Die verheerenden Auswirkungen von Drogen auf das Gehirn

Drogenkonsum ist ein globales Problem mit weitreichenden Folgen für die Gesundheit, die Gesellschaft und die Wirtschaft. Während die unmittelbaren Auswirkungen von Drogen oft im Vordergrund stehen, sind die langfristigen Auswirkungen auf das Gehirn besonders besorgniserregend. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Auswirkungen verschiedener Drogen auf das Gehirn, von Kokain und Amphetaminen bis hin zu Cannabis und Ecstasy, und untersucht die Mechanismen, durch die diese Substanzen die Gehirnfunktion beeinträchtigen und langfristige Schäden verursachen können.

Wie Drogen das Gehirn manipulieren

Drogen wirken, indem sie in die normalen Kommunikationsprozesse des Gehirns eingreifen. Sie manipulieren die Konzentration von Neurotransmittern, den chemischen Botenstoffen, die für die Übertragung von Signalen zwischen Nervenzellen verantwortlich sind. Viele Drogen erhöhen die Konzentration von Dopamin, einem Neurotransmitter, der eine Schlüsselrolle im Belohnungssystem des Gehirns spielt. Diese Erhöhung des Dopaminspiegels führt zu einem intensiven Gefühl von Vergnügen und Euphorie, das jedoch nur von kurzer Dauer ist.

Das Belohnungssystem und Sucht

Das Belohnungssystem ist ein Netzwerk von Hirnarealen, das für die Verarbeitung von Vergnügen und Belohnung zuständig ist. Es spielt eine entscheidende Rolle bei der Motivation und dem Lernen. Drogen aktivieren das Belohnungssystem auf eine Weise, die weit über das hinausgeht, was natürliche Belohnungen wie Essen oder Sex bewirken können. Diese übermäßige Aktivierung des Belohnungssystems führt zu einer starken Konditionierung, bei der das Gehirn lernt, die Droge mit Vergnügen und Belohnung zu assoziieren.

Mit der Zeit kann dies zu einer Sucht führen, bei der die Person ein zwanghaftes Verlangen nach der Droge entwickelt und Schwierigkeiten hat, den Konsum zu kontrollieren. Die Bedeutung anderer Dinge wie Partnerschaft, Freundschaften, Hobbys oder Beruf nimmt ab, da das Verlangen nach der Droge immer stärker wird.

Professor Falk Kiefer, ein Suchtforscher an der Universität Heidelberg, vergleicht das Suchtverhalten mit den Eigenschaften eines Klavierspielers, der intuitiv auf ein Notenblatt reagiert, ohne bewusst darüber nachzudenken. Auf dem Weg zur Sucht spielen mehrere Schritte eine wichtige Rolle:

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  1. Habituation: Eine Gewöhnung an das durch die Substanzen ausgelöste Gefühl der Leichtigkeit und Euphorie.
  2. Sensitivierung: Der Suchtkranke wird immer sensibler für Reize, die mit der Aufnahme des Suchtstoffes in Verbindung stehen.
  3. Toleranzentwicklung: Die letztmalige Dosis reicht nicht mehr aus, um das gleiche Gefühl zu entwickeln, und es muss immer mehr konsumiert werden.

Neurowissenschaftlerin Sabine Vollstädt-Klein forscht am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) an den Veränderungen im Gehirn, die bei diesem Prozess auftreten. Entscheidend für die Ausbildung einer Suchterkrankung ist das Zusammenspiel von Netzwerken des präfrontalen Cortex mit denen des dopaminergen mesolimbischen Systems.

Die Rolle des präfrontalen Cortex

Der präfrontale Cortex ist der Teil des Gehirns, der für höhere kognitive Funktionen wie Entscheidungsfindung, Planung und Impulskontrolle verantwortlich ist. Bei Personen, die zu Abhängigkeit neigen, kann der präfrontale Cortex von vornherein eine Dysfunktion aufweisen. Durch den anhaltenden Substanzkonsum wird dies noch verstärkt, wodurch die kognitive Kontrolle abnimmt.

Vollstädt-Klein erklärt, dass bei Suchtpatienten das mesolimbische System den präfrontalen Cortex sozusagen "kidnappen" kann. Durch bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomografie (MRT) konnten die neurobiologischen Adaptationsmechanismen im Rahmen von Abhängigkeitserkrankungen immer genauer verstanden werden.

Spezifische Auswirkungen verschiedener Drogen

Verschiedene Drogen haben unterschiedliche Auswirkungen auf das Gehirn, abhängig von ihren spezifischen Wirkmechanismen und den Hirnarealen, die sie beeinflussen.

Kokain

Kokain ist ein starkes Stimulans, das die Konzentration von Dopamin im Gehirn erhöht, indem es die Wiederaufnahme von Dopamin in die Nervenzellen blockiert. Dies führt zu einem intensiven Gefühl von Euphorie, erhöhter Energie und gesteigerter Aufmerksamkeit.

