Ataxie beim Miller-Fisher-Syndrom: Ursachen, Verlauf und Behandlung

Das Miller-Fisher-Syndrom (MFS) ist eine seltene neurologische Erkrankung, die das Nervensystem betrifft. Es handelt sich um eine Variante des Guillain-Barré-Syndroms (GBS), einer Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise die Nervenzellen angreift. MFS verläuft meist in verschiedenen Phasen, in denen unterschiedliche Beschwerden auftreten können, von anfänglich leichten Beeinträchtigungen bis hin zu deutlicheren neurologischen Störungen.

Was ist das Miller-Fisher-Syndrom?

Das Miller-Fisher-Syndrom (MFS) ist eine seltene neurologische Erkrankung, die das Nervensystem betrifft. Es gehört zum Spektrum des Guillain-Barré-Syndroms und ist durch eine charakteristische Trias von Symptomen gekennzeichnet: Ataxie, Ophthalmoplegie und Areflexie.

Ursachen des Miller-Fisher-Syndroms

Die meisten Fälle des Miller-Fisher-Syndroms (MFS) treten nach einer vorangegangenen Infektion auf, häufig nach einer Atemwegs- oder Magen-Darm-Infektion. Dies deutet darauf hin, dass das Immunsystem während der Infektion auf unerklärliche Weise fehlgeleitet wird. Anstatt nur die Krankheitserreger zu bekämpfen, greift es irrtümlich gesunde Nervenzellen an. Diese ungewollte Autoimmunreaktion führt zu einer Entzündung der Nerven, die für das Krankheitsbild charakteristisch ist.

Die genauen Mechanismen dieser Fehlsteuerung sind noch nicht vollständig verstanden und Gegenstand intensiver Forschung. Vermutet wird ein Zusammenspiel aus Umweltfaktoren und genetischer Veranlagung. Die enge Verbindung zwischen vorausgegangenen Infektionen und dem Auftreten des MFS unterstreicht die Bedeutung einer intakten Immunregulation und liefert wichtige Ansätze für das Verständnis von Autoimmunerkrankungen im Allgemeinen. Als häufigster Risikofaktor gilt die Infektion mit Campylobacter jejuni, einem Bakterium, das Gastroenteritis verursacht. Auch Cytomegalieviren, Epstein-Barr-Viren und Mycoplasma pneumoniae können Auslöser sein. Zusätzlich wurde ein erhöhtes GBS-Risiko nach Infektionen mit COVID-19, Zika-Virus sowie anderen viralen Erregern beobachtet.

Autoantikörper gegen verschiedene Ganglioside, insbesondere GQ1b, spielen eine zentrale Rolle in der Pathogenese des MFS. Diese Antikörper greifen Strukturen des peripheren Nervensystems an und führen zu den charakteristischen Symptomen.

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Symptome des Miller-Fisher-Syndroms

Das Miller-Fisher-Syndrom äußert sich durch eine charakteristische Trias von Symptomen:

  • Ataxie: Bei Menschen, die vom Miller-Fisher-Syndrom betroffen sind, treten häufig Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen auf. Dies zeigt sich in einem unsicheren Gang, Problemen beim Stehen und Schwierigkeiten bei alltäglichen Bewegungen, die sonst selbstverständlich erscheinen. Der Gang ist breitbeinig, schwankend und unsicher. Diese Gangataxie kann auch das einzige Symptom sein.
  • Ophthalmoplegie: Bei dieser spezifischen Symptomatik handelt es sich um eine Lähmung der Augenmuskeln. Diese kann dazu führen, dass Betroffene Schwierigkeiten haben, ihre Augen in die gewünschte Richtung zu bewegen, was zu Doppeltsehen (Diplopie) führen kann. Dabei wird ein Objekt als zwei separate Bilder wahrgenommen. In 27 % der Fälle ist nur eine Seite betroffen. Oft bestehen Abduktionsdefizite, aber mehr als die Hälfte der Betroffenen hat eine vollständige Augenmuskellähmung. Besonders auffällig beim Anti-GLP1-Antikörpersyndrom ist die Progression der Erkrankung. Rund die Hälfte der Erkrankten hat eine Iridoplegie mit Mydriasis, verminderten Lichtreflexen und Anisokorie. Generell gilt, dass Personen mit Antikörpern gegen GQ1b und Ophthalmoplegie mehrheitlich eine binokulare Beteiligung aufweisen - wenn auch häufig in asymmetrischer Form.
  • Areflexie: Verlust oder deutliche Abschwächung der normalerweise auftretenden Reflexe, die bei einem Schlag auf die Sehne in bestimmten Bereichen des Körpers auftreten sollten. Dies zeigt die Beeinträchtigung des Nervensystems und ist ein Indikator für die neurologischen Veränderungen.

