Schlucken ist ein lebensnotwendiger Vorgang, der uns oft unbewusst erscheint. Doch hinter diesem einfachen Akt verbirgt sich ein komplexes Zusammenspiel von Muskeln, Nerven und Gehirnaktivitäten. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Phasen des Schluckvorgangs, die beteiligten Hirnstrukturen und die möglichen Ursachen und Behandlungen von Schluckstörungen.
Der komplexe Ablauf des Schluckens
Tausende Male am Tag schlucken wir, meist ohne darüber nachzudenken. Dabei ist dieser scheinbar so einfache Akt ein erstaunlich komplexer Vorgang, an dem 52 Muskeln und zahlreiche Reflexe beteiligt sind. Es handelt sich um eine komplexe, koordinierte Bewegung, die verschiedene Muskeln und Nerven umfasst. Ohne diesen Prozess wäre die Nahrungsaufnahme und Flüssigkeitszufuhr nicht möglich. Neben seiner lebenswichtigen Funktion spielt das Schlucken auch eine Rolle in der Sprachbildung und im Schutz der Atemwege.
Der Schluckvorgang kann in drei Hauptphasen unterteilt werden:
- Orale Phase: In der ersten Phase wird das Essen durch Kauen zerkleinert und mit Speichel vermischt. So bekommt die Nahrung die richtige Größe und Konsistenz, um in die Speiseröhre zu gelangen. Die Zunge formt die Nahrung zu einem Bolus und transportiert diesen nach hinten in Richtung Rachen.
- Pharyngeale Phase: Bei der Passage der zerkleinerten Nahrung in den Rachen wird der Schluckreflex ausgelöst, wodurch der Nahrungsbrei weiter in den Rachen „wandert“. Der Kehlkopf hebt sich an, und der Kehldeckel verschließt die Luftröhre, um das Eindringen von Nahrung in die Atemwege zu verhindern. Damit dabei nichts in die Nasenhöhle kommt, versperrt der weiche Gaumen den Weg nach oben.
- Ösophageale Phase: Durch Muskelbewegungen gelangt der Nahrungsbrei schließlich in die Speiseröhre und später in den Magen. Aktiver Transport: Damit unser Schluckreflex funktioniert, müssen erst bestimmte Nervenzellen in der Wand unserer Speiseröhre aktiv werden, wie nun eine Studie enthüllt. Erst dadurch kommt die peristaltische Bewegung der Speiseröhre in Gang, die die Nahrung zum Magen transportiert. Die Speiseröhre ist kein bloß passiver Schlauch - erst ihre aktiven Schluckbewegungen leiten die Nahrung in den Magen.
Die Rolle des Gehirns und der Nerven
Ein komplexes Zusammenspiel von Hirnnerven und zentralen Nervensystemstrukturen reguliert den Schluckprozess.
- Nervus trigeminus (V. Hirnnerv)
- Nervus facialis (VII. Hirnnerv)
- Nervus glossopharyngeus (IX. Hirnnerv)
- Nervus vagus (X. Hirnnerv)
- Nervus hypoglossus (XII. Hirnnerv)
Demnach fungieren diese neu identifizierten Sinneszellen als Dehnungsrezeptoren, die Signale über den Vagusnerv ans Gehirn senden und so das Schlucken auslösen. Bekannt war, dass Motoneuronen im unteren Teil des Hirnstamms und der Vagusnerv dafür eine wichtige Rolle spielen. Dieser zum vegetativen Nervensystem gehörende zehnte Hirnnerv zieht sich vom Kopf über den Hals bis in den Brust- und Bauchbereich. Damit liegt nahe, dass auch die Bewegungen der Speiseröhre vom Vagusnerv kontrolliert werden.
