Die Auswirkungen von Pornografie auf das Gehirn: Wissenschaftliche Studien im Überblick

Pornografie ist heutzutage leicht zugänglich und allgegenwärtig, was Fragen nach ihren Auswirkungen auf unser Gehirn und Verhalten aufwirft. Während Pornos Inspiration und sexuelle Befreiung bieten können, birgt ihr übermäßiger Konsum Risiken. Dieser Artikel beleuchtet die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Auswirkungen von Pornografie auf das Gehirn, Verhaltensmuster und die allgemeine psychische Gesundheit.

Pornografie im digitalen Zeitalter: Eine allgegenwärtige Realität

Das Internet hat den Zugang zu sexuellen Inhalten revolutioniert. Pornos sind jederzeit und überall verfügbar, oft kostenlos. Diese ständige Verfügbarkeit wirft wichtige Fragen auf: Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir regelmäßig Pornos konsumieren? Welche Auswirkungen hat dies auf unsere Beziehungen, unsere Sexualität und unser Wohlbefinden?

Das Belohnungssystem und Dopamin: Die neurobiologischen Grundlagen

Rudolf Stark, Professor für Psychotherapie und Systemneurowissenschaften, forscht seit Jahren über die neurobiologischen Auswirkungen von Pornografie. Seine Ergebnisse zeigen, dass rund 80 Prozent der befragten Männer regelmäßig Pornos schauen, während nur 5 Prozent angeben, dies nie zu tun.

"Pornografisches Material aktiviert sehr stark das dopaminerge Belohnungssystem", erklärt Stark. Dieses System, ein Teil des Gehirns, reagiert stark auf angenehme Reize wie Nahrung, soziale Anerkennung oder sexuelle Erregung. Bei der Aktivierung werden Botenstoffe wie Dopamin ausgeschüttet, die kurzfristig Glücksgefühle erzeugen und unser Verhalten positiv bestärken.

Eine Studie von Stark verdeutlicht dies: Testpersonen lernten die Bedeutung geometrischer Symbole, die mit verschiedenen Videos verknüpft waren (Pornoclip, neutrales Massagevideo, kein Inhalt). Interessanterweise löste allein der Anblick der Symbole, die mit dem Pornoclip assoziiert waren, Aktivität im Belohnungssystem aus.

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Die dunkle Seite der Medaille: Wenn Pornografie zur Sucht wird

Wenn der Konsum von Pornografie außer Kontrolle gerät und den Alltag beeinträchtigt, kann dies auf eine Sucht hindeuten. Heike Melzer, Neurologin und Psychotherapeutin, berichtet von Patienten, die bis zu 40 Stunden pro Woche Pornos schauen. Die Folgen sind gravierend: Orgasmusverzögerung, Unlust, Erektionsstörungen und eine zunehmende Entfremdung von realer Sexualität.

Es ist wichtig zu betonen, dass nicht die Häufigkeit des Konsums entscheidend ist, sondern die Auswirkungen. Viele Betroffene erkennen erst spät, dass sie Hilfe benötigen, oft erst dann, wenn nichts mehr geht. Dies ist häufig mit massiver Verzweiflung oder Depression verbunden. Beratungsstellen wie Pro Familia können erste Anlaufpunkte sein.

Besonders bedenklich ist, dass viele Kinder schon vor der Pubertät mit Pornografie in Berührung kommen. "Das ist ein Riesen-Feldversuch ohne Ethikkommission", warnt Melzer.

Gesellschaftlicher Wandel: Pornografie als Begleiter in Beziehungen

Rudolf Stark beobachtet eine gesellschaftliche Veränderung: Pornos laufen heute häufig parallel zur Beziehung, nicht als Ersatz, sondern als eigener Teil des Alltags. Gleichzeitig verändern sie die Vorstellungen davon, wie Sex zu sein hat. Viele Clips folgen demselben Muster. "Viele Männer sind enttäuscht, wenn ihre Partnerin keinen Oralsex mag - weil das im Porno ja immer dazugehört", sagt Stark.

Im Übermaß können Pornos laut Heike Melzer die Fantasie rauben. "Leider schließt Pornografie die Emotionen aus." Dies wirke sich zunehmend problematisch auf die Beziehungsqualität aus, in der Emotionen und Bedeutung stattfinden.

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Neurowissenschaftliche Einblicke: Forschung am 7-Tesla-MRT

Dr. Stephanie Antons, Psychologin an der Universität Duisburg-Essen, erforscht das Suchtverhalten in der digitalen Ära. Sie untersucht die Gaming Disorder und die Pornografie-Nutzungsstörung. In einer Studie mit funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) untersucht sie, wie Menschen auf verschiedene Reize reagieren, die mit dem Suchtverhalten in Verbindung stehen, und was währenddessen im Gehirn geschieht.

Dazu arbeitet sie mit drei Probandengruppen zusammen: Personen mit Suchtverhalten, Personen mit Suchtrisiko und einer Kontrollgruppe. Im MRT liegend bekommen die Probanden drei unterschiedliche Stimuli gezeigt: explizite pornografische Bilder, distale Stimuli (z.B. Login Screens pornografischer Seiten) und neutrale Kontrollbilder.

Die Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass das Belohnungssystem bei Personen mit Pornografie-Nutzungsstörung eine stärkere Aktivität aufweist, wenn Reize vorhanden sind, die mit dem Suchtverhalten in Verbindung stehen. Außerdem ist ein System, das Gewohnheiten widerspiegelt, bei den Probanden ebenfalls stärker aktiviert.