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Auswirkungen auf die Hirnstruktur

Regelmäßiger Kokainkonsum kann jedoch zu einer Reihe von negativen Auswirkungen auf das Gehirn führen, darunter:

  • Schlaganfälle und Hirnblutungen: Kokain erhöht das Risiko für Hirnblutungen und Schlaganfälle, da es die Blutgefäße verengt und Entzündungen verursacht. Eine Metaanalyse von 36 Studien zeigte, dass der Konsum von Kokain das Risiko für Hirnblutungen und ischämische Schlaganfälle verfünffacht.
  • Beschleunigte Hirnalterung: Kokain beschleunigt den Alterungsprozess des Gehirns, indem es die Hirnstruktur verändert. Eine Studie aus dem Jahr 2023 verglich das Hirngewebe von Kokainabhängigen und Nicht-Konsumenten und stellte bei den Suchtkranken einen ausgedehnten Abbau der grauen Substanz in den Bereichen Temporallappen, Frontallappen, Insula und limbischer Lappen fest.
  • Kognitive Defizite: Langzeit-Kokainabhängige zeigen Einschränkungen bei der Gedächtnisleistung, Aufmerksamkeit und Reaktionszeit.

Ironie des Kokainkonsums

Es ist ironisch, dass Kokain oft von Menschen konsumiert wird, die ihre geistige Leistungsfähigkeit steigern wollen. Obwohl die Droge kurzfristig einen stimulierenden Effekt haben kann, zahlt man langfristig einen hohen Preis in Form kognitiver Einbußen.

Neuere Forschung

Eine Studie aus dem Jahr 2013, veröffentlicht in Nature Neuroscience, zeigte, dass bereits nach einmaliger Gabe von Kokain im Entscheidungszentrum des Frontalhirns die Bildung neuer Dornfortsätze auf den Dendriten der Neurone stattfindet. Diese Veränderungen können mit der Zwei-Photonen-Fluoreszenzmikroskopie am lebenden Tier sichtbar gemacht werden und veranschaulichen die schnelle Lern- bzw. Suchtentwicklung der Droge.

Amphetamine

Amphetamine sind eine weitere Gruppe von Stimulanzien, die die Konzentration von Dopamin und anderen Neurotransmittern im Gehirn erhöhen. Sie wirken, indem sie die Freisetzung von Dopamin fördern und gleichzeitig die Wiederaufnahme hemmen. Amphetamine können zu erhöhter Energie, Aufmerksamkeit und Wachheit führen, aber auch zu Angstzuständen, Paranoia und Halluzinationen.

Neurotoxische Effekte

Amphetamine haben neurotoxische Effekte, was bedeutet, dass sie Nervenzellen schädigen können. Methamphetamin, auch bekannt als Crystal, ist besonders giftig für das Gehirn und kann zu Konzentrationsschwierigkeiten, Aufmerksamkeitsdefiziten, Hirnblutungen und Schlaganfällen führen. Die Folgen dauerhaften Amphetaminkonsums sind auch im Verhalten sichtbar.

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Ecstasy

Ecstasy, auch bekannt als MDMA, ist eine synthetische Droge, die sowohl stimulierende als auch halluzinogene Wirkungen hat. Sie beeinflusst die Konzentration von Serotonin, einem wichtigen Botenstoff im Gehirn, der eine Rolle bei der Stimmungsregulation, dem Schlaf und dem Appetit spielt.

Auswirkungen auf die Hirnfunktion

Ecstasy kann zu einer Reihe von negativen Auswirkungen auf das Gehirn führen, darunter:

  • Gedächtnisprobleme: Ecstasy kann das Gedächtnis beeinträchtigen.
  • Schädigung der Blut-Hirn-Schranke: Eine aktuelle tierexperimentelle Untersuchung deutet darauf hin, dass Ecstasy die Blut-Hirn-Schranke schädigen kann, den Schutzwall des Gehirns, der normalerweise das Eindringen von Schadstoffen und Erregern ins Gehirn verhindert.

Wie dauerhaft die durch Ecstasykonsum verursachten Hirnschäden sind, ist noch nicht bekannt, aber es verdichten sich die Hinweise, dass es dabei zu gravierenden Hirnschäden kommen kann. Diese sind sehr wahrscheinlich dosisabhängig: Je mehr konsumiert wird, desto größer sind die Schäden.

Cannabis

Cannabis ist eine Droge, die aus der Cannabispflanze gewonnen wird. Sie enthält psychoaktive Substanzen, insbesondere Tetrahydrocannabinol (THC), das für die berauschende Wirkung verantwortlich ist.

Auswirkungen auf die Hirnleistung

Der Konsum von Cannabis, vor allem der regelmäßige und dauerhafte Gebrauch, hat negative Effekte auf die Hirnleistung. So wurden Beeinträchtigungen des Kurzzeitgedächtnisses festgestellt und Einbußen beim logischen Denken und Urteilen nachgewiesen.

Nach bisherigen Erkenntnissen scheinen hier zwar keine bleibenden Gehirnschäden zugrunde zu liegen, da sich das Gehirn nach Beendigung des Konsums wieder erholt.

