Narkose und Demenzrisiko: Ein umfassender Überblick

Herzinfarkt, Schlaganfall und Krebs sind weit verbreitete Gesundheitsprobleme, aber auch das Delir ist eine Volkskrankheit, die viele Menschen betrifft und unerkannt zum Tod führen kann. Der Weltdelirtag am 15. März will dies ändern und die Öffentlichkeit auf das Thema aufmerksam machen. Ein Delir ist ein akuter Verwirrtheitszustand, der nach einer Operation auftreten kann und oft nicht erkannt wird. Es kann das postoperative Sterblichkeitsrisiko und das Risiko für Folgeerkrankungen wie Demenz erhöhen.

Was ist ein Delir?

Ein Delir ist ein Krankheitsbild, das vor, während oder nach einem stationären Krankenhausaufenthalt auftreten kann. Es kann sich durch Verwirrung, Teilnahmslosigkeit, Unruhe oder auch aggressive Zustände äußern. Besonders gefährdet sind ältere Patienten und Patientinnen. Schwere oder auch langfristige Auswirkungen können die Folge sein:

  • Ein längerer Krankenhausaufenthalt
  • Ein erhöhtes Demenzrisiko
  • Eine verkürzte Lebensdauer

Ursachen und Risikofaktoren

Ein Delirium kann durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden, darunter operative Eingriffe mit Narkose, Medikamente und deren Wechselwirkungen, Schlafentzug und akute Stoffwechselstörungen. Weitere Risikofaktoren sind:

  • Hohes Alter
  • Herzkreislaufstörungen
  • Alkoholabhängigkeit
  • Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes
  • Schwere Erkrankung
  • Demenz
  • Gebrechlichkeit
  • Gleichzeitige Einnahme mehrerer Arzneimittel (Polypharmazie)
  • Neue oder abgesetzte Medikamente
  • Alkoholmissbrauch
  • Niereninsuffizienz
  • Chirurgische Eingriffe
  • Infektionen
  • Flüssigkeitsmangel
  • Sehstörungen
  • Schwerhörigkeit
  • Akuter Schmerz

Formen des Delirs

Man unterscheidet zwischen einem hypoaktiven Delir, einem hyperaktiven Delir sowie Mischformen, bei denen sich hypoaktives und hyperaktives Delir abwechseln.

  • Hypoaktives Delir: Zeichnet sich aus durch Apathie, wenig Antrieb, Schläfrigkeit. Es kann schnell übersehen werden, da die Patienten nicht "offensichtlich auffällig" laut sind, wie bei einem hyperaktiven Delir.
  • Hyperaktives Delir: Patienten sind desorientiert, unruhig, bis hin zu aggressiv. Patient*innen entfernen sich dann häufig unbeabsichtigt wichtige Schläuche und gefährden sich dadurch selbst.
  • Mischform: Tritt bei circa 65 Prozent der Patientinnen und Patienten mit Delir auf.

Symptome eines Deliriums

Die Symptome eines Deliriums können vielfältig sein und sich schnell entwickeln. Angehörige beschreiben die betroffene Person oft als verändert. Zu den Anzeichen gehören:

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  • Übereifrig, unruhig, aggressiv
  • Apathisch, schläfrig
  • Ablehnend oder sehr anhänglich
  • Schlaflos
  • Räumlich und zeitlich desorientiert
  • Wahrnehmungsgestört: Betroffene sehen Dinge, die nicht da sind (häufig furchteinflößende Tiere, Schatten oder Ungeziefer); Geräusche werden eine völlig andere Bedeutung zugeschrieben
  • Tag-Nacht-Rhythmus ist verschoben

Diagnose und Erkennung

Die Delir-Erkennung ist herausfordernd, da die Symptome vielfältig sind und leicht mit anderen Zuständen verwechselt werden können. Insbesondere in der hypoaktiven Phase ist ein Delir mit bloßem Auge nicht von einem normalen postoperativen Erschöpfungszustand zu unterscheiden. Kliniken nutzen digitale Scoring-Systeme und Checklisten, um mögliche Desorientierung, Unaufmerksamkeit, unangemessene Sprechweise oder einen gestörten Schlaf-Wach-Rhythmus abzufragen und bei Auffälligkeiten umgehend medizinische und pflegerische Maßnahmen zu ergreifen.

Folgen eines unbehandelten Delirs

Wenn keine Maßnahmen gegen ein Delir getroffen werden, kann sich die Situation für die Betroffenen verschlechtern. Untersuchungen gehen davon aus, dass die Ein-Jahres-Überlebensrate je Delirtag um zehn Prozent sinkt. Ein unbehandeltes Delir kann zu Komplikationen wie Stürzen führen und die Notwendigkeit einer Langzeitpflege nach sich ziehen. Es besteht auch die Gefahr, dass sich eine vorher noch nicht erkannte Demenz durch ein Delir verschlechtert. Man geht davon aus, das circa 25 Prozent ein Jahr nach Krankenhausaufenthalt immer noch kognitive Einschränkungen haben nach einem Delir.

