Einführung
Der Ausdruck "Auch auf die Gefahr hin, dass ich nerve" deutet auf eine Situation hin, in der eine Person Bedenken hat, andere zu stören oder zu belästigen, aber dennoch das Bedürfnis verspürt, etwas anzusprechen. Dieses Gefühl kann aus verschiedenen Gründen entstehen, oft im Zusammenhang mit Stress, Überforderung oder dem Wunsch nach Klärung und Unterstützung. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen und Symptome von Überlastung und zeigt Wege auf, wie man sich selbst und anderen helfen kann.
Nervenzusammenbruch oder Belastungsreaktion - Was steckt dahinter?
Der Begriff "Nervenzusammenbruch" ist umgangssprachlich und wird in der Fachsprache als akute Belastungsreaktion bezeichnet. Damit ist eine vorübergehende, aber extreme Reaktion auf ein extremes Ereignis gemeint, die meist wenige Minuten nach dem Auslöser eintritt. Andere Bezeichnungen sind psychischer oder seelischer Schock. Die Belastungsreaktion ist ein natürlicher Bestandteil des Bewältigungsprozesses unseres Körpers, der uns hilft, mit dem schockierenden Erlebnis umzugehen. Es ist wichtig, dass anwesende Personen angemessen reagieren, damit der Bewältigungsprozess von Anfang an gut funktioniert.
Man unterscheidet zwischen einer akuten und einer längerfristigen Reaktion. Je nach zeitlicher Dauer der Symptome wird der Nervenzusammenbruch unterschiedlich definiert:
- Akute Belastungsreaktion: Symptome treten kurz nach dem traumatischen Ereignis bis 48 Stunden danach auf.
- Akute Belastungsstörung: Symptome dauern ab 48 Stunden nach dem Erlebnis bis zu vier Wochen an.
- Akute posttraumatische Belastungsstörung: Symptome überschreiten die vier Wochen und treten bis zu drei Monate nach dem schockierenden Erlebnis weiterhin auf.
- Chronische posttraumatische Belastungsstörung: Symptome treten drei Monate nach dem Ereignis weiterhin auf.
Es gibt auch einen stillen Zusammenbruch, der mit einer langsamen, schleichenden Verschlechterung des psychischen Zustands einhergeht. Im Gegensatz zum akuten Nervenzusammenbruch entwickelt sich ein "stiller Nervenzusammenbruch" im Zuge eines kontinuierlichen Stresslevels oder anderer psychisch belastenden Situationen.
Ursachen und Symptome einer Belastungsreaktion
Die Ursachen für eine Belastungsreaktion sind vielfältig. Jedes Ereignis, das ein Trauma auslösen kann, kann auch einen Nervenzusammenbruch zur Folge haben. Dazu gehören schwere Unfälle, Körperverletzungen, Krieg, Terroranschläge, Flucht, Vertreibung, Gewalt oder Naturkatastrophen. Das Alter spielt dabei keine Rolle, jeder Mensch kann betroffen sein.
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Bestimmte Berufsgruppen, wie Mitarbeitende der Polizei, Feuerwehr, des Technischen Hilfswerks, der Notfallmedizin und anderer Organisationen, die im Not- oder Katastrophenfall Hilfe leisten, sind häufiger mit traumatischen Ereignissen konfrontiert und gehören daher zur Risikogruppe. Auch Menschen mit körperlichen oder seelischen Erkrankungen wie Depressionen, Erschöpfung, psychischer Verletzlichkeit und fehlenden Strategien zur Bewältigung von Erlebtem haben ein erhöhtes Risiko, eine Belastungsreaktion zu entwickeln.
Die Symptome einer Belastungsreaktion sind vielfältig und von Mensch zu Mensch verschieden. Typische Anzeichen sind:
- Sprachlosigkeit
- Veränderte Wahrnehmung (sich selbst oder die Umgebung als fremd empfinden)
- Einengung des Bewusstseins (Gedanken kreisen unaufhörlich um die auslösende Situation)
- Nacherleben der Situation in Form von Albträumen und Flashbacks
- Lücken in der Erinnerung
- Überreizung (Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Schreckhaftigkeit)
- Stimmungsschwankungen (Aggression, Wut, Angst, Panik, Trauer, Weinen und Lachen)
- Körperliche Reaktionen (Schweißausbrüche, Herzrasen, Blässe, Übelkeit)
Die körperlichen Reaktionen werden unter anderem durch das Stresshormon Cortisol ausgelöst. Andauernder Stress in Kombination mit langfristiger Erschöpfung und Überforderung kann den Cortisolspiegel dauerhaft erhöhen und zu einem Nervenzusammenbruch führen, der dann im Zusammenhang mit einem Burnout-Syndrom steht.
