Anti-Migräne-Spritze: Aktuelle Informationen zu Anwendung, Wirkung und Erstattung

Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die von heftigen Kopfschmerzen, oft begleitet von Übelkeit, Erbrechen und Lichtempfindlichkeit, gekennzeichnet ist. Für viele Betroffene bedeuten häufige Migräneattacken eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität. Glücklicherweise haben Fortschritte in der medizinischen Forschung zu neuen Therapieansätzen geführt, darunter die sogenannten Anti-Migräne-Spritzen. Diese enthalten monoklonale Antikörper, die gezielt in die Entstehung von Migräneanfällen eingreifen.

Was sind Anti-Migräne-Spritzen?

Als Migräne-Spritzen werden Medikamente bezeichnet, die in Form von Fertigpens zur Verfügung stehen. Diese Einwegspritzen sind bereits mit der Injektionslösung befüllt. Umgangssprachlich sind mit dem Ausdruck „Migräne-Spritze“ aber monoklonale Antikörper gemeint. Derzeit sind in Deutschland vier Wirkstoffe zugelassen, die alle zur Gruppe der CGRP-Antikörper gehören:

  • Erenumab (Handelsname Aimovig®): Ein humaner monoklonaler Antikörper, der alle vier Wochen unter die Haut gespritzt wird.
  • Galcanezumab (Handelsname Emgality®): Wird einmal monatlich unter die Haut gespritzt.
  • Fremanezumab (Handelsname Ajovy®): Kann entweder einmal monatlich oder alle drei Monate unter die Haut gespritzt werden.
  • Eptinezumab (Handelsname Vyepti®): Wird alle 12 Wochen intravenös als Infusion verabreicht.

Seit dem 1. März 2025 ist zusätzlich der CGRP-Antagonist Atogepant (Aquipta®) verfügbar, der oral verabreicht wird.

Wie wirken Anti-Migräne-Spritzen?

Die in den Spritzen enthaltenen monoklonalen Antikörper wirken, indem sie an den Botenstoff Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) oder dessen Rezeptor binden und diese Bindungsstellen inaktivieren. Aufgrund ihrer spezifischen Wirkung werden Sie als CGRP-Antikörper bezeichnet.

CGRP spielt eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Migräne-Anfällen, da es gefäßerweiternd und entzündungsfördernd wirkt. Viele Menschen, die unter Migräne leiden, produzieren diesen Botenstoff im Überschuss. Die monoklonalen Antikörper unterbrechen den Signalweg an einer bestimmten Stelle und verhindern so das Auftreten einer Migräne-Attacke.

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Aufnahme, Abbau und Ausscheidung

CGRP-Antikörper werden im Körper sehr langsam abgebaut. Es reicht deshalb aus, wenn man sie - je nach Präparat - monatlich oder sogar nur alle drei Monate verabreicht. Erenumab, Fremanezumab und Galcanezumab werden über das Unterhautfettgewebe aufgenommen, während Eptinezumab direkt in die Blutbahn injiziert werden muss.

Für den Abbau der CGRP-Antikörper sind eiweißspaltende Enzyme verantwortlich. Sie zerlegen die Antikörper in ihre Einzelteile, die anschließend wiederverwertet oder vom Körper ausgeschieden werden.

Anwendungsgebiete der Migräne-Spritze

Die Migräne-Spritze wird bei Erwachsenen zur Vorbeugung von Migräne angewendet, die an mindestens vier Tagen pro Monat auftritt.

Anwendung der Anti-Migräne-Spritze

Wie die Migräne-Spritze anwendet wird, hängt vom jeweiligen Präparat ab. Ihr Arzt zeigt Ihnen die korrekte Handhabung. Außerdem wird er den Behandlungserfolg regelmäßig überprüfen und gemeinsam mit Ihnen besprechen.

