Antidepressiva: Verschreibung, Wirkung und Therapieoptionen

Depressionen sind eine ernstzunehmende Erkrankung, die das Leben vieler Menschen beeinträchtigt. Glücklicherweise gibt es verschiedene Therapieansätze, darunter auch die medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva. Dieser Artikel beleuchtet, wer Antidepressiva verschreiben darf, wie sie wirken, welche Arten es gibt und welche anderen Therapieoptionen in Betracht gezogen werden sollten.

Wer darf Antidepressiva verschreiben?

In Deutschland dürfen Neurologen, Psychiater und Hausärzte Antidepressiva verschreiben. Die Begriffe Psychiater, Psychotherapeut und Psychologe werden im täglichen Sprachgebrauch oft gleichgesetzt, es gibt jedoch einige Unterschiede.

Jede Person, die ein Studium an einer Hochschule im Studiengang Psychologie abgeschlossen hat, darf sich Psychologin oder Psychologe nennen. Inhalt des Studiums ist das "Erleben und Verhalten von Menschen". Das klassische Psychologiestudium berechtigt weder dazu, Medikamente zu verschreiben, noch, eine Psychotherapie wie zum Beispiel die Verhaltenstherapie anzubieten. Für letzteres war lange eine mehrjährige Zusatzausbildung zum psychologischen Psychotherapeuten und eine dafür nötige Zulassung (Approbation) nötig.

Psychiaterinnen und Psychiater haben Medizin studiert und im Anschluss daran eine mehrjährige Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie gemacht. Anders als in der Psychologie, die sich im Wesentlichen mit dem menschlichen Erleben und Verhalten beschäftigt, stehen in der Psychiatrie die körperlichen Aspekte einer Erkrankung im Vordergrund. Dies kann vor allem bei schweren Krankheitsbildern sinnvoll sein, die medikamentös behandelt werden müssen. Dazu zählen zum Beispiel eine Schizophrenie oder eine ausgeprägte Depression. Durch das Medizinstudium ist der Psychiater berechtigt, Medikamente zu verschreiben - zum Beispiel Psychopharmaka wie Antidepressiva. Psychiater dürfen aber auch psychotherapeutisch tätig sein.

Neurologen absolvieren ein klassisches Medizinstudium und eine anschließende Facharztausbildung. Während sich die Psychiatrie vermehrt auf seelische Störungen konzentriert, liegt der Fokus der Neurologie eher auf körperlichen Erkrankungen des Nervensystems, etwa Multiple Sklerose, Alzheimer, Epilepsie oder Parkinson.

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Wie wirken Antidepressiva?

Antidepressiva sind keine Aufputsch- oder Beruhigungsmittel und machen nicht „high“. Sie bewirken eine Abnahme der depressiven Symptome. Antidepressiva wirken nicht sofort wie beispielsweise Schmerztabletten oder Schlafmittel unmittelbar nach der Einnahme. Meist zeigt sich aber innerhalb der ersten zwei Wochen eine erste Besserung der depressiven Symptome. Oft dauert es dann weitere drei bis vier Wochen, bis sich die volle antidepressive Wirkung zeigt.

Es gibt Antidepressiva mit recht unterschiedlichen Wirkungen auf die Botenstoffe im Gehirn. Die Gruppe der SSRI (deutsch: Selektive Serotonin Rückaufnahmehemmer) beispielsweise erhöht die Konzentration von Serotonin im synaptischen Spalt, indem sie einen Mechanismus hemmen, durch den das Serotonin von der Synapse wieder aufgesaugt und aus dem synaptischen Spalt entfernt wird.

Arten von Antidepressiva

Es gibt verschiedene Arten von Antidepressiva, darunter:

  • Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI): Erhöhen die Serotoninkonzentration im Gehirn.
  • Selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI): Erhöhen die Noradrenalin- und Serotoninkonzentration im Gehirn.
  • Trizyklische Antidepressiva (TZA): Beeinflussen verschiedene Neurotransmitter, haben aber oft stärkere Nebenwirkungen.

Individuelle Unterschiede und Dosierung

Welche Dosis der Depressive benötigt, hängt dabei jeweils vom Einzelfall ab. Patienten reagieren ganz unterschiedlich auf die Medikamente, auch deshalb sollte sie der Arzt besonders in der Anfangszeit regelmäßig untersuchen.

