Viele Menschen mit unspezifischen Symptomen wie Schwindel, Herz-Kreislauf-Beschwerden oder Konzentrationsstörungen suchen nach einer körperlichen Ursache, insbesondere im Bereich der Halswirbelsäule (HWS). Dieser Artikel beleuchtet den Zusammenhang zwischen dem autonomen Nervensystem und der HWS, um ein umfassendes Verständnis dieser komplexen Beziehung zu ermöglichen.
Einführung in das Nervensystem
Unser Nervensystem, ein beeindruckendes Netzwerk aus Milliarden von Nervenzellen, steuert vielfältige Körperfunktionen. Es besteht aus dem zentralen Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) und dem peripheren Nervensystem, das sich in das somatische (willkürliche Bewegungen) und das autonome Nervensystem (unbewusste Funktionen) unterteilt. Das autonome Nervensystem, das Atmung, Herzschlag und Verdauung reguliert, steht im Fokus der Nervensystemregulation.
Das autonome Nervensystem besteht aus zwei Hauptzweigen: Sympathikus und Parasympathikus. Der Sympathikus aktiviert den Körper in Stresssituationen (Kampf- oder Flucht-Reaktion), während der Parasympathikus beruhigend wirkt und die Regeneration unterstützt. Die Fähigkeit zur Selbstregulation dieses Systems ist entscheidend für unser Wohlbefinden.
Die Halswirbelsäule (HWS) und ihre Bedeutung
Die Halswirbelsäule, bestehend aus sieben Wirbeln (C1-C7), spielt eine zentrale Rolle für die Beweglichkeit und Stabilität des Kopfes. Besonders die oberen Abschnitte (C1-C3) stehen in enger Wechselwirkung mit dem Nervensystem. C1 (Atlas) und C2 (Axis) sind entscheidend für die Kopfbeweglichkeit.
Anatomische Besonderheiten der oberen HWS
Anatomisch werden nur das Os okzipitale (C0), der Atlas (C1) und der Axis (C2) zur oberen HWS gezählt. Deren Hauptbewegungen sind, neben nur geringen endgradigen passiven Bewegungen, das Nicken (Inklination/Reklination von C0/C1) und die Rotation (C0/C1, v. a. C1/C2). Von muskulärer Seite betrachtet spielen die vor allem von dem motorischen Segmentnerv C1 innervierten kurzen Nackenmuskeln eine herausragende Rolle. Die Mm. rectus capitis posterior major und minor sowie die Mm. obliquus capitis superior und inferior sind mit tandemartig angeordnete Muskelspindeln, in einer Dichte wie sonst nur in der Augenmuskulatur [4], durchbaut. Diese dienen vor allem auch der Propriozeption, nicht nur der Bewegungsausführung und vermitteln über den sensiblen Anteil des Segmentnerv C2 Information über die Stellung des Kopfes zum Körper [5]. Aus diesem Grund kann die obere HWS neben dem optischen und vestibulären System als integraler Bestandteil der an der Raumwahrnehmung beteiligten Sinnesorgane bezeichnet werden. Neuroanatomisch betrachtet sollten aufgrund der sensiblen Versorgung der C3-Facetten durch den Segmentnerv C3 auch das Segment C2/C3 und das Übergangssegment C3/4 hinzugerechnet werden. Deren biomechanisches Plus ist die Seitneigung, als gekoppelte Bewegung von Flexion/Extension und Rotation (Tab. 1). Der Verlauf der A. vertebralis, mit ihrer nach dorsal gerichteten Atlasschleife, bevor sie durch die Membrana atlantooccipitalis und die Dura mater das Foramen magnum erreicht, erklärt potenzielle Zug- oder Kompressionsbelastungen auf das Gefäß bei bestimmten Kopfgelenksstellungen. Symptome einer Vertebralisschädigung sind immer ein Notfall und müssen als solche leitlinienkonform abgeklärt werden ([9, 10]; Tab. 2).
