Autonome Neuropathie: Ursachen, Behandlung und Auswirkungen auf das Schwitzen

Die autonome Neuropathie ist eine Form der peripheren Neuropathie, die das autonome Nervensystem betrifft. Dieses Nervensystem steuert unwillkürliche Körperfunktionen wie Herzfrequenz, Blutdruck, Verdauung, Blasenfunktion, Sexualfunktion und Schweißproduktion. Schäden an diesen Nerven können zu einer Vielzahl von Symptomen führen, die die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen können.

Einführung

Die autonome Neuropathie ist eine Komplikation verschiedener Grunderkrankungen, insbesondere Diabetes mellitus. Sie kann sich auf verschiedene Organe und Körperfunktionen auswirken und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Ein besonderes Augenmerk gilt den Auswirkungen auf die Schweißproduktion, die für die Thermoregulation des Körpers unerlässlich ist.

Ursachen der autonomen Neuropathie

Die Ursachen für autonome Neuropathie sind vielfältig. Zu den häufigsten gehören:

  • Diabetes mellitus: Bis zu einem Drittel der Menschen mit Diabetes Typ 1 und Typ 2 entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Neuropathie. Eine schlechte Blutzuckereinstellung und eine lange Krankheitsdauer erhöhen das Risiko. Nervenschäden können sich bereits im Vorstadium des Diabetes (Prädiabetes) entwickeln. Ein Vitamin-B1-Mangel kann diese Nervenschäden begünstigen, da Diabetiker oft eine Unterversorgung mit Thiamin aufweisen.
  • Alkoholmissbrauch: Chronischer Alkoholmissbrauch kann ebenfalls eine Neuropathie auslösen, da Alkohol als Nervengift wirkt und die Reizweiterleitung stört. Mangelernährung, die oft mit Alkoholismus einhergeht, kann zu einem Vitaminmangel führen, insbesondere zu einer Unterversorgung mit Vitamin B1.
  • Weitere Ursachen:
    • Vitamin-B12-Mangel, z.B. durch vegane Ernährung oder nach Magenoperationen
    • Nieren- und Lebererkrankungen
    • Schilddrüsenüber- oder Unterfunktion
    • Infektionen (z.B. Borreliose, Herpes simplex, Pfeiffersches Drüsenfieber)
    • Autoimmunerkrankungen (z.B. Guillain-Barré-Syndrom)
    • Krebserkrankungen und Chemotherapie
    • Gifte

Symptome der autonomen Neuropathie

Die Symptome der autonomen Neuropathie sind vielfältig und hängen davon ab, welche Nerven betroffen sind. Einige der häufigsten Symptome sind:

  • Herz-Kreislauf-System: Herzrasen, Schwindel, orthostatische Hypotonie (Blutdruckabfall beim Aufstehen)
  • Magen-Darm-Trakt: Blähungen, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Durchfall, Verstopfung, verzögerte Magenentleerung (Gastroparese)
  • Blasenfunktion: Blasenentleerungsstörungen, Inkontinenz
  • Sexualfunktion: Erektile Dysfunktion, verminderte vaginale Lubrikation
  • Schweißproduktion: Übermäßiges Schwitzen (Hyperhidrose) oder vermindertes Schwitzen (Anhidrose)
  • Weitere Symptome: Muskelschwäche, veränderte Berührungssensibilität, Störungen der Koordinationsleistungen

Autonome Neuropathie und Schwitzen

Das Schwitzen ist eine wichtige Funktion des Körpers zur Temperaturregulation. Es wird durch das vegetative Nervensystem gesteuert, insbesondere durch den Sympathikus. Bei einer autonomen Neuropathie kann die Schweißproduktion gestört sein, was zu Hyperhidrose oder Anhidrose führen kann.

Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten bei diabetischer autonomer Neuropathie

Hyperhidrose (übermäßiges Schwitzen)

  • Ursachen: Eine autonome Neuropathie kann zu einer Überaktivierung der Schweißdrüsen führen, was zu übermäßigem Schwitzen am ganzen Körper oder an bestimmten Stellen wie Kopf, Rumpf, Achseln, Händen und Füßen führt.
  • Auslöser: Hohe Umgebungstemperatur, psychische Anspannung, Emotionen, körperliche Aktivität und Mahlzeiten können das Schwitzen zusätzlich verstärken. Geschmacksschwitzen, ausgelöst durch bestimmte Speisen, kann ebenfalls auftreten.
  • Auswirkungen: Betroffene schwitzen oft übermäßig viel, auch an ungewöhnlichen Körperstellen wie Unterarmen, Ober- und Unterschenkeln oder der Kopfhaut. Dies kann dazu führen, dass sie mehrmals täglich oder nachts die Kleidung wechseln müssen.

Anhidrose (verminderte oder fehlende Schweißproduktion)

  • Ursachen: Eine autonome Neuropathie kann auch die Schweißdrüsenaktivität reduzieren oder ganz unterdrücken. Dies kann durch Schädigung der kleinkalibrigen Nervenfasern (Small Fibres) in der Haut verursacht werden.
  • Auswirkungen: Vermindertes Schwitzen kann zu einer gestörten Thermoregulation führen, wodurch der Körper schlechter vor Überhitzung geschützt ist. Dies kann insbesondere bei körperlicher Anstrengung oder hohen Temperaturen gefährlich sein. Betroffene leiden oft unter trockener, juckender Haut und brennenden Augen.

Diagnose der autonomen Neuropathie

Die Diagnose der autonomen Neuropathie ist oft komplex, da die Symptome vielfältig und unspezifisch sein können. Folgende Untersuchungen können zur Diagnose beitragen:

  • Anamnese: Eine ausführliche Erhebung der Krankengeschichte, einschließlich der Symptome, Begleiterkrankungen (z.B. Diabetes, Alkoholismus) und Medikamenteneinnahme. Gezielt sollte nach Störungen des Kreislaufs, der Verdauung, des Stoffwechsels, sekretomotorischen Störungen inklusive Schwitzen, aber auch Störungen der Blasenfunktion, Darmentleerung und der Sexualfunktionen gefragt werden.
  • Körperliche Untersuchung: Überprüfung von Blutdruck, Puls, Reflexen,Sensibilität und Muskelkraft. Auch die Untersuchung der Pupillengröße und -symmetrie sowohl bei Licht, Dunkelheit als auch bei abwechselnder Pupillenbeleuchtung im Swinging-flashlight-Test erfolgen und ebenfalls die Akkomodationsreaktion einschließen. Orientierend wird das Blutdruck- und Pulsverhalten beim Wechsel vom Liegen ins Stehen untersucht (Schellong-Test).
  • Laboruntersuchungen:
    • Blutbild, Blutzucker, HbA1c, Vitamin B12, Schilddrüsenwerte (TSH) zur Abklärung von Grunderkrankungen
    • Serum- und Urinelektrophorese, Immunfixation (AL-Amyloidose?)
    • SSA- und SSB-Antikörper (Sjögren-Erkrankung)
    • Antikörper gegen ganglionäre Acetylcholinrezeptoren, spannungsabhängige Kalziumkanäle, spannungsabhängige Kaliumkanäle sowie Anti-Hu-Antikörper (bei subakuter Entwicklung autonomer Funktionsstörungen)
    • Katecholaminplasmaspiegel im venösen Blut des Unterarms zwischen Liegen und Stehen (Noradrenalin, Dopamin und Adrenalin)
  • Autonome Funktionstests:
    • Herzratenvariabilität (HRV) zur Beurteilung der vagalen Kontrolle des Sinusknotens (Stimulation mittels 10-Sekunden-Atmung sowie das Valsalva-Manöver)
    • Kipptischuntersuchung zur Beurteilung der Kreislaufregulation beim Aufrichten
    • Sudomotorische Tests (z.B. quantitativer sudomotorischer Axonreflex-Test (QSART), sympathische Hautreaktion) zur Beurteilung der Schweißdrüsenfunktion
    • Urodynamische Untersuchung zur Beurteilung der Blasenfunktion
    • Manometrie zur Beurteilung der Magen- und Darmtätigkeit
  • Weitere Untersuchungen:
    • Nervenleitgeschwindigkeitsmessung (ENG) und Elektromyographie (EMG) zur Beurteilung der Nervenfunktion
    • Quantitative sensorische Testung (QST) zur Messung der Wahrnehmung von Berührungen, Temperatur und Vibration
    • Hautbiopsie zur Untersuchung der Nervenfaserdichte in der Haut (insbesondere bei Verdacht auf Small-Fiber-Neuropathie)