Mögliche Nebenwirkungen und Risiken

Antidepressiva sind aber auch nicht unproblematisch. Die harmloseste Nebenwirkung ist Gewichtszunahme, eine weniger harmlose ist die Suizidalität. Menschen reagieren auf Antidepressiva unterschiedlich. Während viele Menschen keine Nebenwirkungen oder nur in den ersten Tagen leichte Nebenwirkungen verspüren, leiden andere unter Nebenwirkungen, die auf Dauer nicht akzeptabel sind. Nebenwirkungen sind zum Beispiel Mundtrockenheit, ein veränderter Blutdruck, Schlaflosigkeit, verminderte Libido oder Erektionsstörungen. Da unterschiedliche Antidepressiva unterschiedliche Nebenwirkungen haben können, kann dann kann eine Umstellung auf ein anderes Antidepressivum sinnvoll sein. Wichtig ist, auftretende Nebenwirkungen dem behandelnden Arzt mitzuteilen. Mit ihm kann der Patient besprechen, wie sehr die Nebenwirkungen beeinträchtigen, und ob gegebenenfalls eine Änderung (zum Beispiel Reduktion der Dosis, anderes Medikament) vorgenommen werden muss.

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Absetzen von Antidepressiva

Antidepressiva dürfen bei Besserung nicht sofort wieder abgesetzt werden, da sonst das Risiko groß ist, dass die Depression zurückkommt, ähnlich wie sich auch nach Absetzen eines Blutdruckmittels der Blutdruck wieder verschlechtern würde. Um langfristig einen Rückfall zu vermeiden, sollten die Antidepressiva auch nach Abklingen der Depression für circa vier bis acht Monate in gleicher Dosierung weiter eingenommen werden.

Wenn Sie das Antidepressivum einfach absetzen, oder die Dosis auf einmal stark senken, kann das vorübergehend Beschwerden auslösen. Diese Beschwerden werden Absetzbeschwerden genannt und haben nichts mit Abhängigkeit zu tun. Diese gesundheitlichen Beeinträchtigungen können innerhalb von 2 bis 4 Tagen nach dem Absetzen auftreten. Außerdem ist es möglich, dass nach einem plötzlichen, d.h. zu schnellem Absetzen die Depression wiederkommt (sog. Welches Vorgehen für Sie geeignet ist, hängt dann von verschiedenen Faktoren ab. Zum Beispiel: Warum soll das Mittel abgesetzt werden? Es gibt bisher nur wenige Studien dazu, wie man Antidepressiva am besten absetzt. Aber aufgrund ihrer Erfahrung empfehlen Fachleute unterschiedliche Vorgehensweisen. Nicht immer ist ein sehr langsames Vorgehen nötig.

  • unzureichende Wirksamkeit: Wenn Ihr Antidepressivum nach 3 bis 4 Wochen keine Wirkung gezeigt hat und Ihnen deshalb ein anderes Medikament verordnet wird, kann das Ausschleichen schnell gehen.
  • am Behandlungsende: Wenn Ihre Depression seit mindestens mehreren Monaten vorbei ist und eine längere Behandlung mit dem Antidepressivum beendet wird, sollte das Ausschleichen mindestens 8 bis 12 Wochen dauern. Wenn bei Ihnen Absetz-Beschwerden auftreten, ist es wichtig, dass Sie wieder die vorherige Dosis erhalten. Dann plant Ihre Ärztin oder Ihr Arzt das Absetzen in noch kleineren Schritten. Aus Expertensicht sind während des Absetzens regelmäßige Arztbesuche empfehlenswert. Auch danach vereinbart Ihre Ärztin oder Ihr Arzt noch weitere Kontrolltermine mit Ihnen.

Weitere Therapieoptionen

Einfach nur eine Tablette schlucken ist nicht der richtige Weg, wenn es um Depressionen geht.

Die wichtigsten Säulen der Behandlung von Depression stellen die Psychotherapie und die Psychopharmakotherapie (= Medikamentenbehandlung) dar. Auch andere therapeutische Angebote und ergänzende Selbsthilfemaßnahmen können zur Verbesserung der Symptomatik beitragen. Der erfolgreiche Umgang mit einer Depression beinhaltet häufig eine Kombination aus den verschiedenen Behandlungsmethoden.

In einer Psychotherapie werden psychische Erkrankungen und ihre Begleiterscheinungen durch Gespräche und Übungen mit einem Psychotherapeuten bzw. einer Psychotherapeutin behandelt. Das konkrete Therapieziel wird vorher gemeinsam festgelegt. Bei leichteren Formen der Depression kann eine Psychotherapie zur Behandlung ausreichend sein, bei schweren Depressionen gilt die Psychopharmakotherapie (= Medikamentenbehandlung) mit Antidepressiva als unverzichtbares Heilverfahren. Oft werden beide Therapieformen kombiniert.

