Einführung
Die Verbindung zwischen Darm und Gehirn, bekannt als Darm-Hirn-Achse, ist ein komplexes und faszinierendes Forschungsgebiet. Neueste Erkenntnisse deuten darauf hin, dass diese bidirektionale Kommunikation eine entscheidende Rolle für unsere Gesundheit, unser Verhalten und sogar unsere Persönlichkeit spielt. Die Entdeckung, dass die Bakterien in uns eine so weitreichende Rolle spielen, wird als eine der wichtigsten Entdeckungen der letzten 50 Jahre angesehen.
Das Darm-Mikrobiom: Ein Universum in uns
Die meisten Mikroorganismen des Menschen, darunter Bakterien, Pilze und Viren, befinden sich im Darm. Schätzungen zufolge sind es zwischen 30 und 100 Billionen, die das sogenannte Darm-Mikrobiom bilden. Diese kleinen Lebewesen sind für viele wichtige Funktionen verantwortlich:
- Verdauung: Sie helfen bei der Aufspaltung und Verwertung der Nahrung.
- Stoffproduktion: Sie produzieren lebenswichtige Stoffe wie Vitamine und kurzkettige Fettsäuren.
- Schutz vor Krankheiten: Sie wehren schädliche Keime ab und stärken das Immunsystem.
Der Darm steht über die Nahrungsaufnahme in ständigem Kontakt mit der Umwelt und muss diese Informationen entsprechend rückkoppeln.
Die Verbindung: Wie Darm und Gehirn miteinander kommunizieren
Wissenschaftler beginnen erst seit wenigen Jahren zu verstehen, wie unser Darm bzw. sein Mikrobiom mit unserem Gehirn kommuniziert. Beide Organe sind eng miteinander verbunden, direkt über die Nerven. Der Vagusnerv, ein wichtiger Teil des parasympathischen Nervensystems, spielt hierbei eine Schlüsselrolle. Er steuert viele Organsysteme im Körper und verbindet die Brunner-Drüsen mit der Amygdala, einem Gehirnareal, das für emotionale Reaktionen zuständig ist. Untersuchungen deuten darauf hin, dass Darm und Gehirn nicht nur kommunizieren, sondern sich auch gegenseitig beeinflussen könnten.
Die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn erfolgt über verschiedene Mechanismen:
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- Nerven: Der Vagusnerv ist die Hauptverbindung zwischen Darm und Gehirn. Er überträgt Informationen in beide Richtungen.
- Hormone: Darmbakterien produzieren Hormone, die das Gehirn beeinflussen können, wie z.B. Serotonin und Oxytocin.
- Immunbotenstoffe: Das Mikrobiom kann Immunzellen zur Zytokin-Produktion bewegen. Zytokine sind Proteine, die eine Kommunikation zwischen Zellen ermöglichen.
- Kurzkettige Fettsäuren: Darmbakterien produzieren kurzkettige Fettsäuren, die die Gehirnfunktion beeinflussen können.
Tatsächlich zeigten sich vor allem in Tierversuchen Zusammenhänge zwischen Darm und Psyche. In Tests wurde der Stuhl von ängstlichen Mäusen in keimfreie Mäuse, die kein Mikrobiom haben, übertragen. Woraufhin diese einen ängstlichen Phänotyp entwickelten.
Der Einfluss des Darms auf Emotionen und Kognition
Forschungen der letzten zehn Jahre haben ergeben, dass Darmbakterien unsere Emotionen und kognitiven Fähigkeiten beeinflussen können. Einige Bakterien produzieren beispielsweise Oxytocin, ein Hormon, das unser eigenes Sozialverhalten fördert. Konkret stehen unsere Darmbakterien Wissenschaftlern zufolge im Zusammenhang mit Erkrankungen oder Störungen, wie Alzheimer, Parkinson, ALS oder Autismus. Davon könnten besonders Menschen mit chronischen Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts betroffen sein. Sie haben durch die Verbindung ein höheres Risiko für psychische Erkrankungen.
Die Rolle der Darm-Hirn-Achse bei Stress
Als zentrales Gesundheitsorgan nimmt der Darm mitsamt der dort ansässigen Darmflora eine wichtige Rolle innerhalb des Organsystems ein. Da er über die Darm-Hirn-Achse eng mit dem Gehirn in Kontakt steht, ist er auch am Stressmanagement beteiligt.
Stress und Dauerbelastungen können sich negativ auf den Darm und die Darmflora auswirken. Das empfindliche Ökosystem des Darms kann aus dem Takt geraten und das Stressempfinden noch weiter verstärken. Das Stresshormon Cortisol wird dann auch ohne äußeren Anlass ausgeschüttet, was zu einer anhaltenden Anspannung führt und u. a. entzündungsfördernde Prozesse im Darm begünstigen kann. So können stetige äußere Reize über die Darm-Hirn-Achse ein verstärkendes inneres Stress-Signal auslösen. Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, sollte neben den äußeren Faktoren auch das innere Stress-Signal berücksichtigt werden. Für einen Ausgleich ist eine darmgesunde Ernährung empfehlenswert.
Bei Furcht oder Ängstlichkeit reduziert die Amygdala ihre Aktivität und sendet weniger Signale an den Vagusnerv. Wurden die Mäuse chronischem Stress ausgesetzt, hatte dies die gleichen Auswirkungen auf die Zusammensetzung ihres Mikrobioms und ihre allgemeine Gesundheit wie die chirurgische Entfernung der Drüsen. Die Gabe von Probiotika war ebenfalls ausreichend, um die negativen Folgen der psychischen Belastung wettzumachen.
