Die Aurikulotherapie, auch Ohrakupunktur genannt, ist eine alternative Behandlungsmethode, die bei verschiedenen Erkrankungen eingesetzt wird. Insbesondere bei Morbus Parkinson gibt es Studien und Anwendungsbeobachtungen, die eine Verbesserung der Symptome und der Lebensqualität der Patienten zeigen. Dieser Artikel beleuchtet die Aurikulotherapie im Kontext von Parkinson, ihre Anwendung, Studienergebnisse und die verschiedenen Aspekte dieser Behandlungsmethode.
Einführung in die Aurikulotherapie
Die Aurikulotherapie basiert auf der Vorstellung, dass das Ohr eine Reflexzone des gesamten Körpers darstellt. Durch das Setzen von Nadeln an bestimmten Punkten des Ohres sollen Energieflüsse angeregt und somit Schmerzen gelindert oder Krankheiten geheilt werden. Diese Methode ist sowohl in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) als auch in anderen Formen wie der japanischen Schädelakupunktur nach Yamamoto bekannt.
Grundlagen der Aurikulotherapie
Die traditionelle chinesische Akupunktur basiert auf der Vorstellung, dass durch das Stechen von Nadeln an bestimmten Körperstellen die Energie (Qi) zum Fließen gebracht wird. Dorothea Zeise-Süss entwickelte eine modifizierte Form, bei der Gewebeverquellungen am Körper ertastet und nur in diese Bereiche Nadeln gestochen werden.
Der Zeise-Süss-Punkt (ZS-Punkt)
Vor zehn Jahren entdeckte Dorothea Zeise-Süss eine neue Stelle, den sogenannten Zeise-Süss-Punkt (ZS-Punkt). Ursprünglich wurde dieser Punkt zur Behandlung von Hormonstörungen bei Frauen nach der Schwangerschaft eingesetzt. In einer Studie konnte Zeise-Süss nachweisen, dass die Akupunktur des ZS-Punkts den Prolaktinspiegel senken kann, was eine ähnliche Wirkung wie das Medikament Bromocriptin hat, das bei Parkinson eingesetzt wird. Die Patienten berichteten von einer deutlichen Besserung nach der Akupunktur, und der Prolaktinspiegel sank sogar etwas weiter als bei der medikamentösen Behandlung.
Implantat-Ohr-Akupunktur (I-O-A) bei Parkinson
Die Implantat-Ohr-Akupunktur (I-O-A) ist eine spezielle Form der Aurikulotherapie, bei der kleine Titan-Nadeln dauerhaft in bestimmte Akupunkturpunkte am Ohr implantiert werden. Diese Methode wird seit einigen Jahren bei neurologischen Erkrankungen, einschließlich Morbus Parkinson, in Deutschland eingesetzt.
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Anwendung der I-O-A
Bei der I-O-A werden kleine Nadeln aus medizinischem Rein-Titan an französische und chinesische Ohr-Akupunkturpunkte gesetzt und implantiert. Die Auswahl der Punkte erfolgt nach dem RAC (Reflexe auriculocardiaque) sowie der Very-Point-Technik (nach Gleditsch). Es werden nur Titan-Nadeln gesetzt, wenn übereinstimmend nach RAC und Very-Point-Technik aktive Punkte gefunden wurden.
In einer prospektiven Verlaufsbeobachtung wurden 79 Patienten über einen Zeitraum von 6 Monaten nach der Implantation per Interview untersucht. Die Patienten wurden in Abständen von 4, 8, 16 und 24 Wochen nach der Implantation telefonisch interviewt und gegebenenfalls persönlich nachuntersucht.
Ergebnisse der I-O-A-Studie
Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass die Implantat-Ohr-Akupunktur das Behandlungsspektrum bei Morbus Parkinson erweitern kann. Nach 4 Wochen berichteten 51 % der Patienten von einer signifikanten Verbesserung, nach 8 Wochen stieg diese Zahl auf 62 %. In der Endpunktauswertung nach 24 Wochen zeigte sich eine Verbesserung der Symptome Tremor, Rigor, Bewegungsverlangsamung und Schmerzen. Bei 21 % der Patienten konnte eine Reduzierung der Parkinson-Medikation erreicht werden, und bei 7 von 11 Patienten war eine Obstipation rückläufig.
Bewertung der I-O-A
Die Ergebnisse dieser Auswertung geben Anlass, die Methode noch intensiver zu untersuchen. Alle vier Endpunkte (Tremor, Rigor, Bewegungsverlangsamung und Schmerzen) wurden von den Patienten nach über 6 Monaten als Verbesserung zum Ausgangsbefund bewertet. In allen Subanalysen zeigte sich eine Verbesserung der jeweiligen Befunde von über 60 %.
