Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch starke Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Lichtempfindlichkeit gekennzeichnet ist. Die Behandlung von Migräne kann schwierig sein, und viele Patienten suchen nach alternativen Therapien. Eine solche Therapie ist die Verwendung von Cannabis. Dieser Artikel untersucht die Evidenz für die Verwendung von Cannabis bei Migräne, die verschiedenen verfügbaren Produkte und Anwendungsmethoden sowie die potenziellen Risiken und Nebenwirkungen.
Das Endocannabinoidsystem und Migräne
Cannabis enthält Wirkstoffe wie THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol), die mit dem Endocannabinoidsystem (ECS) interagieren. Das Endocannabinoid-System scheint mit der Schmerzwahrnehmung im Gehirn zusammenzuhängen, auch bei Migräne-Attacken. Das ECS ist ein komplexes Netzwerk von Rezeptoren, Enzymen und Endocannabinoiden, das eine wichtige Rolle bei der Regulierung verschiedener physiologischer Prozesse spielt, darunter Schmerz, Entzündung, Stimmung und Schlaf. Cannabinoide wie THC und CBD können an Cannabinoid-Rezeptoren im Gehirn und Körper binden und so diese Prozesse beeinflussen.
Wie Cannabis bei Migräne helfen kann
Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie Cannabis bei Migräne helfen kann:
- Schmerzlinderung: THC und CBD binden an Cannabinoid-Rezeptoren, wodurch die Schmerzintensität sinken kann.
- Entzündungshemmung: Cannabinoide können entzündungsfördernde Prozesse hemmen, die bei Migräneattacken eine Rolle spielen. Migräne kann durch entzündliche Prozesse im Gehirn verschärft werden.
- Muskelentspannung: Cannabis kann verspannte Nacken- und Schultermuskeln lösen.
- Stressreduktion: Stress ist ein häufiger Trigger für Migräne; Cannabis kann das Wohlbefinden verbessern.
- Beeinflussung des Serotoninspiegels: Einige Studien deuten darauf hin, dass Cannabinoide den Serotoninspiegel beeinflussen können.
- Reduktion von Übelkeit und Erbrechen: Migräne geht häufig mit Übelkeit und Erbrechen einher.
Studienlage zu Cannabis bei Migräne
Die medizinische Wirkung von Cannabis ist noch nicht endgültig erforscht. Die Studienlage zur Wirksamkeit von Cannabis bei Migräne ist noch begrenzt, aber einige Studien deuten darauf hin, dass Cannabis Migräneattacken lindern und deren Häufigkeit reduzieren kann.
Eine Studie analysierte Daten der medizinischen App „Strainprint“. Aus diesem Datensatz extrahierten die Forscher über 12 000 Einträge von 1306 Kopfschmerzpatienten sowie 7441 Anwendungen von insgesamt 653 Betroffenen mit Migräne - innerhalb von 16 Monaten. Cannabis verbesserte bei neun von zehn Kopfschmerzpatienten die Symptome. Mit rund 88 % lag die Quote von Migränikern nur knapp darunter. Die Schwere wurde von den Teilnehmern nach Gebrauch als deutlich geringer gewertet. Im Durchschnitt lagen die Werte um drei Punkte auf einer Zehn-Punkte-Skala - was in etwa einer Halbierung entsprach.
Lesen Sie auch: Die Gehirn-Ausstellung in der Bundeskunsthalle
Patient:innen, die Cannabis inhalieren, berichten von einer signifikanten Reduktion der Migräneintensität und Dauer. Über 85 Prozent der Teilnehmenden gaben an, dass Cannabis die Häufigkeit der Migräneanfälle senkt. Cannabis-Konzentrate und CBD-Öl zeigen eine besonders hohe Wirksamkeit.
Eine 2022 durchgeführte Studie fand heraus, dass medizinisches Cannabis die Anzahl der monatlichen Migräneanfälle signifikant reduzieren kann. Patienten, die Cannabis über sechs Monate verwendeten, berichteten von einer Reduktion der Migränehäufigkeit um bis zu 51 % im Vergleich zu Nicht-Cannabis-Produkten. Darüber hinaus ergab eine weitere klinische Studie, dass eine Kombination aus THC und CBD effektiver bei der Linderung von Migräneschmerzen war als die alleinige Verwendung eines dieser Cannabinoide.
Eine Untersuchung ergab außerdem, dass Patienten, die Cannabis einsetzten, ihre Kopfschmerzintensität fast halbierten. Dabei wurden Konzentrate wie Cannabisöl effektiver in der Schmerzreduktion als Cannabisblüten bewertet.
