Redewendungen sind feste Wortverbindungen, die im täglichen Sprachgebrauch eine bestimmte, meist bildliche Bedeutung haben. Viele dieser Redewendungen haben ihren Ursprung in der Jägersprache, da diese oft sehr bildhaft ist und die Natur und Wildtiere präzise beschreibt. Jacob Grimm bezeichnete die Jägersprache vor mehr als 200 Jahren als "poetisch und episch", da sie "eine Fülle von bildlichen Wörtern enthält, mit denen sie alle einfachen Begriffe auf das mannigfaltigste ausdrücken kann." Der Deutsche Jagdverband (DJV) macht darauf aufmerksam, dass die Fachsprache der Jäger insgesamt etwa 6.000 Begriffe und Redewendungen umfasst, die teilweise bis ins 7. Jahrhundert zurückreichen. Auch heute noch wird diese bildhafte Sprache verwendet, um bei der Jagd auf den Punkt zu kommen. Eine dieser Redewendungen ist "auf den Leim gehen".
Bedeutung von "auf den Leim gehen"
Wer "auf den Leim geht", fällt auf eine Täuschung herein, wird betrogen oder hereingelegt. Man glaubt falschen Behauptungen und wird somit Opfer einer List. Eine andere Form der Redewendung ist "von jemandem geleimt werden".
Ursprung in der Vogeljagd
Der Ursprung dieser Redewendung liegt in der traditionellen Vogeljagd. Bevor Jäger moderne Waffen wie Flinten und Büchsen einsetzten, griffen sie auf andere Hilfsmittel zurück. Eine gängige Methode war das Fangen von Vögeln mit Leimruten.
Dabei wurden Birkenästchen mit Leim bestrichen und auf einen in den Boden gesteckten Stock platziert. Zusätzlich wurde ein Käfig mit einem Lockvogel aufgestellt, um andere Vögel anzulocken. Die angelockten Vögel setzten sich auf die Äste und blieben aufgrund des Leims daran kleben. So konnten sie leicht vom Jäger eingesammelt werden. Bevorzugt wurden auf diese Weise Fichtenkreuzschnäbel und andere Finkenvögel gefangen, um im Winter eine Unterhaltung zu haben, da diese Vögel schön singen. Im Winter wurde mit Leimruten, die auf Büschen platziert wurden, Drosseln zum Verzehr nachgestellt.
Diese spezielle Jagdpraktik wurde mit fortschreitender technischer Entwicklung jedoch nicht mehr angewendet. Die Redewendung hat sich jedoch bis heute erhalten und wird verwendet, wenn jemand auf eine Täuschung hereinfällt.
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Die Mistel als "Leim"-Lieferant
Interessanterweise findet sich der Ursprung des Wortes "Leim" im Zusammenhang mit einem Baumschmarotzer, der Mistel. Der botanische Name der artenreichen Gattung der Misteln lautet Viscum, was lateinisch für Leim oder Klebstoff steht. Der Begriff Viskosität, ein Maß für die Zähflüssigkeit eines Fluids, geht ebenfalls auf den klebrigen Schleim der Mistelbeeren (Mistelleim) zurück und bedeutet wörtlich "Misteligkeit" oder "Leimigkeit".
Jagdsprache im Allgemeinen
Die Jägersprache umfasst insgesamt etwa 6.000 Begriffe und Redewendungen, die teilweise bis ins 7. Jahrhundert zurückreichen. Sie diente herkömmlich zur exakten Verständigung unter Jägern und ging über die Jahrhunderte in den alltäglichen Sprachgebrauch über. Die Jägersprache ist recht bildhaft und diente ursprünglich dazu, Natur und Wildtiere präzise zu beschreiben.
Weitere Redewendungen aus der Jägersprache
Neben "auf den Leim gehen" haben es zahlreiche weitere Redewendungen aus der Jägersprache in unseren alltäglichen Sprachgebrauch geschafft. Einige Beispiele sind:
- Von etwas Wind bekommen: Ein Jäger muss sich immer gegen den Wind an seine Beute schleichen, damit das Wild ihn nicht wittert. Dreht sich allerdings der Wind und das Wild erschnuppert den Jäger, nimmt es Reißaus und flüchtet. Wenn also jemand "Wind von etwas bekommt", erfährt er etwas, das eigentlich geheim bleiben sollte. Die Windrichtung ist für einen Jäger von hoher Bedeutung: Im schlimmsten Fall trägt der Wind den Körpergeruch des Jägers zum Wild, das dann flüchtet.