Weitere Aspekte der Aurikulotherapie
Neben der beschriebenen Studie gibt es weitere Aspekte und Überlegungen zur Aurikulotherapie bei Parkinson.
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Einfluss auf das Nervensystem und hormonelle Systeme
Jede Form der Akupunktur hat einen indirekten Einfluss auf das vegetative Nervensystem sowie auf die Regulation verschiedener hormoneller Systeme. Eine Freisetzung von Endorphinen nach Akupunktur konnte in verschiedenen Tiermodellen und beim Menschen bestätigt werden. Interessanterweise können verschiedene Arten der Akupunktur zu einer unterschiedlichen Ausschüttung von Endorphinen führen, darunter B-Endorphin, Met-Enkephalin, Dynorphin und Endomorphin sowie Serotonin, Noradrenalin, Substanz P, Calcitonin Generelated Peptide und GABA.
DATSCAN-Methode
Eine relativ neue Untersuchungsmethode, die DATSCAN-Methode, könnte einen wertvollen Beitrag zur Evaluierung der Wirksamkeit der Aurikulotherapie leisten. Hierbei handelt es sich um eine nuklearmedizinische Untersuchung, bei der ein Radiopharmakon (I-123-FP-CIT) injiziert wird, das sich mit Molekülen verbindet, die Dopamin innerhalb des ZNS transportieren. Diese Methode visualisiert indirekt den Dopaminumsatz im zentralen Nervensystem und kann feststellen, ob sich Unterschiede zum Ausgangsbefund evaluieren lassen.
Restless-Legs-Syndrom (RLS)
In den letzten Jahren zeigte sich, dass auch zunehmend Patienten mit Restless-Legs-Syndrom von der I-O-A profitierten. Aufgrund der Wirksamkeit dopaminerger Substanzen in dieser Indikation ist von einer Ursache im dopaminergen System auszugehen, wobei diesbezüglich durchgeführte bildmorphologische Studien widersprüchliche Ergebnisse über die postsynaptische dopaminerge Funktion in den Basalganglien erbrachten.
Richtlinien für die Anwendung der I-O-A
Für die korrekte Durchführung und Vergleichbarkeit müssen bestimmte Richtlinien bei der Anwendung der Implantat-Ohr-Akupunktur (I-O-A) beachtet werden. Im Sinne einer ganzheitlichen Beratung und Aufklärung der Patienten sollten auch zusätzliche Maßnahmen erwähnt werden, wie die Entgiftung des Körpers von Schadstoffen und die Verbesserung der Gehirndurchblutung.
Die Rolle der Aurikulotherapie in der Schmerztherapie
Akupunktur hat sich in der Schmerztherapie als fester Bestandteil innerhalb der Schulmedizin etabliert. Modellversuche der gesetzlichen Krankenkassen haben den Wirksamkeitsnachweis bei chronischen Knie- und Rückenschmerzen mittlerweile eindeutig belegt, und die Akupunktur wird seit 2007 in diesen beiden Indikationen finanziert. Zudem liegen positive Studienergebnisse für chronische Kopfschmerzen und Migräne, Tennisellbogen und Allergien vor.
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Geschichte und Entwicklung der Aurikulotherapie
Die Ohrakupunktur hat eine lange Tradition. In China ist diese Methode schon seit über 1500 Jahren bekannt. Chinesische Ärzte setzten bei chronischen Schmerzpatienten sowie bei schwer heilbaren neurologischen Erkrankungen resorbierbare Kollagenfasern aus Darmsaiten an vordefinierte Ohr-Akupunkturpunkte.
Die Implantatakupunktur, eine Sonderform der Ohrakupunktur, verwendet implantierbare Ohrakupunkturnadeln, die wie Minibleistiftspitzen aussehen und unter die Haut am Ohr gesetzt werden, wo sie dauerhaft verbleiben. 2001 wurde die Implantatnadel erstmalig auf einem Akupunkturkongress in Berlin vorgestellt. Die Idee entstand, als eine Patientin mit einer eingewachsenen Akupunkturdauernadel am Ohr beschwerdefrei war, solange die Nadel an ihrem Platz war.
Integration der Chinesischen Medizin
Die Chinesische Medizin wird oft dann eingesetzt, wenn die alleinige Behandlung mit westlicher Medizin weniger Erfolg versprechend ist als die Kombinationsbehandlung. Nur die gezielte Kombination beider Heilsysteme erfüllt die Erwartungen an Sicherheit und Wirksamkeit. Die Ohrdiagnostik der Aurikulomedizin ist dabei ein besonderes Instrument im Konzert der individuellen Diagnostik aus westlicher Medizin, TCM und Sino-Homöopathie.