Eine weitere Studie ließ 92 Migränebetroffene zu Beginn des Migräneanfalls den Inhalt einer genau dosierten Cannabiskapsel mithilfe eines Verdampfers inhalieren. Insgesamt behandelten die Patientinnen und Patienten 247 Migräneattacken mit den Hanfkapseln. Nach zwei Stunden war jeweils ein gewisser Anteil der Betroffenen in allen Gruppen schmerzfrei:
- 34,5 Prozent in der THC/CBD-Gruppe
- 27,9 Prozent in der reinen THC-Gruppe
- 22,8 Prozent in der reinen CBD-Gruppe
- 15,5 Prozent in der Placebogruppe
Bei 67,2 Prozent der Betroffenen aus der THC/CBD-Gruppe hatten sich die Schmerzen nach zwei Stunden zumindest reduziert, in der Placebogruppe war das nur bei 46,6 Prozent der Teilnehmenden der Fall. Auch andere unangenehme Migränesymptome konnte die Cannabistherapie lindern, darunter Licht- und Geräuschempfindlichkeit.
Lesen Sie auch: "Das Gehirn in Wissenschaft und Kunst"
Die Studien ergaben, dass medizinisches Cannabis (MC) nach 6 Monaten der Einnahme Übelkeit und Erbrechen durch Migräne signifikant reduzieren konnte. Es sorgte schon nach 30 Tagen für eine Reduktion in der Migränehäufigkeit und -frequenz. MC war dabei 51 % effektiver in der Reduktion der Migräne als Produkte ohne Cannabis. Im Vergleich zu Amitriptylin konnte MC bei manchen Patienten (11,6 %) Migräneattacken stoppen und ansonsten die Frequenz reduzieren.
Allerdings ist die Datenlage aber bislang nicht ausreichend, um endgültige Empfehlungen zu Therapieoptionen und Dosierungen für die Behandlung mit Cannabis gegen Migräne zu machen. Weitere experimentelle Studie zur Bewertung der Sicherheit und Effektivität von Cannabis bei Migräne wäre jedoch notwendig, um dies verlässlich einschätzen zu können.
Unterschiede zwischen Männern und Frauen
Da Frauen auf die schmerzlindernde Wirkung von Cannabinoiden empfindlicher reagieren als Männer, erwarteten die Autoren in ihrer Untersuchung einen stärkeren Effekt bei den Teilnehmerinnen. Tatsächlich gaben mehr Migränepatientinnen an, dass sich ihre Symptome gebessert hätten. Statistisch ließ sich das aber nicht absichern. In der Kopfschmerzgruppe war es sogar anders herum, plus Signifikanz: Männer profitierten etwas mehr vom Cannabis als Frauen, die zudem häufiger von einer Verschlechterung ihrer Symptome berichteten (3 % vs. 1,8 %).
Gewöhnungseffekt
Mit der Zeit schienen sich die Probanden allerdings an den Konsum zu gewöhnen, zumindest an die Wirkung von Cannabisblüten: Sie benötigten zunehmend höhere Dosen, um die Beschwerden zu lindern. Während die Wirkung gegen Migräne im Verlauf annähernd gleich blieb, fiel sie bei Kopfschmerzen immer geringer aus. Konzentrate zeigten insgesamt die etwas besseren Effekte als Blüten, wobei vermutlich nicht die Mengen an Tetrahydrocannabinol und Cannabidiol entscheidend waren, sondern wahrscheinlich noch andere Cannabinoide bzw.
Verfügbare Cannabisprodukte und Anwendungsmethoden
Es gibt verschiedene Cannabispräparate und -produkte zur Verfügung, darunter:
Lesen Sie auch: Ausstellungen über das Gehirn
- Cannabisblüten, die in Deutschland auf Rezept erhältlich sind.
- Eine Kombination beider Wirkstoffe (THC und CBD) enthalten.
- Präparate mit entzündungshemmenden Eigenschaften.
- Öle und Tinkturen (bspw. in Tropfenform) oder Kapseln.
- Fertigarzneimittel (u.a. Extrakten).
- Das Fertigspray Sativex enthält je 50 % THC und CBD.
Es gibt verschiedene Cannabis Konsumformen zur Behandlung von Migräne:
- Inhalation (Rauchen oder Verdampfen): Dies bietet eine schnelle Linderung, da die Wirkstoffe direkt in den Blutkreislauf gelangen. Bei akuten Migräneanfällen ist die Inhalation (z. B. durch Verdampfen) wegen der schnellen Wirkung innerhalb weniger Minuten nützlich.
- Öle und Tinkturen: Produkte Wie Dronabinol werden oral eingenommen oder unter die Zunge getropft. Öle und Tinkturen sind eine diskrete Alternative, die unter die Zunge getropft wird und eine etwas längere Wirkung bietet.
