Spastik ist eine erhöhte Muskelspannung, die sich vor allem in Muskelsteifigkeit und einer eingeschränkten Beweglichkeit äußert. Sie kann als Teil eines Symptom-Komplexes angesehen werden, der zu einer Verminderung der Lebensqualität führen kann. Die meisten MS-Betroffenen leiden früher oder später unter Muskelsteifheit. Doch eine Spastik macht sich nicht bei allen auf die gleiche Weise und in der gleichen Intensität bemerkbar. Die Muskelsteifheit kann grundsätzlich alle Muskeln im Körper betreffen. Häufig erstreckt sie sich allerdings auf Beine, Hüfte, Rücken und Arme. Die Auswirkungen einer Spastik auf den Alltag können vielfältig sein. Je nach Körperregion kann die Mobilität stark eingeschränkt sein.
Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Behandlungsmöglichkeiten von Spastik in Baden-Württemberg, mit besonderem Fokus auf medikamentöse Therapien und Anlaufstellen für Betroffene.
Ursachen und Diagnose von Spastik
Spastik kann verschiedene Ursachen haben, darunter neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose (MS), Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), Schlaganfall oder Zerebralparese. Die Diagnose erfolgt in der Regel durch einen Neurologen, der die Muskelspannung und Reflexe untersucht. Eine frühzeitige Diagnose ist wichtig, um die bestmögliche Behandlung einzuleiten und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Eine Checkliste kann helfen, Spastik-Symptome frühzeitig zu erkennen. Eine Spastik kann sich anfangs als unwillkürliche Bewegung oder leichte Muskelverspannung zeigen. Oftmals wird da noch nicht an eine Spastik gedacht.
Therapieansätze bei Spastik
Die Behandlung von Spastik ist vielfältig und richtet sich nach den individuellen Bedürfnissen des Patienten. Ziel ist es, die Muskelspannung zu reduzieren, die Beweglichkeit zu verbessern und Schmerzen zu lindern.
Nicht-medikamentöse Therapien
- Physiotherapie: Regelmäßige Krankengymnastik auf neurophysiologischer Grundlage (z. B. Bobath, Vojta etc.) ist die wichtigste Behandlungsmethode. Sie zielt darauf ab, die Muskelsteifigkeit und Verkrampfungen durch Dehnungen zu lösen und die Ansteuerung der Muskulatur zu verbessern.
- Ergotherapie: Sie richtet sich an Patienten mit gestörten sensorischen, motorischen, psychischen und kognitiven Funktionen.
- Sport: Schwimmen und Fahrradfahren können ebenfalls helfen, die Muskeln zu lockern und die Beweglichkeit zu fördern. Therapeutisches Reiten hilft sogar sehr gut, die Muskulatur zu lockern.
- Weitere Therapieansätze: Es gibt viele verschiedene Methoden, die bei Spastik helfen, und die craniosacrale Therapie gehört auch dazu. Wer auf welche Therapie anspricht, kann man im Vorhinein nicht sagen, deshalb muss man manchmal auch etwas ausprobieren.
Medikamentöse Therapien
In zweiter Linie kommen die Medikamente zum Einsatz. Es gibt verschiedene Medikamente, die zur Behandlung von Spastik eingesetzt werden können. Die Wahl des geeigneten Medikaments hängt von der Ursache und dem Schweregrad der Spastik sowie von den individuellen Bedürfnissen des Patienten ab.
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Häufig verwendete Medikamente:
- Baclofen: Baclofen ist ein häufig eingesetztes Medikament zur Behandlung von Spastik.
- Sirdalud: Sirdalud ist ein weiteres Medikament, das zur Muskelentspannung eingesetzt wird.
- Tizanidin: Wirkt muskelrelaxierend und kann die Spastik reduzieren.
- Dantrolen: Reduziert die Muskelspannung, indem es die Freisetzung von Kalzium in den Muskelzellen hemmt.
- Benzodiazepine: Können bei Spastik helfen, sollten aber aufgrund ihres Abhängigkeitspotenzials nur kurzzeitig eingesetzt werden.
- Cannabinoide: Dronabinol oder Sativex. Sativex ist ein Extrakt der gesamten Cannabis-Pflanze und enthält neben THC v.a. noch Cannabidiol, was die antispastische Wirkung von THC verstärkt. Letztendlich ist nur Sativex für die Behandlung der MS-bedingten Spastik zugelassen und wird auch nur deshalb von den Krankenkassen erstattet; bei Dronabinol muss die Kasse die Kosten nicht übernehmen. Cannabisblüten und -extrakte können seit 2017 vom Arzt verordnet werden. Dabei wurde vom Gesetzgeber bewusst darauf verzichtet einzelne Indikationen festzulegen. Als etablierte Indikationen für Cannabis-basierte Medikamente gelten chronische - insbesondere neuropathische - Schmerzen, Spastik, Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen sowie Schlafstörungen und Ängste.
- Botulinumtoxin: Intramuskuläre Injektionen von Botulinumtoxin können gezielt in einzelne Muskeln verabreicht werden, um die Spastik lokal zu reduzieren.
Spezielle Hinweise zu Medikamenten
- Canemes®: Enthält mit Nabilon eine vollsynthetische Variante des psychotropen Cannabisinhaltsstoffes Δ9-Tetrahydrocannabinol.
