Der Zusammenhang zwischen Autismus, Nervensystem und dem gastrointestinalen Trakt

In den letzten Jahren hat die Forschung zunehmend den Fokus auf die sogenannte Darm-Hirn-Achse gerückt, insbesondere im Zusammenhang mit neurologischen Entwicklungsstörungen wie Autismus. Diese Achse beschreibt ein komplexes Kommunikationssystem zwischen dem Darm (Magen-Darm-Trakt) und dem Gehirn, das über ein Netzwerk von Nerven, Hormonen und immunologischen Signalen Informationen austauscht. Der Darm ist also weit mehr als nur für die Verdauung zuständig.

Die Darm-Hirn-Achse: Ein komplexes Kommunikationssystem

Die Darm-Hirn-Achse ist ein bidirektionales Kommunikationssystem, das den Darm und das Gehirn miteinander verbindet. Dieses Netzwerk besteht aus Nervenbahnen, Hormonen und Immunbotenstoffen, die Informationen zwischen den beiden Systemen austauschen. Stress beeinflusst den Darm, und ein gestörter Darm verstärkt Stress. Dieses komplexe Zusammenspiel erklärt, warum Menschen oft von einem „Bauchgefühl“ sprechen oder warum Stress auf den Magen schlägt. Es geht dabei um Interozeption, also die bewusste und unbewusste Wahrnehmung innerer Körperzustände.

Neurotransmitter und die Darm-Hirn-Achse

Neurotransmitter, insbesondere Serotonin, spielen eine zentrale Rolle in der Darm-Hirn-Achse. Serotonin ist ein wichtiger Neurotransmitter, der an der Regulation der Stimmung, des Schlafs, des Appetits und der Schmerzempfindung beteiligt ist. Tatsächlich wird der Großteil des Serotonins im Darm produziert. Aus Tryptophan entsteht im Körper Serotonin - ein Botenstoff, der für Stimmung, soziales Verhalten, Schlaf und Lernfähigkeit entscheidend ist. Und: Rund 95 Prozent des Serotonins werden nicht im Gehirn, sondern im Darm gebildet. Genau hier sahen die Forscher bei Kindern mit Autismus Unterschiede.

Nährstoffaufnahme und ihre Bedeutung

Die Nährstoffaufnahme spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Der Darm ist dafür verantwortlich, Nährstoffe aus der Nahrung aufzunehmen und sie an den Körper abzugeben. Eine effiziente Nährstoffaufnahme ist entscheidend für die optimale Funktion des Gehirns.

Einfluss auf Stimmung, Verhalten und Kognition

Die Darm-Hirn-Achse beeinflusst auch die Stimmung, das Verhalten und die kognitive Funktion. Es wurde festgestellt, dass Veränderungen in der Darmflora (Mikroorganismen im Darm) mit psychischen Erkrankungen wie Angst und Depression verbunden sein können. Die Darmflora produziert ebenfalls bestimmte Stoffwechselprodukte und Hormone, die das Gehirn beeinflussen können.

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Stress, Angst und Schlafstörungen

Stress und Angst können die Kommunikation entlang der Darm-Hirn-Achse beeinflussen. Stresshormone wie Cortisol können den Darm beeinflussen, und umgekehrt kann eine gestörte Darmfunktion Stress und Angst verstärken. Schlafstörungen können ebenfalls Auswirkungen auf die Darm-Hirn-Achse haben. Eine gestörte Schlafqualität kann zu Veränderungen in der Darmflora führen und die Funktion des Verdauungssystems beeinträchtigen.

Rolle bei der Gehirnentwicklung

Die Darm-Hirn-Achse spielt auch eine Rolle bei der Entwicklung des Gehirns. Studien zeigen, dass Kinder mit Autismus oder ADHS häufiger unter Darmproblemen wie Reizdarmsyndrom und Verdauungsstörungen leiden, oft begleitet von einem Ungleichgewicht im Darmmikrobiom. Gleichzeitig wird bei vielen dieser Kinder ein Ungleichgewicht in der Darmflora festgestellt. Das bedeutet: Nützliche Bakterienstämme wie Bifidobakterien oder Lactobacillus sind reduziert, während ungünstige Keime überwiegen.

Autismus und die Darm-Hirn-Achse

Die Forschung hat gezeigt, dass es eine Verbindung zwischen dem Verdauungssystem und dem zentralen Nervensystem gibt, die als Darm-Hirn-Achse bekannt ist. Der Darm ist mehr als ein Verdauungsorgan; er besitzt ein eigenes Nervensystem, das enterische Nervensystem, mit über 100 Millionen Nervenzellen. Damit sind im Darm sogar mehr Neuronen aktiv als im Rückenmark.