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Interessant sind die Positionen der Neuroforamina der Hirnnerven im Bereich der Schädelbasis und ihre anatomische Nähe zum Atlantookzipitalgelenk. Durch das ventrolateral der Okziputkondylen und dem Foramen magnum gelegene Foramen jugulare ziehen die HN IX, X, XI.
Die Rolle der Nackenmuskulatur
Die Muskeln im Nacken werden nach Innervation, der Nervenansteuerung, in autochtone, tiefe und quergestreifte, oberflächliche Muskulatur unterschieden. Während die kräftige, oberflächliche Muskulatur willentlich gesteuert wird, unterliegen die autochtonen, tiefen Muskeln zusätzlicher Beeinflussung durch das autonome Nervensystem.
HWS-Instabilität und ihre potenziellen Auswirkungen
In der medizinischen Fachsprache beschreibt „Instabilität“ eine übermäßige Beweglichkeit einzelner Wirbelsegmente oder eine ungenügende Führung durch Bänder und Muskulatur. Solche Bewegungen können in seltenen Fällen - etwa bei angeborenen Fehlbildungen (Os odontoideum), schweren Traumata oder Bindegewebserkrankungen (Ehlers-Danlos-Syndrom) - tatsächlich klinisch relevant sein.
In manchen Befundberichten und Onlinequellen wird zusätzlich der Begriff „zervikale Vasopathie“ oder „zervikale Vagopathie“ verwendet. Gemeint ist die Annahme, dass geringfügige Verschiebungen oder Instabilitäten der oberen HWS Blutgefäße (z. B. V. jugularis interna, A. vertebralis) oder Nerven (z. B. N. vagus) beeinträchtigen und dadurch verschiedene Symptome auslösen.
Wissenschaftliche Evidenz zur HWS-Instabilität
Es gibt bislang keine anerkannten Studien, die zeigen, dass eine rein mechanische Instabilität der HWS die Vielzahl unspezifischer systemischer Symptome erklären kann. Dafür ist unser körperliches Regulationssystem zu komplex und hat zudem viele eigene Möglichkeiten Überbeweglichkeiten zu kompensieren.
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In größeren Studien zur zervikalen Instabilität bzw. segmentalen Beweglichkeit konnte nicht gezeigt werden, dass diese Instabilität automatisch zu Gefäß- oder Nervenschädigung im Sinne einer zervikalen Vasopathie oder kontinuierlichen Kompression führt.
Trigeminovertebraler Komplex
Die oberen zervikalen Nerven (C1-C3) und der Nervus trigeminus treffen im Hirnstamm im trigemino-zervikalen Komplex (TCC) aufeinander. Im spinalen Trigeminuskerngebiet konvergieren unter anderem auch dünnkalibrige Afferenzen der oberen HWS (C1-C3). Dies ist besonders wichtig für unsere manualmedizinische Betrachtung, da sich aus dieser Konvergenz die Interaktionen der HWS-Dysfunktion und der übertragenen Schmerzen im Versorgungsgebiet des N. trigeminus (HN V) verstehen lassen.
Zervikozephales Syndrom
Mit dem Wissen um die reichhaltigen Verschaltungen der vielen unterschiedlichen somatosensiblen, viszerosensiblen und sensorischen Afferenzen, die an der zervikotrigeminalen Konvergenzreaktion beteiligt sein können, erklärt sich auch der bunte klinische Symptomkomplex, der bei einer Dysfunktion im Bereich der oberen HWS, die klinisch als „zervikozephales Syndrom“ bezeichnet wird, entstehen kann.
