Arbeitsplatzwechsel mit Multipler Sklerose: Erfahrungen und Perspektiven

Die Diagnose Multiple Sklerose (MS) stellt Betroffene vor vielfältige Herausforderungen, die sich auch auf den Berufsalltag auswirken können. Dieser Artikel beleuchtet Erfahrungen von Menschen mit MS im Arbeitsleben, gibt Einblicke in mögliche Schwierigkeiten und zeigt Wege auf, wie ein erfülltes Berufsleben trotz der Erkrankung gelingen kann. Dabei werden sowohl persönliche Erfahrungen als auch rechtliche Aspekte und Unterstützungsmöglichkeiten berücksichtigt.

Die Diagnose und ihre Folgen für den Berufsalltag

Viele Betroffene erleben die Diagnose MS als einen Wendepunkt in ihrem Leben. Plötzlich scheinen berufliche Ziele in Frage gestellt, und Unsicherheit über die Zukunft macht sich breit. So erging es auch einem Gesundheits- und Krankenpfleger, der nach seiner Wunschausbildung und einigen Jahren im Beruf im Jahr 2012 die Diagnose MS erhielt. Zunächst arbeitete er weiter wie gewohnt, doch mit der Zeit bemerkte er, wie sein Leistungsvermögen schwächer wurde.

"Ich konnte im hektischen OP-Alltag anfangs noch gut mithalten. Doch im Sommer 2014 fiel mir auf, wie mein Leistungsvermögen still und heimlich schwächer wurde. Bei sehr langen Arbeitstagen oder viel Hektik im OP bemerkte ich, wie meine Beine anfingen zu kribbeln - und ich eine kurze ‚Sitzpause‘ brauchte."

Trotzdem versuchte er, seine Schwächen vor Kollegen und Patienten zu verbergen, was jedoch zunehmend schwerer fiel.

Offenheit oder Verschweigen? Der Umgang mit der Diagnose am Arbeitsplatz

Eine der zentralen Fragen, die sich Betroffene stellen, ist, ob und wann sie ihre Diagnose am Arbeitsplatz offenlegen sollen. Grundsätzlich besteht keine Pflicht, den Arbeitgeber über eine chronische Erkrankung wie MS zu informieren. Allerdings kann es sinnvoll sein, mit offenen Karten zu spielen, insbesondere wenn die Erkrankung die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt oder die Gefahr besteht, sich selbst oder andere zu gefährden.

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"Viele sind unsicher: Muss ich es meinem Arbeitgeber sagen? 'Grundsätzlich nicht', sagt die Anwältin. Man sei nicht verpflichtet, den Chef über chronische Krankheiten oder eine Schwerbehinderung zu informieren. Das ändert sich aber, wenn man die Arbeit dauerhaft nicht schafft oder wenn man sich und andere gefährdet."

Ein offener Umgang kann zu mehr Verständnis und Unterstützung im Arbeitsumfeld führen. Kollegen und Vorgesetzte können besser nachvollziehen, welche Einschränkungen bestehen und welche Hilfsmaßnahmen erforderlich sind. Andererseits besteht auch die Gefahr von Vorurteilen oder Diskriminierung. Daher sollte die Entscheidung, wie mit der Diagnose umgegangen wird, gut überlegt sein und von der jeweiligen Arbeitsumgebung, der Empathie der Mitarbeitenden und vor allem der Vorgesetzten abhängig gemacht werden.

Anpassung des Arbeitsplatzes und Unterstützungsmöglichkeiten

Viele Menschen mit MS können trotz ihrer Erkrankung weiterhin gut arbeiten, wenn der Arbeitsplatz entsprechend angepasst wird. Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten, die von technischen Hilfsmitteln bis hin zu organisatorischen Veränderungen reichen.

"Wie schon gesagt, gibt es das Recht auf einen 'leidensgerechten Arbeitsplatz'. Das bedeutet, dass der Arbeitgeber im Rahmen seiner wirtschaftlichen Möglichkeiten verpflichtet ist, der betroffenen Person das Arbeiten zu ermöglichen, so wie es die Erkrankung erfordert: beispielsweise ein höhenverstellbarer Schreibtisch, sonstige logistische Unterstützung (hierfür kann es auch von der Krankenkasse finanzielle Unterstützung geben), längere Pausen etc."

Auch die Reduzierung der Arbeitszeit kann eine Option sein, um die Belastung zu verringern und die Arbeitsfähigkeit zu erhalten. Schwerbehinderte Beschäftigte haben unter bestimmten Voraussetzungen einen Rechtsanspruch auf Teilzeitbeschäftigung.

