmen kann Beobachten, also eine regelmäßige Verlaufskontrolle per MRT, die sicherste Lösung sein.
Operative Verfahren
Mikrochirurgisches Clipping
Bei der neurochirurgischen Therapie wird das Aneurysma an der Oberfläche des Gehirns mit Hilfe einer Operation über einen kleinen, schonenden Zugangswege dauerhaft mit einem sogenannten Clip verschlossen. Beim Clipping wird der Aneurysmasack durch einen kleinen Zugangsweg über der Schädelbasis mit einem Clip vom gesunden Gefäß getrennt. Die Chirurgin oder der Chirurg setzt eine kleine Titanklammer an die Stelle, an der das Aneurysma aus dem Blutgefäß herausragt. So wird die Ausstülpung dauerhaft vom Blutstrom abgeschnitten. Das Verfahren gilt als sehr zuverlässig und wird besonders bei gut zugänglichen Aneurysmen empfohlen. Allerdings ist es ein Eingriff am offenen Gehirn und erfordert eine gewisse Erholungszeit.
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Endovaskuläres Coiling
Beim Coiling werden die Aneurysmen von den Kollegen der Neuroradiologie mittels Katheter-Technik über einen Zugang der Leistenarterie versorgt. Dabei wird ein Mikrokatheter kurz vor das Aneurysma platziert und Platin-Coils in das Aneurysma eingebracht, das dadurch von innen thrombosiert. Beim Coiling wird mittels Katheter eine kleine Spirale in das Aneurysma eingebracht und dieses damit wie durch einen Thrombus verschlossen. Coiling ist zunächst schonender und oft mit einem kürzeren Krankenhausaufenthalt verbunden als Clipping. Dafür ist die Methode oft weniger effektiv als die Operation und erfordert bei bis zu 20 Prozent der Betroffenen in den Folgejahren eine weitere Behandlung.
Flow-Diverter
Immer öfter kommt bei der Behandlung eines Hirnaneurysmas auch eine Art Stent zum Einsatz: Ein sogenannter Flow-Diverter, ein feinmaschiges Röhrchen, wird in das betroffene Gefäß eingesetzt. Er lenkt den Blutstrom am Aneurysma vorbei, sodass sich die Gefäßaussackung allmählich von innen her verschließt. Die Anwendung ist laut aktueller Studien risikoreicher als Coiling oder Clipping. Daher wird die Methode nicht empfohlen, wenn die zwei etablierteren Methoden möglich sind.
Mögliche Komplikationen der Behandlung
Nicht nur das Aneurysma selbst birgt eine Gefahr. Auch ein Eingriff kann zu Komplikationen führen. Etwa, wenn das Gefäß dabei platzt. „Dazu gehören Schlaganfälle, Gefäßverletzungen oder neurologische Ausfälle“, sagt Thorsteinsdottir. Es könnte also etwa zu Lähmungen, Seh- oder Sprechstörungen kommen. „Zum Glück sind solche schweren Komplikationen heute in erfahrenen Zentren sehr selten.“
Das Risiko für Risse und weitere Komplikationen bei einem Eingriff schwankt von Person zu Person, aber auch von Zentrum zu Zentrum. Im Durchschnitt liegt es laut Studien für Clipping oder Coiling bei 1 bis zu 4 Prozent, bei Stents bis zu 15 Prozent.
Leben mit einem Hirnaneurysma
Die Diagnose eines Hirnaneurysmas kann beängstigend sein. Es ist wichtig, sich umfassend zu informieren und sich von erfahrenen Spezialisten beraten zu lassen. Viele Menschen können mit einem Hirnaneurysma ein normales Leben führen, insbesondere wenn es frühzeitig erkannt und behandelt wird.
Was Sie selbst tun können
- Gesunde Lebensweise: Eine gesunde Lebensweise mit ausgewogener Ernährung, regelmäßiger Bewegung und dem Verzicht auf Rauchen kann dazu beitragen, das Risiko eines Aneurysmarisses zu verringern.
- Blutdruckkontrolle: Ein gut eingestellter Blutdruck ist entscheidend, um die Gefäßwände zu schonen.
- Stress vermeiden: Stress kann den Blutdruck erhöhen und sollte daher vermieden werden.
- Regelmäßige Kontrollen: Bei einem unbehandelten Aneurysma sind regelmäßige Kontrolluntersuchungen wichtig, um Veränderungen frühzeitig zu erkennen.
- Extreme Anstrengungen vermeiden: Ein Aneurysma reagiert empfindlich auf Druckanstieg. Daher sollten Patienten extreme Anstrengungen wie schweres Heben unbedingt vermeiden.
Fazit
Ein Hirnaneurysma ist eine ernstzunehmende Erkrankung, die jedoch in vielen Fällen gut behandelbar ist. Eine frühzeitige Diagnose und eine individuelle Therapieplanung sind entscheidend für den Behandlungserfolg. Zögern Sie nicht, sich bei Verdacht auf ein Aneurysma oder nach einer Zufallsdiagnose an ein spezialisiertes Zentrum zu wenden, um sich umfassend beraten und behandeln zu lassen. Letztlich können Betroffene nur eines tun: guten Rat einholen und gemeinsam mit Fachleuten eine Entscheidung treffen. Dabei gilt: Ablehnen darf man einen Eingriff immer. Etminan betont: „Beobachten heißt viel mehr als einfach nichts tun. Wenn wir ein bisher weniger gefährliches Aneurysma regelmäßig untersuchen, ist die Hauptgefahr bereits gebannt.“ Mögliche Verschlechterungen werden dann zeitnah bemerkt.