Migräne-Apps im Überblick: Digitale Helfer für Kopfschmerzpatienten

Migräne und andere Kopfschmerzerkrankungen stellen für viele Betroffene eine erhebliche Belastung dar. Neben der klassischen medizinischen Versorgung rücken zunehmend digitale Anwendungen in den Fokus, die Patienten im Selbstmanagement ihrer Erkrankung unterstützen sollen. Sogenannte Migräne-Apps bieten hierbei vielfältige Möglichkeiten, von der Dokumentation von Schmerzattacken bis hin zu therapeutischen Angeboten. Dieser Artikel gibt einen Überblick über verschiedene Migräne-Apps und ihre jeweiligen Schwerpunkte.

Kopfschmerztagebuch und Forschung: Die Mira - Migräne-Radar App

Die App Mira - Migräne-Radar, eine mobile Version des interdisziplinären Förderprojekts Kopfschmerz-Radar, verfolgt einen bürgerwissenschaftlichen Ansatz. Nutzerinnen und Nutzer tragen durch die von ihnen eingegebenen Daten zur Kopfschmerzforschung bei. Kernfunktion ist ein digitales Kopfschmerztagebuch, in das Migräneattacken und -anfälle eingetragen werden. Ausgehend von diesen Daten erhalten die Betroffenen statistische Auswertungen ihrer eigenen Daten. Dazu gehören eine Kopfschmerzübersicht, ein Kalender, die Verteilung der Intensität und die Intensitätsdauer. Diese Auswertungen können Aufschluss über den dazugehörigen Kontext und mögliche Auslöser geben. Ergänzend dazu bietet die App statistische Auswertungen von Migräneanfällen in Deutschland. Mittel- und langfristig sollen so Präventions- und Therapiemaßnahmen gefunden werden.

Fazit: Die App erfasst verschiedene gesundheitsbezogene Daten und kann so gegebenenfalls zu einem besseren Krankheitsverständnis beitragen. Allerdings gab es Berichte, dass die iOS-Version nachgebessert werden sollte, da es teils nicht möglich war, neue Eintragungen zu Migräne-/Kopfschmerzanfällen zu tätigen beziehungsweise diese auszuwählen.

M-sense: Kombination aus Dokumentation und Therapie

Eine Kombination aus Dokumentation und Therapieangebot bietet die App M-sense. Sie hat zum Ziel, durch nicht-medikamentöse Verfahren die Schmerzhäufigkeit und -intensität zu lindern und den Einsatz von Medikamenten soweit wie möglich zu reduzieren. Dafür bietet die Anwendung unter anderem eine Tagebuchfunktion, mit der gesundheitsrelevante Daten wie Schlafdauer und -qualität, Stimmung, Ernährungsfaktoren und Medikamente erfasst werden können. Durch die Analyse dieser Einträge sollen mögliche Ursachen für den Kopfschmerz identifiziert werden. Die Ergebnisse lassen sich als PDF zusammenfassen und an die Ärztin oder den Arzt versenden.

M-sense bietet auch mobile Therapiemethoden an. Unter dem Menüpunkt M-sense Active finden sich unter anderem Anleitungen zur Meditation, zum autogenen Training sowie physiotherapeutische Übungen. Ergänzt wird dies durch Expertenwissen zum Thema Migräne. Eine Chat-Funktion bietet Unterstützung bei Problemen und Fragen.

Lesen Sie auch: Differenzierung von Parkinson-Syndromen

Das Berliner Startup Newsenselab hat die App entwickelt, die eine personalisierte und mobile Migränetherapie ermöglicht. Parallel zur Tagebuchfunktion erfasst die App automatisch Wetterdaten. Sind genügend Daten gesammelt, beginnt M-sense mit seiner Analyse. Dazu bezieht es den individuellen Lebensstil, Umwelteinflüsse und biologisch-hormonelle Faktoren ein. Ziel ist es, das jeweils eigene Migräne- und Kopfschmerzmuster auszumachen. Darauf aufbauend erstellt die App einen persönlichen, multimodalen Therapieplan mit einer Kombination aus Entspannungsverfahren, Bewegungstraining und Biofeedback.