Hilfe bei einer Belastungsreaktion
Traumatische Erlebnisse kommen unvorhergesehen, daher ist schnelle, professionelle Unterstützung wichtig. Bei einem Unfall ist es wichtig, dass die Rettungskräfte vor Ort schnell reagieren und Betroffene versorgen können. Je nach Situation kann es notwendig sein, entsprechend ausgebildete Rettungskräfte zu rufen, z.B. den psychiatrischen Notdienst für suizidgefährdete Personen. Dieser erste Schritt ist sehr wichtig, wenn eine Situation mit einer unmittelbaren Gefahr für Betroffene und Anwesende einhergeht. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Betroffene von ihren Symptomen nachhaltiger befreit werden können, wenn sofort professionelle Hilfe zur Verfügung steht. So werden Betroffene schnell entlastet und es kann verhindert werden, dass die Symptome einer Belastungsreaktion länger andauern oder sogar chronisch werden.
Selbsthilfemöglichkeiten
Wenn Sie sich aktuell selbst in einer psychischen Krise befinden oder eine Person kennen, bei der das der Fall ist, sollten Sie nicht zögern, professionelle Hilfe zu rufen. Anlaufstellen dafür sind eine psychiatrische Praxis oder Klinik, der bundesweite Bereitschaftsdienst, die Telefonseelsorge oder die Nummer gegen Kummer für Jugendliche und Kinder.
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Die akute Hilfe, die Sie bei diesen Stellen erhalten, kann fließend in eine längerfristige Therapie übergehen. Dabei kommt es ganz darauf an, wie es den Betroffenen geht. Verschwinden die Auswirkungen des Nervenzusammenbruchs nach kurzer Zeit wieder und die hilfesuchende Person fühlt sich stabil, kann der weitere Weg unter Umständen selbstständig und mit der Unterstützung vertrauter Menschen gegangen werden. Dann ist wichtig, dass Betroffene tun, was ihnen guttut und sie ihren Angehörigen signalisieren, wenn Gesprächsbedarf besteht. Andersherum sollten die Angehörigen ihre Gesprächsbereitschaft zeigen.
Längerfristige Behandlung
Wenn die Belastungsreaktion stärker ausgeprägt ist oder die Symptome schon länger andauern, ist weitere Hilfe für die Betroffenen sehr wichtig. Je nach Art der Störung und abhängig von der betroffenen Person kommen verschiedene psychologische Therapien infrage. Um zu definieren, welche Therapieform passend ist, findet zu Beginn eine individuelle Beratung statt. Wenn es als hilfreich für den Heilungsprozess angesehen wird, werden zusätzlich therapiebegleitende Medikamente verschrieben, die die Symptome einer Belastungsstörung lindern sollen.
Viele Krisen überstehen wir gemeinsam mit nahestehenden Menschen, durch vorübergehende Unterstützung oder eigene Ressourcen - aber nie allein! Auch wenn es noch so schwerfällt, um Hilfe zu bitten oder sie anzunehmen: Uns nahestehende Menschen sind gut darin, uns zu motivieren, uns helfen zu lassen. Zusätzlich sind sie Kraftquellen, die uns dabei helfen, Krisen zu meistern. Neben persönlichen Gesprächen ist auch die Reduktion von Stress und Reizen sowie ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit hilfreich bei diesem Prozess. Entspannungsübungen sind allerdings nicht immer empfehlenswert, denn sie verstärken die Innenschau und können dadurch unter Umständen die Anspannung der betroffenen Person noch erhöhen. Reichen diese Schritte nicht aus, ist hier in Sachsen-Anhalt der sozialpsychiatrische Dienst im Gesundheitsamt Ihrer Stadt oder Ihres Landkreises eine gute Anlaufstelle.