Die einzelnen Symptome, die in verschiedenster Ausprägung an dem Vollbild des zervikozephalen Syndroms beteiligt sein können, werden der Übersicht halber systematisch anhand ihrer neurophysiologischen und anatomischen Bezüge dargestellt:
- Kopfschmerzen (Zervikozephalgie)
- Gesichts‑, Schulter‑, Nacken‑, Rückenschmerzen
- Gleichgewichtsstörungen (zervikozephaler „Schwindel“, besser Dizziness)
- Unspezifische Augensymptome (Fokussierstörung, Schlierensehen)
- Unspezifische Ohrsymptome (Ohrgeräusch, Tinnitus, Hall)
- Globusgefühl, Dysphonie, Räusperzwang, „Schluckauf“
- Vegetative Störungen (Schwitzen, Übelkeit, Palpitationen, Blutdruckschwankungen)
- Stimmungsauffälligkeiten (z. B. Angst, Trauer, „Stress“)
- Konzentrationsstörungen
- Motorische, koordinative Störung (z. B.
Tinnitus und HWS
Tinnitus, ein Ohrgeräusch, kann verschiedene Ursachen haben. Über die Nervenbahnen im Bereich der Halswirbelsäule (vor allem den Nervus trigeminus und den Nervus vagus) bestehen direkte Verknüpfungen zum Innenohr und zu Hirnregionen, die Geräusche verarbeiten. Auch die Muskeln im Nacken- und Schulterbereich spielen eine Rolle. Vor allem der Musculus sternocleidomastoideus (Kopfwender) und die subokzipitalen Muskeln im Bereich des oberen Nackens stehen in enger Verbindung zu den Strukturen rund um Dein Ohr. Wenn diese Muskeln dauerhaft verspannt sind (z. B. durch stundenlanges Sitzen am Schreibtisch oder Stress) kann sich der Druck auf Nerven und Blutgefäße erhöhen.
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Somatosensorischer Tinnitus
Wenn sich Dein Tinnitus beim Drehen, Neigen oder Anspannen des Kopfes oder Kiefers verändert - also lauter, leiser oder höher wird - spricht das stark für eine HWS-bedingte Ursache. Selbst sanfter Druck auf verspannte Muskelpunkte kann die Intensität kurzfristig beeinflussen.
Mögliche Ursachen für HWS-bedingten Tinnitus
- Fehlhaltungen: Langes Sitzen, stundenlanges Arbeiten am Bildschirm oder eine ungünstige Schlafposition führen häufig zu einer einseitigen Belastung der Nackenmuskulatur.
- Schleudertrauma: Unfälle können die feine Struktur der HWS stark beeinträchtigen. Dabei werden Muskeln, Gelenke und Nerven überdehnt oder verschoben, was Fehlsignale im Nervensystem auslösen kann.
- Blockaden: Wenn sich in Deiner Halswirbelsäule Blockaden bilden oder einzelne Wirbel leicht verschoben sind, führt das zu einer dauerhaften Muskelanspannung.
- Stress: Chronischer Stress erhöht die Muskelspannung im Nacken und aktiviert den Sympathikus, wodurch Tinnitus-Symptome verstärkt oder überhaupt erst ausgelöst werden können.
Was tun bei HWS-bedingtem Tinnitus?
- Entspannungsübungen: Bewusste Atmung oder sanfte Bewegung können helfen, den Teufelskreis aus Anspannung und Tinnitus zu durchbrechen.
- Mobilisationsübungen: Spezielle Übungen für die Halswirbelsäule können die Muskulatur lockern, die Durchblutung verbessern und die Reizweiterleitung im Nervensystem beruhigen.
- Prävention: Achte auf eine korrekte Kopf- und Nackenhaltung, wähle ein geeignetes Kissen und bewege Dich regelmäßig.
