Ängste sind ein natürlicher Bestandteil der kindlichen und jugendlichen Entwicklung. Sie dienen als Alarmsignal und helfen, Gefahren zu erkennen und angemessen zu reagieren. Allerdings können Ängste auch über das normale Maß hinausgehen und zu einer Angststörung werden. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Ursachen von Angst bei jungen Menschen und gibt Hinweise, wie Eltern und Fachkräfte helfen können.
Einführung in die Angstwelt junger Menschen
Kinder und Jugendliche verspüren häufiger Ängste als Erwachsene, da sich ihr Angstempfinden erst noch entwickeln muss. Diese Ängste sind jedoch selten so schwerwiegend, dass man von einer krankhaften Angststörung sprechen kann. Es ist wichtig zu verstehen, dass Angst ein wichtiger Teil der menschlichen Gefahrenabwehr ist. Sie löst Reaktionen aus, die angemessene Vorsicht oder einen Fluchtreflex ermöglichen.
Häufige Angstformen im Kindes- und Jugendalter
Es gibt verschiedene Formen von Ängsten, die bei Kindern und Jugendlichen auftreten können:
Trennungsangst
Trennungsängste entwickeln sich gegen Ende des ersten Lebensjahres und sind eine Begleiterscheinung auf dem Weg zur Selbstständigkeit. Das Kind steht im Zwiespalt zwischen dem Bedürfnis nach Nähe und dem Wunsch nach Unabhängigkeit. Trennungsängste können sich in unterschiedlicher Form äußern, wie z.B. Einschlafangst bei Kleinkindern oder Heimweh bei Schulkindern. In manchen Fällen reagieren Kinder mit körperlichen Symptomen wie Bauchschmerzen oder Übelkeit. Kinder im Alter zwischen ungefähr 7 Monaten und dem Vorschulalter können Angst haben, sich von der Mutter/dem Vater zu trennen insbesondere in einer ungewohnten Umgebung. Das gehört beim Großteil der Fälle zu einem normalen Entwicklungsprozess. Wenn Kinder jedoch dazu übergehen, ständig die Anwesenheit der Mutter/des Vaters zu kontrollieren oder sich weigern, in den Kindergarten oder in die Schule (Schulvermeidung) zu gehen, deutet dies auf problematische Trennungsängste hin. Trennungsängste können nach einem belastenden Ereignis wie dem Tod eines Haustiers oder eines Verwandten, einem Kindergarten-/Schulwechsel oder einem Umzug in eine neue Umgebung bevorzugt auftreten. Ein Kind oder Jugendlicher mit schweren Trennungsängsten könnte die folgenden Auffälligkeiten zeigen: Konstante Gedanken und Ängste bezüglich der eigenen Sicherheit und/ oder der der Eltern Vermeidung des Kindergarten/ Schulbesuchs Vermeidung des alleinigen Besuchs von Freunden Häufige Magenschmerzen und andere körperliche Beschwerden Starke Ängste außerhalb des Elternhauses zu übernachten Sehr anhängliches Verhalten zu Hause Panik oder Anfälle ("Koller", "Rappel") bei der Trennung von den Eltern
Magische Angst
Zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr entwickeln Kinder eine lebhafte Fantasie. Die Furcht vor Gespenstern oder Monstern kann zu belastenden Angstzuständen und Albträumen führen. In dieser Phase verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fantasie.
