Animationsfilme sind längst nicht mehr nur etwas für Kinder. Sie haben sich zu einem Medium entwickelt, das komplexe Themen auf eine zugängliche und oft überraschend tiefgründige Weise behandeln kann. Besonders im Bereich der Psychologie gibt es eine Reihe von Animationsfilmen, die sich auf intelligente und ansprechende Weise mit den inneren Welten des Menschen auseinandersetzen.
Depression und ihre Darstellung im Animationsfilm
Depression ist eine weit verbreitete psychische Erkrankung, von der jeder Zehnte im Laufe seines Lebens betroffen ist. Animationsfilme können dazu beitragen, das Verständnis für diese Krankheit zu fördern und zu entstigmatisieren.
Ein kurzer, animierter Film von Nature geht den Fragen nach, was im Gehirn von depressiven Menschen passiert und welche Behandlungsformen es gibt. Der Film beschreibt, dass im Gehirn von depressiven Menschen Auffälligkeiten zu finden sind. So reagiert beispielsweise die Amygdala, die Emotionen verarbeitet, übertrieben stark auf negative Erlebnisse. Chronischer Stress, der bei dieser extrem belastenden Erkrankung eine große Rolle spielt, führt dazu, dass die Verbindungen zwischen Nervenzellen weniger plastisch sind. Dies kann dazu führen, dass der Hippocampus seiner Aufgabe, die Stressantwort des Körpers zu regulieren, nicht mehr richtig nachkommt. Es entsteht ein Teufelskreis: Stress führt zu noch mehr Stress.
Es ist wichtig zu betonen, dass viele dieser Beobachtungen auf zellulärer Ebene an Mäusen gemacht wurden und es bislang unklar ist, inwieweit sie auf Menschen mit Depressionen zutreffen.
"Alles steht Kopf" (Inside Out): Ein Blick in die Kommandozentrale der Emotionen
Pixar hat sich mit "Alles steht Kopf" (Inside Out) getraut, schwierige Themen wie Traurigkeit und den Verlust von Identität in einem quietschbunten Animationsfilm für Kinder zu verarbeiten - und das mit großem Erfolg.
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Der Film erzählt die Geschichte der elfjährigen Riley, die mit ihren Eltern von Minnesota nach San Francisco zieht. Die Trennung von ihrer besten Freundin und ihrem Eishockeyteam setzt ihr zu und bringt die fünf Grundemotionen in ihrem Kopf in Bedrängnis: Freude, Kummer, Wut, Angst und Ekel.
Freude, die normalerweise die Wortführerin ist, verliert an Bedeutung, während Kummer immer stärker wird. Bei einem Handgemenge werden Freude und Kummer in entlegenere Regionen von Rileys Verstand gezogen, und das Chaos nimmt seinen Lauf. Auf ihrer Reise durch das Langzeitgedächtnis, die Traumfabrik und das Unterbewusstsein entdeckt Freude, wie wichtig auch Kummer für Rileys Psyche ist und dass Traurigsein einen reinigenden Effekt haben kann.
"Alles steht Kopf" bietet allen Altersgruppen etwas. Kinder erfreuen sich an den skurrilen Charakteren und den Slapstick-Einlagen, während Erwachsene sich über witzige Szenen wie das Entsorgen nicht mehr benötigter Erinnerungen im Langzeitgedächtnis amüsieren können.
Obwohl die Macher von renommierten Experten beraten wurden, ist "Alles steht Kopf" kein psychologisches Lehrstück. Die im Film dargestellten "Inseln der Persönlichkeit" sind aus wissenschaftlicher Sicht irreführend, und das Unterbewusste wird nur aus Ängsten bestehend dargestellt. Dennoch gelingt es dem Film, auf anschauliche Weise zu zeigen, wie Emotionen unser Leben beeinflussen und wie wichtig es ist, alle Emotionen anzunehmen und zu verarbeiten.
Die Neurowissenschaft des Filmeschauens
Filme sind komplexe visuelle Reize, die verschiedene Bereiche unseres Gehirns ansprechen. US-Neurowissenschaftler haben untersucht, was genau im Gehirn passiert, wenn man Filme anschaut und wie die einzelnen Areale auf die verschiedenen Reize reagieren.
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In einer Studie sahen sich 176 junge Erwachsene im Labor eine Stunde lang Szenen aus verschiedenen Filmen an, während ihre Gehirnaktivität mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) aufgezeichnet wurde. Die Analyse ergab 24 verschiedene Netzwerke, die mit der sensorischen oder kognitiven Verarbeitung verbunden sind, also dem Erkennen von Gesichtern und Bewegung, Orten und Action.