Atlasfehlstellung und ihre Auswirkungen
Um die Auswirkungen des Atlas auf bestimmte neurologische Störungen zu verstehen, ist es hilfreich, einige anatomische Grundlagen zu kennen. Um den ersten Halswirbel (C1) verlaufen zahlreiche Nerven des Nervensystems. Einer davon ist der Vagusnerv (der zehnte Hirnnerv), der längste und bedeutendste Nerv des parasympathischen Nervensystems (er gehört zum vegetativen Nervensystem). Der Vagusnerv reguliert die Funktion fast aller inneren Organe, darunter Herz, Lunge, Magen und Darm. Zu den weiteren beteiligten Nerven gehört der akzessorische Nerv (Nervus accessorius), auch elfter Hirnnerv genannt. Er ist ein motorischer Nerv, der die Muskelaktivität steuert. Der Glossopharyngeus-Nerv, der neunte Hirnnerv, überträgt Signale von der hinteren Zunge zum Gehirn, innerviert die Muskeln des Rachens und unterstützt den Schluckvorgang. Diese drei Hirnnerven verlaufen durch das Foramen jugulare, um den Schädel zu verlassen. Es befindet sich anatomisch direkt vor dem Atlas. Sie kann den Fluss und den Druck der im Wirbelkanal enthaltenen Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit beeinflussen, in der das Nervensystem eingebettet ist. Sie kann die Körperhaltung erheblich beeinflussen und ein muskulär-skelettales Ungleichgewicht verursachen, das die Nackenmuskulatur versteift und Nerven zwischen den Wirbeln C5, C6 und C7 komprimiert. Ein fehlgestellter Atlas kann nicht nur das autonome Nervensystem beeinträchtigen, sondern auch negative Auswirkungen auf das periphere Nervensystem haben, wie zum Beispiel bei einem peripheren Nervenkompressionssyndrom. Die durch die Atlasfehlstellung hervorgerufene Haltungsveränderung beeinflusst das gesamte muskuloskelettale System, wodurch Muskelketten versteifen und entlang ihres Verlaufs Nerven komprimieren können - selbst in Bereichen, die weit von dem ersten Halswirbel entfernt sind. Ein häufiges Beispiel ist das Kompressionssyndrom des Ischiasnervs, das mit einem chronisch geneigten Becken einhergeht. Die Atlasfehlstellung kann eine komplexe Kette von Symptomen und Ursache-Wirkungs-Mechanismen auslösen, mit schwer nachvollziehbaren Wechselwirkungen. Dieses Phänomen betrifft nicht nur das zentrale und periphere Nervensystem, sondern beeinflusst gleichzeitig alle anderen Körpersysteme. Die resultierenden Wechselwirkungen sind so zahlreich und komplex, dass es äußerst schwierig ist, die zugrunde liegenden Zusammenhänge zu erkennen. In der Praxis hat sich die Atlaskorrektur als wirksam erwiesen, um viele Probleme zu lösen, ohne sich in den komplizierten Wechselwirkungen von Symptomen und Reaktionen zu verlieren, die oft in Sackgassen führen. Der Vorgang ist einfach: Man überprüft die Ausrichtung des Wirbels und korrigiert ihn gegebenenfalls. Sollten die gewünschten Ergebnisse ausbleiben, bleibt stets die Möglichkeit, andere Optionen zu erkunden. Der gesunde Menschenverstand rät dazu, mit der einfachsten und direktesten Lösung zu beginnen, die das Problem mit minimalem Aufwand angeht, bevor man zu komplexeren Verfahren übergeht.
Diagnostik und Therapie
Bei unspezifischen Beschwerden ist eine gezielte funktionelle Diagnostik (z. B. muskuläre Kontrolle, sensorische Integration, autonome Regulation) sinnvoll. Auf dieser Basis kann ein individuelles Reha- und Trainingsprogramm aufgesetzt werden.
Wenn Hinweise auf eine relevante strukturelle HWS-Instabilität bestehen (z. B. Fehlbildung, klare radiologische Instabilität, neurologische Zeichen), ist eine interdisziplinäre Abklärung unabdingbar.
Manuelle Therapie
Die Möglichkeit, manualmedizinisch in das funktionelle Blockierungsgeschehen der HWS durch Setzen gezielter propriozeptiver Reize einzugreifen und damit auch komplexe Beschwerdebilder zu behandeln, erklärt sich aus Kenntnis der neuroreflektorischen Prozesse, der Muskelphysiologie wie auch der grundlegenden Anatomie und Biomechanik. Ein sicherer Umgang in diesem Beschwerdegebiet findet reichlich Anwendungsmöglichkeiten bei zunehmenden, vor allem haltungsbedingten, funktionellen Störungen der HWS auch bei jüngeren Patienten durch z. B. sitzende Bildschirmarbeit („Späherhaltung im Homeoffice“) sowie Freizeitgestaltung in vergleichbarer Haltung und Umgebung.
