AstraZeneca und Nervenschmerzen: Erfahrungen, Erkenntnisse und aktuelle Entwicklungen

Der Impfstoff Vaxzevria® von AstraZeneca, der zur Vorbeugung von COVID-19 eingesetzt wurde, hat in der öffentlichen Diskussion immer wieder für Aufsehen gesorgt. Während er einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie leistete, gab es auch Berichte über teils schwerwiegende Nebenwirkungen. Dieser Artikel beleuchtet die Erfahrungen mit Nervenschmerzen im Zusammenhang mit dem AstraZeneca-Impfstoff, geht auf das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) ein und fasst aktuelle Erkenntnisse sowie Studienergebnisse zusammen.

Der Fall eines Patienten mit Phlebothrombose nach AstraZeneca-Impfung

Ein 63-jähriger Patient, der aufgrund der Pandemie im Homeoffice arbeitete, suchte nach einer hausärztlichen Konsultation wegen starker Schmerzen und Krämpfe in der linken Fußsohle ärztliche Hilfe auf. Es sollte ein Fersensporn ausgeschlossen werden. Eine MRT-Untersuchung ergab jedoch eine über 10 cm lange Phlebothrombose des Arcus venosus plantaris, die kein Kontrastmittel aufnahm. Der Patient berichtete, dass die Schmerzen linksseitig sechs Tage und rechtsseitig in geringerem Ausmaß drei Tage nach der ersten Impfung mit AstraZeneca begonnen hatten. Eine weitere MRT-Untersuchung der rechten Seite zeigte eine 4 cm lange Teilthrombosierung. Nach einer bestätigenden D-Dimer-Bestimmung und einer Ultraschall-Doppleruntersuchung leitete der hinzugezogene Angiologe eine Antikoagulation mit Eliquis ein, die rasch ansprach. Der Patient ist derzeit beschwerdefrei.

AstraZenecas Eingeständnis und mögliche Klagen

Immer wieder gab es Meldungen über schwere Nebenwirkungen durch den Corona-Impfstoff von AstraZeneca. Der Konzern hat nun erstmals vor Gericht zugegeben, dass sein Mittel „Vaxzevria“ gefährliche Thrombosen als Nebenwirkung verursachen kann. Dies geht aus Gerichtsakten hervor, wie die britische Zeitung „The Telegraph“ berichtete. AstraZeneca sieht sich derzeit einer Sammelklage vor dem britischen High Court in London ausgesetzt.

In den Gerichtsdokumenten räumte der Hersteller ein, dass es „in sehr seltenen Fällen“ zu einem Thrombose-mit-Thrombozytopenie-Syndrom (TTS) kommen kann. TTS führt zu Blutgerinnseln in den Gehirn- oder Bauchgefäßen sowie zu einer verminderten Anzahl von Blutplättchen. Nach diesem Eingeständnis könnten neben den Sammelklagen in Großbritannien nun neue Klagen von Einzelpersonen mit Schadensersatzforderungen gegen AstraZeneca drohen. In London werden derzeit 51 Fälle verhandelt, bei denen es um Zahlungen in Höhe von knapp 120 Millionen Euro geht.

Bekannte Nebenwirkungen und das Thrombose-mit-Thrombozytopenie-Syndrom (TTS)

TTS war bereits als eine mögliche Komplikation nach einer Impfung mit Sars-CoV-2-Impfstoffen bekannt. Laut Paul-Ehrlich-Institut sind andere Impfreaktionen und Nebenwirkungen von „Vaxzevria“ vorübergehende Lokalreaktionen und Allgemeinreaktionen wie Müdigkeit, Fieber, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Schüttelfrost und Müdigkeit. Schwere Nebenwirkungen treten meist innerhalb weniger Wochen nach der Impfung auf.

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In Deutschland hatte eine Frau AstraZeneca verklagt, nachdem sie nach einer Impfung mit dem Corona-Impfstoff von AstraZeneca eine Darmvenenthrombose erlitten hatte. Sie wurde ins Koma versetzt, und ein Teil ihres Darms musste entfernt werden. Die Frau fordert von dem Unternehmen Schmerzensgeld und Schadensersatz.