- Etwas durch die Lappen gehen: Bei den sogenannten Lappjagden wurden kilometerlange Leinen mit Lappen behangen, um das Wild vor die Schützen zu treiben. Entkam ein Tier trotzdem, so ist es "durch die Lappen gegangen". Geht jemanden heutzutage "etwas durch die Lappen", dann hat er wohl eine günstige Situation verpasst.
- Die Lunte riechen: Bei der Jagd mit Gewehren wurde früher das Schießpulver mit einer Lunte, also einer langen Zündschnur, gezündet. Das Wild roch die Lunte und flüchtete. Wer heutzutage "die Lunte riecht", erkennt eine Gefahr rechtzeitig.
- Jemandem etwas ans Bein binden: Da es früher ausschließlich dem Adel vorbehalten war, auf die Jagd zu gehen, wurden den Hunden der einfachen Bevölkerung ein Knüppel ans Vorderbein gebunden, um sie am Wildern zu hindern. Aus diesem Kontext leitet sich die Redewendung ab: Bindet man jemandem etwas ans Bein, erschwert man dieser Person das Leben oder drückt ihr eine schwere Aufgabe auf.
- Am Drücker sein: Hat der Jäger den Finger am Abzug seiner Waffe, dann ist er "am Drücker". Heute bedeutet es, dass jemand die Kontrolle hat und Entscheidungen treffen kann.
- Die Löffel spitzen: Wenn ein Hase Gefahr wittert, richtet er die Löffel (Ohren) auf und dreht sie in alle Richtungen, um mögliche Gefahren besser wahrzunehmen. Wer "die Löffel spitzt", ist besonders aufmerksam.
- Etwas zur Strecke bringen: Ist das Wild nach einer Treibjagd erlegt, ist es "zur Strecke gebracht" worden. Heute wird die Redewendung verwendet, wenn beispielsweise ein Straftäter überwältigt und festgenommen wurde.
- Zielwasser trinken: Der Elfmeter beim Fußball geht neben das Tor, typische Reaktion: "Der hätte mal mehr Zielwasser trinken sollen". Seinen Ursprung hat die Redewendung in der Jagd: Schnaps sollte im 19. Jahrhundert die Treffsicherheit erhöhen, da der Alkohol den Schützen beruhigt und so das Zielen erleichtert.
- Sich ins Gehege kommen: Als Gehege wurde früher jedes umzäunte und nicht umzäunte Grundstück bezeichnet. Jemanden ins Gehege zu kommen bedeutete also ursprünglich, ganz wörtlich jemandes Grund und Boden zu betreten, und dies meist als ungebetener Gast. Umgangssprachlich bedeutet es, auf einen Konflikt zuzusteuern.
- Jemanden aufs Korn nehmen: Diese Redensart stammt aus der Sprache der Jäger, die über Kimme und Korn (zwei Fixpunkte am Gewehrlauf) auf das Wild zielen. Seit dem 18. Jahrhundert ist dieser fachsprachliche Ausdruck auch in der Alltagssprache im Sinn eines scharfen Beobachtens nachgewiesen.
- Einen Haken schlagen: „Haken schlagen“ bezeichnet ursprünglich die abrupte Richtungsänderung des verfolgten Hasen. Der Haken meint dabei die gekrümmte Abweichung von einer als Gerade gedachten Fluchtlinie.
- Die Rede vom alten Hasen: Die Wendung bezieht sich darauf, dass Hasen normalerweise nicht besonders alt werden, weil sie so viele Feinde haben. Ein Hase, der dennoch alt wird, muss sehr geschickt sein, weil er immer wieder den Jägern entkommen ist.
- Wissen wie der Hase läuft: Der Hase schlägt auf der Flucht viele unvermutete Haken, so dass ein Verfolger ins Leere stößt. Dieser unvorhersehbare Wechselkurs ist der Ursprung der Redensart, wobei der Erfahrene als jemand eingeschätzt wird, der sich durch die Haken nicht beeindrucken lässt und die Hauptrichtung einschätzen kann.
- Durch die Lappen gehen: Die Redewendung „durch die Lappen gehen“ kommt aus der Jägersprache. Als früher die Männer auf Treibjagd gingen, hängten sie in manchen Richtungen Stofflappen auf: So konnten die Tiere an diesen Stellen nicht entwischen. Ist trotzdem ein Tier zwischen diesen Tüchern entkommen, ging ist es den Jägern wortwörtlich durch die Lappen.
- Sich vor etwas drücken: Der Ausdruck geht auf die Jägersprache zurück, wo er sich auf Wild bezieht, das sich in Erdmulden duckt und somit vor den Augen des Jägers verbirgt.