Nervenzusammenbruch durch Stress - Wie wirkt sich psychischer Stress auf den Körper aus?
Ein akuter Zusammenbruch in einer Stresskrise, begleitet vom Gefühl „Ich kann nicht mehr“, kann das Resultat von langanhaltendem psychischem Stress sein. Er äußert sich durch ein Gefühl von Ungleichgewicht zwischen den eigenen Leistungsmöglichkeiten, Zielen, Bedürfnissen und den äußeren Ansprüchen. Diese Dysbalance kann uns entweder anspornen oder auch hemmen und ist ein normales Auf und Ab.
Hält der Stress länger an, reagiert der Körper darauf mit Gegenwehr, denn er möchte den Alarmzustand möglichst schnell beenden. Von dieser Gegenwehr ist vor allem unser Immunsystem betroffen, wodurch es zunehmend schlechter funktioniert. So wächst in einer stressigen Lebensphase das Risiko für Infektionen, wie zum Beispiel Erkältungen. Langfristig führt dieser Zustand dann zur Erschöpfung verschiedener körperlicher Prozesse. Das hat wiederum zur Folge, dass sich weitere körperliche und seelische Krankheiten entwickeln können, etwa Allergien, Burnout oder Stoffwechselerkrankungen. Und je länger der Stresszustand andauert, umso länger dauert es auch, bis sich unser Körper wieder davon erholt hat.
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Stressfaktoren, die viele Menschen als belastend empfinden
Stress hat viele Gesichter, und ebenso viele Ursachen. Wie stark er sich auf unseren Körper und unsere Psyche auswirkt, ist individuell verschieden. Oft ist es die Kombination mehrerer solcher Faktoren, die schließlich in einer akuten Krise oder einem Zusammenbruch münden kann. Zu den häufigsten belastenden Stressauslösern zählen:
- Beruflicher Druck (hohe Arbeitsbelastung, Mobbing, fehlende Anerkennung)
- Konflikte im privaten oder beruflichen Umfeld
- Mehrfachbelastungen durch Familie und Beruf bei gleichzeitig fehlender Erholung
- Ständiger Termindruck und das Gefühl, immer erreichbar sein zu müssen
- Kritische Lebensereignisse (Trennungen, Jobverlust, Krankheit)
- Eigene Ansprüche, Sorgen und Ängste
- Fehlen sozialer Unterstützung (Einsamkeit)
Typische Symptome bei psychischem Dauerstress
Dauerhafter seelischer Stress kann sich auf vielfältige Weise äußern: körperlich, emotional und mental. Zu den häufigsten körperlichen Anzeichen zählen Zittern, starkes Weinen oder regelrechte Weinkrämpfe, begleitet von Schwitzen, Übelkeit, Herzklopfen und Kopfschmerzen.
Betroffene fühlen sich oft nervös, innerlich unruhig, niedergeschlagen oder kraftlos. Auch Schlafprobleme, Schwindel, Muskelverspannungen, Atembeschwerden oder ein Kloßgefühl im Hals sind typische Begleiterscheinungen.
Nicht zuletzt leidet auch die geistige Leistungsfähigkeit: Konzentrations- und Gedächtnisstörungen sind häufige Folgen von anhaltendem psychischem Druck.
Ärztliche Hilfsangebote
Können Sie einige der genannten Symptome bei sich beobachten, sollten Sie nicht zögern, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Nur so lässt sich klären, ob tatsächlich psychischer Dauerstress hinter den Beschwerden steckt oder möglicherweise eine organische Ursache vorliegt.
Erste Anlaufstelle ist in der Regel der Hausarzt. Je nach Befund kann dieser eine Überweisung an einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ausstellen, insbesondere dann, wenn die psychische Belastung Ihren Alltag deutlich beeinträchtigt. In einer psychotherapeutischen Sprechstunde wird dann gemeinsam entschieden, welche Therapieform für Sie geeignet ist.
Weitere Hilfen:
- Für Akutfälle: Terminservicestelle der KVSA (Telefonnummer 116 117 oder Online-Terminvereinbarung) vermittelt innerhalb von fünf Wochen ein Erstgespräch bei einem zugelassenen Psychotherapeuten, bei akuter psychischer Krise sogar innerhalb von drei Wochen.
