Die Ausstellung "Das Gehirn in Wissenschaft und Kunst", organisiert und kuratiert durch die Charité Berlin, bietet einen umfassenden Einblick in den Stand der aktuellen Forschung rund um das größte Rätsel des menschlichen Körpers: Das Gehirn. Die Ausstellung, die am 16. Juni 2023 startete, ist im neugestalteten Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité zu sehen.
Interdisziplinäre Perspektiven auf das Gehirn
Die Ausstellung bringt Kunst, Kulturgeschichte und Wissenschaft zusammen, um den Besucher*innen ein breites Spektrum an Perspektiven auf das Gehirn zu bieten. Sie stellt philosophische Fragen nach dem Ich und dem Selbst und wie wir uns in die Welt stellen und uns mit ihr verbinden. Dabei setzt sie bewusst auch auf das Mittel der Kunst als eine andere, inspirierende Perspektive auf das spannende Thema.
Die Entwicklung der Ausstellung hat eine längere Vorgeschichte. Sie wurde unter dem noch etwas kunstbetonteren Titel „Das Gehirn. In Kunst & Wissenschaft“ zunächst in der Bundeskunsthalle in Bonn konzipiert und gezeigt (28. Januar bis 26. Juni 2022), bevor Prof. Dr. Thomas Schnalke, Leiter des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité, sich zu unserer großen Freude entschloss, die Ausstellung für das Jahr 2023 in Berlin zu adaptieren.
Die fünf Fragen der Ausstellung
Die Ausstellung ist in fünf thematische Kapitel unterteilt, die jeweils eine zentrale Frage zum Thema Gehirn aufwerfen:
- „Was habe ich im Kopf?“ Dieses Kapitel untersucht die Anatomie des menschlichen Gehirns. Zu den wichtigsten Objekten der Wissenschaftsgeschichte gehören hier beispielsweise Santiago Ramón y Cajals fantastische Zeichnungen von Gehirnzellen und -strukturen aus dem ausgehenden 19. und frühen 20.
- „Wie stelle ich mir die Vorgänge im Gehirn vor?“ Dieses Kapitel fragt nach den kognitiven Funktionen und aktiven Prozessen im Gehirn. Es werden bedeutende technische Erfindungen vorgestellt, wie zum Beispiel die Magnetresonanztomografie, die das Studium des aktiven Gehirns ermöglicht.
- „Sind ich und mein Körper dasselbe?“ Dieses Kapitel thematisiert die dualistische Vorstellung von der Seele als einer vom Körper losgelösten Entität. Das Zusammenspiel von Körper und Geist zeigt sich in der Funktion unserer Sinne.
- „Soll ich mein Gehirn optimieren?“ Dieses Kapitel befasst sich mit der Frage, wie neurologische Implantate Krankheitssymptome lindern können, zum Beispiel bei der Parkinson-Krankheit. Es wird auch die Frage aufgeworfen, wie der Mensch der Zukunft aussehen wird und ob wir eines Tages zu Cyborgs werden. Künstlerische Visionen als Antwort auf diese Frage sind oft von der neuesten Forschung inspiriert.
Fraunhofer IZM als Kooperationspartner
An der Ausstellung ist das Fraunhofer IZM als Kooperationspartner beteiligt und stellt ein Exponat in Form eines Cyborg-Kopfes aus dem Bereich der neuronalen Forschung vor. Um die Technologien der Fachgruppe „Technologien der Bioelektronik“ für die Öffentlichkeit sichtbarer und verständlicher zu machen, haben die Forschenden schon 2018 den Demonstrator in Zusammenarbeit mit dr jones laboratories und SmirkMasks entworfen und umgesetzt. Das Objekt verfügt über zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten von Lichteffekten und mehreren Visualisierungen von möglichen Implantaten, die das Fraunhofer IZM für diverse Messen (u. a. SMTconnect 2018) und Ausstellungen (z. B. Bundeskunsthalle Bonn 2022) bereits eingesetzt hat.
Lesen Sie auch: Spezialisten der Neurochirurgie an der Charité
Ulf Oestermann, einer der Mitwirkenden am Demonstrator des Fraunhofer IZM, fasst zusammen: „Die Vorstellung, dass wir die Informationen um und in uns direkt auf unsere Rezeptoren in den betreffenden Hirnarealen ‚gespielt‘ bekommen können, so wie Daten auf eine Festplatte, ist schon interessant, aber auch erschreckend. Die Frage ist doch eher: Wie kann der Mensch in unsere digitalisierte Welt integriert werden?“ Die Kombination aus Hirn- und Mikroelektronikforschung kann hier einen wichtigen technischen Beitrag leisten.