Parallelen zu Substanzabhängigkeit: Die Rolle des Belohnungssystems

Die Hirnforschung zeigt mittlerweile Parallelen zwischen Substanz- und Verhaltenssüchten, vor allem in Bezug auf die zentrale Rolle des Belohnungssystems. Diese Erkenntnis ist wichtig für die Einordnung des Störungsbildes und hat dazu beigetragen, dass die Gaming Disorder im Jahr 2019 als Verhaltenssucht klassifiziert wurde.

Therapieansätze: Kognitive Verhaltenstherapie als vielversprechende Option

Eine systematische Übersichtsarbeit hat gezeigt, dass die kognitive Verhaltenstherapie eine gute Wirkung bei Patient*innen mit problematischem Pornografiekonsum erzielen kann.

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Forschungsmethodische Herausforderungen: Korrelation vs. Kausalität

Die empirische Ausarbeitung zur Wirkung von Pornografie wird durch forschungsmethodische Probleme erschwert. Die meisten Studien sind Korrelationsstudien, die keine kausalen Schlussfolgerungen zulassen. Studien, die Kausalzusammenhänge untersuchen, sind meistens experimentell und ohne Langzeitmessungen. Die ökologische Validität ist ebenfalls nicht gegeben, da der Pornokonsum im Labor nicht mit dem Pornokonsum im Privaten verglichen werden kann. Bei Selbstauskünften von Pornokonsument*innen sind die Angaben oft verfälscht.

Mögliche negative Auswirkungen: Gehirnveränderungen und sexuelle Abstumpfung

Eine Untersuchung fand einen Zusammenhang zwischen hohem Pornokonsum und einem kleineren Volumen der grauen Gehirnsubstanz im rechten Nucleus caudatus. Dieses Areal gehört zum Belohnungssystem und zeigte weniger Aktivität bei häufigem Konsumieren, was auf einen Gewöhnungseffekt hindeuten könnte.

Eine andere Studie ergab, dass bei Pornovielsehern in der Amygdala, im Striatum und in der Substania nigra die Aktivität bei kurzen Pornos steigt, jedoch bei nur erotischen Videos sinkt im Vergleich zu einer Kontrollgruppe.

Oft wird davon ausgegangen, dass das Konsumieren von Pornos zu einer sexuellen Abstumpfung und dem Verlust an Lust führt. In einer Studie wurde jedoch das Gegenteil bewiesen und tatsächlich eine stärkere Erregung und Ausprägung an Lust bei Pornovielsehern beim Sehen von Pornos beobachtet.

Pornografie-Nutzungsstörung: Eine anerkannte Verhaltenssucht

Die neue ICD-11-Klassifikation wird die Pornografie-Nutzungsstörung unter „sonstige Störungen durch Verhaltenssüchte“ als potenzielle Verhaltenssucht anerkennen und aufnehmen.

Die Debatte um die negativen Folgen: Nocebo-Effekt und Objektifizierung

Zum Teil erinnert die Debatte über die negativen Folgen der Pornografie an die alte Debatte darüber, dass Selbstbefriedigung schädlich sei. Der von Wilhelm Stekel angesprochene Nocebo-Effekt meint, dass die von Kritikern geschaffene Angst vor Folgen durch den Konsum von Pornografie krank macht und nicht die Pornografie selbst.

Ein weiteres Argument für die negative Wirkung ist der vermeintliche Zusammenhang von Pornokonsum und Fremdgehen in der Ehe sowie die Objektifizierung von Frauen. Zu beidem gibt es jedoch keine Studien, die dies belegen können, da es sich in beiden Fällen um Korrelationsstudien handelt.

Positive Aspekte von Pornografie: Aufklärung, Selbstfindung und sexuelle Befreiung

Pornografie kann zur Aufklärung dienen, um eingeschränkte Sichtweisen zu erweitern, sich beim Ausüben neuer Praktiken sicherer zu fühlen, sich und seine eignen sexuellen Neigungen und Orientierung besser zu verstehen und seine natürliche Neugierde zu stillen. Außerdem kann Pornografie Sichtbarkeit schaffen für sexuelle Minoritäten. Sie kann ebenfalls einen positiven Einfluss auf die Kommunikation über Vorlieben und Abneigungen haben. Wenn Pornos zur Selbstbefriedigung eingesetzt werden und diese als angenehme Aktivität wahrgenommen wird, kann dies auch als eine positive Wirkung gesehen werden. Ebenso die damit einhergehende Lernerfahrung, den eigenen Körper verstehen.

Studien haben gezeigt, dass ein Zurückgehen an Sexualstraftaten in Staaten beobachtet werden konnte, in denen sich die Pornografie zugenommen hatte. Die Theorie dahinter ist, dass mögliche Sexualstraftäter Pornografie dafür nutzen können, sich leichter abzuregen und gar nicht erst straffällig werden. Jedoch handelt es sich hierbei ebenso wieder um eine Korrelationsstudie und es folglich nicht möglich damit kausale Zusammenhänge beweisen zu können.

Umgang mit einer "Pornosucht": Reduktion, Rückfallpläne und Ursachenforschung

In der Therapie wird zunächst versucht, den Konsum zu reduzieren. Dabei kann zum Beispiel ein Suchttagebuch helfen, in dem die Person notiert, wann und wie lange sie Pornos schaut. Sinnvoll ist außerdem ein Rückfallplan. Therapeut:innen analysieren außerdem gemeinsam mit den Betroffenen, was die Auslöser für diese Impulse sind: "Natürlich muss man sich auch die Frage stellen: Welche Funktion hat das Verhalten? Geht es darum, Langeweile zu bekämpfen? Geht es darum, mit negativen Gefühlen umzugehen?", sagt Psychologe Stark.

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