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Die moderne Forschung hat gezeigt, dass die Speiseröhre von einem ganzen Netz an speziellen Nervenenden durchzogen ist, die drei zuvor unbekannten Subtypen angehören. Diese sogenannten Prox2/Runx3-Subtypen zeichnen sich durch ein spezifisches Muster der Genaktivität aus. Wurde der Ösophagus leicht gedehnt, feuerten die Prox2/Runx3-Nervenenden - und nur diese. „Diese Neuronen sind demnach die einzigen vagalen Mechanorezeptoren der Speiseröhre“, konstatieren Lowenstein und seine Kollegen. Der Schluckreflex könnte demnach vom richtigen Funktionieren dieser Mechanorezeptoren abhängig sein.
Das Gehirn hat die Hauptaufgabe, die von den Sensoren gesammelten Informationen zu interpretieren und zu verarbeiten. Es spielt eine entscheidende Rolle beim Lernen und Speichern von Schluckmustern. Von Kindesbeinen an passt sich unser Gehirn an verschiedene Nahrungsformen und -beschaffenheiten an, lernt dabei verschiedene Schluckmuster und kann diese ein Lebens lang abrufen. Dies ermöglicht es uns, sowohl flüssige als auch feste Nahrung sicher und effizient zu schlucken. Das zentrale Nervensystem, insbesondere das Gehirn und das Rückenmark, steuert den Schluckvorgang. Spezielle Hirnregionen, wie der Hirnstamm, koordinieren die verschiedenen Phasen des Schluckens. Schädigungen in diesen Bereichen können zu Schluckstörungen führen.
Schluckstörungen (Dysphagie)
Bei einer Schluckstörung - medizinisch Dysphagie genannt - ist das Schlucken erschwert oder gestört. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Oft sind Nervenerkrankungen die Ursache (neurogene Dysphagie). Von einer Schluckstörung oder Dysphagie spricht man, wenn Menschen Flüssigkeit oder Nahrung nicht mehr wie üblich schlucken können. Der Schluckvorgang kann an verschiedenen Stellen beeinträchtigt sein. Ärztinnen und Ärzte unterscheiden im Allgemeinen zwei Formen der Schluckstörung:
- Oropharyngeale Dysphagie: Bei dieser Form ist das Schlucken zwischen Mund (oral) und Rachen (pharyngeal) gestört. In der Folge rutscht der Nahrungsbrei nicht wie üblich weiter. Er verbleibt im Mund und kommt wieder heraus - mitunter durch die Nase.
- Ösophageale Dysphagie: Hier befindet sich der Grund für das gestörte Schlucken in der Speiseröhre (Ösophagus). Oft arbeiten die Muskeln dann nicht mehr richtig, was den Transport vom Nahrungsbrei in Richtung Magen verhindert. In anderen Fällen ist die Speiseröhre verengt oder verstopft, was den Weitertransport blockiert.
Ursachen von Schluckstörungen
Schluckstörungen können sich aus sehr verschiedenen Gründen entwickeln. Die möglichen Ursachen reichen von erhöhtem Alter (Presbyphagie) über Krankheiten von Nerven, Muskeln oder Speiseröhre bis hin zu psychischen Einflüssen (psychogene Dysphagie). Außerdem kann eine Schluckstörung Nebenwirkung bestimmter Medikamente sein.
Es gibt eine Vielzahl von Erkrankungen, bei denen Schluckstörungen als Begleit-Symptom auftreten können. Dazu zählen zum Beispiel:
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- Schlaganfall
- Alzheimer-Demenz
- Schädel-Hirn-Trauma
- Parkinson-Krankheit
- Multiple Sklerose
- Amyotrophe Lateralsklerose
- Myasthenia gravis
- Chorea Huntington
- Entzündungen der Skelettmuskulatur (Myositis)
- Muskeldystrophien
- Erkrankungen der Speiseröhre wie eine Entzündung (Ösophagitis), Aussackungen (Divertikel) oder Achalasie
- Stoffwechselerkrankungen
- angeborene Fehlbildungen
- Krebserkrankungen im Halsbereich, beispielsweise Kehlkopfkrebs
Es gibt verschiedene Medikamente, die als Nebenwirkung eine Schluckstörung hervorrufen können. Dazu gehören vor allem:
- Neuroleptika
- Opiate
- Antidepressiva
- Antiepileptika
- Anticholinergika
- Muskelrelaxantien
- Beruhigungsmittel
Diagnose von Schluckstörungen
Treten Probleme mit dem Schlucken auf, ist eine hausärztliche Praxis oder HNO-Praxis eine geeignete erste Anlaufstelle. Bei Bedarf erfolgt eine Überweisung an andere Fachärztinnen und Fachärzte - zum Beispiel für Neurologie, Gastroenterologie oder Logopädie.
