Die Nerven: Eine kritische Auseinandersetzung mit Post-Punk, Authentizität und der modernen Gesellschaft

Die Nerven, gegründet 2010 in Esslingen, haben sich zu einer der profiliertesten und einflussreichsten deutschsprachigen Rockbands entwickelt. Das Trio, bestehend aus Kevin Kuhn (Schlagzeug), Julian Knoth (Bass und Gesang) und Max Rieger (Gitarre und Gesang), hat mit seinem kompromisslosen Sound und seinen tiefgründigen Texten eine treue Fangemeinde gewonnen und Kritiker begeistert. Ihre Musik, oft als Post-Punk mit noisigen Anleihen beschrieben, ist ein Spiegelbild der Hässlichkeit und des Chaos der Gegenwart, ein Versuch, diese für einen Moment aufzuheben.

Musikalische Entwicklung und Stil

Seit ihrer Gründung hat sich die Band stetig weiterentwickelt, ohne dabei ihre Wurzeln zu vergessen. Nach einer Reihe von Digital-Releases erschien 2012 ihr Debütalbum "Fluidum", gefolgt von "Fun" im Jahr 2014, das von Jan Wigger (Spiegel Online) als "eine der wichtigsten und besten deutschsprachigen Platten dieses Jahrzehnts" bezeichnet wurde. Mit "Out" (2015) und "Fake" (2018) festigten Die Nerven ihren Ruf als innovative und authentische Band, die sich nicht dem Mainstream anpasst.

Ihr fünftes, selbstbetiteltes Album (2022) und das aktuelle Werk "Wir waren hier" (2023) zeigen die Band auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Die Songs sind komplexer, die Arrangements ausgefeilter, und die Texte noch tiefgründiger. Die Nerven scheuen sich nicht, musikalische Experimente zu wagen und neue Elemente in ihren Sound zu integrieren, wie Streicher oder Piano, ohne dabei ihren charakteristischen Stil zu verwässern.

"Wir waren hier": Ein Album über das Ende und die Widersprüche der Gegenwart

"Wir waren hier", veröffentlicht im September 2023, ist ein Album über das, was bleibt, wenn die Menschheit verschwunden ist. Die Texte sind düster und reflektieren ein Endzeitgefühl, das in der heutigen Zeit allgegenwärtig ist. Max Rieger, Sänger und Gitarrist der Band, hatte dazu ein Gedankenspiel: Egal, was passiert, von der Zivilisation und den ganzen Errungenschaften der Menschheit bleibt ganz am Ende nur eine Gesteinsschicht im Sediment, an der man ablesen kann, wann was war. Mehr ist es nicht.

Die Songs thematisieren die Widersprüche der modernen Gesellschaft, die Ignoranz gegenüber den Problemen der Welt und die Angst vor der Zukunft. In "Das Glas zerbricht und ich gleich mit" geht es um die Bevölkerungsschicht, die aktiv die Augen vor den Problemen der Welt verschließt. Rieger betont jedoch, dass er mit seinen Texten niemanden anklagen will: "In solch einem Text muss immer auch etwas drin sein, das man selbst in sich hat, weil viele Herzen in einem schlagen. Es gibt nicht Gut oder Böse, es ist viel komplizierter."

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Die Bandmitglieder sehen sich selbst als Teil dieser Widersprüchlichkeit. Sie sind sich bewusst, dass sie die Welt nicht dadurch ändern können, dass sie im Biosupermarkt einkaufen. Das Leben "richtig" zu führen, ist nicht einfach. Man kann es versuchen, aber macht es das besser? Sie wissen es nicht. Julian Knoth ergänzt: "Es geht uns nicht um ein Anklagen. Im besten Fall schaffen wir es, dass jemand, der dieses Lied hört, einmal nachdenkt. So wie wir das selber auch machen. Diese Widersprüche muss man auch aushalten. Das ist eine Herausforderung für uns alle."

Authentizität und künstlerische Freiheit

Die Nerven legen großen Wert auf Authentizität und künstlerische Freiheit. Sie haben sich dem Leistungsdruck der Musikindustrie schon früh verweigert und versucht, ihr eigenes Ding zu machen. Das hat dazu geführt, dass sie sich eine treue Fangemeinde aufgebaut haben, die ihre Musik schätzt und ihre Konzerte besucht.

Max Rieger betont, dass bei ihm persönlich nur etwas Gutes entsteht, wenn er alles Monetäre komplett ausblenden kann. Pausen tun gut. Julian Knoth ergänzt, dass es einfach vergessen wird, dass Absenz auch wichtig ist. Die Band hat die Erfahrung gemacht, dass eine Ochsentour mit 27 Konzerten, 16 davon ohne Off-Day, zu einer transzendentalen Erfahrung werden kann, bei der die Band und die Roadcrew zu einer Einheit verschmelzen.

Die Zusammenarbeit mit Glitterhouse Records, einem der ältesten Indie-Labels in Deutschland, ermöglicht es der Band, ihre künstlerische Freiheit zu bewahren. Rieger betont, dass ihnen maximale Kunstfreiheit versichert wurde.

Live-Auftritte und Tourneen

Die Nerven sind bekannt für ihre intensiven und energiegeladenen Live-Auftritte. Sie haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Konzerte und Festivals gespielt, darunter Roskilde, Melt!, Appletree Garden, Sziget und Eurosonic. Ihre Auftritte sind ein Erlebnis, bei dem die Band und das Publikum in einen Dialog treten und gemeinsam eine Energie erzeugen, die unter die Haut geht.

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Im Herbst 2024 und Frühjahr 2025 sind Die Nerven auf Tour, um ihr neues Album "Wir waren hier" live zu präsentieren. Die Tour führt sie durch Deutschland, Österreich, die Schweiz und Dänemark. Als Supports sind Zweilaster, Cali und Yeastweise mit dabei.

Die Nerven als Teil einer lebendigen Musikszene

Die Nerven sind nicht nur eine Band, sondern auch Teil einer lebendigen Musikszene, die sie aktiv mitgestalten. Kevin Kuhn trommelt auch bei Gordon Raphael und Wolf Mountains, Julian Knoth legt mit dem Peter Muffin Trio und Yum Yum Club beindruckende Platten vor, und Max Rieger produziert sich mit Casper, Drangsal, Die Selektion, Friends Of Gas, Ilgen-Nur, Jungstötter, Stella Sommer etc.

Die Bandmitglieder sind sich bewusst, dass die Musik vielfältiger denn je ist und dass es nicht mehr darum geht, sich für ein Genre zu entscheiden. Künstlerisch ist es total reizvoll, dass man sich an allem bedienen und alles zusammenwerfen kann. Dadurch entstehen neue Sachen. Man muss sich nicht mehr entscheiden, ob man nun eine Punk- oder eine Hiphop-Band ist. Heute ist es nicht mehr schwarz-weiß.

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