Guillain-Barré-Syndrom (GBS) als seltene Nervenerkrankung

Der europäische Ausschuss für Risikobewertung hat einen Warnhinweis für eine sehr seltene Nervenkrankheit, das Guillain-Barré-Syndrom (GBS), in die Produktinformationen des Covid-19-Impfstoffs von Astrazeneca aufgenommen. Beim GBS werden durch eine überschießende Autoimmunreaktion Nerven geschädigt, sodass sie keine Reize mehr übertragen können.

Die US-Arzneimittelbehörde FDA hatte einen entsprechenden Hinweis bereits in die Produktinformation zum Corona-Impfstoff von Johnson & Johnson aufgenommen und darauf verwiesen, dass die Wahrscheinlichkeit, die Nervenerkrankung zu bekommen, insgesamt sehr gering sei. Dem PEI-Bericht zufolge hat der Ausschuss für Risikobewertung (Pharmacovigilance Risk Assessment Committee, PRAC) der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA nun beschlossen, einen solchen Hinweis auch für den Impfstoff von Astrazeneca, Vaxzevria, herauszugeben. In Deutschland wurden mehrere Fälle von GBS nach Vaxzevria gemeldet, was auf ein Risikosignal hinweist.

Weitere Beobachtungen und Einschätzungen

Neben dem GBS wurden dem PEI zufolge „sehr selten“ Fälle der Herzerkrankungen Myokarditis und Perikarditis nach Impfung mit Biontech und Moderna beobachtet. Das neuartige Thrombosen-mit-Thrombozytopenie-Syndrom (TTS) wird dem Bericht zufolge „sehr selten als schwerwiegende Nebenwirkung“ der beiden Vektorimpfstoffe von Astrazeneca und Janssen (Johnson & Johnson) beobachtet.

Das PEI betont, dass es sich bei TTS um eine seltene, gleichwohl schwerwiegende Nebenwirkung handelt, die allerdings mit dem Nutzen der Impfung in Relation gesehen werden muss. Laut EMA nimmt der individuelle Nutzen der Impfung mit steigendem Alter und steigenden Infektionszahlen zu.

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Erfahrungen von Betroffenen

Ein Betroffener namens Herr T. berichtete von anhaltenden idiopathischen Gesichtsschmerzen und Muskelschwäche nach einer Impfung mit AstraZeneca. Er schilderte, wie er von Ärzten zunächst nicht ernst genommen wurde und wie er sich in seinem sozialen Umfeld rechtfertigen musste. Erst nach einer vollstationären Behandlung in der Uniklinik Freiburg wurde bei ihm ein multiokulärer Ganzkörperschmerz diagnostiziert, der im zeitlichen Zusammenhang mit der Corona-Impfung auftrat.

Herr T. engagiert sich nun für die Rechte von Impfgeschädigten und kritisiert die mangelnde Aufklärung über Impfnebenwirkungen sowie die unzureichenden Entschädigungsleistungen des Staates. Er betont, dass Betroffene oft mit erheblichen gesundheitlichen Einschränkungen zu kämpfen haben und finanzielle Entschädigungen dringend benötigen.

Das Post-Vac-Syndrom: Eine Herausforderung für die Medizin

Einige Geschädigte wollen den Impfstoffhersteller BioNTech wegen angeblicher Impfschäden, auch bekannt als Post-Vac-Syndrom, verklagen. Das Post-Vac-Syndrom umfasst ein Sammelsurium an Symptomen und Krankheitsbildern, die denen von Long-Covid ähneln, wie chronisches Erschöpfungssyndrom (CFS/ME), Migräne, Muskelschmerzen oder Herz-Kreislauferkrankungen.

Harald Prüß von der Berliner Charité weist darauf hin, dass es sich bei der zeitlichen Aufeinanderfolge von Impfung und Symptomen zunächst nur um eine Korrelation handelt, nicht um einen kausalen Zusammenhang. Er betont, dass das Post-Vac-Syndrom „in seiner Dimension total überschätzt wird“. Zudem gibt es bislang keinen in der breiten Wissenschaft akzeptierten Biomarker, um das Post-Vac-Syndrom eindeutig zu diagnostizieren.

