Ataxie beim Miller-Fisher-Syndrom: Ursachen, Symptome, Diagnose und Therapie

Einführung

Das Miller-Fisher-Syndrom (MFS) ist eine seltene, erworbene neurologische Autoimmunerkrankung, die als eine Variante des Guillain-Barré-Syndroms (GBS) gilt. Es gehört zu den entzündlichen Autoimmunerkrankungen des peripheren Nervensystems. Die Erkrankung ist durch eine charakteristische Trias von Symptomen gekennzeichnet: Areflexie, Ataxie und Ophthalmoplegie. Die Prognose ist in der Regel gut, wobei sich die meisten Betroffenen innerhalb von Wochen bis Monaten vollständig erholen.

Was ist das Miller-Fisher-Syndrom?

Das Miller-Fisher-Syndrom (MFS) ist eine seltene neurologische Erkrankung, die das Nervensystem betrifft. Es ist eine Form des sogenannten Guillain-Barré-Syndrom (GBS), einer Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise die Nervenzellen angreift. MFS verläuft meist in verschiedenen Phasen, in denen unterschiedliche Beschwerden, von anfänglich leichten Beeinträchtigungen bis hin zu deutlicheren neurologischen Störungen, auftreten können.

Ursachen des Miller-Fisher-Syndroms

Die meisten Fälle des Miller-Fisher-Syndroms (MFS) treten nach einer vorangegangenen Infektion auf, häufig nach einer Atemwegs- oder Magen-Darm-Infektion. Dies deutet darauf hin, dass das Immunsystem während der Infektion auf unerklärliche Weise fehlgeleitet wird. Anstatt nur die Krankheitserreger zu bekämpfen, greift es irrtümlich gesunde Nervenzellen an. Diese ungewollte Autoimmunreaktion führt zu einer Entzündung der Nerven, die für das Krankheitsbild charakteristisch ist.

Die genauen Mechanismen dieser Fehlsteuerung sind noch nicht vollständig verstanden und Gegenstand intensiver Forschung. Vermutet wird ein Zusammenspiel aus Umweltfaktoren und genetischer Veranlagung. Die enge Verbindung zwischen vorausgegangenen Infektionen und dem Auftreten des MFS unterstreicht die Bedeutung einer intakten Immunregulation und liefert wichtige Ansätze für das Verständnis von Autoimmunerkrankungen im Allgemeinen. Als häufigster Risikofaktor gilt die Infektion mit Campylobacter jejuni, einem Bakterium, das Gastroenteritis mit Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen und Diarrhoe verursacht. Als weitere gesicherte auslösende Erreger gelten in allen Altersstufen Cytomegalieviren, Epstein-Barr-Viren und Mycoplasma pneumoniae. Zusätzlich wurde ein erhöhtes GBS-Risiko nach Infektionen mit COVID-19, Zika-Virus sowie anderen viralen Erregern beobachtet.

Die Ursache liegt in einer Fehlreaktion des Immunsystems, bei der Autoantikörper (meist Anti-GQ1b) Nervenzellen angreifen. Anti-GQ1b-Antikörper führen zu diversen Neuropathien. Neben den Augenmuskeln können auch der Gleichgewichtssinn und die Bewegungskoordination betroffen sein.

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Symptome des Miller-Fisher-Syndroms

Das Miller-Fisher-Syndrom äußert sich durch eine charakteristische Trias von Symptomen. Darüber hinaus können weitere Symptome wie Gesichtslähmungen, Schluckbeschwerden, Muskelschwäche oder ausgeprägte Müdigkeit auftreten. Die Symptome treten am stärksten auf und verschlechtern sich oft in rascher Geschwindigkeit. Diese Phase wird oft als die intensivste und herausforderndste Phase der Erkrankung wahrgenommen. Häufig ist eine intensivierte medizinische Betreuung erforderlich, etwa durch intravenöse Immunglobuline (IVIG) oder Plasmapherese, um die Entzündung zu lindern. Eine angemessene Behandlung und Überwachung sind in dieser Phase entscheidend für den weiteren Krankheitsverlauf.