Eine Studie der University of Southern California analysierte Stuhlproben von 84 Kindern, von denen 43 mit Autismus lebten und die anderen neurologisch unauffällig waren. Die Forscher fanden heraus, dass die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn bei Kindern mit Autismus das Verhalten beeinflusst.

Darmprobleme bei Kindern mit Autismus

Viele Kinder mit Autismus leiden unter Magen-Darm-Problemen wie Verstopfung oder Bauchschmerzen. Gleichzeitig zeigten sich in der Studie Unterschiede in bestimmten Hirnregionen. Manche waren überdurchschnittlich aktiv, andere weniger.

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Die Rolle des Mikrobioms

Autisten haben andere Mikroorganismen im Darm als Nicht-Autisten. Forscher vermuten, dass eine gestörte Darmflora an Gehirn-Entwicklungsstörungen wie Autismus beteiligt ist. Eine Analyse des Darm-Mikrobioms scheint eine Möglichkeit zu sein, künftig Kinder mit Autismus schneller zu diagnostizieren.

Tatsächlich ist das Mikrobiom im Darm von Personen aus dem Autismus-Spektrum auffällig verändert. Die aktuelle Studie hat sich nun nicht nur auf die Darmbakterien konzentriert, sondern auch andere Mikroben im Darm untersucht. Insgesamt nahmen 1627 Kinder zwischen einem und elf Jahren mit und ohne Autismus daran teil. Auf Basis der Analyse konnte das Forschungsteam die Autismus-Betroffenen von den nicht betroffenen Kontroll-Teilnehmenden zuverlässig unterscheiden. Auffällig verändert waren bei den Betroffenen insgesamt 51 Bakterien-, 7 Pilz-, 18 Virenarten, 14 Arten spezieller Einzeller, sogenannter Archaeen, sowie 27 mikrobielle Gene.

Keimfrei aufgezogene Mäuse, denen man das Mikrobiom von Autismus-Betroffenen eingepflanzt hat, entwickelten daraufhin autismusähnliche Verhaltensweisen. Und eine Stuhlspende von gesunden Menschen hat die autistischen Symptome betroffener Kinder in einer kleinen Studie gelindert.

Zusammenhang zwischen Genen und Darmfunktionsstörungen

Wissenschaftler aus Heidelberg, Würzburg und Ulm haben erstmals an Mäusen gezeigt, dass die Entwicklungsstörung und die bisher wenig beachteten Verdauungsprobleme der Patienten in direktem Zusammenhang stehen können. Der Nachweis gelang ihnen bei dem Gen Foxp1, das nicht nur im Gehirn, sondern auch im Verdauungstrakt aktiv ist. „Falls sich dieses Forschungsergebnis auf den Menschen übertragen lässt, könnte dies unmittelbare Auswirkungen auf die Beratung von Patienten und Angehörigen haben“, sagt Seniorautorin Professor Dr. Gudrun Rappold.

Die Mäuse zeigten ein abweichendes Fressverhalten und nahmen weniger Futter und Wasser auf als Mäuse ohne diese genetische Veränderung. Der Dickdarm und die Speiseröhre zeigten eine verminderte Dicke der Muskelschicht. Der Ringmuskel am Mageneingang wies eine gestörte Funktion auf, die dazu führt, dass er beim Schluckvorgang nicht richtig öffnet (Achalasie). Außerdem war die Darmpassage signifikant verlangsamt.

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„Die bei dem Mausmodell nachgewiesene Achalasie und die Veränderung der Darmperistaltik ist höchstwahrscheinlich der Grund für die bei Patienten mit FOXP1-Syndrom häufig vorkommenden Schluckbeschwerden und Verstopfung“, schlussfolgert der Erstautor der Studie, Dr.

Das Gen Foxp1 enthält den Bauplan eines Proteins, das wiederum die Aktivität zahlreicher anderer Gene steuert. Einige davon, die bereits im Gehirn identifiziert wurden, werden auch in der Speiseröhre durch Foxp1 reguliert, wie die Wissenschaftler herausfanden.

Das Mikrobiom und seine vielfältigen Funktionen

Das Darm-Mikrobiom besteht aus einer Vielzahl von Mikroorganismen, darunter Bakterien, Pilze und Viren. Diese Mikroorganismen regeln unsere Verdauung, produzieren lebenswichtige Stoffe und schützen uns vor Krankheiten.

