Antiepileptika bei Migräne: Ein umfassender Überblick zur Migräneprophylaxe

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, oft sehr starke Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Die Behandlung von Migräne umfasst zwei Hauptansätze: die Akutbehandlung zur Linderung der Symptome während eines Anfalls und die Prophylaxe zur Vorbeugung von Anfällen. Dieser Artikel konzentriert sich auf die Migräneprophylaxe, insbesondere auf die Verwendung von Antiepileptika, und bietet einen umfassenden Überblick über verschiedene Aspekte der vorbeugenden Behandlung.

Wann und warum Migräneprophylaxe?

Die Migräneprophylaxe wird in Betracht gezogen, wenn Migräneattacken die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Dies ist in der Regel der Fall, wenn:

  • Mindestens drei Migräneattacken pro Monat auftreten.
  • Migräneattacken regelmäßig länger als 72 Stunden anhalten.
  • Akutmedikamente nicht ausreichend wirken.
  • Prolongierte Auren auftreten.

Dr. David Dodick, ein führender Migräneexperte, betonte, dass die vorhandenen Prophylaxe-Medikamente oft nicht ausreichend genutzt werden und viele Patienten nicht an spezialisierte Schmerzzentren angeschlossen sind. Eine gut informierte Behandlung kann jedoch vielen Patienten mit chronischer Migräne helfen.

Wie lange sollte man Prophylaxe-Medikamente einnehmen?

Es ist wichtig, die Medikamente über einen ausreichend langen Zeitraum einzunehmen, um ihre Wirksamkeit beurteilen zu können. Viele Betroffene brechen die Behandlung vorzeitig ab, weil sie nicht wissen, dass es bis zu drei Monate dauern kann, bis eine verlässliche Beurteilung möglich ist. Eine ausreichende Dosierung ist ebenfalls entscheidend und wird normalerweise nach der Faustregel "Start low and go slow" langsam erhöht, um Nebenwirkungen zu minimieren.

Wann gilt Migräneprophylaxe als erfolgreich?

Das langfristige Ziel der Migräneprophylaxe ist es, die Häufigkeit, Schwere und Dauer der Anfälle zu reduzieren. Eine medikamentöse Vorbeugung wird in der Regel als erfolgreich angesehen und fortgeführt, wenn die Attackenfrequenz um mindestens 50 % verringert wird. Auch wenn die Intensität der Anfälle nachlässt und einzelne Attacken besser mit der Akutmedikation behandelt werden können, ist dies ein Erfolg. Eine erfolgreiche Prophylaxe wirkt auch der Gefahr des Medikamenten-Übergebrauchs-Kopfschmerzes entgegen, da weniger Akutmedikation benötigt wird.

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Migräneprophylaxe-Medikamente im Überblick

Zur Migräneprophylaxe werden verschiedene Medikamente eingesetzt, die ursprünglich für andere Erkrankungen entwickelt wurden. Dazu gehören:

  • Antiepileptika (zur Behandlung von Epilepsie)
  • Betablocker (bei Bluthochdruck)
  • Kalziumkanalblocker (bei Schwindel)
  • Antidepressiva (bei Depressionen und Angststörungen)
  • Monoklonale Antikörper (speziell für Migräne entwickelt)

Es ist wichtig zu betonen, dass unterschiedliche Migräneprophylaxen nicht einfach hintereinander ausprobiert werden sollten, sondern als zusätzlicher therapeutischer Baustein in einer ärztlich begleiteten und strategisch ausgearbeiteten Behandlung Anwendung finden sollen.

Migräneprophylaxe-Medikamente der ersten Wahl

Als Prophylaxemittel der ersten Wahl gelten:

  • Betablocker (z.B. Metoprolol, Propranolol, Bisoprolol)
  • Antidepressiva (z.B. Amitriptylin, Opipramol, Venlafaxin)
  • Antiepileptika (z.B. Valproinsäure, Topiramat)
  • Kalziumkanal-Antagonisten (z.B. Flunarizin)
  • Botulinumtoxin Typ A (Botox)
  • Monoklonale Antikörper (z.B. Erenumab, Galcanezumab, Fremanezumab)

Die Wirksamkeit dieser Medikamente wurde in mehreren wissenschaftlichen Studien nachgewiesen.

Betablocker

Betablocker wie Metoprolol, Propranolol oder Bisoprolol werden erfolgreich in der Vorbeugung von Migräne eingesetzt. Propranolol konnte beispielsweise in einer Studie eine Reduzierung der Migräneaktivität von 44% nachweisen. Auch für andere Betablocker wie Bisoprolol liegen positive Studien vor.