  • Erenumab: Spritzen Sie eine Einzeldosis Erenumab alle vier Wochen unter die Haut. Der Fertigpen enthält normalerweise 70 Milligramm Injektionslösung. Reicht die Menge nicht aus, kann Ihnen Ihre Ärztin oder Ihr Arzt auch 140 Milligramm verordnen. Injizieren Sie Erenumab in den Bauch oder Oberschenkel. Wenn Ihnen eine andere Person Erenumab verabreicht, kann das Medikament auch in die Außenseite des Oberarms gespritzt werden.
  • Galcanezumab: Die Behandlung mit Galcanezumab beginnt mit einer Anfangsdosis von 240 Milligramm. Anschließend werden alle vier Wochen 120 Milligramm unter die Haut gespritzt. Sie können Galcanezumab in den Bauch oder den Oberschenkel injizieren. Wenn Ihnen eine andere Person die Spritze verabreicht, ist dies auch an der Außenseite des Oberarbs oder im Gesäßbereich möglich.
  • Fremanezumab: Fremanezumab ist in zwei Dosierungen erhältlich: Erfolgt die Injektion monatlich, erhalten Betroffene 225 Milligramm. Bei Anwendung alle drei Monate werden 675 Milligramm (aufgeteilt in drei Pens / Spritzen) verabreicht. Fremanezumab soll in den Bauch, Oberschenkel oder Oberarm gespritzt werden.
  • Eptinezumab: Eptinezumab muss - im Gegensatz zu den drei anderen CGRP-Antikörpern - von medizinischem Fachpersonal verabreicht werden. Der Wirkstoff wird nicht in das Unterhautfettgewebe gespritzt, sondern als intravenöse Infusion verabreicht. Normalerweise werden 100 Milligramm Eptinezumab als intravenöse Infusion alle 12 Wochen gegeben. Ihre Ärztin oder Ihr Arzt kann diese Dosis bei Bedarf auf 300 Milligramm steigern. Eine Infusion dauert ungefähr 30 Minuten.

Wechseln Sie bei allen Präparaten zur Selbstinjektion regelmäßig die Einstichstelle. Wenn Sie eine Injektion vergessen, holen Sie diese möglichst rasch nach. Spritzen Sie in keine geröteten oder verhärteten Hautareale.

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Gegenanzeigen

Migräne-Spritzen darf man im Allgemeinen nicht anwenden, wenn man überempfindlich oder allergisch auf den Wirkstoff oder einen anderen Bestandteil des Medikaments reagiert. Auch Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sowie Schwangere und Stillende sollen nicht mit Migräne-Spritzen behandelt werden. Bei bestimmten schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen und anderen schweren Begleiterkrankungen ist besondere Vorsicht geboten; die Entscheidung für die Behandlung sollte daher immer individuell durch einen erfahrenen Neurologen oder eine Neurologin erfolgen.

Wechselwirkungen

Es sind keine Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten bekannt.

Nebenwirkungen

Betroffene berichteten über Rötungen an der Einstichstelle oder Verstopfung als typische Nebenwirkungen, so die Erfahrung der Neurologin. Daten legen zudem eine erhöhte Infektanfälligkeit nahe. Nach bisheriger Studienlage ist die Therapie jedoch wirksam. Nebenwirkungen der bisherigen migränevorbeugenden Mittel wie etwa Gewichtszunahme, Stimmungsveränderungen, Müdigkeit, Antriebsreduktion oder Benommenheit sind laut Schmerzklinik Kiel nicht zu erwarten. Ob sich diese Einschätzung bestätigt, müssen weitere Studien zeigen.

Erstattung durch die Krankenkasse

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten von rund 400 Euro pro Spritze nur, wenn herkömmliche Therapien nicht geholfen haben. Ein Grund, warum die Krankenkassen so hohe Hürden vor Erstattung der Therapie eingebaut haben, sind die hohen Kosten der Migräne-Spritze.

Zugelassen ist die Antikörpertherapie für Erwachsene mit Migräne ab vier Schmerztagen im Monat.

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Voraussetzungen der Erstattung

Der Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) sieht eine Übernahme der Therapiekosten durch die gesetzliche Krankenversicherung bei Patienten mit episodischer Migräne vor, wenn mindestens die folgenden 5 zugelassenen medikamentösen Prophylaktika Betablocker (Metoprolol oder Propranolol), Flunarizin, Topiramat, Valproinsäure und Amitriptylin nicht wirksam waren, nicht vertragen wurden oder wenn gegen deren Einnahme Kontraindikationen oder Warnhinweise bestehen.

Bei Patienten mit chronischer Migräne wird als zusätzliches Kriterium empfohlen, dass diese nicht auf eine Therapie mit OnabotulinumtoxinA angesprochen haben.

Erenumab (Aimovig®) kann aufgrund des nachgewiesenen Zusatznutzens sowie der vereinbarten Praxisbesonderheit bereits eingesetzt werden, wenn die Therapie mit mindestens einem der oben genannten Wirkstoffe erfolglos war oder dieser nicht vertragen wurde oder wenn keiner der genannten Wirkstoffe geeignet ist. Die Nichteignung ist zu dokumentieren.

Für Fremanezumab (Ajovy®) und Galcanezumab (Emgality®) gilt die Praxisbesonderheit ebenfalls in der Patientengruppe mit Zusatznutzen, d. h. wenn die Therapie mit keinem der oben genannten Wirkstoffe erfolgreich war bzw.