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Leistungsangst
Zwischen dem 6. und 12. Lebensjahr können sich (parallel mit dem Schuleintritt) Leistungsängste, also der Sorge vor unerfüllbaren Leistungsanforderungen und soziale Angst (soziale Phobie), die mit Scheuheit im Sozialkontakt mit Mitschülern oder Lehrern einhergeht, entwickeln. Zu einer bestehenden Trennungs- oder Verlustangst können diese Ängste auch hinzutreten. Bei Leistungsängsten zeigen betroffene Kinder eine ausgeprägte Prüfungs- und Versagensangst. Dabei bereitet den Kindern weniger die Prüfungssituation an sich Angst, sondern vielmehr ihre gedankliche Vorstellung von einem drohenden Misserfolg. Sie sind bereits lange vor einer anstehenden Prüfung aufgeregt, machen sich große Sorgen und neigen zu extrem pessimistischen Annahmen, dass sie es nicht schaffen werden oder sich blamieren. Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, eine besorgte und bedrückte Stimmung dominieren. Typische körperliche (bzw. psychosomatische) Anzeichen sind Bauchschmerzen, Übelkeit, Durchfall am Morgen des Prüfungstages, Kopfschmerzen, Schweißausbrüche, Zittern, Harndrang, Schlaf- und Konzentrationsstörungen. Bei manchen Jugendlichen kommt es direkt während der Prüfung zu einem „Black-out“; sie können auf einmal nicht mehr richtig denken bzw. sich konzentrieren.
Soziale Angst (Soziale Phobie)
Sozial ängstliche Kinder nehmen sich typischerweise in vielen Lebensbereichen stark zurück, in denen sie fürchten, einer prüfenden Betrachtung ausgesetzt zu sein und die Erwartungen anderer nicht zu erfüllen. Die sozialen Ängste können in den jeweiligen Situationen belastende körperliche und gedankliche Begleiterscheinungen hervorrufen. Die Angstsymptome führen dazu, dass soziale Situationen oder Situationen mit Leistungsanforderungen mit erhöhter emotionaler Belastung verbunden sind und vermieden werden, um sich die damit verbundenen unangenehmen Empfindungen zu ersparen. Geben schulpflichtige Kinder- oder Jugendliche diesem Impuls nach, folgt dieser Schulangst in manchen Fällen die Schulvermeidung.
Generalisierte Angststörung
Eine generalisierte Angststörung wird als sorgenbehafteter Dauerzustand beschrieben, wobei Betroffene nicht immer angeben können, wovor sie eigentlich Angst haben oder was ihnen Sorgen bereitet. Kinder und Jugendliche mit einer generalisierten Angststörung machen sich viele Sorgen um verschiedene alltägliche Dinge. Oft sind diese Sorgen übertrieben und/oder unbegründet. Da die Sorgen in der Regel nicht kontrollierbar sind, können die Kinder die sorgenvollen Gedanken nicht einfach abstellen, sondern müssen kontinuierlich darüber nachdenken.Zu den Symptomen der generalisierten Angststörung gehören nervöse Anspannung, Erwartungsangst und das Bedürfnis nach Bestätigung. Vieles im Lebensumfeld wird als Bedrohung wahrgenommen („Mein Kind hat Angst vor allem“). Betroffene Kinder und Jugendliche sind oft angespannt, vermeiden scheinbar gefährliche Situationen oder leiden unter Nervosität, Konzentrations- und Schlafstörungen - und generell an ihren Sorgen um die Familie oder die Schule.
Panikstörung
Eine Panikstörung ist eine häufige Angststörung bei älteren Jugendlichen, sie kann aber auch im Kindesalter vorkommen. Bei Betroffenen mit einer Panikstörung treten wiederholte, unerwartete oder auch situationsbezogene Panikattacken mit begleitenden körperlichen Symptomen wie "Herzklopfen" oder Erstickungsgefühl auf. Die Attacken können Minuten bis zu Stunden dauern und treten oft ohne Vorwarnung auf.
Angst im Zusammenhang mit Depressionen
Auch Kinder mit einer Depression leiden häufig unter Ängsten. Depressive Kindergartenkinder zeigen oft eine starke Trennungsangst und eine verminderte Selbstständigkeit, ältere Kinder haben Angst vor dem Tod und beschäftigen sich übermäßig damit. Neben den Ängsten haben depressive Kinder weitere Symptome, beispielsweise weinen sie manchmal ohne ersichtlichen Grund, trauen sich nichts zu, wirken bedrückt und oder gereizt.