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Darmbakterien und psychische Gesundheit
Darm und Gehirn stehen über verschiedene Mechanismen in ständigem und kontinuierlichem Austausch miteinander. Dies wird als "Mikrobiota-Darm-Hirn-Achse" bezeichnet. Dabei bilden die Darmbakterien eine Vielzahl verschiedener Stoffe, z. B. Hormone und kurzkettige Fettsäuren, die über die Darm-Hirn-Achse Informationen an das Gehirn vermitteln. So haben die Darmbakterien einen Einfluss auf Gedächtnis, Emotionen und modulieren beispielsweise das Stressempfinden.
Die enge Verbindung zwischen Darm und Gehirn bedeutet nicht, dass jedes Magengrimmen eine psychische Ursache hat. Doch wenn Ihnen das Essen auch schon mal nach einem Streit „wie ein Stein im Magen gelegen hat“, haben Sie die Auswirkungen selbst gespürt. Dann hat der Stress die Magenperistaltik so gehemmt, dass der Speisebrei nicht planmäßig in den Darm abgegeben wurde. Das ist evolutionär auch so gewollt: Da das Verdauungssystem in Gefahrensituationen für den Überlebenskampf nicht gebraucht wird, wird es schlechter durchblutet. Ein typisches Symptom von Angst wiederum ist Durchfall: Bei Stress freigesetzte Hormone führen zu einem vermehrten Einstrom von Flüssigkeit in den Darm, verwässern den Stuhl und „man macht sich vor Angst in die Hosen“. Der Darm reagiert also sehr sensibel auf die Gefühlswelt. Und nicht selten werden vorhandene Symptome stärker, sobald Stress ins Spiel kommt. Umgekehrt vermag der Darm Einfluss auf das psychische Wohlbefinden seiner Besitzer zu nehmen. Darin ist offenbar vor allem sein Darmmikrobiom involviert. Mehrere Studien konnten bereits zeigen, dass es bei Menschen mit psychischen Leiden auf typische Weise verändert ist.
Forschung und Therapieansätze
Die Erkenntnisse zur Darm-Hirn-Achse bieten erste Ansätze für Therapien. Zum Beispiel könnten mit Probiotika entsprechende Störungen behandelt werden. Dazu gibt es schon erste Daten, aber wir sind da noch sehr am Anfang. Auch inwiefern eine Transplantation von dem Stuhl gesunder Menschen in den Darm erkrankter Probanden helfen könnte, wird erforscht. Beim Reizdarmsyndrom etwa gebe es noch keine gute Datenlage zum Stuhl-Transfer. Auch sei das nicht ungefährlich.
Die Forschung fängt gerade erst an zu verstehen, wie wir die Mikroben in uns so verändern können, dass unsere Gesundheit verbessert wird. Das könne noch 20 Jahre dauern.
Was können Sie tun für eine gesunde Darm-Hirn-Achse?
Was also können Sie tun, wenn die Psyche auf den Darm schlägt - oder der Darm auf die Psyche? Die Symptome mit Medikamenten zu behandeln, ist kurzfristig gedacht. Gehen Sie lieber die Ursachen an.
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- Stressmanagement: Stress macht Darm und Psyche auf die Dauer krank. Wenn Sie ihn nicht vermeiden können, sollten Sie lernen, den Stress abzubauen und besser mit ihm umzugehen.
- Regelmäßigkeit: Unser Darm mag Routine, also regelmäßige Mahlzeiten, regelmäßige Pausen und regelmäßigen Stuhlgang.
- Ernährung: Er mag Ballaststoffe sekundäre Pflanzenstoffe, ungesättigte Fettsäuren.
- Bewegung: Wer rastet, der rostet: Bewegung hält nicht nur die Muskeln mobil, sondern auch den Darm. Das ist wichtig für die Darmperistaltik und damit den Weitertransport des Speisebreis bis zur Ausscheidung. Auch die Psyche profitiert von Bewegung, vor allem draußen an der frischen Luft: Studien zeigen, dass schon nach fünf Minuten draußen ein Entspannungsgefühl eintritt. Die natürliche Feuchtigkeit der Luft macht das Atmen angenehmer und den Kopf frei. Bauen Sie deshalb mehr Aktivität in den Alltag ein: kurze Spaziergänge in der Mittagspause statt Zeitung lesen, Treppen laufen statt Fahrstuhl fahren und bei kürzeren Strecken auf das Auto verzichten und zu Fuß gehen. Vielleicht gibt es sogar größere Entfernungen, die Sie regelmäßig mit dem Fahrrad zurücklegen können. Noch besser ist, zusätzlich zwei- bis dreimal pro Woche Sport zu treiben.
- Probiotika und Präbiotika: Probiotika sind allgemein definiert als lebende Mikroorganismen, die, wenn sie in ausreichender Menge verabreicht werden, einen gesundheitlichen Nutzen haben können. Probiotika sind auch in verschiedene Essigsorten, Joghurt oder Kombucha enthalten und gehören somit zur gesunden Ernährung. Wie bereits erwähnt, ist eine gesunde Darmflora besonders kontaktfreudig. Nützliche Darmbakterien tragen zur Kommunikation bei, indem sie beispielsweise Botenstoffe herstellen. Ein ausgewogenes Mikrobiom zeichnet sich durch eine Vielzahl an nützlichen Bakterienstämmen aus, die alle miteinander und mit unserem Nervenkostüm interagieren. Wie ein großes Netzwerk. Die Aufrechterhaltung und die Heranreifung einer gesunden Darmflora (Darmaufbau, Darmsanierung) können Sie durch eine ballaststoffreiche Ernährung unterstützen.