Darüber hinaus können weitere Symptome wie Gesichtslähmungen, Schluckbeschwerden, Muskelschwäche oder ausgeprägte Müdigkeit auftreten. Betroffene klagen zudem häufig über ausgeprägte Muskelschmerzen, radikuläre Schmerzen, Kribbelparästhesien und Taubheitsgefühle, die sich von den Extremitäten nach proximal ausbreiten. Auch das autonome Nervensystem kann betroffen sein, was zu Symptomen wie orthostatischer Hypotonie, Störungen der Schweißproduktion, Herzrhythmusstörungen und Überleitungsstörungen führt.

Verlauf des Miller-Fisher-Syndroms

Die Dauer des Miller-Fisher-Syndroms kann von Patient zu Patient variieren. In den meisten Fällen entwickeln sich die Symptome innerhalb von Tagen bis Wochen nach einer Infektion. Der Verlauf lässt sich in drei Phasen einteilen:

  • Akute Phase: Die Symptome treten am stärksten auf und verschlechtern sich oft in rascher Geschwindigkeit. Diese Phase wird oft als die intensivste und herausforderndste Phase der Erkrankung wahrgenommen. Häufig ist eine intensivierte medizinische Betreuung erforderlich, etwa durch intravenöse Immunglobuline (IVIG) oder Plasmapherese, um die Entzündung zu lindern. Eine angemessene Behandlung und Überwachung sind in dieser Phase entscheidend für den weiteren Krankheitsverlauf.
  • Plateauphase: In dieser Phase stabilisieren sich die Symptome des Miller-Fisher-Syndroms, ohne dass eine weitere Verschlechterung eintritt. Die Plateauphase kann Wochen bis Monate andauern und bringt oft Erleichterung und neue Hoffnung. Während dieser Zeit können sich Betroffene stärker auf ihre Genesung konzentrieren und an der Rehabilitation arbeiten. Die medizinische Betreuung konzentriert sich darauf, die Symptome zu lindern und so die Genesung zu unterstützen.
  • Erholungsphase: Nach der Stabilisierung setzen allmählich erste Verbesserungen ein. Die Patienten beginnen langsam, sich zu erholen. Geschwindigkeit und das Ausmaß der Erholung können jedoch stark variieren, da jeder Patient individuell auf die Behandlung und die Erkrankung reagiert. Einige erleben eine zügige Besserung und erlangen motorische Fähigkeiten sowie Reflexe zurück, während es bei anderen länger dauern kann. Die Erholungsphase erfordert Geduld und Ausdauer, da Rehabilitation und Therapie einen wichtigen Teil der Genesung bilden.

Diagnose des Miller-Fisher-Syndroms

Die Diagnose des Miller-Fisher-Syndroms (GBS) wird anhand der Anamnese, der klinischen Befunde, der Elektroneurographie sowie Laboruntersuchungen gestellt. Die Diagnose des Guillain-Barré-Syndroms basiert auf einer kombinierten Bewertung anamnestischer, klinischer, liquordiagnostischer und elektrophysiologischer Befunde. Da GBS unterschiedlich beginnen kann und mehrere Erkrankungen ähnliche Symptome aufweisen, kann die Diagnosestellung in frühen Stadien herausfordernd sein.