Die Funktionsweise der App beruht auf mathematischen Analysen: „Für Migräneanfälle sind anhaltende elektrische Entladungen von Nerven verantwortlich. Stress oder andere Auslöser legen einen Schalter im Gehirn um. Dieses Phänomen kann mithilfe von mathematischen Algorithmen analysiert, abgebildet und prognostiziert werden,“ so Physiker und Migräneforscher Dr. rer. nat. Markus Dahlem, Mitbegründer von M-sense. Die App soll jedoch nicht nur Auslöser von Migräneattacken und passende Therapiemöglichkeiten identifizieren, sondern durch das Sammeln der Daten neue Erkenntnisse auf dem Gebiet der Kopfschmerzforschung liefern. Nutzer können dabei selbst entscheiden, ob sie ihre Daten mit dem Server synchronisieren oder auf dem Handy lassen.

Fazit: Die App beinhaltet viele Funktionen. Erklärende Texte und Abbildungen beziehungsweise spielerische Elemente führen die Nutzenden durch die Anwendung. Positiv hervorzuheben sind die hinterlegten Literaturangaben. In Bezug auf Barrierefreiheit ist die fehlende Möglichkeit, die Schriftgröße zu verändern, zu bemängeln.

Reduktion von Schmerztagen durch Migräne-App der TK

Mithilfe einer Migräne-App konnten Patienten mit Migräne oder chronischen Kopfschmerzen ihre Schmerztage deutlich reduzieren. Gleichzeitig nahmen sie auch weniger Medikamente ein. Das zeigt eine Onlinebefragung der Schmerzklinik Kiel und der Techniker Krankenkasse von fast 1 500 Betroffenen, die die App rund 13 Monate benutzt hatten.

Die App ist als digitale Unterstützung einer professionellen Therapie gedacht. Mit ihr können Betroffene Schmerzintensität, Dauer und begleitende Symptome sowie die Medikamenteneinnahme dokumentieren und auswerten lassen. Aus Sicherheitsgründen werden die Daten nur lokal auf dem Mobiltelefon gespeichert, sie können aber exportiert werden. Auf Basis der eingegebenen Daten schlägt die App Verhaltensmaßnahmen vor. Überschreitet der Nutzer beispielsweise die maximal erlaubte Akutmedikation von höchstens neun Tagen im Monat, erhält er einen Warnhinweis. Außerdem werden Muskelentspannungsübungen und eine Videosimulation einer Migräne-Aura angeboten. Das ist wichtig, da die Symptome häufig mit denen eines Schlaganfalls verwechselt würden, erläutert der Neurologe Prof. Dr. med. Hartmut Göbel, Direktor der Schmerzklinik Kiel, der an der Entwicklung der App beteiligt war. Er empfiehlt, die Simulation daher auch in Schlaganfallstationen einzusetzen.

Lesen Sie auch: MS-Therapieoptionen

Experten der Schmerzklinik Kiel sowie des bundesweiten Kopfschmerzbehandlungsnetzes und der Techniker Krankenkasse haben eine therapieunterstützende App entwickelt, mit der Migräne-Patienten beim Selbstmanagement ihrer Krankheit unterstützt werden.

Die Migräne-App begleitet und steuert den Behandlungsverlauf, indem sie die durch die Patienten eingegebenen Daten analysiert und zur Grundlage für Informationsangebote und Verhaltensanregungen nimmt. Nutzer können so ihre Schmerzverläufe dokumentieren, die eigene Medikamenteneinnahme überwachen und gemeinsam mit dem behandelnden Arzt Fortschritte im Therapieverlauf rückverfolgen.

Features der App sind beispielsweise ein Schmerzkalender zur Dokumentation und Verlaufskontrolle der Migräne-Attacken, eine Erinnerungsfunktion, die bei der Planung und Kontrolle der Medikamenteneinnahmen oder anderer Anwendungen hilft, und ein Chronifizierungstest, mit dem Patienten mögliche Ursachen für ihre Kopfschmerzen ausmachen können. Auslösende Faktoren wie lokale Wetterdaten werden dem Verlauf hinzugefügt und ermöglichen es, Zusammenhänge zu erkennen. Neben einem Informationsportal steht den Nutzern eine Karte zur Verfügung, auf der Kopfschmerzexperten in ganz Deutschland eingezeichnet sind. Zudem hält die App eine Funktion zur Progressiven Muskelentspannung bereit und ermöglicht den Austausch mit anderen Betroffenen. Darüber, wer außer dem behandelnden Arzt noch Einsicht in die Daten hat, entscheidet der Patient selbst.