Bioelektronik als Brücke zwischen Biologie und Elektrotechnik
Auf den ersten Blick scheinen die beiden Fachgebiete Biologie und Elektronik nicht viele Gemeinsamkeiten zu haben. Während sich die Biologie mit den Bausteinen des Lebens wie Zellen und Proteinen beschäftigt, werden in der Elektrotechnik Chips und Transistoren erforscht. Eine besondere Gemeinsamkeit verbindet jedoch beide: Zur Informationsverarbeitung werden sowohl in Schaltkreisen als auch in biologischen Systemen elektrische Impulse genutzt. Zum Beispiel sind im Gehirn des Menschen etwa 100 Milliarden Zellen miteinander verknüpft und über biochemische und elektrische Verbindungen vernetzt. Die Bioelektronik bildet hier die Brücke zwischen den Bereichen.
Ein vielversprechendes Anwendungsgebiet stellt dabei die Gesundheits- und Medizintechnik dar. Verletzungen und Krankheiten, die bisher als unheilbar galten, könnten durch diese neuen Technologien und Methoden behandelt werden, zum Beispiel durch künstliche Netzhäute, Prothesen oder Implantate, die direkt vom Nervensystem der Patient*innen gesteuert werden können. Das Fraunhofer IZM hat mit seiner Fachgruppe „Technologien der Bioelektronik“ hier Erfahrungen aufgebaut, um diese Schlüsseltechnologie weiterzuentwickeln und zu unterstützten.
Das Medizinhistorische Museum der Charité
Das BMM am Campus Charité Mitte ist aus dem 1899 eröffneten Pathologischen Museum Rudolf Virchows hervorgegangen. Es gewährt seinen Besucher:innen faszinierende Einblicke in die Entwicklung der Medizin der letzten 300 Jahre. In der Dauerausstellung werden etwa 750 pathologisch-anatomische Feucht- und Trockenpräparate sowie Modelle und Abbildungen aus zentralen medizinischen Aktionsräumen, wie dem Anatomischen Theater, dem Anatomischen Museum, dem Labor sowie dem Krankensaal, gezeigt. Das Museumsgebäude wurde von 2020 bis 2023 substanziell modernisiert und mit zeitgemäßer Museumstechnik ausgestattet.
Zur Wiedereröffnung zeigt das Museum die Sonderausstellung „Das Gehirn in Wissenschaft und Kunst“. „Es ist ein Organ mit sieben Siegeln“, sagte Medizinhistoriker und Arzt Schnalke. Die Tatsache, dass Funktionen und Struktur des Gehirns der Wissenschaft immer noch viele Rätsel aufgäben, mache es so faszinierend.
Lesen Sie auch: Charité Virchow Neurologie: Ein Überblick
Die Ausstellung beschäftigt sich unter anderem mit dem Aufbau des Gehirns, der Messung von Gehirnströmen und der Entwicklung des Gedächtnisses. Unterstützt durch zahlreiche Ausstellungsexponate, Erklärtexte und Videos wird Einblick in aktuelle Forschungsarbeiten von Neurowissenschaftlern der Charité gegeben - etwa anhand einer Prothese, die der Form einer Badekappe ähnelt. Sie ermöglicht es Schlaganfallpatienten, gelähmte Körperteile durch Gedankenkraft wieder zu bewegen. Ergänzt wird die Ausstellung durch diverse Kunstwerke, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Gehirn beschäftigen. Neben der Sonderausstellung zeigt sich auch die Dauerausstellung zur Geschichte der Medizin in moderner und überarbeiteter Form.
Einblicke in die Dauerausstellung
Im zweiten Obergeschoss beginnt die umfangreiche Dauerausstellung Dem Leben auf der Spur. Historische Armprothesen, konservierte Organe, Moulagen und besondere Röntgenaufnahmen - hier lernen Sie ganz anschaulich Details aus 300 Jahren Medizingeschichte kennen. Ein Rundgang führt Sie durch historische Räume wie Seziersaal und Anatomisches Theater. Das Herzstück ist die Präparate-Sammlung von Rudolf Virchow, zu dessen Leben und Leistungen eine Tafel informiert. Rund 750 seiner konservierten und präparierten Organe zeigt Ihnen das Medizinhistorische Museum heute - anschaulich und in allen Facetten zwischen gesund und krank.
Highlights der Ausstellung
Zu den Highlights der Ausstellung gehören:
- Der Arbeitstisch von Rudolf Virchow
- Virchows Organsammlung mit Trocken- und Feuchtpräparaten
- Exemplarische Krankenfälle aus mehr als 300 Jahren Medizinhistorie
- Medizinhistorische Instrumente wie Klistierspritze oder Schädelbohrer
- Die Ruine des ehemaligen Rudolf-Virchow-Hörsaals
Fazit
Die Ausstellung "Das Gehirn in Wissenschaft und Kunst" ist ein Muss für alle, die sich für die faszinierende Welt des Gehirns interessieren. Sie bietet einen umfassenden und interdisziplinären Einblick in die aktuelle Forschung und wirft wichtige philosophische Fragen auf. Die Kombination aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und künstlerischen Interpretationen macht die Ausstellung zu einem einzigartigen Erlebnis.
Lesen Sie auch: Charité Neurochirurgie: So holen Sie eine Zweitmeinung ein
tags: #charite #gehirn #ausstellung