Die Vorstellung, dass Autismus eine extreme Ausprägung des männlichen Gehirns darstellt, ist eine These, die seit einiger Zeit diskutiert wird. Der britische Psychologe Simon Baron-Cohen hat diese Theorie im Fachmagazin Science veröffentlicht und damit für Aufsehen gesorgt. Die Annahme basiert auf Beobachtungen von Unterschieden im Gehirn von Männern und Frauen sowie den typischen Verhaltensmustern, die bei Autisten beobachtet werden.
Die Ursprünge der Theorie
Die Idee eines Zusammenhangs zwischen Autismus und männlicher Gehirnprägung wurde bereits vor etwa 60 Jahren vermutet. Moderne Aufnahmetechniken ermöglichen es jedoch erst heute, die Unterschiede in den Gehirnstrukturen sichtbar zu machen, die für verschiedene Verhaltensmuster verantwortlich sind.
Simon Baron-Cohen, Leiter des Autism Research Centre an der Universität Cambridge, ist bekannt für seine Thesen zu geschlechtsspezifischen Unterschieden des Gehirns. Er argumentiert, dass sich das weibliche Gehirn durch Empathie auszeichnet, während die Stärke des männlichen Gehirns in der Fähigkeit zum systematischen Denken liegt. Autismus, insbesondere das Asperger-Syndrom, betrachtet er als eine Extremform dieser Männlichkeit.
Geschlechtsspezifische Unterschiede im Gehirn
Um seine Theorie zu untermauern, untersuchte Baron-Cohen die Gehirne von gesunden Frauen und Männern. Dabei stellte er fest, dass Männer zwar ein größeres Gehirn haben, aber die Vernetzung zwischen auseinanderliegenden Abschnitten weniger stark ausgeprägt ist als bei Frauen. Diese mangelnde Vernetzung ist bei Autisten noch deutlicher zu beobachten.
Bestimmte Gehirnareale entwickeln sich bei Jungen schneller als bei Mädchen. Bei autistischen Kleinkindern sind diese Areale besonders stark ausgeprägt. Dies spiegelt sich auch in geschlechtsspezifischen Verhaltensmustern wider: Männer neigen zum Systematisieren, während Frauen mehr Sinn für Empathie zeigen. Autisten weisen oft eine extrem ausgeprägte Vorliebe für Regeln und Systeme auf, während ihnen Empathie meist schwerfällt.
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Die Rolle von Testosteron
Baron-Cohen vermutet, dass der Einfluss männlicher Hormone auf das ungeborene Kind die Ausprägung der Gehirnstrukturen verursacht. Er konnte zeigen, dass Kinder, die vor der Geburt erhöhte Testosteronwerte im Fruchtwasser hatten, im Alter von zehn Jahren häufiger autistische Persönlichkeitsmerkmale aufwiesen.
Eine weitere Studie, in der die Konzentration von vier Steroidhormonen in Fruchtwasserproben untersucht wurde, bestätigte diese Hypothese. Bei Kindern, bei denen später eine Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert wurde, waren alle vier Hormone (Progesteron, 17alpha-Hydroxyprogesteron, Androstenedion und Testosteron) im Fruchtwasser erhöht.
Kritik und Einschränkungen
Obwohl die "Extreme Male Brain"-Theorie interessante Einblicke in die möglichen Ursachen von Autismus bietet, ist sie nicht unumstritten. Kritiker weisen darauf hin, dass eine Assoziation allein keine Kausalität belegt. Die erhöhten Testosteronwerte könnten beispielsweise auch eine Folge der Erkrankung sein.
Zudem gibt es Studien, die keinen Zusammenhang zwischen dem Testosteronspiegel und der Empathiefähigkeit eines Menschen feststellen konnten. Auch die Vorstellung, dass es fundamentale Unterschiede zwischen "weiblichen" und "männlichen" Gehirnen gibt, wird von einigen Forschern in Frage gestellt.
Autismus bei Frauen
Ein weiterer Kritikpunkt an der "Extreme Male Brain"-Theorie ist, dass sie die Unterdiagnostizierung von Autismus bei Frauen nicht ausreichend berücksichtigt. Autismus wird häufiger bei Männern diagnostiziert als bei Frauen, was zu der Annahme geführt hat, dass Autismus vor allem ein männliches Phänomen ist.
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Inzwischen weiß man jedoch, dass Autismus bei Frauen stark unterdiagnostiziert ist, da sich Autismus bei Frauen anders äußern kann als bei Männern. Verhaltensweisen, die mit Autismus in Verbindung gebracht werden, finden bei Jungen und Männern zum Beispiel eher Akzeptanz als bei Mädchen und Frauen, was dazu führt, dass Frauen ihre Symptome häufiger kompensieren oder verstecken.
Implikationen und Ausblick
Trotz der Kritik und Einschränkungen hat die "Extreme Male Brain"-Theorie dazu beigetragen, das Verständnis von Autismus zu verbessern. Sie hat die Forschung angeregt und neue Perspektiven auf die möglichen Ursachen und Mechanismen der Erkrankung eröffnet.
Es ist wichtig zu betonen, dass die "Extreme Male Brain"-Theorie nicht dazu dienen soll, Autismus zu verhindern oder zu stigmatisieren. Vielmehr soll sie dazu beitragen, Autismus besser zu verstehen und Betroffenen eine angemessene Unterstützung zu bieten.
Die Rolle von Empathie und Systematisierung
Die "Extreme Male Brain"-Theorie postuliert, dass Autismus mit einer übermäßigen Ausprägung von Systematisierung und einem Mangel an Empathie einhergeht. Diese Annahme basiert auf der Beobachtung, dass Autisten oft ein starkes Interesse an Regeln, Systemen und Mustern haben, während ihnen das Verständnis und die Reaktion auf Emotionen anderer Menschen schwerfällt.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass Empathie und Systematisierung nicht als gegensätzliche oder sich ausschließende Eigenschaften betrachtet werden sollten. Beide Fähigkeiten sind wichtig für ein erfolgreiches soziales Miteinander. Menschen mit Autismus können durchaus empathisch sein, auch wenn sie ihre Empathie möglicherweise anders ausdrücken als neurotypische Menschen.
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Neurosexismus und soziale Konstruktionen
Die Diskussion um die "Extreme Male Brain"-Theorie hat auch die Frage nach Neurosexismus und sozialen Konstruktionen aufgeworfen. Neurosexismus bezeichnet die Tendenz, Geschlechtsunterschiede im Gehirn zu überbetonen und als Grundlage für stereotype Annahmen über die Fähigkeiten und Eigenschaften von Männern und Frauen zu verwenden.
Es ist wichtig zu erkennen, dass viele der vermeintlichen Geschlechtsunterschiede im Gehirn nicht angeboren sind, sondern durch soziale und kulturelle Einflüsse geprägt werden. Die Art und Weise, wie wir aufwachsen, welche Erwartungen an uns gestellt werden und welche Erfahrungen wir machen, beeinflusst die Entwicklung unseres Gehirns und unsere Verhaltensmuster.
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