Vergleich der Migräne-Antikörper

Mittlerweile sind vier Migräne-Antikörper in Deutschland zugelassen: Eptinezumab (Vyepti®), Erenumab (Aimovig®), Fremanezumab (Ajovy®) und Galcanezumab (Emgality®). Die innovativen Antikörper beugen Migräneattacken wirksam und verträglich vor, indem sie einen wichtigen entzündungsfördernden Botenstoff, CGRP (Calcitonin Gene-related Peptide), ausschalten.

Fehlende vergleichende Studien

Ein direkter Vergleich der monoklonalen Antikörper untereinander ist aufgrund der aktuellen Datenlage nicht möglich. Es fehlen vergleichende Studien, die die einzelnen Wirkstoffe direkt gegeneinander prüfen und so vielleicht zeigen würden, dass einer der Antikörper die Anzahl der Migränetage stärker verringert als ein anderer oder spürbar weniger unerwünschte Nebenwirkungen verursacht.

Metaanalysen

Auch wenn der Vergleich der Antikörper bei episodischer und chronischer Migräne „methodisch kritisch“ sei - die jeweiligen Studien hätten unterschiedliche Ein- und Ausschlusskriterien und unterschieden sich darin, wie die Verringerung der Migränetage berechnet worden seien -, widmen die Migräneexperten diesem Thema dennoch ein extra Kapitel in der Leitlinie. Denn es gibt zumindest Metaanalysen (= Zusammenfassungen mehrerer Studien). Eine, veröffentlicht im Oktober 2021, zeigte tatsächlich für Fremanezumab die höchste Chance, auf eine Therapie anzusprechen (50-%-Responderrate). Diese war für Fremanezumab 2,58-mal so hoch wie für Placebo - gefolgt von Galcanezumab (2,41-mal so hoch wie für Placebo), Erenumab (2,25-mal so hoch wie für Placebo) und Eptinezumab (2,02-mal so hoch wie für Placebo).

Fasse man jedoch alle Metaanalysen zusammen, zeigten sich „keine Unterschiede in der Wirksamkeit der monoklonalen Antikörper“, weder bei der durchschnittlichen Reduktion der monatlichen Migränetage noch bei den Ansprechraten.

Erenumab zeigt deutlichen Zusatznutzen gegenüber Topiramat-Therapie

Zumindest für Erenumab liegen nun aber vergleichende Daten zu Topiramat vor: In der HER-MES-Studie wirkte Erenumab besser und reduzierte die monatlichen Migränetage bei 55,4 Prozent der Migränepatienten um die Hälfte, Topiramat schaffte dies bei 31,2 Prozent. Das hat Konsequenzen für die Erstattung, worin sich die einzelnen Antikörper aktuell unterscheiden: Aufgrund der Ergebnisse der HER-MES-Studie stellte der G-BA für Erenumab einen beträchtlichen Zusatznutzen gegenüber einer Migräneprophylaxe mit Topiramat fest. Deswegen übernimmt die Krankenkasse die Kosten für Erenumab auch ohne Vortherapien mit einem anderen Migräneprophylaktikum.

Fremanezumab und Galcanezumab nur für austherapierte Patienten

Nach Ansicht des G-BA sind Fremanezumab und Galcanezumab nur für austherapierte Patienten sinnvoll, wenn diese auf keine der genannten medikamentösen Therapien mit Metoprolol, Propranolol, Flunarizin, Topiramat, Amitriptylin, Valproinsäure und Clostridium botulinum Toxin Typ A (Letzteres bei chronischer Migräne) angesprochen haben, sich diese Arzneimittel nicht eignen oder die Patienten diese nicht vertragen haben.

Für Eptinezumab ist laut dem G-BA-Beschluss vom 16. Februar 2023 der Zusatznutzen verglichen mit der zweckmäßigen Vergleichstherapie (Metoprolol, Propranolol, Flunarizin, Topiramat, Amitriptylin, Clostridium botulinum Toxin Typ A oder Erenumab) oder nach Versagen dieser Behandlung verglichen mit Erenumab, Fremanezumab oder Galcanezumab nicht belegt.

Wahl des Antikörpers ist individuell abhängig

Für welchen Antikörper sich Arzt und Patienten bei einer indizierten Migräneprophylaxe mit CGRP-Antikörpern (Eptinezumab, Fremanezumab oder Galcanezumab) beziehungsweise CGRP-Rezeptor-Antikörper (Erenumab) entscheiden, ist in vielen Fällen sicher auch abhängig von individuellen Vorlieben. So besteht beispielsweise bei Fremanezumab die Möglichkeit, den Antikörper nur vierteljährlich zu injizieren. Erenumab und Galcanezumab dürfen nur im Vier-Wochen- beziehungsweise Monatsrhythmus verabreicht werden. Für Eptinezumab gilt ebenfalls ein Dosierintervall von zwölf Wochen, allerdings erhalten Migränepatienten diesen Antikörper intravenös.

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