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Viele Patientinnen und Patienten nutzen ergänzende Selbsthilfemaßnahmen. Wissenschaftlich erwiesen ist, dass Sport und Entspannungstechniken einen antidepressiven Effekt aufweisen. Viele Betroffene profitieren auch von Psychoedukation (dem Erwerb von Wissen über die Erkrankung), der Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe oder einer digitalen Selbsthilfeplattform, wie z.B.

Rolle des Hausarztes

Hausärzte und Hausärztinnen sind oft die erste Anlaufstelle - auch bei dem Verdacht auf eine psychische Erkrankung. Neben einem diagnostischen Gespräch wird zumeist auch eine körperliche Untersuchung (z.B. Blutentnahme) durchgeführt, um mögliche organische Ursachen auszuschließen. Bei Bedarf kann an einen Facharzt oder -ärztin (Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatische Medizin) und/oder an einen/eine Psychologischen Psychotherapeuten und -innen, überwiesen werden. Alternativ können Sie den Spezialisten auch direkt ohne Überweisung aufsuchen.

Unterstützung durch Angehörige

Die Krankheit Depression kann eine Person komplett verändern. Sie kann dazu führen, dass eine Partnerin bzw. ein Partner, der früher lebensfroh war, plötzlich niedergeschlagen und antriebslos ist und sich aus der Beziehung zurückzieht. Angehörige der betroffenen Personen fühlen sich oft hilflos und können selbst Schuldgefühle oder gar Ärger auf die erkrankte Person entwickeln. Wenn die Depression länger andauert, kann es zu Überlastung und Erschöpfung bei Angehörigen kommen, da sie den Betroffenen / die Betroffene ggf. bei vielen alltäglichen Aufgaben unterstützen müssen.

Was Angehörige und Freunde tun können:

  • Ziehen Sie einen Arzt/ eine Ärztin zu Rate - ergreifen Sie ggf. die Initiative und vereinbaren Sie den Termin. Sie können Ihren Angehörigen oder Freund/Freundin auch zu dem Termin begleiten.
  • Beschaffen Sie Informationen, die der betroffenen Person helfen, die Hintergründe der Erkrankung und die Wichtigkeit einer Behandlung zu verstehen.
  • Erinnern Sie ihn/sie stets daran, dass die Depression eine Erkrankung ist, die vorübergeht und sich gut behandeln lässt.
  • Seien Sie zurückhaltend mit gut gemeinten Ratschlägen!
  • Lassen Sie sich nicht auf Streit darüber ein, ob seine/ihre negative Sichtweise „objektiv“ gerechtfertigt ist oder nicht.
  • Wenden Sie sich nicht von Ihrem erkrankten Angehörigen ab, auch wenn er/sie Ihnen noch so abweisend erscheint.
  • Achten Sie gut auf sich! Verlieren Sie ihre eigenen Interessen nicht aus den Augen und tuen Sie sich gezielt etwas Gutes.
  • Selbsthilfegruppen oder Online-Angebote wie das Diskussionsforum Depression oder der Familiencoach Depression für Angehörige können für die betroffenen Familienmitglieder oder Freundinnen und Freunde eine wichtige Hilfe sein.

Selbsthilfe

Selbsthilfe kann für Betroffene und Angehörige von depressiv erkrankten Menschen eine wichtige Unterstützung sein.

Es gibt verschiedene Aktivitäten, die zur Selbsthilfe gezählt werden. Psychoedukation (Erwerb von Wissen über die Erkrankung) hilft Betroffene aber auch Angehörigendabei, die Krankheit besser zu verstehen und zu lernen, mit ihr umzugehen. Regelmäßige Kontakte zu Familie und Freunden, eine feste Tagesstruktur sowie regelmäßige Bewegung sind ebenfalls Selbsthilfe und somit eine wichtige Ergänzung zur medikamentösen oder psychotherapeutischen Behandlung.

In Selbsthilfegruppen können sich Betroffene mit anderen Betroffenen austauschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Depression vereinzelt und führt zu sozialem Rückzug. Zuspruch und Unterstützung von Anderen zu erfahren, kann daher sehr heilend wirken. Auch viele Angehörige empfinden den Austausch mit anderen Angehörigen als sehr unterstützend.

Die Depression ist eine Erkrankung, die zuweilen noch immer mit Vorurteilen behaftet ist. Betroffene, aber auch ihre Familienmitglieder und Freunde und Freundinnen zögern oft, sich Hilfe zu suchen oder über die Erkrankung zu sprechen. Die Anonymität einer digitalen Selbsthilfeplattform, wie z.B. dem Diskussionsforum Depression, kann dabei helfen, sich über die Erkrankung auszutauschen und damit Barrieren und Vorurteile abzubauen.

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