Die Darmbakterien schütten Stoffwechselprodukte aus, aktivieren oder hemmen Entzündungsprozesse und produzieren sogar Neurotransmitter. Die veränderte Darmflora bei Menschen mit Neigung zu Autismus-Spektrum-Störungen bewirkt möglicherweise, dass deren Darm für bakterielle Substanzen durchlässiger wird. Dadurch könnte es einer Hypothese zufolge im Darm, aber auch im Gehirn zu einer unterschwelligen chronischen Entzündung kommen. Diese könnte wiederum die frühkindliche Entwicklung und Schwere der Autismus-Symptome mit beeinflussen, etwa die Unfähigkeit, soziale Bindungen einzugehen, oder stereotype Verhaltensweisen. Eine solche Entzündung ist bei Entwicklungsstörungen wie Autismus bereits nachgewiesen worden.

Metaproteomik: Ein aufstrebendes Forschungsgebiet

Etwas Licht ins Dunkel könnte das aufstrebende neue Gebiet der Metaproteomik bringen. Ein Team um Prof. Dr. Boris Macek analysiert das Metaproteom aus dem Stuhl von Mäusen, also die Gesamtheit aller mikrobiellen Proteine im Stuhl.

„Bei Down-Syndrom-Mäusen haben wir im Vergleich mit normal entwickelten Mäusen gesehen, dass Enzyme, die Glutamat herstellen, hochreguliert sind und Enzyme, die Glutamat abbauen, herunterreguliert sind“, erzählt Macek. Das passt zu der Entdeckung einer früheren Studie, wonach Kinder mit Autismus erhöhte Glutamat-Spiegel im Blut aufweisen. Glutamat ist ein wichtiger erregender Neurotransmitter im Gehirn, schädigt jedoch in hohen Mengen Nervenzellen und wird als mögliche Ursache für neuronale Entwicklungsstörungen diskutiert.

Die Rolle von kurzkettigen Fettsäuren

Der kanadische Arzt Derrick MacFabe glaubt, dass Ernährungsweise, Darmbakterien und autistisches Verhalten miteinander verbunden sind und die Mikroben nicht nur Auswirkungen auf die Verdauung, sondern auch das Gehirn und damit das Gemüt haben können.

Mac Fabes Vermutung konnte durch Experimente an Ratten weiter unterstützt werden. Er nahm an, dass kurzkettige Fettsäuren von schädlichen Darmbesiedlern im Übermaß produziert werden, so dass diese über das Blut ins zentrale Nervensystem gelangen und so das Gehirn manipulieren. Da die Ratten nach Injektion mit eben dieser Fettsäure mit Autismus-ähnlichen Verhaltensweisen wie Hyperaktivität, Objektfixiertheit und Tics reagierten, liegt seine Vermutung nahe, dass schädliche Darmbakterien die psychische Erkrankung fördern können.

Die Bedeutung der Ernährung

Wer sich ausgewogen und ohne Fast Food ernährt, der normalisiert ohnehin seine Darmflora - und damit vielleicht auch seine Psyche. Darauf deuten Interviews hin, welche die US-Soziologin Claire Decoteau mit somalischen Eltern autistischer Kinder geführt hat, die nach Afrika zurückgekehrt sind. Wie von Geisterhand schwanden in der Heimat die autistischen Symptome.

Therapieansätze und zukünftige Forschung

Die Erkenntnisse zur Darm-Hirn-Achse bieten erste Ansätze für Therapien. Zum Beispiel könnten mit Probiotika entsprechende Störungen behandelt werden. Auch inwiefern eine Transplantation von dem Stuhl gesunder Menschen in den Darm erkrankter Probanden helfen könnte, wird erforscht.

Forscher haben inzwischen in Tierexperimenten herausgefunden, dass sich die Zusammensetzung des Darmmikrobioms bereits vor der Ablagerung von Amyloid-Plaques im Gehirn verändert. Wenn man den Darm untersucht, so die Hoffnung, lassen sich dadurch neurodegenerative Erkrankungen wie etwa Alzheimer so frühzeitig entdecken, dass man noch gegensteuern kann.

Die Forschung fange gerade erst an zu verstehen, "wie wir die Mikroben in uns so verändern können, dass unsere Gesundheit verbessert wird". Das könne noch 20 Jahre dauern.

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