Behandlung der autonomen Neuropathie

Die Behandlung der autonomen Neuropathie zielt in erster Linie darauf ab, die Grunderkrankung zu behandeln und die Symptome zu lindern.

  • Behandlung der Grunderkrankung:
    • Diabetes: Optimale Blutzuckereinstellung durch Ernährungsumstellung, Bewegung und Medikamente (z.B. Insulin).
    • Alkoholismus: Alkoholabstinenz und Behandlung von Mangelernährung, ggf. durch hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel (insbesondere Vitamin B1).
    • Weitere Grunderkrankungen: Behandlung von Nieren- und Lebererkrankungen, Schilddrüsenerkrankungen, Infektionen, Autoimmunerkrankungen oder Krebserkrankungen.
  • Symptomatische Behandlung:
    • Orthostatische Hypotonie:
      • Nichtmedikamentöse Maßnahmen: Patientenaufklärung, Ernährung (wenig Fett, ballaststoffarm), ausreichend Flüssigkeitszufuhr, Kompressionsstrümpfe, vorsichtiges körperliches Training.
      • Medikamentöse Therapie: Midodrin, Fludrocortison (in schweren Fällen).
    • Magen-Darm-Beschwerden:
      • Häufige, kleine Mahlzeiten, Vermeidung von fettreichen und ballaststoffreichen Speisen.
      • Medikamente gegen Übelkeit, Durchfall oder Verstopfung (z.B. Domperidon, Metoclopramid, Pyridostigmin, Erythromycin).
    • Blasenfunktionsstörungen: Medikamente zur Verbesserung der Blasenentleerung oder zur Reduktion von Harndrang (z.B. Anticholinergika).
    • Erektile Dysfunktion: Medikamente wie Sildenafil.
    • Schmerzen:
      • Schmerzmittel (Paracetamol, Metamizol) bei leichten Schmerzen.
      • Antidepressiva (z.B. Amitriptylin, Duloxetin) oder Antikonvulsiva (z.B. Pregabalin) bei chronischen und stärkeren Schmerzen.
      • Capsaicin-Pflaster zur lokalen Schmerzlinderung.
    • Hyperhidrose:
      • Lokale Anwendungen: Antitranspirante mit Aluminiumchlorid.
      • Medikamente: Anticholinergika (z.B. Oxybutynin).
      • Botulinumtoxin-Injektionen in die betroffenen Hautareale.
    • Anhidrose:
      • Regelmäßige Hautpflege zur Vermeidung von trockener Haut und Juckreiz.
      • Vermeidung von Überhitzung durch angemessene Kleidung und Kühlung.
  • Weitere Therapien:
    • Physiotherapie und Ergotherapie zur Verbesserung der Muskelkraft, Koordination und des Gleichgewichts.
    • Psychologische Unterstützung zur Bewältigung der emotionalen Belastung durch die Erkrankung.
    • Akupunktur zur Schmerzlinderung.

Lesen Sie auch: Diabetes und Nervenschäden

Lesen Sie auch: Ursachen diabetischer Neuropathie

tags: #autonome #neuropathie #schwitzen