Nervenschmerzen in der Hand: Ursachen und Auswirkungen von Kälte

Kälte kann bei Nervenschmerzen in der Hand eine paradoxe Rolle spielen. Einerseits kann Kälte bei gesunden Menschen mit akutem Schmerz schmerzlindernd wirken. Andererseits kann sie bei Patienten mit Nervenschmerzen die Beschwerden verstärken oder sogar auslösen. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen Nervenschmerzen in der Hand und Kälte, wobei verschiedene Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten erörtert werden.

Einführung in Nervenschmerzen und ihre Vielfalt

Nervenschmerzen, auch Neuralgien genannt, sind Schmerzen, die durch eine Schädigung oder Funktionsstörung von Nerven verursacht werden. Sie können sich in verschiedenen Formen äußern, von plötzlich einschießenden, heftigen Schmerzattacken bis hin zu chronischen, brennenden Schmerzen. Über fünf Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Nervenschmerzen.

Die Ursachen für Nervenschmerzen sind vielfältig und reichen von Entzündungen und Virusinfektionen bis hin zu Diabetes mellitus, Operationen oder mechanischen Einflüssen. Auch wenn die Schädigung des Nervs bereits abgeheilt ist, können weiterhin Schmerzen auftreten, da Nervenzellen ein Schmerzgedächtnis bilden können.

Die Rolle der Kälte bei Schmerzen: Ein zweischneidiges Schwert

Temperaturänderungen der Haut werden von speziellen Sensoren auf Nervenzellen wahrgenommen, die für das Kalt- und Warmempfinden verantwortlich sind. Abkühlen schaltet die Kaltsensoren ein und die Warmsensoren ab. Bei einem akuten entzündlichen Schmerz kann Kälte schmerzlindernd wirken, während bei chronisch entzündlichen Schmerzen auch eine lokale Wärmebehandlung helfen kann.

Bei Patienten mit Nervenschmerzen kann Kälte jedoch eine gegenteilige Wirkung haben. Sie reagieren häufig überempfindlich auf Kälte und empfinden manchmal schon bei einem leichten Luftzug starke Schmerzen. Dieser Effekt wird als Kälteallodynie bezeichnet.

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Kälte als Auslöser von Nervenschmerzen: Mögliche Mechanismen

Mehrere Mechanismen können erklären, wie Kälte Nervenschmerzen auslösen oder verstärken kann:

  • Verstärkte Nervensignale: Bei manchen Patienten mit Nervenschmerzen steigern Eiweiße der Zelloberfläche der Nerven (Natriumkanäle) die Nervensignale um ein Vielfaches, was zu einer übersteigerten Schmerzwahrnehmung führt. Kälte kann diesen Effekt verstärken, indem sie die Natriumkanäle beeinflusst und das ursprüngliche Nervensignal verstärkt. Calcium kann dieses „Türklappern“ reduzieren und wird daher bei Patienten mit Neuropathie zur Therapie eingesetzt.
  • Beeinträchtigung der Kaliumkanäle: Eine weitere Wirkung der Kälte betrifft die Eiweiße der Zellmembran (Kaliumkanäle Kv1.1/2), die beim Abkühlen aktiviert werden und als „Bremse“ der neuronalen Erregung beziehungsweise als Gegenspieler der „Kaltfühler“ funktionieren. Fehlt diese Bremse, wirkt die Kälte viel stärker und kann nun auch Nervenzellen mit sehr wenigen Kaltfühlern aktivieren, die vorher nicht erregbar waren. Selbst Nervenzellen, die überhaupt keinen Kaltfühler besitzen, können durch einen ähnlichen Mechanismus kälteempfindlich werden.
  • Raynaud-Syndrom: Das Raynaud-Syndrom ist eine Gefäßerkrankung, die durch Gefäßkrämpfe (Vasospasmen) hervorgerufen wird. Die Krämpfe treten anfallsartig meist an den Fingern, seltener an den Zehen und anderen Körperpartien auf. Dadurch verringert sich die Blutzufuhr zu der betroffenen Körperregion - sie werden blass und kalt, weshalb man auch von der Leichenfinger- oder Weißfingerkrankheit spricht. Ausgelöst werden die Krämpfe meist durch Kälte und psychische Belastung. Nicht wenige Menschen mit Rheuma leiden am Raynaud-Syndrom. Betroffene beschreiben Kälte oder Feuchtigkeit sowie Stress als Auslöser für das Raynaud-Syndrom. Dabei ist mit Kälte weniger die absolute Temperatur gemeint, sondern vielmehr der relative Temperaturunterschied.