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Ursachen von Angststörungen
Die Ursachen von Angststörungen sind vielfältig und komplex. Es gibt nicht die eine einzelne Ursache, sondern vielmehr ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren:
Genetische Faktoren
Experten gehen von einer erblichen Veranlagung aus, die Angststörungen begünstigt. Die Anpassungsfähigkeit an neue Reize, die emotionale Erregbarkeit und die Reaktionsweise des Nervensystems sind zu einem gewissen Grad angeboren. Angststörungen betreffen daher häufig Kinder, bei denen ein Elternteil vergleichbare Probleme hat oder hatte. Aus rein medizinischer Sicht geht man davon aus, dass nicht ein einzelnes, sondern mehrere Gene für Angsterkrankungen verantwortlich sein können. Untersuchungen haben ergeben, dass Verwandte ersten Grades von an Angststörungen Leidenden öfter als andere Menschen, die nicht dieser Konstellation ausgesetzt sind, selbst mit dauerhaften Ängsten leben. Dies wird allerdings eingeschränkt durch die Annahme, dass diese Betroffenen mit ihren Verwandten ersten Grades in Eltern-Kind-Beziehung stehen und hier auch die soziale Prägung wieder einen beträchtlichen Einfluss geltend macht.
Biologische Faktoren
Auch biologische Faktoren sind stark in Betracht zu ziehen. Hierbei konzentriert man sich vor allem auf das vegetative Nervensystem, das Untersuchungen zufolge bei Angstpatienten eine erhöhte „Empfindlichkeit“ aufweist. Das heißt: Es ist besonders labil, wodurch eine besondere Anfälligkeit für Angststörungen besteht. Dabei gehen Experten davon aus, dass sich verschiedene Botenstoffe (Neurotransmitter) wie beispielsweise Serotonin und Noradrenalin nicht mehr im Gleichgewicht befinden. Auch das limbische System, das als „Zentrum“ unserer Emotionen gilt, kann eine Rolle spielen. Sie sprechen von Fehlfunktionen in der Kommunikation zwischen Hypothalamus, Amygdala und Hippocampus. Der Hypothalamus verarbeitet und filtert äußere Reize. Fehler in der Funktion oder Kommunikation mit anderen Gehirnregionen können Angstreaktionen vorschnell auslösen. Eine Art Übererregung des noch nicht voll entwickelten Nervensystems während des Schlafs löst einen Nachtschreck aus. Übermüdete oder kranke Kinder neigen eher zu der Entwicklung eines Nachtschrecks.
Äußere Einflüsse und Lernerfahrungen
Manche Ängste können auf Lernerfahrungen beruhen. Kinder verbinden in solchen Fällen bestimmte Dinge oder Personen mit einem angsteinflößenden Erlebnis - ohne dass in der Realität ein Zusammenhang bestehen muss. Oder es haben einschneidende Ereignisse stattgefunden wie Todesfälle, Trennung der Eltern oder schwere Erkrankungen in der Familie. Andere Kinder haben tatsächlich bedrohliche Situationen durchlebt, beispielsweise eine Begegnung mit einem aggressiven Hund, und entwickeln im Anschluss eine Phobie. Traumatisierende Erlebnisse oder starke psychosoziale Stressbelastungen können vor allem für generalisierte Angststörungen und Panikattacken verantwortlich sein. Treten seelisch belastende Ereignisse und existenzielle Krisen (wie beispielsweise Trennungen vom Partner oder der Verlust des Arbeitsplatzes) auf, kann diese Überforderung mit der Lebenssituation ein wesentlicher Faktor für das Herausbilden einer ernsthaften und andauernden Angsterkrankung sein. Dies kann sich soweit steigern, dass viele alltägliche Situationen - durch eine sehr geringe seelische Stabilität und latente Verunsicherung - mit Ängsten besetzt werden. Die Betroffenen sind so einem permanenten seelischen Stress und Leidensdruck ausgesetzt.