Vorbeugung und langfristige Strategien
Begleitend zu einer Therapie können Sie bei einer Belastungsreaktion auch mit eigenen Maßnahmen versuchen, Stress zu regulieren oder ihm vorzubeugen.
- Kürzer treten, um Leistungsfähigkeit zu erhalten: Unter ständiger Belastung sinken Konzentration, Kreativität und Entscheidungsfähigkeit. Fehler häufen sich, die Qualität der Arbeit leidet - was zusätzlichen Stress erzeugt. Stress belastet auch das soziale Umfeld: Reizbarkeit, Rückzug oder Konflikte mit Partner, Familie oder Freundeskreis nehmen zu. Zeit für Regeneration hilft, zwischenmenschliche Beziehungen zu pflegen und zu stabilisieren.
- Warnzeichen Ernst nehmen: Wer seinen Körper gut kennt, kann erste Anzeichen von Überforderung rechtzeitig wahrnehmen und ernst nehmen. Ein gesunder Lebensstil bildet dabei die Basis: Regelmäßige Bewegung, ausreichend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung sowie bewusste Entspannungstechniken helfen dabei, die innere Balance zu erhalten. Besonders hilfreich ist Bewegung an der frischen Luft. Sie klärt den Kopf und baut Spannungen ab.
- Auch mal "Nein" sagen: Nicht jede zusätzliche Aufgabe muss übernommen werden, vor allem dann nicht, wenn sie unnötigen Druck erzeugt. Auch der Austausch mit anderen, das Pflegen von Freundschaften oder der Besuch einer Selbsthilfegruppe kann helfen, belastende Situationen besser zu bewältigen.
- Selbstfürsorge: Regelmäßige Pausen und echte Erholungszeiten sind keine Schwäche, sondern Voraussetzung für Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden.
Die Polyvagal-Theorie und ihre Bedeutung für die Sicherheit
Die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges versucht zu erklären, was physiologisch in uns abläuft, wenn wir in dauerhaftem und überforderndem Stress leben müssen oder mit Schocksituationen konfrontiert sind, für die wir keine Copingmechanismen besitzen. Nach Porges gibt es einen Teil des Vagusnervs, der als „soziales Nervensystem“ bezeichnet wird. Dieser ventrale Vagus reguliert alle Nerven im Bereich des Gesichts und ist hauptsächlich in der Kommunikation aktiv.
Vereinfacht gesprochen, ist es die Aufgabe des autonomen Nervensystems, unser Überleben zu sichern. Damit dies intuitiv und zügig geschieht, kommt die sogenannte Neurozeption ins Spiel: Das ANS besitzt die Fähigkeit, Gefahr durch Körper- und Sinnesempfindungen wahrzunehmen.
Stephen Porges hat im Rahmen der Polyvagal-Theorie den drei Möglichkeiten Kampf, Flucht und Erstarrung erstmals den Totstellreflex hinzugefügt. Er hatte festgestellt, dass es diesen uralten Reflex in uns gibt, der zu einer Art parasympathisch gesteuerter Selbstaufgabe führt: Wir geben auf.
Soziale Auswirkungen eines abgeschalteten sozialen Nervensystems
Stress sorgt dafür, dass wir den Hintergrund besser hören als menschliche Stimmen. Ist unser soziales Nervensystem angeschaltet, so dreht sich unsere Hörfähigkeit praktisch um. Viele Menschen haben Schwierigkeiten, Augenkontakt herzustellen, da dieser intim und nah ist und sofort mehr Energie im Körper entstehen lässt.
Traumatisierungen können dazu führen, dass das Gesicht bei weitem nicht so ausdrucksvoll in seiner Mimik ist und die Stimme kaum noch Schwingung hat. Menschen wirken dann gemäß Polyvagal-Theorie affektarm und ausdrucksschwach. Dies führt leider dazu, dass andere Menschen Betroffene als unangenehm erleben oder sie nicht sympathisch finden.
Die Bedeutung des sozialen Vagus für die Selbstreflexion
Sobald ein gewisses Maß an Stress überschritten ist und der soziale Vagus abschaltet, sinkt unsere Fähigkeit, ein Beobachter-Ich zu halten und selbstreflexiv auf uns und unsere Gefühle und Reaktionen zu schauen, massiv ab. Das gilt ebenso für die Fähigkeit, eine Pause zwischen Reiz und Reaktion zu machen.