Die Rolle des Kiefergelenks (CMD)
Das Kiefergelenk (CMD) kann beim HWS-bedingten Tinnitus eine wichtige Rolle spielen, da es über Muskeln und Nerven eng mit der Halswirbelsäule und dem Hörsystem verbunden ist. Verspannungen oder Fehlstellungen im Kiefer können die Spannungsverhältnisse im Nacken verändern und so Reize auf die Nervenbahnen auslösen, die auch das Hörzentrum beeinflussen.
Das Rückenmark und seine Funktionen
Der Abschnitt soll eine Übersicht über den Aufbau und die Aufgaben des Rückenmarks geben und aufzeigen, wie es mit den anderen Teilen des Nervensystems zusammenarbeitet. Am unteren Ende verjüngt sich das Rückenmark zum Conus medullaris und endet als dünner Strang (Filum terminale). Das Rückenmark wird von zwei Quellen aus mit Blut versorgt: von den Wirbelarterien und von den Segmentarterien [siehe Arterie]. Bezug zur Kinderkrebsheilkunde: Bei Kindern liegt das Ende des Rückenmarks ungefähr in Höhe des vierten Lendenwirbels. das Seitenhorn: Es enthält Nervenzellen des autonomen Nervensystems (vegetative Nervenzellen). Die weiße Substanz enthält die entsprechend zugehörigen Nervenfaserbahnen. Die größte vom Gehirn durch das Rückenmark absteigende Bahn ist die Pyramidenbahn (siehe auch Kapitel "Funktionelle Systeme"). Der Spinalnerv enthält alle Fasern, aufsteigende (afferente) wie absteigende (efferente), und geht in Nerven des peripheren Nervensystems über [peripheres Nervensystem]. Im Spinalnerv, also kurz vor Eintritt ins / Austritt aus dem Rückenmark, erfolgt die Aufteilung in die Fasern der auf- und absteigenden (afferenten und efferenten) Bahnen. Beim Menschen zählt man in der Regel 31 Spinalnervenpaare, die jeweils seitlich aus dem Wirbelsäulenkanal austreten. Manche Erregungen (Reize) werden von den aufsteigenden Bahnen im Rückenmark gar nicht erst zum Gehirn weitergeleitet, sondern unmittelbar auf derselben oder einer höher gelegenen Rückenmarksebene umgeschaltet. Die aufsteigenden Fasern verlaufen in diesem Fall statt zum Gehirn direkt zu Zellen des Vorderhorns und übertragen dort die Erregung. Diesen Weg der Erregungsübertragung nennt man Reflexbogen, und eine so ausgelöste Muskelreaktion nennt man Reflex. Reflexe werden bei jeder körperlichen Untersuchung geprüft. Bei einem Eigenreflex wird ein Muskel durch einen sachten Schlag auf eine Sehne kurz gedehnt. Durch diese Reizung wird der oben beschriebene Reflexbogen ausgelöst, der die betroffene Rückenmarksebene nicht verlässt. Bei der Prüfung der Eigenreflexe wird unter anderem die Stärke dieser Muskelanspannung bewertet. Bei einem Fremdreflex gehören Reizempfänger und Reizbeantworter verschiedenen Organsystemen an. Es werden Sinneszellen in der Haut gereizt und dadurch ein Reflexbogen ausgelöst, der sich über verschiedene Höhen des Rückenmarks (des Hirnstamms) ausbreitet. Beispielsweise kommt es beim Babinski-Reflex durch Bestreichen des Fußsohlenrandes zu einer Streckung von Fuß und Großzehe sowie Spreizung der übrigen Zehen im Sinne einer Fluchtreaktion, die den schädigenden Reiz entfernen soll. Dieses Babinski-Phänomen ist normal für Neugeborene und Kinder im ersten Lebensjahr. Im Allgemeinen deuten abgeschwächte Reflexe auf eine Schädigung im Bereich des peripheren Nervensystems hin [siehe