Spezifische Erkrankungen und Kälteempfindlichkeit

Bestimmte Erkrankungen können die Kälteempfindlichkeit bei Nervenschmerzen verstärken:

  • Chemotherapie mit Platinsalzen: Patienten, die wegen eines Krebsleidens mit Platinsalz (Oxaliplatin) behandelt werden, empfinden die Abkühlung oft als viel stärker. Solange das Platinsalz im Körper wirkt, sind die Patienten ausgesprochen kälteüberempfindlich, und selbst kurze Kaltreize lösen ein lang andauerndes übersteigertes Kältegefühl aus.
  • Autoimmunerkrankungen: Autoimmunkrankheiten können das Raynaud-Syndrom auslösen und damit die Ursache kalter Hände sein. Bei Autoimmunkrankheiten richtet sich das Immunsystem sozusagen irrtümlich gegen Strukturen des eigenen Körpers. Ein Beispiel ist die Bindegewebserkrankung Sklerodermie. Dabei verdickt sich das Bindegewebe durch entzündliche Vorgänge. Ein weiteres Beispiel ist das Sjögren-Syndrom. Tränen- und Speicheldrüsen entzünden sich bei dieser Krankheit. Es kommt zu trockenen Augen und einem trockenen Mund. Auch die Krankheit Lupus erythematodes gilt als möglicher Auslöser eines Raynaud-Syndroms.

Diagnose von Nervenschmerzen und Kälteempfindlichkeit

Um die Ursache von Nervenschmerzen und Kälteempfindlichkeit zu ermitteln, ist eine gründliche Anamnese und körperliche Untersuchung erforderlich. Der Arzt wird Fragen zu Art, Lokalisation, Dauer und Intensität der Schmerzen stellen sowie nach möglichen Auslösern und Begleitsymptomen fragen.

Zusätzlich können folgende Untersuchungen durchgeführt werden:

  • Neurologische Untersuchung: Zur Überprüfung der Nervenfunktion.
  • Kälteprovokationstest: Um zu testen, ob Kälte ein Auslöser der Schmerzen ist.
  • Kapillarmikroskopie: Zur Untersuchung der kleinsten Gefäße (Kapillaren) der Hände, um beispielsweise eine Sklerodermie als Ursache eines sekundären Raynaud-Syndroms festzustellen.
  • Blutuntersuchungen: Zum Ausschluss anderer Erkrankungen, die mit Nervenschmerzen und Kälteempfindlichkeit einhergehen können.
  • Bildgebende Verfahren: Wie Magnetresonanz-Angiografie und Duplexsonografie, um Gefäßveränderungen nachzuweisen.

Behandlung von Nervenschmerzen und Kälteempfindlichkeit

Die Behandlung von Nervenschmerzen und Kälteempfindlichkeit zielt darauf ab, die Schmerzen zu lindern, die Lebensqualität zu verbessern und die Grunderkrankung zu behandeln, falls vorhanden.