Trauma und die Polyvagal-Theorie
Eine Traumatisierung führt dazu, dass das autonome Nervensystem (ANS) nicht mehr angemessen auf Situationen reagieren kann. Es wird unflexibel und rigide. Ein Trauma ist also eine Dysregulation des ANS, welches daraufhin nur noch in rigiden Handlungsmustern auf Anforderungen reagieren kann.
Durch die Erhöhung der Selbstregulationsfähigkeit und durch die Trauma-Arbeit wird die Erregung wieder in das Window of Tolerance geführt. Trauma entsteht, wenn im Moment der Überwältigung nicht genügend Ressourcen vorhanden sind.
Der Weg zu mehr Sicherheit
Sicherheit ist sowohl eine physiologische als auch eine psychologische Erfahrung. Sie entsteht in erster Linie in uns selbst und nicht durch unsere Umgebung. Ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zu mehr Sicherheit ist aktive Selbstwirksamkeit. Selbstwirksamkeit und Selbstbewusstsein sind fast untrennbar miteinander verbunden.
Selbstvertrauen und Vertrauen in andere Menschen entstehen durch die Vorstellung, Herausforderungen und Probleme bewältigen zu können und diesen nicht hilflos ausgeliefert zu sein.
Was nervt uns an anderen?
Jeder reagiert mal sozial allergisch. "Soziale Allergene" sind Verhaltensweisen anderer Menschen, die einen anfangs vielleicht nur leicht stören, mit der Zeit aber ganz gewaltig. Je öfter man aber mit dem Verhalten konfrontiert wird, desto sensibler wird man, bis es auf Dauer zu heftigen Reaktionen kommt.
In einer Studie gaben 30 Prozent der Befragten an, dass ein Freund die größte Nervensäge sei, bei 18 Prozent war es der Lebensgefährte, weitere 18 Prozent nannten einen Kollegen, in 17 Prozent der Fälle war es der Vorgesetzte oder Lehrer, und in 14 Prozent nannten ein Familienmitglied.
Das überreizte Nervensystem beruhigen
Ein überreiztes Nervensystem äußert sich durch Symptome wie Herzklopfen, Schlafstörungen und ständige Anspannung. Der Vagusnerv spielt eine wichtige Rolle beim Entspannen und lässt sich durch Atemtechniken, Kälte und Körperübungen aktivieren. Kurzfristig beruhigt etwa die 4-7-8-Atemtechnik, während langfristige Regulierung bei chronischem Stress Wochen bis Monate dauert. Hilfreich dabei sind vor allem Bewegung, Vagusnerv-Stimulation und Ansätze wie bestimmte Atemtechniken.
Das Nervensystem verstehen
Das Nervensystem ist ein riesiges Kommunikationsnetzwerk, das Informationen aus der Umwelt aufnimmt und an Gehirn oder Rückenmark weiterleitet. Dort werden passende Reaktionen gesteuert, die dann wieder über das periphere Nervensystem an den Körper zurückgegeben werden.
Wenn wir darüber sprechen, dass unser Nervensystem in Aufruhr ist und wir das Nervensystem regulieren wollen, dann geht es dabei aber vor allem um das vegetative bzw. autonome Nervensystem. Das vegetative Nervensystem können wir zum Großteil nicht direkt steuern. Es funktioniert ohne dein willentliches Zutun und reguliert alle unsere Körperfunktionen, die immer ablaufen müssen, egal ob wir gerade daran denken oder nicht.
Der Sympathikus ist wie dein innerer Turbo-Modus: Er aktiviert unseren Körper und bereitet uns auf körperliche oder geistige Leistungen vor (oft als „Kampf-oder-Flucht-Reaktion” bezeichnet). Der Parasympathikus ist dein innerer Entspannungsmodus: Er sorgt für Erholung, aktiviert die Verdauung und kurbelt verschiedene Stoffwechselvorgänge an.