Alkohol

Alkohol ist eine legale Droge, die jedoch erhebliche Auswirkungen auf das Gehirn haben kann. Alkohol ist ein Zellgift, weshalb es auch als Desinfektionsmittel Verwendung findet.

Auswirkungen auf die Hirnfunktion

Ein schwerer Rausch führt zum Absterben von Gehirnzellen und kann tödlich sein. Auch der regelmäßige Konsum kleiner Mengen kann weitreichende Hirnschädigungen nach sich ziehen. Eine der schwersten Erkrankungen ist das so genannte Korsakow-Syndrom, bei dem es zum Absterben ganzer Hirnregionen kommt. Die Betroffenen können sich nichts merken, sind schwer dement (intellektueller Verfall) und desorientiert.

Bei regelmäßigem Konsum nicht mehr risikoarmer Mengen ist der geistige Verfall schleichend.

Suchtgedächtnis und Rückfall

Das Gehirn speichert nicht nur schöne Urlaubserinnerungen oder den Geschmack von Lieblingsgerichten, sondern auch, welche Stoffe oder Verhaltensweisen zu einer besonderen Belohnung geführt haben. Das Verlangen danach wird stärker, besonders das Vorderhirn wird dabei durch neuronale Anpassungsprozesse nachhaltig verändert. Das enge Zusammenspiel von Reizverarbeitung, Kognition, Gedächtnis und Emotion führen - etwa bei einer Drogenabhängigkeit - zu einem Suchtverhalten, das nach und nach erlernt wird. Schließlich kann es in ein nahezu automatisiertes Handlungsmuster münden.

Der Umbau der Hirnstrukturen des Gehirns ist wahrscheinlich dauerhaft. Das bedeutet: Selbst mit eintretender Abstinenz entstehen im einmal ausgebildeten Suchtgedächtnis keine Veränderungen. Der sogenannte Suchtdruck oder das Craving können demnach ein unangenehmer Begleiter der Abhängigen bleiben.

Eine Suchterkrankung, ob als Abhängigkeit von Substanzen oder Verhaltensweisen, ist mit Blick auf das komplexe Suchtgedächtnis eine lebenslange Aufgabe. Ein Rückfall ist kein persönliches Versagen, sondern gehört vielmehr zum Wesen einer Sucht. Wichtig ist, jeden Rückfall zu bewerten und therapeutisch aufzuarbeiten. Das kann vor weiteren „Ausrutschern“ schützen und dabei helfen, die Abstinenz langfristig zu stabilisieren.

Behandlung von Suchterkrankungen

Die Therapie einer Suchterkrankung ist abhängig von der Art der Sucht und der Ausprägung bei jedem oder jeder Einzelnen. Entsprechend unterscheiden sich auch die Vorgehensweisen bei einer stoffgebundenen und bei einer Verhaltenssucht. In diesem Fall wird bei Sucht durch Substanzen in der Regel anfangs eine körperliche Entgiftung unter medizinischer Aufsicht durchgeführt, um möglichen Komplikationen vorzubeugen.

Mögliche Therapien, die in der Regel kombiniert angewendet werden, sind:

  • Beratung: Motivierende Gespräche, mit dem Ziel, für das Thema Sucht zu sensibilisieren, zur Änderung des Verhaltens anzuregen und Zugang zu einem Behandlungsangebot zu verschaffen.
  • Entgiftung: Meistens spricht man in diesem Zusammenhang von einem Entzug.
  • Entwöhnung: Medizinische Reha-Behandlung durch ein multiprofessionelles Team.
  • Psychotherapie: Zum Beispiel kognitive Verhaltenstherapie.
  • Selbsthilfegruppen und Gruppenangebote
  • Medikamente: Das starke Verlangen („Craving“) lässt sich in manchen Fällen medikamentös lindern.
  • Behandlung einer eventuell zusätzlich bestehenden psychischen Erkrankung: Zum Beispiel Therapie einer Depression, Angststörung oder Schizophrenie

Prävention von Suchterkrankungen

Es gibt eine Reihe von Faktoren, die das Risiko für eine Suchterkrankung erhöhen. Zur Orientierung dienen die folgenden Fragen:

  • Hat die Person Selbstvertrauen und ein gesundes Selbstwertgefühl?
  • Sind Eltern oder Erziehungsberechtigte ein Vorbild und vermitteln einen verantwortungsbewussten Umgang mit bestimmten Substanzen, etwa Alkohol, oder Verhaltensweisen, zum Beispiel der Nutzung des Smartphones?
  • Wird frühzeitig - nicht erst im Jugendalter - über das Thema Sucht und der damit verbundenen Gefahren aufgeklärt?
  • Wird das Umfeld auf der Arbeit, in der Schule sowie in der Familie als unterstützend wahrgenommen?
  • Kann die Person Probleme und Konflikte gut bewältigen oder lösen? Verfügt sie über gute Kommunikationsfähigkeiten und ein gesundes Maß an Frustrationstoleranz?
  • Empfindet die Person ihre Freizeit als erfüllend?
  • Bekommt sie Unterstützung im Umgang mit Gruppendruck oder -zwang?

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