Klinische Untersuchung

Die klinische Untersuchung umfasst die Beurteilung der neurologischen Funktionen, insbesondere der Reflexe, der Muskelkraft, der Koordination und der Augenbewegungen.

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Elektrophysiologie

Die Elektroneurographie (ENG) wird zur Messung der Nervenleitgeschwindigkeit in motorischen und sensorischen Nervenbahnen genutzt und gibt somit Auskunft über Schädigungen an der Myelinscheide (Demyelinisierung) und axonale Schädigungen. Bei einer Demyelinisierung ist u.a. die Nervenleitgeschwindigkeit verlangsamt, es zeigen sich Leitungsblöcke und eine Zunahme der distalen motorischen Latenz (DML). Die Elektrodiagnostik wird in der Frühdiagnose von GBS empfohlen und kann bei der Differentialdiagnose hilfreich sein. Die elektrophysiologische Diagnostik ist zur Diagnosesicherung und Variantenunterscheidung unverzichtbar. Sie misst die Nervenleitfähigkeit, die bei GBS aufgrund der Myelinschädigung verlangsamt ist. Bei initial normalen Befunden kann die Untersuchung nach einer bis zwei Wochen wiederholt werden.

Liquoruntersuchung

Zur GBS-Diagnostik und zur Abgrenzung gegenüber anderen Neuropathien empfiehlt sich eine Analyse der Zellzahl und Eiweißmenge im Liquor. Bei einem Teil der GBS-Patient:innen liegt eine zyto-albuminäre Dissoziation vor, also ein erhöhter Eiweißgehalt bei normaler Zellzahl. Die Zellzahl ist meist normal, kann manchmal minimal bis <50/mm³ und selten darüber hinaus erhöht sein. Eine Lumbalpunktion mit Analyse von Liquor-Eiweiß und -Zellzahl soll zur GBS-Diagnose durchgeführt werden. Typisch ist eine „zyto-albuminäre Dissoziation“ mit erhöhter Liquoreiweißkonzentration bei normaler Zellzahl. Bei initial normalem Befund kann die Punktion nach sieben bis zehn Tagen wiederholt werden.

Blutuntersuchung

Blutuntersuchung sind bei der Diagnose des Guillain-Barré-Syndroms nicht vorgesehen. Es gibt keine etablierten Biomarker, allerdings sind manchmal Antikörper gegen bestimmte Ganglioside nachweisbar. Dies kann eine GBS-Diagnose stützen, wenn klinische und elektrophysiologische Kriterien nicht eindeutig sind. 90 % der Patient:innen mit einer Erkrankung des MFS-Spektrums weisen Auto-Antikörper gegen das Gangliosid GQ1b auf. Bei den selteneren GBS-Varianten AMAN und AMSAN lassen sich nur in der Hälfte aller Fälle typische Antikörper etwa gegen GM1 und GD1a nachweisen. Deshalb sollte bei ungünstigen Verläufen auf solche Antikörper getestet werden. Mikrobiologische und serologische Untersuchungen auf konkrete Krankheitserreger haben bei dem Guillain-Barré-Syndrom zwar keine therapeutische Auswirkung, allerdings können sie manchmal hilfreich sein. So deutet der Nachweis des Durchfallerregers Campylobacter jejuni wahrscheinlich, wenngleich nicht ausschließlich, auf die AMAN-Variante von GBS hin.

Differentialdiagnose

Bei der Differentialdiagnose werden alternative Diagnosen anderer Polyneuropathien oder andere Ursachen für die aufgetretenen Nervenschädigungen ausgeschlossen, um die Diagnose eines GBS sicherzustellen. Eine korrekte Diagnose ist relevant für die therapeutische Entscheidung und den Erfolg des therapeutischen Ansprechens. CAVE! 13-18% der CIDP-Patient:innen haben einen akuten AIDP-ähnlichen Krankheitsbeginn, mit überlappenden klinischen und elekrophysiologischen Symptomen wie GBS.