Die klassische Symptomtrias besteht aus:

  • Ataxie: Bei Menschen, die vom Miller-Fisher-Syndrom betroffen sind, treten häufig Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen auf. Dies zeigt sich in einem unsicheren Gang, Problemen beim Stehen und Schwierigkeiten bei alltäglichen Bewegungen, die sonst selbstverständlich erscheinen.
  • Ophthalmoplegie: Bei dieser spezifischen Symptomatik handelt es sich um eine Lähmung der Augenmuskeln. Diese kann dazu führen, dass Betroffene Schwierigkeiten haben, ihre Augen in die gewünschte Richtung zu bewegen, was zu Doppelsehen (Diplopie) führen kann. Dabei wird ein Objekt als zwei separate Bilder wahrgenommen. An einer Ophthalmoplegie leiden auch 15 % der Patientinnen und Patienten mit Guillain-Barré-Syndrom. In der Literatur wird überwiegend über eine externe Ophthalmoplegie berichtet.
  • Areflexie: Verlust oder deutliche Abschwächung der normalerweise auftretenden Reflexe, die bei einem Schlag auf die Sehne in bestimmten Bereichen des Körpers auftreten sollten. Dies zeigt die Beeinträchtigung des Nervensystems und ist ein Indikator für die neurologischen Veränderungen. Charakteristisch sind abgeschwächte oder erloschene Muskeleigenreflexe.

Unter dem Oberbegriff des typischen Anti-GQ1b-Antikörper-Syndroms werden inzwischen vier Erkrankungen zusammengefasst:

  • das Miller-Fisher-Syndrom
  • die Bickerstaff-Hirnstammenzephalitis
  • das Guillain-Barré-Syndrom mit Ophthalmoplegie (GBS-O)
  • die akute Ophthalmoplegie ohne Ataxie

Gemeinsames Kennzeichen dieser vier Erkrankungen ist die Augenmuskellähmung. Das klassische Miller-Fisher-Syndrom ist die häufigste Erscheinungsform des Anti-GQ1b-Antikörper-Syndroms und gekennzeichnet durch die Trias aus externer Augenmuskellähmung, Ataxie und Areflexie.

Diagnose des Miller-Fisher-Syndroms

Die Diagnose des Miller-Fisher-Syndroms (MFS) wird anhand der Anamnese, der klinischen Befunde, der Elektroneurographie sowie Laboruntersuchungen gestellt. Wie bei betroffenen Erwachsenen kann die Diagnose des GBS bei Kindern nicht aufgrund eines klinischen bzw. paraklinischen Parameters gestellt werden. Es ist vielmehr die Konstellation der Befunde und der Ausschluss von Differentialdiagnosen, die eine GBS-Diagnose sicherstellen können. In der aktuellen S1-Leitlinie der DGN (Deutsche Gesellschaft für Neurologie) sind die Diagnosekriterien für GBS konkretisiert worden.

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Zu den Diagnose-unterstützenden Untersuchungen gehören:

  • Liquoruntersuchung: Zur GBS-Diagnostik und zur Abgrenzung gegenüber anderen Neuropathien empfiehlt sich eine Analyse der Zellzahl und Eiweißmenge im Liquor. Bei einem Teil der GBS-Patient:innen liegt eine zyto-albuminäre Dissoziation vor, also ein erhöhter Eiweißgehalt bei normaler Zellzahl. Die Zellzahl ist meist normal, kann manchmal minimal bis
  • Blutuntersuchung: 90 % der Patient:innen mit einer Erkrankung des MFS-Spektrums weisen Auto-Antikörper gegen das Gangliosid GQ1b auf. Deshalb sollte bei ungünstigen Verläufen auf solche Antikörper getestet werden. Im Verlauf der Genesung bilden sie sich rasch zurück. In der ersten Woche nach Symptombeginn sind die meisten Erkrankten antikörperpositiv.
  • Elektrodiagnostik: Die Elektroneurographie (ENG) wird zur Messung der Nervenleitgeschwindigkeit in motorischen und sensorischen Nervenbahnen genutzt und gibt somit Auskunft über Schädigungen an der Myelinscheide (Demyelinisierung) und axonale Schädigungen. Bei einer Demyelinisierung ist u.a. die Nervenleitgeschwindigkeit verlangsamt, es zeigen sich Leitungsblöcke und eine Zunahme der distalen motorischen Latenz (DML). Die Elektrodiagnostik wird in der Frühdiagnose von GBS empfohlen und kann bei der Differentialdiagnose hilfreich sein.

Bei der Differentialdiagnose werden alternative Diagnosen anderer Polyneuropathien oder andere Ursachen für die aufgetretenen Nervenschädigungen ausgeschlossen, um die Diagnose eines GBS sicherzustellen. Eine korrekte Diagnose ist relevant für die therapeutische Entscheidung und den Erfolg des therapeutischen Ansprechens.

