Migräne wird in der Gesellschaft oft als „Frauenkrankheit“ angesehen. Doch auch Männer leiden darunter, wenn auch seltener und möglicherweise in anderer Form. Mittlerweile ist Migräne bei Männern auch Gegenstand der Forschung. Es ist wichtig zu erkennen, dass Migräne auch Männer betrifft und eine frühzeitige Behandlung von Vorteil sein kann.
Migräne: Mehr als nur Kopfschmerzen
Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die sich durch wiederkehrende, heftige Kopfschmerzattacken äußert, die von weiteren belastenden Symptomen begleitet werden. Die Dauer der einzelnen Anfälle beträgt drei bis 72 Stunden, also bis zu drei Tage. Körperliche Belastung verstärkt die Symptome. Betroffene müssen in der Regel Bettruhe einhalten, am besten in einem kühlen, abgedunkelten Raum. Migräne tritt weltweit mit ähnlicher Häufigkeit auf, zumindest in den Ländern mit westlichem Lebensstil. Es gibt aber auch Regionen, wie beispielsweise in Afrika, wo die Zahlen geringer sind.
Unterschiede in Symptomen und Diagnose
Männer mit Migräne erleben häufiger Aura-Symptome als Frauen. Das können zum Beispiel Sehstörungen, Sprach- und Bewegungsstörungen, aber auch Schwindel, Koordinationsstörungen und einseitige Lähmungen sein. Zudem können Koordinationsstörungen, Schwindel und Gefühlsstörungen bis hin zu einseitigen Lähmungen und Wahrnehmungsverzerrungen der Umwelt oder des eigenen Körpers hinzukommen. Dafür können typische Migränesymptome wie einseitiger, pulsierender Kopfschmerz, Übelkeit und Lichtempfindlichkeit weniger ausgeprägt sein. Damit entspricht Migräne bei Männern oft nicht den gängigen Kriterien. Das kann die Diagnose erschweren.
Professor Dr. Christian Maihöfner, Kopfschmerzexperte der Deutschen Hirnstiftung, erklärt: »Doch bei Männern sind diese charakteristischen Symptome oftmals nicht voll oder anders ausgeprägt. Dann ist es schwierig, die richtige Diagnose zu stellen.« Bei älteren Männern etwa geht eine Migräne öfter mit Kopfschmerzen auf beiden Seiten einher. Auch das wird für eine Migräne oft als eher untypisch angesehen.
Ursachen und Auslöser
Die genauen Ursachen von Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Die Veranlagung ist genetisch bedingt. Viele Betroffene scheinen eine besonders hohe Aufmerksamkeit für verschiedenste Reize und eine schnelle Reizverarbeitung zu haben, was das Nervensystem irgendwann überlastet. Insgesamt handelt es sich um eine neurobiologisch bedingte Funktionsstörung des Gehirns. Im Verlauf einer Attacke kommt es wahrscheinlich zu entzündlichen Vorgängen an den Blutgefäßen im Gehirn. Man wisse heute, dass es 38 Risikogene gebe und 44 Genvarianten. Die Genvarianten steuern wichtige Vorgänge in unserem Körper.
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Bei manchen Menschen können Anfälle durch sogenannte Trigger ausgelöst werden. Trigger beschreiben Situationen, in denen es wahrscheinlicher ist, dass Betroffene eine Attacke erleiden. Ein Migränetagebuch kann helfen, die persönlichen Trigger zu identifizieren.
Häufige Migräne-Auslöser sind:
- Stress: Migräne durch Stress kommt bei etwa 80 Prozent der Betroffenen infrage. Mittlerweile belegen systematische Studien, dass es nicht auf das Stressniveau selbst, sondern auf plötzliche Veränderungen im Stressniveau ankommt.