Erziehungsstil
Auch das elterliche Erziehungsverhalten spielt eine Rolle. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass das Risiko für eine Angststörung sowohl durch eine überbehütende und kontrollierende Erziehung als auch durch wenig emotionale Nähe und Sensibilität gegenüber dem Kind gesteigert wird. Auf Drohungen zur Durchsetzung von Erziehungszielen sollte man verzichten: Kinderschreckfiguren wie der Butzemann, mit denen Eltern früher häufig gedroht haben, fördern kindliche Ängste zusätzlich.
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Was können Eltern tun?
Wenn Kinder sich vor der Dunkelheit, dem Alleinsein, Stürmen, Tieren, Monstern oder Fremden fürchten, können die Eltern durch tröstende Zuwendung und körperliche Nähe zunächst dem akuten Angstzustand seine Bedrohlichkeit nehmen. Im nächsten Schritt können sie ihrem Kind anbieten, gemeinsam der Ursache für die Angst auf den Grund zu gehen. Kindern Angst zu nehmen, erfordert Geduld und achtsame Unterstützung. Es ist wichtig, die Ängste des Kindes ernst zu nehmen und sich keinesfalls darüber lustig zu machen. Sprechen Sie mit Ihrem Kind über die Ängste. Aussagen wie: „Davor brauchst du doch keine Angst zu haben!“ zeigen wenig Verständnis und sind deshalb nicht hilfreich. Besprechen Sie die schwierigen Situationen mit Ihrem Kind und üben sie, diese zu bewältigen. Fördern Sie die Autonomie Ihres Kindes. Geben Sie ihm ausreichend Zeit und Gelegenheit, Probleme selbst zu lösen. Reden Sie Ihrem Kind die Angst nicht aus, sondern machen Sie deutlich, dass es wichtig ist, sich der Situation zu stellen. Unterstützen Sie Gedanken wie: „Ich schaffe das!“ Loben Sie Ihr Kind, wenn es eine Situation bewältigt hat. Magischen Ängsten kann man außerdem begegnen, indem man sich auf die kindliche Fantasie einlässt und konkrete Maßnahmen gegen Monster unternimmt, etwa Monsterfallen oder -stoppschilder. Um die Angst vor Dunkelheit abzumildern, helfen Schlaflichter oder ein offener Türspalt.Treten die nächtlichen Anfälle häufig auf, sollten Eltern ihrem Kinder- und Jugendarzt davon berichten. Er kann gegebenenfalls zu einem Kinder- und Jugendpsychiater überweisen.
Es geht bei der Überwindung kindlicher Ängste darum, durch angeleitete Konfrontation den Kreislauf, der sich aus der Angstvermeidung ergibt, zu durchbrechen. Eine Überbehütung oder „Überunterstützung“ durch die Eltern kann diesen Teufelskreis und damit die Angst des Kindes noch verstärken. Für Eltern kann es stressig sein, normale Kinderängste auszuhalten - dennoch sollten sie die Auseinandersetzung suchen.Es kommt also darauf an, sein Kind in der Auseinandersetzung mit der Angst zu ermutigen, ohne es zu überfordern. Bei normalen, entwicklungsbedingten Ängsten kann Konfrontation hilfreich sein, bei Angststörungen kann sie die Situation aber verschlimmern. Bei krankheitswertigen Ängsten ist es deshalb nicht ratsam, Ihr Kind zu nötigen, sich dem Auslöser seiner Angst zu stellen. Wenn dadurch die Ängste noch verstärkt werden, sollte dieser Ansatz nicht weiterverfolgen.
Wann sollte man professionelle Hilfe suchen?
- Wenn sich die kindlichen Ängste hartnäckig halten und die Angst im Leben Ihres Kindes überhandnimmt.
- Wenn Kinder dazu übergehen, ständig die Anwesenheit der Mutter/des Vaters zu kontrollieren oder sich weigern, in den Kindergarten oder in die Schule (Schulvermeidung) zu gehen.