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Kalziumkanal-Antagonisten

Flunarizin ist ein Kalziumkanal-Blocker, der zur Behandlung von Schwindel eingesetzt wird. Es ist der einzige Kalzium-Kanal-Blocker, der laut Leitfaden eine signifikante Wirkung in der Migräneprophylaxe zeigen konnte. Flunarizin ist besonders für Migränepatienten mit Schwindel, Schlafstörungen oder Untergewicht geeignet und weniger für Patienten mit Depressionen und Übergewicht.

Antiepileptika

Antiepileptika/Antikonvulsiva enthalten krampflösende Wirkstoffe und werden eigentlich zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt, sind jedoch nachgewiesenermaßen laut Leitfaden auch in der Migränetherapie wirksam. Aufgrund des Nebenwirkungsprofils und der Wirkweise eignen sich Antiepileptika eher für Migränepatienten, die zusätzlich unter Übergewicht, Epilepsie oder Manie leiden. Valproinsäure kann Fehlbildungen des Kindes während der Schwangerschaft begünstigen und sollte somit nicht von Frauen in der Schwangerschaft oder mit Kinderwunsch verwendet werden.

Botulinumtoxin Typ A (Botox)

Botox ist ein Nervengift, welches vor allen Dingen zur Verringerung von Falten verwendet wird. Botox kann auch einen positiven Einfluss auf Migräne haben, jedoch scheint die Wirkung nach einigen Monaten nachzulassen. Um einen anhaltenden und zunehmenden Effekt zu erzielen, werden die Injektionen deshalb meistens alle drei Monate wiederholt. Wenn nach der dritten Injektion keine Besserung eingetreten ist, wird die Behandlung normalerweise als erfolglos eingestuft und beendet. Ungefähr 50% der Patient:innen können jedoch von einer Verbesserung durch die Therapie berichten, so dass keine weiteren Injektionen mehr notwendig sind.

Trizyklische Antidepressiva

Das am besten wirksame Antidepressivum bei Migräne ist laut dem Leitfaden des DGN Amitriptylin. Aber auch die Wirksamkeit von Opipramol und Venlaflaxin wurden in dort erwähnten Studien belegt. Antidepressiva sind oft besonders geeignet für Migräne-Betroffene, die zusätzlich unter Stress, Depressionen, Schlaflosigkeit, Untergewicht oder anderen Schmerzerkrankungen wie Spannungskopfschmerzen oder Rückenschmerzen leiden.

Monoklonale Antikörper

Die Antikörper Erenumab (Aimovig®), Galcanezumab (Emgality®) und Fremanezumab (Ajovy®) sind erst seit kurzem in der EU erhältlich, haben sich aber jetzt schon als vielversprechend erwiesen. Sie blockieren den Botenstoff CGRP (Calcitonin-Gene-Related-Peptide), der eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Migräne spielt.

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Migräneprophylaxe-Mittel der zweiten Wahl: Magnesium, Vitamin B2 & Co

Mittel der zweiten Wahl werden in der Migräneprophylaxe nur eingesetzt, wenn die Mittel der ersten Wahl nicht wirksam gewesen sind oder wenn gegen diese Kontra-Indikationen vorliegen. Sie sind “zweite Wahl”, weil zu diesen Substanzen nur wenige randomisierte kontrollierte Studien durchgeführt wurden, und ihre Wirksamkeit nicht ausreichend belegbar ist.

Acetylsalicylsäure

Acetylsalicylsäure (u.a. der Wirkstoff von Aspirin®) hat laut Leitfaden in niedriger Dosierung eine geringe Migräneprophylaktische Wirkung. Es wird wegen seiner blutverdünnenden Eigenschaft häufig bei Schlaganfall- oder Herzinfarkt-Patienten mit Migräne eingesetzt.

Magnesium

Besonders bei leichten Formen von Migräne kann die tägliche Einnahme von Magnesium prophylaktisch Abhilfe schaffen - so wurde es zumindest laut Leitfaden in einer positiv kontrollierten Studie nachgewiesen. Dennoch konstatiert das DGN, dass die Reduktion der Attackenfrequenz nicht sonderlich ausgeprägt sei. Magnesiumcitrat wird oft empfohlen, da es gut vom Körper aufgenommen wird und verträglich ist.

Riboflavin (Vitamin B2)

Aktuell gibt es zwei Studien, die eine gute Wirksamkeit von Vitamin B2 zur Vorbeugung von Migräneattacken vermuten lassen. Es hat ein günstiges Nebenwirkungsprofil und kann daher auch zusätzlich zur Prophylaxe mit Beta-Blockern oder auch in Kombination mit anderen Mikronährstoffen wie Coenzym Q10 und Magnesium genommen werden.

Coenzym Q10

Auch das Coenzym Q10 kann laut Leitfaden wirksam in der Prophylaxe von Migräne sein. Ganz besonders in Kombination mit Magnesium und Vitamin B2 sowie mit Omega-3-Fettsäuren kann die Schwere, jedoch nicht die Anzahl der Migräneattacken reduziert werden.