Anwendungsbereiche der Chinesischen Medizin
Die Chinesische Medizin bietet vielfältige Ansätze zur Behandlung verschiedener Beschwerden und Erkrankungen:
- Darmbeschwerden: Das vegetative Nervensystem steuert die Darmfunktionen, und falsche Steuerungssignale können zu Darmkollern, Schmerzen und wechselnden Stuhlqualitäten führen. Die Chinesische Medizin bietet hier Wahrnehmungsübungen, Akupunktur, Handbehandlungen und Pflanzenmedizin.
- Herzerkrankungen: Die integrierte TCM sucht systematisch nach den individuellen funktionellen Verbindungen des Herzens mit Mechanismen des ganzen Körpers und dem emotionalen Apparat.
- Kinderheilkunde: Besonders geeignet für viele Alltagsbeschwerden ist die Kinder-Tuina, eine heilende Chinesische Massage.
- Kinderwunsch: Die Chinesische Medizin kann den natürlichen weiblichen Zyklus positiv stimulieren, um das fruchtbare Fenster für die Empfängnis zu optimieren, die Eizellenbildung zu verbessern und die Einnistung der Eizelle zu erleichtern.
- Schmerzen: Laserakupunktur verwendet keine Nadeln und ist schmerzfrei. Ein definierter Lichtstrahl stimuliert die Zellen an den Akupunkturpunkten.
- Emotionale Defizite: Spezielle Akupunkturtechniken helfen, sogenannte toxische Emotionen abfließen zu lassen.
- Kopfschmerzen: Die Chinesische Medizin kennt über achtundvierzig Formen von Kopfschmerz.
- Multiple Sklerose: Eine spezielle Form von Akupunktur in Kombination mit Heilpflanzen bildet meist die Grundlage der Behandlung, bei der westliche und Chinesische Medizin kombiniert werden.
- Neuropathie: Die Chinesische Medizin kann eine wertvolle Ergänzung zur konventionellen Behandlung anbieten, indem sie anti-entzündliche Heilpflanzen einsetzt.
- Schilddrüsenerkrankungen: Die integrierte Chinesische Medizin sieht die Symptome von Schilddrüsenerkrankungen in einem größeren Zusammenhang und unterscheidet acht Hauptformen der funktionellen Entgleisung.
- Schlafstörungen: Neue wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Verfahren der Chinesischen Medizin das Einschlafen, das Durchschlafen, die Schlafqualität und die Schlafrhythmik fördern.
- Sinusitis: Die Chinesische Medizin sieht die Nebenhöhlen im Kontext aller Funktionen und kann wichtige Zusammenhänge erkennbar machen.
- Tinnitus und Hörsturz: Die wissenschaftliche Chinesische Medizin kennt 18 Formen dieser Erkrankung.
- Krebs: Die Chancen bei Krebs aktiv zu verbessern ist das Ziel der TCM, insbesondere bei der Ursachenfindung.
- Wechseljahrsbeschwerden: Natürliche Substanzen können Hormongaben in der Praxis häufig ersetzen und Nebenwirkungen verhindern.
Kritik und Perspektiven der Aurikulotherapie
Die Akupunktur, einschließlich der Aurikulotherapie, spaltet Ärzte und Patienten. Noch bis in die 90er Jahre wurde die chinesische Akupunktur als Außenseitermethode betrachtet. Heute ist sie in der Schmerztherapie bereits als fester Bestandteil innerhalb der Schulmedizin integriert worden.
Die Implantat-Ohr-Akupunktur (I-O-A) ist demgegenüber noch weitgehend unbekannt. In Deutschland wird die Methode bisher nur vereinzelt von spezialisierten Ärzten und anderen Therapeuten angeboten. Für die betroffenen Patienten ist daher die Qualifikation des Arztes sowie die individuelle Beratung über die mögliche Prognose von immenser Bedeutung.
Sicherlich wäre es in Zukunft wünschenswert, die Daten objektiver zu präsentieren. Daher sollte neben einer Patientenbefragung zukünftig regelmäßig der Parkinson’s Disease Questionnaire (PDQ 39) durchgeführt werden. Insbesondere der motorische Teil des Tests (UPDRS) könnte indirekt darüber Aufschluss geben, ob durch die eingesetzten Implantate dem zentralen Nervensystem (ZNS) wieder vermehrt Dopamin und dopaminaehnliche Botenstoffe zur Verfügung gestellt werden können.
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