- Sativex: Werden gegen Spastiken 5-8 Sprühstöße am Tag benutzt. Natürlich fällt der Drogentest positiv aus, aber dann sagen Sie der Polizei, dass Sie ein Cannabis-Präparat als Arzneimittel einnehmen und zeigen den Sativex-Ausweis vor, den Ihnen Ihr Neurologe ausgestellt hat (oder noch ausstellt). Es steht zwar im Beipackzettel, dass Sativex die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen kann, aber das gilt im Prinzip für viele Medikamente und ist vor allem in der Eindosierungsphase zu beachten. Wenn Sie stabil eingestellt sind, Sativex gut vertragen und keine Nebenwirkungen wie Benommenheit verspüren, dürfen Sie Autofahren.
Weitere medikamentöse Behandlungen bei ALS
- Riluzol: Patienten mit ALS sollten möglichst früh 2x täglich 50 mg Riluzol als Dauertherapie einnehmen. Retrospektive Analysen haben gezeigt, dass die Patienten so länger in den früheren Stadien der Erkrankung verbleiben.
- Edaravone: In Japan und den USA ist mittlerweile ein weiteres Medikament mit neuroprotektiver Wirkung bei ALS zugelassen, für das allerdings eine Wirkung nur in einer bestimmten Untergruppe von Patienten belegt werden konnte.
Medikamente gegen Begleiterscheinungen der ALS
- Amitriptylin: Der Einsatz von Amitriptylin ist weit verbreitet, da es eine sehr gute anticholinerge Wirkung hat.
- Atropin-Tropfen: In einer Studie zeigte sich eine signifikante Reduktion der Speichelproduktion unter Atropin-Tropfen.
- Scopolamin: Kann als Pflaster appliziert werden. Die Sialorrhoe bei ALS-Patienten kann mit Scopolamin transdermal (über die Hautoberfläche) behandelt werden.
- Botulinumtoxin Typ A: In Studien an ALS-Patienten zeigte sich eine Reduktion des Speichelflusses durch Injektion von Botulinumtoxin Typ A in die Speicheldrüsen.
Invasive Therapien
In einigen Fällen kann eine Baclofenpumpe in Betracht gezogen werden, bei der das Medikament kontinuierlich in den Liquorraum abgegeben wird.
Spezialisierte Anlaufstellen in Baden-Württemberg
In Baden-Württemberg gibt es zahlreiche Kliniken und Ärzte, die auf die Behandlung von Spastik spezialisiert sind.
Kliniken und Zentren
- Christophsbad Göppingen: Die Neurologie im Christophsbad Göppingen befasst sich mit der Diagnose und Therapie aller Erkrankungen des Nervensystems. Die Klinik verfügt über 65 Betten zur vollstationären Behandlung, davon 10 Betten auf der regionalen Schlaganfall-Einheit („Stroke Unit“) und 8 Betten auf der neurologischen Intensivstation. Neben der Akutabteilung hat die Klinik eine Abteilung für Frührehabilitation (sogenannte „Phase B“) mit 25 Betten. Das Schlaflabor, welches der Klinik angegliedert ist, hat 8 Diagnose- und Behandlungsplätze.
- MEDIAN Klinik Gunzenbachhof Baden-Baden: Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Die Klinik ist verantwortlich für die gemeindenahe psychiatrische Regelversorgung der Stadt Baden-Baden, des Landkreises Rastatt und Umgebung. Für Krisensituationen halten wir eine 24-stündige psychiatrische Notfallversorgung vor.
Ambulanzen für Bewegungsstörungen
- MVZ Dr. Roth & Kollegen GbR
- MVZ Dr.
Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen
- AMSEL e. V. Landesverband der DMSG in Baden-Württemberg e. V.: Die AMSEL, Aktion Multiple Sklerose Erkrankter, Landesverband der DMSG in Baden-Württemberg e. V. bietet Beratung und Unterstützung für MS-Betroffene und ihre Angehörigen.
- Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e. V.: Bietet ebenfalls Informationen und Unterstützung für MS-Patienten.
- bwlv-Fachstelle Sucht Freiburg, bwlv-TagesReha Sucht Freiburg, Beratung-Behandlung-Prävention, Basler Str.: Bietet Beratung und Behandlung bei Suchterkrankungen.
Leben mit Spastik
Sich als betroffene Patientin bzw. betroffener Patient umfassend zu informieren, ist der erste Schritt, einen aktiven Umgang mit der MS-Erkrankung und ihren Symptomen zu pflegen. Die Spastik kann als Teil eines Symptom-Komplexes angesehen werden, der zu einer Verminderung der Lebensqualität führen kann. Durch die primäre Behandlung der Spastik können andere Teile dieses Symptom-Komplexes positiv beeinflusst werden.
Tipps für den Alltag
- Regelmäßige Bewegung: Bewegung lindert die Spastik, und eine weitere gute Möglichkeit sind Übungen am automatisierten Bewegungstrainer (Moto-Med-Rad oder Thera-Vital).
- Hilfsmittel: Erstattungsfähig unter Hilfsmittel-Nr.
- Ernährung: Richtig essen bei Gicht, Wie sollen sich Gicht-Patienten idealerweise ernähren? Experten sagen: Nicht nach einer speziellen Diät.
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