Weitere Mittel

Weitere Mittel, die in der Migräneprophylaxe eingesetzt werden, sind Pestwurz-Extrakt, Mutterkraut, ACE-Hemmer und Sartane. Die Studienlage zu diesen Mitteln ist jedoch weniger eindeutig.

Topiramat: Ein Antiepileptikum zur Migräneprophylaxe

Topiramat ist ein Wirkstoff aus der Gruppe der Antiepileptika (Antikonvulsiva), der über multiple Mechanismen antiepileptische Wirkungen entfaltet. Es ist zur Behandlung unterschiedlicher Epilepsieformen indiziert und zusätzlich bei Erwachsenen zur Prophylaxe von Migräne-Kopfschmerzen nach sorgfältiger Abwägung möglicher alternativer Behandlungsmethoden. Der Wirkstoff ist nicht für die Akutbehandlung einer Migräne-Attacke vorgesehen.

Wirkmechanismus von Topiramat

Der exakte Wirkmechanismus, auf dem die antiepileptischen und Migräneprophylaktischen Eigenschaften von Topiramat beruhen, ist noch nicht vollständig aufgeklärt. Topiramat wirkt über multiple Mechanismen antiepileptisch:

  • Hemmung spannungsabhängiger Natriumkanäle
  • Antagonismus an AMPA/Kainat-Subtypen der exzitatorischen Glutamatrezeptoren
  • Verstärkung GABAA-vermittelter GABA-Wirkungen

Pharmakokinetik von Topiramat

Topiramat wird schnell und gut resorbiert. Es wird zu etwa 13-17% an Plasmaproteine gebunden und in geringem Ausmaß metabolisiert (ca. 20%). Topiramat und Metaboliten werden hauptsächlich (≥ 81% der Dosis) renal eliminiert. Die Plasmaclearance von Topiramat ist bei Patienten mit mäßiger bis schwerer Leberfunktionsstörung um durchschnittlich 26% erniedrigt.

Dosierung von Topiramat

Die Dosierung und die Dosistitration sollten sich am klinischen Ansprechen orientieren. Die Titration sollte mit 25 mg abends über eine Woche beginnen. Die Dosis sollte dann in 1- oder 2-wöchentlichen Intervallen in Schritten von 25 oder 50 mg/Tag, verteilt auf zwei Dosen, erhöht werden. Die empfohlene Gesamttagesdosis von Topiramat zur Prophylaxe von Migräne-Kopfschmerzen beträgt 100 mg/Tag, verteilt auf zwei Dosen.

Nebenwirkungen von Topiramat

Die häufigsten Nebenwirkungen unter einer Therapie mit Topiramat umfassen:

  • Psychiatrisch: Depression, Bradyphrenie, Insomnie, Angst
  • Nervensystem: Parästhesie, Schwindel, Somnolenz, Aufmerksamkeitsstörungen

Medikamentöse Migräne-Prophylaxe: Wichtige Aspekte

Es ist wichtig, sich behutsam an die richtige Dosis der Medikamente heranzutasten. Eine medikamentöse Migräne-Prophylaxe kann nur dann zielführend sein, wenn sie sowohl wirksam als auch verträglich ist. Ob eine medikamentöse Vorbeugung bei Migräne wirksam ist oder nicht, lässt sich erst nach einem Zeitraum von zwei bis drei Monaten sagen. Um nachvollziehen zu können, ob die vorbeugende Therapie anschlägt, empfiehlt es sich, bereits Wochen vor Beginn der medikamentösen Migräne-Prophylaxe mit dem Führen eines Migränetagebuchs zu beginnen.

Wie findet man das passende Prophylaxe-Medikament?

Die Wahl des geeigneten Prophylaxe-Medikaments hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Art und Häufigkeit der Migräneattacken, Begleiterkrankungen, mögliche Nebenwirkungen und individuelle Vorlieben. Es ist wichtig, die Therapie mit den behandelnden Ärzten abzustimmen und gut informiert zu sein.

Nicht-medikamentöse Migräneprophylaxe

Neben der medikamentösen Migräneprophylaxe ist die nicht-medikamentöse Vorbeugung ein wichtiger Baustein. Dazu gehören:

  • Akupunktur
  • Biofeedback-Therapie
  • Progressive Muskelentspannung
  • Autogenes Training
  • Kognitive Verhaltenstherapie
  • Ausdauersport
  • Stressreduktion
  • Regelmäßige Pausen
  • Genügend Schlaf
  • Vermeiden von Migräne-Auslösern

Migräneprophylaxe mit der sinCephalea App

Die sinCephalea App bietet eine digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) zur Migräneprophylaxe. Sie ermöglicht es, die Reaktion des Blutzuckers auf bestimmte Mahlzeiten und Lebensmittel zu testen und individuell zugeschnittene Ernährungsempfehlungen zu erhalten. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten für diese Form der effektiven Migräneprophylaxe.

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