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Folgende Maßnahmen können eingesetzt werden:

  • Vermeidung von Kälte: Dies ist die wichtigste Maßnahme, um Kälte-induzierte Schmerzen zu verhindern. Tragen Sie warme Kleidung, insbesondere Handschuhe und Mützen, und vermeiden Sie plötzliche Temperaturwechsel.
  • Wärmeanwendungen: Warme Bäder, Wärmekissen oder wärmende Salben können helfen, die Durchblutung zu fördern und die Schmerzen zu lindern.
  • Entspannungstechniken: Stress kann die Schmerzen verstärken, daher können Entspannungstechniken wie autogenes Training, Biofeedback oder Yoga hilfreich sein.
  • Medikamente: Je nach Ursache und Schweregrad der Schmerzen können verschiedene Medikamente eingesetzt werden, wie z. B. Schmerzmittel, Antidepressiva oder Antikonvulsiva. Calcium kann dieses „Türklappern“ reduzieren und wird daher bei Patienten mit Neuropathie zur Therapie eingesetzt. Es ist zu hoffen, dass Medikamente, die eine Übererregbarkeit von Nervenzellen durch ihre Wirkung an Kaliumkanälen erzielen, in Zukunft auch für die Behandlung des Schmerzes gelingt.
  • Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Muskulatur zu stärken, die Beweglichkeit zu verbessern und die Schmerzen zu lindern.
  • Operation: In seltenen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um den Druck auf einen Nerv zu verringern oder eine andere Ursache der Schmerzen zu beheben.

Das Karpaltunnelsyndrom und seine Behandlung

Das Karpaltunnelsyndrom ist ein weit verbreitetes Nervenengpasssyndrom, von dem überwiegend Frauen jenseits der Menopause betroffen sind. Dabei wird ein Nerv, der an der Innenseite des Handgelenkes verläuft, eingeengt. Folgen: Schmerzen, besonders nachts, Taubheitsgefühl und verminderte Griffstärke.

Bevor eine Operation erwogen wird, können konservative und medikamentöse Maßnahmen ergriffen werden. Der Patient sollte die betroffene Hand nicht zu sehr belasten, nachts sollte das Handgelenk in einer Schiene ruhiggestellt werden. Gleichzeitig können entzündungshemmende oder schmerzstillende Medikamente eingenommen werden. Ist der Nerv nach einem Unfall oder einer Entzündung stark eingeengt oder sollte sich der Zustand der Hand trotz der konservativen Maßnahmen nicht bessern, hilft nur noch eine Operation. Um den Druck auf den Medianusnerv aufzuheben, wird dabei die Bindegewebsplatte oberhalb des Kanals durchtrennt.

Zusätzliche Mitauslöser des Karpaltunnelsyndroms werden beseitigt: Ganglione (Weichteiltumore) oder entzündetes, verdicktes Sehnengleitlagergewebe werden herausgeschnitten. Prinzipiell sind zwei Operationsverfahren möglich. Liegen Begleitursachen des Karpaltunnelsyndroms vor, wird heute ein offenes Operationsverfahren gewählt, um diese Auslöser gleich mit beseitigen zu können. Hier hat sich die so genannte Mini-Open-Technik durchgesetzt. Weil dabei nur sehr kleine Schnitte angelegt werden, werden die empfindlichen Partien des Handgelenks geschont. Ein Karpaltunnelsyndrom ohne erkennbaren Auslöser kann auch endoskopisch operiert werden. Auch dabei sind lediglich nur kleine Hautschnitte nötig. Nachteilig ist, dass dabei der Karpalkanal nicht eingesehen werden kann. Beide Operationsverfahren - sowohl Mini-Open als auch endoskopisch - haben inzwischen bis auf Ausnahmen (beispielsweise bei schweren und ausgedehnten rheumatischen Sehnenentzündungen) die klassische große und offene Karpaltunneloperation abgelöst. Im Langzeitverlauf zeigen sich keine Unterschiede zwischen beiden Operationsverfahren.

Sofort nach der Operation sollte man mit Bewegungsübungen, etwa mit Strecken der Finger, beginnen. Sechs Wochen lang sollte man von schweren manuellen Tätigkeiten absehen. In fast allen Fällen sind die Schmerzen unmittelbar nach der Operation verschwunden oder zumindest stark gemildert. Die motorischen Fähigkeiten können meist wieder voll - in Abhängigkeit von ihrer Schwere und der Dauer der Erkrankung - hergestellt werden.

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