- Wenn ein Kind oder Jugendlicher mit schweren Trennungsängsten die folgenden Auffälligkeiten zeigt: Konstante Gedanken und Ängste bezüglich der eigenen Sicherheit und/ oder der der Eltern, Vermeidung des Kindergarten/ Schulbesuchs, Vermeidung des alleinigen Besuchs von Freunden, Häufige Magenschmerzen und andere körperliche Beschwerden, Starke Ängste außerhalb des Elternhauses zu übernachten, Sehr anhängliches Verhalten zu Hause, Panik oder Anfälle ("Koller", "Rappel") bei der Trennung von den Eltern.
- Wenn Sie unsicher sind, welches Verhalten das richtige ist, oder wenn Sie eine Angststörung vermuten.
- Wenn die Ängste von Kindern und Jugendlichen einen altersunüblichen Schweregrad aufweisen.
- Wenn neben den Ängsten weitere Symptome wie depressive Verstimmungen auftreten.
Anlaufstellen für professionelle Hilfe
- Kinderarzt
- Schulpsychologe
- Kinder- und Jugendpsychiater
- Psychotherapeut
Behandlung von Angststörungen
Bei der Behandlung von Angststörungen sind psychotherapeutische Verfahren mit einer umfassenden Elternberatung das häufigste Heilverfahren. Eine wichtige Rolle spielt die sogenannte Kognitive Verhaltenstherapie, bei der unter anderem beruhigende Verhaltensweisen bei Angst erlernt werden. Meistens reicht eine ambulante Behandlung ohne Medikamente aus. Nur bei einer besonders stark ausgeprägten Störung ist zur Unterstützung der Psychotherapie eine medikamentöse Behandlung oder auch eine teilstationäre oder stationäre Behandlungsform sinnvoll.
Psychotherapie
In der Therapie werden die Jugendlichen zum Experten für ihr Problem. Sie lernen, sich schrittweise mit der Angst zu konfrontieren und dabei erlernte Strategien anzuwenden, um mit ihr im Alltag umzugehen. Die Eltern werden beraten, um die Symptomatik zu verstehen und das Kind im Alltag optimal zu unterstützen. Je nach Angst und Kontext kann ein Austausch mit Kindergarten und Schule sinnvoll sein.
Medikamente
Medikamente kommen nur dann zum Einsatz, wenn die psychotherapeutischen Behandlungsversuche nicht ausreichend erfolgreich sind - oder wenn die Angst besonders schwer ist und den Alltag stark einschränkt. Zur Behandlung von Angststörungen gibt es verschiedene Medikamente. Panikstörung, Agoraphobie, generalisierter Angststörung und soziale Phobie werden vor allem mit Antidepressiva aus der Gruppe der Selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (SNRI) behandelt.Die Medikamente machen nicht abhängen, benötigen aber eine gewisse Zeit bis sie wirken. Sie können je nach Wirkstoff unterschiedliche Nebenwirkungen verursachen - etwa Übelkeit, Schwindel und sexuelle Störungen, wie Erektionsprobleme und vermindertes sexuelles Verlangen.
Was passiert, wenn Angststörungen unbehandelt bleiben?
Werden Angststörungen früh erkannt, lassen sie sich in der Regel leichter behandeln. Ein langer Krankheitsverlauf, kann den Therapieerfolg ungünstig beeinflussen. Zudem ist es möglich, dass eine erfolgreich behandelte Angststörung später erneut auftritt. Die Symptome können chronisch werden und über Jahre ein Problem darstellen. Auf jeden Fall ist der Alltag mit einer dauerhaften Störung schwer zu bewältigen - das betrifft beispielsweise die Schule, aber auch soziale Beziehungen. Die Teenager ziehen sich vermehrt zurück, im schlimmsten Fall isolieren sie sich sozial. Außerdem zieht die Störung oft weitere psychische Erkrankungen nach sich, wie Depressionen. Und: Wenn Kinder und Jugendliche keinen angemessenen Umgang mit ihrer Angst erlernen, werden sie im Erwachsenenalter selbst zu ängstlichen Modellen für ihre Kinder.