Es zeigten sich deutliche Unterschiede in der Wahrnehmung und Verarbeitung der Filmszenen. Bei Dialogen oder Handlungen wurde die rechte Hemisphäre stärker angesprochen, während die linke Gehirnhälfte stärker auf Objekte reagierte. Schwierig verständliche oder mehrdeutige Inhalte führten zu einer erhöhten Aktivität im präfrontalen Kortex, der für Problemlösung, Priorisierung und Planung zuständig ist.
Diese Ergebnisse zeigen, dass das Anschauen von Filmen eine komplexe kognitive Leistung ist, die verschiedene Bereiche unseres Gehirns beansprucht.
Individuelle Wahrnehmung von Filmen
Gemeinsam einen Film im Kino schauen bedeutet nicht, dass alle Zuschauer dasselbe sehen. Forschende der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) haben herausgefunden, dass individuelle Augenbewegungen verschiedene Versionen desselben Films erzeugen können.
Anhand der Messung der Augenbewegungen und der Gehirnaktivität bei 19 Freiwilligen stellten die Forschenden fest, dass ein Film in jedem Kopf anders abläuft. Das Gehirn spiegelte ein unterschiedliches Erleben der gesehenen Inhalte wider, die zum Teil anhand der individuellen Augenbewegungen vorhergesagt werden konnten.
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Prof. Ben de Haas vom Institut für Experimentelle Psychologie der JLU erklärte: "Bisher wurden Augenbewegungen als einfache Reaktion auf das betrachtet, was vor uns geschieht. Aber neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass das nicht die ganze Geschichte ist: Augenbewegungen sind so einzigartig wie Persönlichkeitsmerkmale. Manche Menschen konzentrieren sich mehr auf Gesichter, während andere von Text oder anderen Elementen angezogen werden."
Diese Erkenntnisse unterstreichen die subjektive Natur der Filmerfahrung und zeigen, dass jeder Mensch Filme auf seine eigene, einzigartige Weise wahrnimmt.
Der Nervenkitzel des Horrors: Warum wir uns gerne gruseln
Horrorfilme versetzen unser Gehirn in Alarmbereitschaft, obwohl wir sicher auf dem Sofa sitzen. Warum wir beim Horrorfilm zittern - und viele es trotzdem genießen -, erklären Experten wie Prof. Dr. Dr. René Hurlemann und Dr. Wolter.
"Wenn wir einen Horrorfilm sehen, reagiert unser Körper, als wären wir wirklich in Gefahr", erklärt Hurlemann. "Im Gehirn schlägt das Furchtzentrum, die sogenannte Amygdala, Alarm. Der Puls steigt, die Muskeln spannen sich an, die Sinne sind geschärft. Gleichzeitig erkennt der Verstand, dass keine echte Bedrohung besteht - und hilft, die Angst wieder zu dämpfen."
Dieses Wechselspiel aus Schreck und Erleichterung löst im Körper eine Art Gefühlsrausch aus. Wenn die Anspannung nachlässt, schüttet das Gehirn Dopamin aus - den Botenstoff für Freude und Belohnung. Psychologisch spricht man hier von "Sensation Seeking" - also der Suche nach intensiven Reizen.
Wer häufig Horrorfilme schaut, kann sich tatsächlich ein Stück weit daran gewöhnen. Das Gehirn reagiert weniger heftig auf angstauslösende Reize. Zu häufiges Gruseln könne jedoch zu einer Art emotionaler Abstumpfung führen.
Es gibt Hinweise darauf, dass Horrorfilme eine Emotionsregulationsfunktion haben können - also beim "Training" helfen, sich von Angstgefühlen zu distanzieren. Man setzt sich bewusst etwas Beängstigendem aus und lernt dabei: Ich kann das aushalten, und ich bin nicht in realer Gefahr.
Animationsfilme für Erwachsene: Eine Vielfalt an Themen
Neben Depressionen und Emotionen gibt es eine Vielzahl weiterer psychologischer Themen, die in Animationsfilmen für Erwachsene behandelt werden. Dazu gehören:
- Burnout: Animationsfilme können aufzeigen, wie Stress, Leistungsdruck und Versagensängste zu einem psychischen und physischen Erschöpfungszustand führen können.
- Angststörungen: Animationsfilme können die verschiedenen Ausprägungen von Angststörungen darstellen und den Betroffenen helfen, sich mit ihren Gefühlen auseinanderzusetzen.
- Demenz: Animationsfilme können auf sensible Weise das Leben mit Demenz in Familien darstellen und das Verständnis für die Erkrankung fördern.
- ADHS im Erwachsenenalter: Animationsfilme können aufzeigen, wie sich ADHS im Erwachsenenalter äußert und welche Herausforderungen damit verbunden sind.
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