Behandlung des Miller-Fisher-Syndroms

Es gibt keine spezifische Heilung für das Miller-Fisher-Syndrom. Die Behandlung zielt daher auf die Linderung der Symptome und die Unterstützung des Genesungsprozesses ab. Sie erfolgt stets in enger Zusammenarbeit mit einem neurologischen Fachteam und kann verschiedene Maßnahmen umfassen:

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  • Medikamentöse Therapie: Verabreichung von intravenösen Immunglobulinen (IVIG) oder Durchführung einer Plasmapherese, um die Entzündungsreaktion zu verringern. Eine Indikation für Intravenöse Immunglobuline oder Plasmapherese besteht bei mäßig schwerem bis schwerem Verlauf innerhalb einer maximalen Krankheitsdauer von vier Wochen. Beide Verfahren sind als gleichwertig anzusehen, die Entscheidung erfolgt nach Verfügbarkeit, Gesamtsituation der Patient:innen und zu erwartenden Nebenwirkungen. Glukokortikosteroide sind nicht wirksam und sollen nicht gegeben werden, da sie sogar für die Erholung hinderlich sein können.
  • Physiotherapie und Ergotherapie: Unterstützung bei der Wiederherstellung von Kraft, Beweglichkeit und motorischen Fähigkeiten sowie Förderung der Selbstständigkeit im Alltag. Physiotherapie und Ergotherapie oder Logopädie sind wichtig bei der Bewältigung von CIDP.
  • Supportive Therapie: Patient:innen werden stationär, idealerweise intensivmedizinisch überwacht, da Atemversagen auftreten kann und mechanische Beatmung erforderlich werden könnte. Störungen des autonomen Nervensystems erfordern kontinuierliches Monitoring von Herzfrequenz, Blutdruck und anderen Vitalfunktionen. Bei Schluckstörungen sind spezielle Maßnahmen zur Aspirationsprophylaxe notwendig.

Mögliche Spätfolgen des MFS

In den meisten Fällen erholen sich die Patienten vollständig oder nahezu vollständig von den Symptomen des Miller-Fisher-Syndroms. Dennoch können bei einigen Betroffenen Spätfolgen auftreten. Dazu gehören vor allem eine anhaltende Schwäche, Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen oder dauerhaftes Doppeltsehen, was den Alltag unterschiedlich stark beeinträchtigen kann. Auch eine schnellere Ermüdbarkeit oder leichte Einschränkungen bei feinmotorischen Bewegungen sind möglich.

Daher spielt insbesondere die Rehabilitation eine wichtige Rolle bei der Bewältigung des MFS. Verschiedene Therapieansätze können helfen, verbliebene Defizite auszugleichen, Kraft und Beweglichkeit wiederherzustellen und die Selbstständigkeit im Alltag zu fördern. Auch psychologische Unterstützung kann entscheidend sein, um den Umgang mit den Folgen der Erkrankung zu erleichtern.

Prognose des Miller-Fisher-Syndroms

Die Prognose des Miller-Fisher-Syndroms ist generell gut. Die meisten Betroffenen erholen sich innerhalb von Wochen bis Monaten vollständig. Mit der richtigen Behandlung und konsequenter Rehabilitation haben die meisten Patienten eine sehr gute Chance auf eine weitgehende Genesung. Eine Rehabilitationsbehandlung ist nach GBS erforderlich. Die meisten Patient:innen erholen sich vollständig, wobei die Genesung von wenigen Wochen bis zu mehreren Jahren dauern kann. Manche behalten langfristige Schwäche, Taubheitsgefühle, Fatigue oder Schmerzen zurück. Psychologische Unterstützung kann bei der Bewältigung der emotionalen Belastung hilfreich sein.

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