Prävention und Behandlung

Mit gezielten Maßnahmen lässt sich ein Delir oftmals gänzlich verhindern, oder gut erkennen und begleiten. Die Delirvermeidung beginnt oft schon vor der Operation mit einer möglichst schonenden Narkose. Gerade bei Risikopatientinnen (z.B. in hohem Alter oder mit Vorerkrankungen) wird die Betäubung soweit möglich lokal begrenzt. Alles, was Orientierung und Erinnerung bringt, hilft gegen Delir. Im Aufwachraum hängen deshalb große, gut lesbare Uhren, die neben der Uhrzeit auch den Wochentag und das Datum anzeigen. Patientinnen erhalten unmittelbar dort auch ihre Brille oder ihr Hörgerät sowie persönliche Gegenstände von den Pflegekräften zurück, um direkt wieder die Orientierung zu fördern. Auf der Intensivstation sorgt eine Geräuschampel dafür, dass Personal und Angehörige für ein ruhiges Umfeld sensibilisiert werden. Zur Beruhigung tragen auch Vorhänge in sanften Farben bei. Die medizinischen und pflegerischen Maßnahmen werden auf den Tag-Nacht-Rhythmus der Patientinnen abgestimmt - tagsüber werden die Patientinnen aktiviert, und nachts mit schlaffördernden Maßnahmen unterstützt.

Maßnahmen zur Vorbeugung eines Delirs

  • Sorgfältige Erhebung der Krankengeschichte: Identifikation möglicher Risikopatienten durch eine sorgfältige Erhebung der Krankengeschichte im Vorfeld der stationären Aufnahme.
  • Schonende Narkose: Detailliert geplante Operationen mit möglichst geringer Narkosebelastung beugen der Gefahr wirksam vor.
  • Orientierungshilfen: Uhren, Kalender, Fotos von vertrauten Personen, Brillen und Hörgeräte helfen den Patienten, sich in der ungewohnten Umgebung zurechtzufinden.
  • Ruhige Umgebung: Eine ruhige und reizarme Umgebung trägt zur Beruhigung der Patienten bei.
  • Angehörigenbeteiligung: Angehörige können bei der Re-Orientierung helfen, sie können viel eher als das Pflegepersonal an Erinnerungen anknüpfen und diese aktiv halten. In einem gewissen Rahmen können gegebenenfalls auch Rituale von zu Hause in der Klinik umgesetzt werden.
  • Frühzeitige Mobilisation: Bewegung hilft, den Kreislauf anzuregen und die Orientierung zu fördern.
  • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr: Flüssigkeitsmangel kann ein Delir begünstigen.
  • Vermeidung von Schlafmitteln: Schlafmittel können die Verwirrtheit verstärken.
  • Anpassung des Lichts: Simulation des natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus durch spezielle Lichtsysteme.

Rolle der Angehörigen

Nach der OP spielen die Angehörigen eine entscheidende Rolle, denn sie sorgen mit ihrer Präsenz für einen vertrauten und beruhigenden Rahmen. Es ist wichtig, dass Angehörige auf Anzeichen wie Unruhe, Verwirrtheit, Teilnahmslosigkeit oder aggressives Verhalten achten und diese dem Pflegepersonal mitteilen. Sie sollten Beleidigungen, befremdliche Äußerungen oder abweisendes Verhalten nicht persönlich nehmen und Diskussionen vermeiden, wenn eine Patientin die Realität verkennt oder anders wahrnimmt. Stattdessen sollten sie eine orientierende Umgebung schaffen und dem verunsicherten Patienten Ängste nehmen und Sicherheit vermitteln. Auch für Angehörige kann die Situation belastend sein. Es ist wichtig, sich Pausen zu nehmen, sich Unterstützung zu holen und sich nicht zu überfordern.

Narkose und Demenz: Eine komplexe Beziehung

Studien haben untersucht, ob Narkosen das Risiko für Demenz erhöhen können. Einige Studien deuten darauf hin, dass wiederholte Narkosen oder bestimmte Arten von Operationen das Demenzrisiko erhöhen könnten, insbesondere bei älteren Menschen. Andere Studien haben jedoch keine Verbindung zwischen Narkose und Demenz gefunden.

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Eine Studie aus Taiwan ergab, dass nach einer Anästhesie das Risiko, an Demenz zu erkranken, um das Doppelte stieg. Allerdings fanden die Forscher heraus, dass bestimmte Eingriffe das Demenzrisiko besonders erhöhen, darunter Operationen der Augen, der Haut, des Magen-Darm-Bereichs, orthopädische Operationen und solche im Bereich der Geschlechtsorgane und Harnwege. Die Forscher vermuten, dass bei einigen Patienten bereits eine Anfälligkeit für eine Demenz vorliegt, diese aber noch nicht diagnostiziert wurde. Zudem könnten sich Substanzen, die Ärzte für eine Anästhesie einsetzen, negativ auf das Nervensystem auswirken.

US-amerikanische Mediziner gaben im Fachblatt Mayo Clinic Proceedings in Sachen Narkose und Demenz Entwarnung und betonten, dass es viele Gründe gibt, besorgt zu sein, wenn ältere Menschen operiert werden müssen, aber die Angst vor Alzheimer eher nicht dazu gehört. Eine französische Forschergruppe kam zu dem Ergebnis, dass sich das Risiko, eine Demenz zu entwickeln, nach mindestens einer Vollnarkose um 35 Prozent erhöht.

Die Forschung zu diesem Thema ist noch nicht abgeschlossen, und es bedarf weiterer Studien, um die genauen Zusammenhänge zwischen Narkose und Demenz zu verstehen. Es ist wichtig zu beachten, dass viele Faktoren das Demenzrisiko beeinflussen können, darunter Alter, Genetik, Lebensstil und andere Erkrankungen.

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