Der Vagusnerv - Dein wichtigster Entspannungsnerv
Ein Teil des parasympathischen Nervensystems ist der Vagusnerv („Nervus vagus”) - der längste Hirnnerv deines Körpers. Er ist wie eine „Bremse” für dein vegetatives Nervensystem. Wenn er aktiviert wird, sendet er Signale an Herz, Lunge und andere Organe, um deinen Körper zu beruhigen. Den Vagusnerv kannst du durch gezielte Übungen wie Atemtechniken, Kältereize oder Summen bewusst aktivieren.
Die Polyvagal-Theorie und das Nervensystem
Die Polyvagal-Theorie (Porges, 2009) hat unser Verständnis des vegetativen Nervensystems stark erweitert.
- Soziales Engagement (ventraler Vagus): Sicherheit, Verbindung, Ruhe
- Kampf-oder-Flucht (Sympathikus): Alarmbereitschaft und Mobilisierung bei Gefahr
- Erstarrung/Kollaps (dorsaler Vagus): Totaler Shutdown als Schutz
Dein Nervensystem entscheidet, je nach wahrgenommener Sicherheit oder Bedrohung, in welchem Bereich du dich befindest. Besonders interessant: 80 % der Vagusnerv-Fasern sind afferent, das bedeutet, sie senden Informationen vom Körper zum Gehirn statt andersherum.
Stressreaktionen im Laufe der Zeit
In Gefahrensituationen und bei Stress wird vom Sympathikus eine Kaskade neurologischer und hormoneller Reaktionen ausgelöst, die uns helfen sollen, die Situation zu bewältigen: Adrenalin sorgt dafür, dass deine Muskeln besser durchblutet werden, Cortisol hält dich auf Trab und Endorphine helfen dir nicht in Panik zu verfallen.
Chronischer Stress und sympathische Dominanz: Aktuelle Forschungen zeigen, dass chronischer Stress zu einer dauerhaften sympathischen Dominanz führen kann (Goldstein, 2023).
Akute vs. Chronische Stressreaktionen
- Akute Stressreaktionen: Bei normalen, kurzzeitigen Stressreaktionen kann sich das vegetative Nervensystem innerhalb von 20 - 30 Minuten wieder beruhigen.
- Chronischer Stress: Bei längerer Belastung kann es Wochen bis Monate dauern, bis sich das dysregulierte Nervensystem wieder stabilisiert.
- Traumabedingte Dysregulation: Die Regulation ist ein individueller Prozess, der unterschiedlich lange dauern kann und bei dem sich professionelle Unterstützung empfiehlt.
Strategien zur Beruhigung des Nervensystems
- Die 5-4-3-2-1-Methode: Konzentriere dich auf deine Sinne: 5 Dinge, die du sehen kannst, 4 Dinge, die du berühren kannst, 3 Dinge, die du hören kannst, 2 Dinge, die du riechen kannst, 1 Ding, das du schmecken kannst.
- Die 4-7-8-Atemtechnik: 4 Sekunden einatmen, 7 Sekunden halten, 8 Sekunden ausatmen.
- Körperliche Aktivität: Hilft dir, das ausgeschüttete Adrenalin und Cortisol abzubauen und signalisiert dem Gehirn, dass die Gefahr vorüber ist - so kann sich das Nervensystem wieder sicher und ausgeglichener anfühlen.
- Zwerchfellatmung: Studien zeigen, dass Zwerchfellatmung den Cortisol-Spiegel reduzieren kann.
- Achtsamkeit und Meditation: Regelmäßige Meditation und Achtsamkeitsübungen können den Geist und das Nervensystem beruhigen und dir bei regelmäßiger, täglicher Übung helfen, deine Stressresilienz zu stärken.
- Yoga: Yoga gegen Stress und Yoga gegen Angst verbinden körperorientierte Ansätze mit Atemarbeit und können besonders effektiv sein, um das Nervensystem zu beruhigen.
- Ausreichend Schlaf: Sorge dafür, dass du genug Ruhezeit in der Nacht hast und nutze die 10 Regeln der Schlafhygiene, um deinen Schlaf zu verbessern.
- Emotionen zulassen: Manchmal kann es richtig guttun, einfach mal die angestauten Emotionen herauszulassen.
- Soziale Interaktionen: Lockere, freundliche und liebevolle soziale Interaktionen sind ein gutes äußeres Zeichen, dass die Welt ein sicherer Ort ist.