- Wetterumschwünge: Ebenso kann das Wetter bei Migräne eine Rolle spielen. Gemäß einer retrospektiven Studie von Forschern des Kopfschmerzzentrum des Universitätskrankenhauses Policlinico Agostino Gemelli in Rom konnte bestätigt werden, dass Wetterschwankungen einen Einfluss auf eine Untergruppe von mit Migränepatienten haben. Dabei zeigte sich, dass meteorologische Schwankungen, insbesondere ein Temperaturanstieg zum Vortag, einen Einfluss auf den Ausbruch einer Migräneattacke haben.
- Hormonschwankungen: Einige Forschungen haben gezeigt, dass bei Männern, die unter Migräne leiden, der Östrogenspiegel erhöht ist und das Testosteron reduziert. Die genauen Zusammenhänge müssen aber noch genauer erforscht werden.
- Veränderung des gewohnten Tagesrhythmus: Am Wochenende spät ins Bett? Und am nächsten Morgen Kopfschmerzen? Dann handelt es sich womöglich um Migräne wegen Schlafmangel. Eine türkische Studie zeigte, dass bei Männern übermäßig viel Schlaf Migräneanfälle provoziert.
- Nahrungsmittel: Etwa 20 Prozent aller Migräne-Patienten machen bestimmte Nahrungsmittel als Auslöser aus. Da viele Betroffene auf eine ganze Reihe von Lebensmitteln mit Migräne reagieren, werden zudem bestimmte Konservierungsstoffe als Auslöser vermutet. Der Beweis für einen direkten Zusammenhang fehlt jedoch bisher. Natürlich gebe es bestimmte Lebensmittel, die Kopfschmerzen auslösten. Dazu gehörten Glutamate, Nitrate und Alkohol. "Das ist dann aber keine Migräne. Das sind sogenannte substanzbezogene Kopfschmerzen, aber nicht die primäre Migräne.
- Körperliche Aktivität: Gemäß niederländischen und dänischen Studien zeigt sich, das starke körperliche Bewegung und Sport bei einigen Patienten als Migräne-Trigger eine Attacke auslösen können. Gleichzeitig spielt sportliche Betätigung eine wichtige Rolle innerhalb der Migräne-Vorbeugung.
- Reizüberflutung: Bei Migräne-Patienten ist die Verarbeitung mancher Sinnesreize im Gehirn verändert. Diese Reize sind deshalb nicht nur während einer Attacke unangenehm. Vielmehr ist auch eine Migräne durch Reizüberflutung möglich.
- Medikamente: Eventuell können auch Medikamente ein Trigger-Faktor sein.
- Halswirbelsäule: Auch die Halswirbelsäule kann ein Trigger für Migräneattacken sein.
Migräne bei Männern: Spezifische Aspekte
Männer versuchen, den Schmerz auszuhalten, und sie sind meist nicht in der Lage, ihre Migräne und ihre Beschwerden zu beschreiben. Frauen sind Schmerzexpertinnen, weil sie mit Schmerzen viel häufiger zu tun haben als Männer. Sie können besser mit einem Arzt über die Beschwerden reden und diese auch besser beschreiben. Männer hingegen deuten Migräneanfälle oft als starke Kopfschmerzen und versuchen, sie selbst in den Griff zu bekommen, indem sie etwa rezeptfreie Schmerzmittel einnehmen. Die Wirkung aber ist nur von kurzer Dauer. Männer unterschätzen ihre Migräneattacken oft. Eine Folge kann sein, dass aus einer anfänglich episodischen Migräne eine chronische wird.
In der Gesellschaft wurde Migräne lange als reine Frauensache angesehen. Mittlerweile ist Migräne bei Männern auch Gegenstand der Forschung. So ist beispielsweise sicher, dass Migräneattacken bei Männern nicht so lange dauern wie bei Frauen und dass sie meist weniger schmerzhaft sind. Außerdem suchen Männer seltener und später Hilfe.
Behandlungsmöglichkeiten
Die Leitlinie zur Therapie von Migräne der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) empfiehlt bei akuten Attacken, möglichst früh Medikamente einzunehmen. Denn grundsätzlich gilt: je früher der Zeitpunkt der Einnahme, desto besser die Wirkung.