Um eine Schluckstörung festzustellen, ist zunächst ein ausführliches Gespräch zu den Beschwerden und der Krankengeschichte wichtig. Nach dem Gespräch folgt die körperliche Untersuchung. Dabei schaut sich der Arzt oder die Ärztin Mundhöhle, Zähne, Rachen, Kopf und Nacken genau an und sucht nach Auffälligkeiten oder Veränderungen, die auf eine Schluckstörung hinweisen. Zusätzlich wird die Funktion von Muskeln und Nerven geprüft, die beim Schlucken und insbesondere beim Schluckreflex eine wichtige Rolle spielen. Außerdem lässt der Ernährungszustand auf mögliche Schluckprobleme schließen.
Um die Ursachen weiterabzuklären, kommen unter anderem endoskopische und bildgebende Verfahren zum Einsatz:
- Kehlkopfspiegelung (Laryngoskopie)
- Spiegelung der Speiseröhre (Ösophagoskopie)
- Biopsie
- Fiberendoskopische Schluckuntersuchung (FEES)
- Videofluoroskopie (VFSS)
Behandlung von Schluckstörungen
Eine Dysphagie erfordert meist eine langfristige Betreuung durch ein Team, in dem Ärztinnen und Ärzte sowie Therapeutinnen und Therapeuten verschiedener Fachgebiete zusammenarbeiten. Ziel der Behandlung ist, betroffenen Menschen das Essen und Trinken bestmöglich zu erleichtern und die Lebensqualität zu verbessern.
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Therapieoptionen bei Schluckstörungen:
- Schlucktherapie (medizinische, logopädische, sprachtherapeutische und physiotherapeutische Maßnahmen)
- Ernährungsmaßnahmen (Anpassung der Konsistenz der Nahrung, künstliche Ernährung über eine PEG-Sonde)
- Atemhilfen (Luftröhrenschnitt)
- Mundhygiene
- Medikamente
- Operation
- Neurostimulation
Neuere Erkenntnisse und Forschung
Ein Team um Professorin Carmen Birchmeier hat den Schluckvorgang genauer analysiert und sensorische Zellen des zehnten Hirnnervs, Nervus vagus genannt, identifiziert, die auf mechanische Reize in der Speiseröhre reagieren und deren unbewusste Bewegung anregen. Die Forscher*innen färbten die Nervenzellen zunächst an, um zu prüfen, welche Organe sie ansteuern. Anschließend ermittelten sie, ob und wie sie auf mechanische Reize in der Speiseröhre reagieren. In einem letzten Schritt schalteten sie die Zellen aus, um die Konsequenzen für den Schluckvorgang zu analysieren.
Der Verlust dieser Nervenzellen führte bei Mäusen zu einer Gewichtsabnahme, was zeigt, dass diese Neuronen eine Schlüsselrolle bei der körperlichen Homöostase spielen. Diese Arbeit kann dazu beitragen, Schluckbeschwerden künftig besser zu behandeln - etwa indem man die von uns entdeckten Mechanorezeptoren pharmakologisch aktiviert. Zudem möchte Birchmeier die genetischen Modelle nutzen, um die Funktionen anderer vagaler sensorischer Nervenzellen zu ermitteln - etwa jener, die die Lunge oder die Aorta ansteuern.