- Sich an den Hut stecken: Der mit bunten Bändern, Federn u.ä. geschmückte Hut spielte im Brauchtum des Volkes früher eine große Rolle. Da die Dinge, die an den Hut gesteckt wurden, meist keinen großen Wert besaßen und der geschmückte Hut auch als Trostpreis z.B. bei Schützenfesten diente, wurde er zum redensartlichen Sinnbild des Unernsten, Lustigen und Unwerten.
- In die Binsen gehen: Bei der Jagd auf Enten kann es passieren, dass sich das Tier in die Binsen flüchtet - Gräser, die im und am Wasser wachsen und nur schwer zugänglich sind. Die Chance, das Tier in diesem dichten Gewächs zu finden, ist zumindest ohne ausgebildeten Hund gering. Aus diesem Grund steht die Phrase heutzutage für einen herben Verlust oder eine misslungene Aktion in einer durchaus aussichtsreichen Situation.
Fazit
Die Redewendung "auf den Leim gehen" ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie die Jägersprache unseren Wortschatz bereichert hat. Sie erinnert an eine Zeit, in der die Jagd eine wichtige Rolle im Leben der Menschen spielte und ihre Spuren in unserer Sprache hinterlassen hat. Indem wir die Herkunft und Bedeutung dieser Redewendungen kennen, können wir unsere Sprache besser verstehen und bewusster einsetzen.
Weitere interessante Redewendungen und ihre Herkunft
Neben den Redewendungen aus der Jägersprache gibt es noch viele weitere interessante Wendungen in unserer Sprache, deren Ursprung oft überraschend ist. Hier eine kleine Auswahl:
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- Astrein: Der Ursprung dieser Redewendung kommt aus der Forstwirtschaft. Ist ein Holzstück frei von Ästen bzw. Astlöchern, spricht man von astrein. Holz mit vielen Ästen nennt man hingegen astig (bzw. ästig). Bei der Beurteilung von Stammholz ist die Astigkeit seit jeher ein zentrales Qualitätsmerkmal. Astreines Holz von höchster Qualität wird oft als Schälholz zur Herstellung von Furnieren oder im Instrumentenbau eingesetzt. Auch bei Dielen und Parkett ist „astrein“ ein Qualitätsmerkmal und entsprechend hochpreisig.
- Du zitterst ja wie Espenlaub: Die Espe, Aspe oder Zitterpappel (Populus tremula) gehört zu der Familie der Weidengewächse und hat rundliche Laubblätter mit einem relativ langen Blattstiel, der seitlich abgeplattet ist. Deshalb bewegen sich die Blätter schon bei sehr geringem Wind charakteristisch.
- Hanebüchen: Als hanebüchen (auch hagebüchen, von mittelhochdeutsch: hagenbüechin) bezeichnet man eine Handlung, die als unglaublich angesehen werden kann und die einem gewissermaßen die Haare zu Berge stehen lässt. Ursprünglich bedeutet der Ausdruck „aus dem Holz der Hagebuche“.
- Auf Holz klopfen: Während man heute jemand anderem mit dem Ausspruch „klopfen wir auf Holz!“ Glück wünscht, klopften ältere Generationen tatsächlich auf Holz, weil ihr Leben davon abhing. In der Seefahrt hatte ein Matrose vor dem Anheuern das Recht, am Mastfuß auf das Holz zu klopfen, um sich ein Bild über den Zustand des Schiffs zu machen. Auch Bergarbeiter klopfen auf die Holzbalken, die den Stollen abstützen, um sich von deren Stabilität zu überzeugen.
- Holzauge sei wachsam!: Im Schreinerhandwerk wird zur Bearbeitung von Holz traditionell ein Hobel eingesetzt. Im Holz eingewachsene Äste, oder auch „Holzaugen“, also die Stellen im Holz, an denen einmal ein Ast aus dem Stamm gewachsen ist, sind deutlich härter als das restliche Holz. Die Klinge des Hobels kann an ihnen stumpf werden oder sogar aus dem Hobel herausbrechen. Alleine schon um den teuren Hobel zu schützen wird der Schreinermeister seinen Lehrling im Laufe der Lehrjahre wohl mehr als einmal angeweisen haben: „Ein Holzauge!
- Vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen: Die Wendung „Vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen“ ist eine bildhafte Beschreibung für das Abschweifen in einem Gespräch. Sie veranschaulicht, wie jemand von einem kleinen Thema (Hölzchen) zu einem anderen (Stöckchen) springt, ohne beim ursprünglichen Gesprächsgegenstand zu bleiben.