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Der Weg zur Berufsunfähigkeit und neue Perspektiven

In manchen Fällen ist es trotz aller Anpassungsmaßnahmen nicht möglich, den bisherigen Beruf weiterhin auszuüben. Dies kann eine schmerzhafte Erfahrung sein, die mit dem Verlust beruflicher Ziele und Träume einhergeht.

"Es war wütend, traurig, verzweifelt, überwältigt von der großen Leere, die vor mir zu liegen schien. Es ist wichtig, diese Gefühle zuzulassen und sich Zeit zu nehmen, um sie zu verarbeiten. Der Übergang zur Berufsunfähigkeit war nicht einfach. Es bedeutete, dass ich viele meiner beruflichen Ziele und Träume aufgeben musste."

Doch auch in dieser Situation gibt es Möglichkeiten, neue Perspektiven zu entwickeln und einen neuen Platz im Arbeitsleben zu finden. So berichtet ein Betroffener, dass er nach dem Ende seiner aktiven Pflegearbeit eine Stelle in einem Büro gefunden hat, die er trotz seiner MS weiterhin aktiv ausüben kann.

"Ich beendete die Arbeit in der aktiven Pflege, um mir eine andere Stelle zu suchen, bei der ich mit meiner MS weiterhin aktiv einen Beruf ausüben konnte. Ich fing an, Bewerbungen zu schreiben, und war sehr positiv überrascht von der Anzahl der ersten positiven Rückmeldungen."

Auch wenn er seine Arbeit als Pfleger und den persönlichen Kontakt zu den Patienten manchmal vermisst, findet er Freude an seinen neuen Aufgaben im Büro.

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Rechtliche Aspekte und Kündigungsschutz

Arbeitsrecht spielt für Menschen mit MS eine wichtige Rolle. Es beginnt beim Vorstellungsgespräch und geht weiter bei Weiterbildungen, Beförderungen und Rechten, wenn es um bestehende oder hinzukommende Einschränkungen geht.

"Arbeitsrecht spielt für Menschen mit MS eine große Rolle. Das beginnt beim Vorstellungsgespräch und geht weiter bei Weiterbildungen, Beförderungen und Rechten, wenn es um bestehende oder hinzukommende Einschränkungen geht. Was darf man? Welche Unterstützungen sind möglich? Wer sind Ansprechpartner? Und in welchen Situationen wird es schwierig das Beschäftigungsverhältnis beizubehalten?"

Ein Schwerbehindertenausweis bietet einen erweiterten Kündigungsschutz. Eine Kündigung ist dann nur mit Zustimmung des Integrationsamtes möglich. Allerdings kann der Arbeitgeber eine dauerhafte Arbeitsunfähigkeit nicht unbegrenzt hinnehmen. Wenn eine Prognose für die Zukunft schlecht ist, kann es zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses kommen. In diesem Fall sollte man sich unbedingt anwaltlich oder gewerkschaftlich beraten lassen, um seine Rechte zu wahren.

Tipps und Ratschläge für Betroffene

  • Offenheit wagen: Sprechen Sie mit Ihrem Arbeitgeber und Ihren Kollegen über Ihre Erkrankung, um Verständnis und Unterstützung zu fördern.
  • Anpassungen einfordern: Nutzen Sie Ihr Recht auf einen leidensgerechten Arbeitsplatz und fordern Sie die notwendigen Anpassungen ein.
  • Unterstützung suchen: Wenden Sie sich an Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen oder das Integrationsamt, um sich über Ihre Rechte und Möglichkeiten zu informieren.
  • Netzwerken: Tauschen Sie sich mit anderen Betroffenen aus, um von deren Erfahrungen zu profitieren und sich gegenseitig zu unterstützen.
  • Sich nicht entmutigen lassen: Auch wenn es schwierig ist, geben Sie nicht auf und suchen Sie nach neuen Perspektiven und Möglichkeiten im Arbeitsleben.

MS als Chance zur Neuausrichtung

Die Diagnose MS kann zwar eine Herausforderung darstellen, aber auch eine Chance sein, das eigene Leben neu auszurichten undPrioritäten zu setzen. Viele Betroffene berichten, dass sie durch die Erkrankung gelernt haben, auf ihren Körper und ihre Gesundheit zu achten, Geduld mit sich selbst zu haben und die kleinen Dinge im Leben mehr zu schätzen.

"MS hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, auf meinen Körper und meine Gesundheit zu achten. Ich habe gelernt, Geduld mit mir selbst zu haben und mich nicht mehr über die kleinen Dinge zu ärgern."

Auch die Wertvorstellungen können sich verschieben. Es geht nicht mehr nur darum, Karriere zu machen und beruflichen Erfolg zu haben, sondern auch darum, ein erfülltes und bedeutungsvolles Leben zu führen.

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