Mögliche Ursachen und Forschungsansätze

Die Immunologin Christine Falk vermutet, dass der Kern des Problems eine Kreuzreaktion mit dem im Impfstoff enthaltenen oder durch den Impfstoff gebildeten Spike-Protein sein könnte. Sowohl bei manchen Long-Covid- als auch manchen Post-Vac-Patienten kommt es neben der Bildung von Antikörpern gegen das Spike-Protein zu einer Art Kreuzreaktion, bei der sie auch sogenannte Autoantikörper bilden, die unbeabsichtigt körpereigene Strukturen erkennen und angreifen können.

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Das Guillain-Barré-Syndrom im Detail

Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) ist eine akute, potenziell lebensbedrohliche Autoimmunerkrankung des peripheren Nervensystems. Typische Symptome sind rasch aufsteigende, schlaffe Lähmungen sowie teilweise auch sensorische und autonome Störungen. Bis zu 30 % der Patienten entwickeln eine respiratorische Insuffizienz und müssen beatmet werden.

Die Inzidenz von GBS wird für Nordamerika und Europa auf 0,8 bis 1,9 pro 100.000 Einwohner pro Jahr geschätzt. GBS tritt häufig innerhalb von vier Wochen nach bakteriellen oder viralen Infektionen auf. Verschiedene Pathogene wie Campylobacter jejuni, Mycoplasma pneumoniae, Cytomegalie-Virus, Epstein-Barr-Virus, Hepatitis-A-Virus und Influenza-A-Virus werden als Auslöser genannt.

GBS im Zusammenhang mit COVID-19 und Impfungen

GBS wurde wiederholt im Zusammenhang mit COVID-19 beschrieben. Auch nach Impfung mit dem COVID-19-Impfstoff von AstraZeneca und anderen Impfstoffen gegen SARS-CoV-2 werden in der Literatur Fälle von GBS beschrieben.

Dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) wurden bis zum 31.07.2021 insgesamt 84 Fallberichte eines GBS bzw. Miller-Fisher-Syndroms im Zusammenhang mit Vaxzevria® gemeldet. Mit einer „Standard Morbidity Ratio“ (SMR) von 3,91 ergibt sich ein statistisches Signal für Vaxzevria®. Auf Empfehlung des Ausschusses für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) der EMA wurde GBS als sehr seltene Nebenwirkung in die Fachinformationen von Vaxzevria® und COVID-19 Vaccine Janssen aufgenommen.

Empfehlungen und Fazit

Der beschriebene Fallbericht sowie weitere Berichte in der Literatur und im Spontanmeldesystem deuten darauf hin, dass GBS eine mögliche Nebenwirkung von Vaxzevria® sein könnte. Allerdings sind angesichts der Vielzahl der Geimpften auch spontan bzw. durch andere Pathogene ausgelöste GBS zu erwarten.

Da die Inzidenz eines etwaigen Vaxzevria®-assoziierten GBS sehr niedrig eingeschätzt wird, überwiegt aus Sicht der AkdÄ nach wie vor der Nutzen der Impfung deren Risiken. Wenn nach der Impfung insbesondere mit Vaxzevria® oder mit COVID-19 Vaccine Janssen neurologische Symptome auftreten, wie z. B. schlaffe Paresen oder distal symmetrische Sensibilitätsstörungen, sollte ein GBS erwogen und die Patienten entsprechend untersucht und behandelt werden.

Die Rolle der Hausärzte und Meldung von Nebenwirkungen

Anke Richter-Scheer vom Bundeshausärzteverband hält es für richtig, die Arztpraxen in die Corona-Impfstrategie mit einzubeziehen. Sie betont, dass Hausärzte die ersten Ansprechpartner für ihre Patienten sind und eine wichtige Rolle bei der Erkennung und Meldung von Nebenwirkungen spielen.

Nebenwirkungen können über ein Online-Portal gemeldet werden. Zunächst kommuniziert die Europäische Arzneimittelbehörde EMA mit den Herstellern. Gleichzeitig werden Informationen auch auf der Homepage des Paul-Ehrlich Instituts veröffentlicht und auch auf der Seite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte.

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