peripheres Nervensystem], gesteigerte Reflexe auf Störungen des Zentralnervensystems. Das Rückenmark beziehungsweise die auf- und absteigenden Bahnen im Rückenmark können zum Beispiel durch einen Tumor geschädigt werden, der auf bestimmte Regionen im äußeren (peripheren) Bereich des Rückenmarks drückt oder der sich sogar im Mark, also innerhalb (zentral) dieser Bahnen befindet. Lähmungen von Muskeln. Dieses Phänomen wird unter anderem für die Entstehung einer spastischen Lähmung verantwortlich gemacht. Wenn, umgekehrt, in den auf- oder absteigenden Bahnen zu viel gehemmt wird, erhalten die Muskelzellen zu wenige erregende Impulse und es entsteht eine schlaffe Lähmung. Eine komplette spinale Querschnittslähmung kann zum Beispiel durch einen Tumor im Rückenmark ausgelöst werden, der durch sein Ausmaß den Querschnitt eines gesamten Rückenmarksabschnittes schädigt, so dass alle auf- und absteigenden Bahnen unterbrochen werden. Entsprechend kann eine Schädigung im hohen Halsmark, das heißt in Höhe des ersten bis vierten Halswirbelkörpers, die Erregungsleitung von und zu allen darunter liegenden Körpersegmenten wie Zwerchfell, Armen, Beinen, Blase und Mastdarm unterbrechen. Dies führt zu Atemlähmung, Lähmungen und Gefühlsausfällen aller vier Gliedmaßen und der Blasen- und Mastdarmfunktion führt.
Blutdruck und Nackenmuskulatur
Ein internationales Forscherteam hat entdeckt, warum Probleme mit den Nackenmuskeln den Blutdruck in die Höhe treiben können: Die Muskeln sind mit einem Gehirnareal verbunden, das eine der zentralen Kontrollstellen für autonome Funktionen wie Blutdruck, Atmung und Herzschlag beeinflusst. Ungewöhnliche Signale von der Muskulatur, etwa aufgrund einer Verspannung oder einer Verletzung, wirken sich daher auch auf den Blutdruck aus ? ein Phänomen, das Chiropraktiker in der Vergangenheit immer wieder beobachtet hatten.
Schon häufiger gab es Berichte darüber, dass sich durch das Einrenken des Nackens der Blutdruck des Patienten verringert. Woran das liegt, war bislang jedoch unklar. Zwar kennen Wissenschaftler bereits seit etwa einhundert Jahren die Stelle im Gehirn, in der die Signale der Nackenmuskeln ankommen: Es handelt sich um einen kleinen Teil des so genannten Nachhirns, also des Gehirnbereichs, der im Nacken in das Rückenmark übergeht. In ihrer Arbeit analysierten die Wissenschaftler nun das Nachhirn von Ratten und Mäusen und entdeckten, dass es von dort Verbindungen zu einer Hirnregion namens Nucleus tractus solitarii (NTS) gibt ? und zwar sowohl solche, die andere Nervenzellen aktivieren, als auch solche, die andere Nervenzellen hemmen können. Eine solche Regulierung des Blutdrucks über die Nackenmuskulatur ist nach Ansicht der Wissenschaftler deswegen sinnvoll, weil der Blutfluss zum Gehirn unabhängig von der aktuellen Körperhaltung stets gleichbleibend gehalten werden muss. Da die Muskeln im Nacken im Liegen vollkommen anders belastet werden als im Sitzen oder im Stehen, eignen sie sich besonders gut dafür, dem Gehirn Veränderungen in der Haltung mitzuteilen. Störungen bei dieser Kommunikation könnten zum Beispiel die Ursache für die Schwindelgefühle sein, die häufig nach schnellem Aufstehen entstehen.
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