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- Akuttherapie:
- Wirksame Medikamente zur Therapie mittelschwerer bis schwerer Migräneattacken sind die Triptane. Diese spezifischen Migränemedikamente wirken auf Rezeptoren der geweiteten Blutgefäße im Gehirn, die sich daraufhin wieder verengen. Außerdem verhindern sie die Aktivierung entzündungsauslösender Eiweißstoffe.
- Triptane mit den Wirkstoffen Almotriptan, Naratriptan und Sumatriptan gibt es als Tabletten in kleiner Packung rezeptfrei in der Apotheke. Voraussetzung: Die Migräneerkrankung wurde ärztlich bestätigt. Größere Packungen sowie die Wirkstoffe Eletriptan, Frovatriptan, Rizatriptan und Zolmitriptan gibt es nur auf Rezept.
- Triptane dürfen bei bestimmten Vorerkrankungen - wie zum Beispiel nach Herzinfarkten und Schlaganfällen - theoretisch nicht eingesetzt werden und es gibt mögliche Nebenwirkungen wie Schwindel, Müdigkeit oder Engegefühle in der Brust. Doch ihr Nutzen überwiegt in den meisten Fällen die Nebenwirkungen. Allerdings ist darauf zu achten, dass 20 Tage im Monat komplett frei von der Einnahme von Schmerz- und Migränemitteln bleiben.
- Prophylaxe:
- Wenn eine Patientin oder ein Patient an vier oder mehr Tagen im Monat Migräne hat oder wenn die Behandlung mit Triptanen keine ausreichende Besserung von Anfällen bietet, gibt es die Möglichkeit, die Migräne vorbeugend zu behandeln.
- Zur Prophylaxe mit Tabletten kommen unter anderem Betablocker, Antidepressiva oder Mittel gegen Epilepsie infrage.
- Bevor moderne Antikörper zur Migräneprophylaxe verschrieben werden können, muss mindestens eine der Tablettentherapien versucht werden, manchmal auch mehrere. Migräne-Antikörper werden alle vier Wochen unter die Haut gespritzt und richten sich gegen CGRP - das steht für Calcitonin Gene-Related-Peptide, ein Molekül, das an der Entstehung von Migräneattacken beteiligt ist.
- Eine neue Wirkstoffgruppe, die sogenannten Gepante, sollen verhindern, dass sich überhaupt CGRP-Proteine bilden. Sie sollen nicht nur vorbeugend wirken, sondern auch bei akuten Migräneattacken.
- Nicht-medikamentöse Maßnahmen:
- Wer Tagebuch über seine Migräneattacken führt, kommt so möglicherweise den individuellen Triggern auf die Spur - und kann sie meiden.
- Regelmäßiger Ausdauersport wie Laufen, Schwimmen oder Radfahren sowie Entspannungsverfahren, zum Beispiel Progressive Muskelentspannung oder Autogenes Training, können den Stresspegel verringern und helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
- Für viele Patientinnen und Patienten hilfreich ist Regelmäßigkeit. Das gilt für Schlafens- und Aufwachzeiten aber auch für Mahlzeiten. Hetze, Unregelmäßigkeit, Naschen und Überspringen von Mahlzeiten können Migränebeschwerden verschlimmern.
- Auch psychologische, zum Beispiel so genannte verhaltenstherapeutische Verfahren können helfen, insbesondere wenn auch eine Depression oder eine Angststörung bestehen. Wenn man solche nicht-medikamentösen Maßnahmen regelmäßig anwendet, merkt man dann, dass die Migräne weniger häufig auftritt und Attacken weniger schwer verlaufen.
Medikamente wirken bei Männern besser
Unterschiede zeigen sich auch bei der medikamentösen Behandlung: Auf die Migräne-Medikamente sprechen Männer oft besser an als Frauen. Darüber hinaus neigen sie weniger zu psychischen Begleiterkrankungen wie Depressionen und Ängste.
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