Verlauf des Miller-Fisher-Syndroms

Die Dauer des Miller-Fisher-Syndroms kann von Patient zu Patient variieren. In den meisten Fällen entwickeln sich die Symptome innerhalb von Tagen bis Wochen nach einer Infektion. Die akute Phase der Erkrankung kann einige Wochen bis mehrere Monate dauern. Danach beginnt oft die Erholungsphase, die sich über Monate oder sogar Jahre erstrecken kann. Einige Patienten erholen sich vollständig, während andere mit anhaltenden Schwierigkeiten zu tun haben.

Der Verlauf lässt sich in drei Phasen einteilen:

  • Akute Phase: Die Symptome treten am stärksten auf und verschlechtern sich oft in rascher Geschwindigkeit.
  • Plateauphase: In dieser Phase stabilisieren sich die Symptome des Miller-Fisher-Syndroms, ohne dass eine weitere Verschlechterung eintritt.
  • Erholungsphase: Nach der Stabilisierung setzen allmählich erste Verbesserungen ein. Die Patienten beginnen langsam, sich zu erholen.

Therapie des Miller-Fisher-Syndroms

Es gibt keine spezifische Heilung für das Miller-Fisher-Syndrom. Die Behandlung zielt daher auf die Linderung der Symptome und die Unterstützung des Genesungsprozesses ab. Sie erfolgt stets in enger Zusammenarbeit mit einem neurologischen Fachteam und kann verschiedene Maßnahmen umfassen.

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  • Medikamentöse Therapie: Verabreichung von intravenösen Immunglobulinen (IVIG) oder Durchführung einer Plasmapherese, um die Entzündungsreaktion zu verringern. Eine Indikation für Intravenöse Immunglobuline oder Plasmapherese besteht bei mäßig schwerem bis schwerem Verlauf innerhalb einer maximalen Krankheitsdauer von vier Wochen.
  • Physiotherapie und Ergotherapie: Unterstützung bei der Wiederherstellung von Kraft, Beweglichkeit und motorischen Fähigkeiten sowie Förderung der Selbstständigkeit im Alltag. Eine Rehabilitationsbehandlung ist nach MFS erforderlich.
  • Supportive Therapie: Patient:innen werden stationär, idealerweise intensivmedizinisch überwacht, da Atemversagen auftreten kann und mechanische Beatmung erforderlich werden könnte. Störungen des autonomen Nervensystems erfordern kontinuierliches Monitoring von Herzfrequenz, Blutdruck und anderen Vitalfunktionen. Bei Schluckstörungen sind spezielle Maßnahmen zur Aspirationsprophylaxe notwendig.

Mögliche Spätfolgen des MFS

In den meisten Fällen erholen sich die Patienten vollständig oder nahezu vollständig von den Symptomen des Miller-Fisher-Syndroms. Dennoch können bei einigen Betroffenen Spätfolgen auftreten. Dazu gehören vor allem eine anhaltende Schwäche, Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen oder dauerhaftes Doppelsehen, was den Alltag unterschiedlich stark beeinträchtigen kann. Auch eine schnellere Ermüdbarkeit oder leichte Einschränkungen bei feinmotorischen Bewegungen sind möglich.

Daher spielt insbesondere die Rehabilitation eine wichtige Rolle bei der Bewältigung des MFS. Verschiedene Therapieansätze können helfen, verbliebene Defizite auszugleichen, Kraft und Beweglichkeit wiederherzustellen und die Selbstständigkeit im Alltag zu fördern. Auch psychologische Unterstützung kann entscheidend sein, um den Umgang mit den Folgen der Erkrankung zu erleichtern.

Prognose

Die Prognose ist in der Regel gut: Die meisten Betroffenen erholen sich innerhalb von Wochen bis Monaten vollständig. Die meisten Patient:innen erholen sich vollständig, wobei die Genesung von wenigen Wochen bis zu mehreren Jahren dauern kann. Manche behalten langfristige Schwäche, Taubheitsgefühle, Fatigue oder Schmerzen zurück. Psychologische Unterstützung kann bei der Bewältigung der emotionalen Belastung hilfreich sein. Eine frühzeitige Diagnose und eine angemessene medizinische Betreuung sind dafür unerlässlich. Mit der richtigen Behandlung und konsequenter Rehabilitation haben die meisten Patienten eine sehr gute Chance auf eine weitgehende Genesung.

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