- Auf dem Holzweg sein: Wer sich auf dem Holzweg befindet, läuft gerne einmal in eine Sackgasse. Der Begriff „Holzweg“ war bereits im Mittelhochdeutschen als „holwec“ geläufig. Bald danach bildete sich die zusätzliche Bedeutung „Irrweg“ oder „Abweg“ heraus. Früher war das Wegenetz insbesondere im Wald unvergleichlich schlechter ausgebaut als heute.
- Die Kastanien aus dem Feuer holen: Die Redewendung beruht auf der Fabel Le singe et le chat (Der Affe und die Katze) des berühmten französischen Dichters Jean de La Fontaine (1621 - 1695). Darin sehen der Affe Bertram und der Kater Raton, dass im Hause ihres Herrn Kastanien auf dem Feuer geröstet werden. Der Affe überredet den Kater die gerösteten und daher heißen Kastanien aus dem Feuer zu holen, da ja seine Katzen-Tatzen dazu wie geschaffen seien. Insgeheim will der Affe die Maronen dann jedoch ganz alleine verspeisen, obwohl der Kater das Risiko hatte.
- Etwas auf dem Kerbholz haben: Das Kerbholz (auch Kerbstock, Zählholz, Zählstab) war im Mittelalter im wahrsten Sinne des Wortes ein sehr wertvolles Holz - ohne dass es aus einem besonders wertvollen Holz gefertigt sein musste. Zur Zeit des Mittelalters in einem weitgehend schreibunkundigen und münzarmen Europa war der Kerbstock ab dem 10. bis 12. Jahrhundert gebräuchlich. Das Kerbholz diente dazu, Schuldverhältnisse fälschungssicher zu dokumentieren.
- Mit dem ist nicht gut Kirschen essen: Diese Redewendung geht auf eine Redensart aus dem Mittelalter zurück, die heute allerdings nicht mehr geläufig ist: „Mit hohen Herren ist nicht gut Kirschen essen: sie spucken einem die Kerne ins Gesicht.“ Dieses Sprichwort ist seit dem späten Mittelalter belegbar und kommt sinngemäß in der Fabelsammlung „Der Edelstein“ des Predigermönchs Ulrich Boner vor. Das Sprichwort stellte eine Warnung vor den Launen vornehmer Herrschaften dar.
- Pech haben: Der Ausdruck „Pech haben“ lässt sich mit der Verwendung von Pech in der mittelalterlichen Verteidigung belagerter Festungen in Zusammenhang bringen. Damals gab es auf jeder Burg sogenannte Pechnasen. Das sind abstehende Mauererker aus Stein. Sie ragten aus den Burgaußenmauern nach vorne heraus und in ihren Böden befanden sich Löcher.
- Roter Faden: Der „rote Faden“ im Sinne einer durchgängigen Angelegenheit wurde als umgangssprachlicher Begriff durch Johann Wolfgang von Goethe geprägt. Im Jahr 1809 berichtet Goehte in seinem Roman „Wahlverwandtschaften“ von einer besonderen Verwendung des Basts: „Wir hören von einer besondern Einrichtung bei der englischen Marine.
- Jemandem Süßholz raspeln: Das Raspeln des Süßholzes diente dazu, von der Wurzel kleine Stücke abzureiben, um sie dann als Pulver in Honig, Wein u.ä. genießbar zu machen. Als Genussmittel und wegen des süßen Geschmacks kam das Süßholz im 16. Jahrhundert zu seiner übertragenen redensartlichen Bedeutung.
- Die Totenuhr ticken hören: Aber wenn die Leute früher in ihren Häusern Klopfgeräusche hörten, wurde das im Volksglauben so gedeutet, dass es sich bei dem Klopfen um die Geräusche der Uhr des vorbeikommenden Todes handelt. Derjenige, der die Totenuhr hört oder ein anderer Bewohner des Hauses waren entsprechend dem Tod geweiht. Der wahre Verursacher des Klopfens bzw. Tickens war aber der Klopfkäfer, besser bekannt als Holzwurm.
- Zunder bekommen: Seinen Ursprung findet dieses Sprichwort bei einem Baumschwamm, der zum Anzünden von Feuer ein wichtiges Hilfsmittel war. Der Zunderschwamm (Fomes fomentarius) wächst vorwiegend an Rotbuchenholz, daneben werden aber auch Birken und Pappeln besiedelt. Bereits in der Jungsteinzeit wurde die locker-filzige Mittelschicht des Zunderschwammes, die so genannte Trama, zu Zunder verarbeitet. Schon die berühmte und rund 5.300 Jahre alte Gletschermumie „Ötzi“ führte Zunder aus Zunderschwamm mit sich. Im ersten Weltkrieg stand „Zunder bekommen“ für feindliches Geschützfeuer.
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