DMKG-App: Elektronischer Kopfschmerzkalender für die Bewältigung der Erkrankung

Mithilfe eines elektronischen Kopfschmerzkalenders soll die DMKG-App Betroffenen mit Migräne und Kopfschmerzen bei der Bewältigung ihrer Erkrankung helfen.

Die Anwendung erinnert auf Wunsch täglich daran, die Dauer und Stärke der Kopfschmerzen, weitere Symptome und eingenommene Medikamente einzutragen. Die Eintragung dauert der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) zufolge an Kopfschmerztagen nur ein bis zwei Minuten. Für eine genauere Dokumentation können zudem Angaben zur vorbeugenden Medikation und zur Menstruation gemacht und freie Kommentare eingetragen werden.

Lesen Sie auch: Alzheimer: Ein Überblick

Darüber hinaus stellt die App eine Zusammenfassung der eingegebenen Werte zur Verfügung, die zum Behandlungsgespräch mit der Ärztin oder dem Arzt mitgenommen werden können.

Mit der Nutzung der DMKG-App unterstützen Betroffene der DMKG zufolge gleichzeitig die Kopfschmerzforschung. „Die Daten werden pseudonymisiert an eine wissenschaftliche Datenbank übertragen und von der DMKG für wissenschaftliche Auswertungen genutzt.“

Fazit: Die App ist intuitiv zu bedienen, Eintragungen können schnell und einfach vorgenommen werden. Wünschenswert wäre, wenn künftig direkt neben Modul 1 auch auf die Möglichkeit, Modul 2 zu nutzen, hingewiesen wird. Auch ein Handbuch zur App-Nutzung wäre hilfreich. Anzuregen ist zudem die Umsetzung von Maßnahmen zur Barrierefreiheit.

Förderung der Entwicklung eines App-basierten Eigentrainings in Schleswig-Holstein

Das Land Schleswig-Holstein fördert die Entwicklung eines App-basierten Eigentrainings für Menschen mit Migräne, die sich neben der ärztlichen Versorgung im Umgang mit der Erkrankung unterstützen lassen wollen. Aus dem Versorgungssicherungsfonds des Landes fließen für einen Zeitraum von drei Jahren fast 370.000 Euro in das Gemeinschaftsprojekt. Beteiligt sind daran die Schmerzklinik Kiel, der Fachbereich Physiotherapie am Institut für Gesundheitswissenschaften der Universität Lübeck, das dortige Institut für Allgemeinmedizin und die Techniker Krankenkasse. Ziel ist es, eine bestehende Migräne-App der Schmerzklinik um ein Modul mit gezielten physiotherapeutischen Übungen zu erweitern. Außerdem sollen landesweite Schulungen von Physiotherapeuten dazu beitragen, Nackenschmerzen und Bewegungseinschränkungen bei Migräne frühzeitig zu erkennen und präventiv tätig zu werden. Laut Studiengangsleiterin Professor Kerstin Lüdtke vom Institut für Gesundheitswissenschaften stehen diese Beschwerden zwar häufig in Zusammenhang mit Migräne, werden in der Physiotherapieausbildung aber kaum berücksichtigt. Schleswig-Holsteins Gesundheits-Staatsseketär Dr. Oliver Grundei baut außerdem darauf, dass die digitale Lösung die Versorgung von Migränekranken im ländlichen Raum verbessern hilft.

Die Rolle der Schmerzklinik Kiel

Die Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Hartmut Göbel spielt eine zentrale Rolle in der Entwicklung und Erforschung von Migräne-Apps. Die Klinik bietet spezielle Therapien für Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen, alle Kopfschmerzen, wie z.B. chronische Spannungskopfschmerzen, Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch, Clusterkopfschmerz, Nervenschmerz (neuropathischer Schmerz), Rückenschmerz und andere Formen chronischer Schmerzerkrankungen.

Die Klinik hat zahlreiche Krankenkassen integriert, um die Versorgung ihrer Versicherten mit dem Behandlungsnetz vertraglich zu regeln. Für Versicherte der AOK Schleswig-Holstein, der Techniker Krankenkasse, der Deutschen Angestelltenkrankenkasse, der Hanseatischen Krankenkasse HEK, der Landwirtschaftlichen Krankenkasse Schleswig-Holstein und Hamburg , der Knappschaft Bahn See, der BKK vor Ort und der E.ON Betriebskrankenkasse erfolgt bei Vorliegen der Aufnahmebedingungen eine entsprechende Kostenübernahme.

tags: #arzteblatt #migrane #app