Nachtschreck (Pavor Nocturnus)
Circa 3 bis 6% der Kinder erleben so genannte Nachtschrecke (Pavor nocturnus). Diese treten meist ein bis vier Stunden nach dem Einschlafen auf. Der Nachtschreck lässt die Kinder mit einem Schrei aus dem nächtlichen Tiefschlaf aufschrecken. Sie sind schweißgebadet, nicht ansprechbar und ihr Herz rast vor Angst. Häufig lassen sie sich nicht anfassen und schlagen um sich. Diese Schlafstörung hinterlässt keine Schäden und steht in der Regel nicht in Zusammenhang mit einer psychischen Störung, sondern mit der Entwicklung des Zentralen Nervensystems (ZNS). Eltern sollten leise auf ihr Kind einreden, ihm versichern, dass es in Sicherheit ist und dafür sorgen, dass es sich nicht verletzen kann. Ein Kind in dieser Phase aufzuwecken, ist wenig sinnvoll, da es dann orientierungslos sowie verwirrt ist und schwer wieder einschläft.
Aktuelle Forschungsergebnisse zu Angststörungen
Forscher der University of Utah Health haben entdeckt, dass Angst nicht allein in den Nervenzellen entsteht. Auch Immunzellen im Gehirn spielen dabei eine zentrale Rolle. Diese Zellen, sogenannte Mikroglia, gelten eigentlich als die „Wächter“ des Gehirns. Sie beseitigen Abfallstoffe und schützen das Nervensystem vor Entzündungen. Doch offenbar beeinflussen sie auch Gefühle - sehr direkt sogar. Die Forschungsarbeit beschreibt zwei Zelltypen, die Angst wie Gas und Bremse steuern. Etwa drei Viertel der Mikroglia gehören zur sogenannten Nicht-Hoxb8-Gruppe, ein Viertel zur Hoxb8-Gruppe. Trotz ähnlicher Gene übernehmen sie gegensätzliche Aufgaben. Hoxb8-Mikroglia drosseln übermäßige Angst (Bremse). Nicht-Hoxb8-Mikroglia verstärken Angst und Stressverhalten (Gas). Die Experten entwickelten aus ihren Ergebnissen das sogenannte „Gaspedal/Bremse“-Prinzip. Angst entsteht demnach aus dem Zusammenspiel beider Zelltypen. Nur wenn Gas und Bremse im Gleichgewicht sind, bleibt das System stabil.
Selbsthilfemaßnahmen
Ergänzend zu professioneller Hilfe können auch Selbsthilfemaßnahmen zur Besserung der Symptome beitragen:
- Körperliche Aktivität und Sport
- Vermeidung von zu viel Alkohol, Nikotin und Koffein
- Entspannungstechniken
- Internetbasierte Therapie zur Überbrückung bis zum Therapiebeginn oder therapiebegleitend
- Austausch in Selbsthilfegruppen
Resilienz stärken
Gerade im Kindesalter ist es wichtig, die Resilienz zu stärken, denn die frühen Lebensjahre legen den Grundstein für die psychische Gesundheit und das Selbstvertrauen im späteren Leben. Eltern können das Selbstbewusstsein und die Autonomie ihres Kindes stärken, indem sie ihm genügend Freiraum geben, Probleme selbst zu bewältigen und altersentsprechende Aufgaben zu übernehmen.
Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen auf hohem Niveau
Der DAK-Kinder- und Jugendreport zeigt, dass 2024 rund 22 von 1.000 DAK-versicherten Kindern und Jugendlichen zwischen fünf und 17 Jahren mit einer Angststörung behandelt wurden. Das entspricht hochgerechnet bundesweit rund 230.000 Kinder und Jugendlichen. Seit 2021 bleiben die Zahlen in allen Altersgruppen auf einem konstant hohen Niveau. Das zeigt sich besonders deutlich bei jugendlichen Mädchen: 2024 mussten 66,5 von 1.000 Mädchen mit einer Angststörung ambulant oder stationär versorgt werden, insbesondere mit sozialen Phobien und Panikstörungen. Im Vergleich mit dem letzten Vorpandemiejahr ist das ein Plus von 53 Prozent.