- Essbare Produkte (Edibles): Diese haben eine längere Wirkungsdauer, aber auch eine verzögerte Wirkung von bis zu zwei Stunden.
Dosierung und Anwendungshinweise
Die Dosierung von Cannabis hängt stark von der individuellen Verträglichkeit ab. Für eine individuelle Beratung zu den besten Anwendungsmethoden und der passenden Dosierung kontaktieren Sie die kostenlose Hotline der Cannamedical Pharma.
Allgemeine Anwendungshinweise:
- Start low, go slow: Beginnen Sie mit einer niedrigen Dosis und steigern Sie langsam, um Nebenwirkungen zu vermeiden.
- Einnahmemethoden variieren: Die Wirkung von medizinischem Cannabis kann je nach Verabreichungsmethode variieren. Inhalation kann schnell wirken, während essbare Formen länger brauchen, um ihre Wirkung zu entfalten.
- Überwachung der Reaktion: Führen Sie ein Tagebuch über Dosierung und Reaktionen, um herauszufinden, was am besten wirkt.
- Bei potenziellen Medikamenteninteraktionen: Einige Migränemedikamente können mit Cannabis interagieren.
Mögliche Nebenwirkungen und Risiken
Wie bei jeder Therapie können auch bei der Verwendung von medizinischem Cannabis Nebenwirkungen auftreten. Es gibt einzelne Hinweise auf mögliche Nebenwirkungen von medizinischem Cannabis, nach denen sich die Symptome verschlimmern. Als Ursache gilt in erster Linie eine zu hohe Dosierung über einen zu langen Zeitraum.
Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören:
- Schwindel
- Mundtrockenheit
- Müdigkeit
- Veränderungen der Stimmung
- Psychische Effekte
- Kopfschmerzen durch Medikamentenübergebrauch
Kontraindikationen sind: Psychosen, affektive Störungen, Angststörung, Kindes- und Jugendalter, da irreversible kognitive Folgeschäden zu erwarten sind.
Es ist wichtig zu beachten, dass die langfristige Anwendung von Cannabis zur Behandlung chronischer Kopfschmerzen, einschließlich Migräne, noch nicht ausreichend erforscht ist.
Rechtliche Aspekte in Deutschland
Seit 2017 ist es Ärzten in Deutschland erlaubt, medizinisches Marihuana oder Cannabis zu verschreiben. Die Indikationen für die Anwendung sind nicht explizit formuliert, allerdings geht die Fachliteratur von einem sehr breiten therapeutischen Spektrum aus. Da zu den etablierten Indikationen chronische Schmerzen zählen, ist das Interesse von Migräne-Patienten naheliegend.
Versicherte mit schwerwiegenden Erkrankungen haben Anspruch auf Versorgung mit Cannabis, wenn es keine alternative Therapie gibt, die etablierten Maßnahmen nicht wirken oder nicht ausreichen und wenn eine Aussicht auf Besserung durch diese Therapie besteht. Die erste Verordnung muss von der Krankenkasse genehmigt werden. Dazu ist ein begründeter Antrag des Arztes erforderlich. Der Arzt ist verpflichtet, Daten für eine Begleiterhebung zu erheben. Die gesetzlichen Krankenkassen können nach begründetem Antrag des behandelnden Arztes die Therapie erstatten. Die Entscheidung, ob ein Patient mit Cannabis behandelt werden muss, liegt beim behandelnden, bzw. verschreibendem Arzt. Die Erstattung muss jedoch von der Krankenkasse genehmigt werden.
Den Anbau von medizinischem Cannabis überwacht in Deutschland die Cannabisagentur des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Das BfArM erteilt auch Genehmigungen für den Import von medizinischem Cannabis und daraus gefertigten Produkten (zum Beispiel Extrakte). Die über Apotheken vertriebene Menge Cannabis stieg seit 2017 kontinuierlich an.
Alternative und ergänzende Behandlungen
Migräne ist leider nicht heilbar. Die Häufigkeit und Intensität der Migräneattacken lässt sich aber reduzieren. Damit es gar nicht erst zu einer Migräneattacke kommt, empfiehlt sich gesunde Ernährung, regelmäßiger Ausdauersport und die Vermeidung von Stress.
Im Vergleich dazu wirken traditionelle Migränemedikamente wie Triptane und NSAIDs (nichtsteroidale Antirheumatika) auf die Blutgefäße und Schmerzrezeptoren im Gehirn.
Nebenwirkungen von Cannabis im Vergleich zu anderen Medikamenten: Cannabis hat im Vergleich zu traditionellen Medikamenten ein anderes Nebenwirkungsprofil. Im Gegensatz dazu sind herkömmliche Migränemedikamente, insbesondere NSAIDs, mit gastrointestinalen Problemen wie Magenschmerzen und Blutungen assoziiert.