Ein Bandscheibenvorfall kann plötzlich und unerwartet auftreten und das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Unvermittelt auftretende, stechende Rückenschmerzen können ein erster Hinweis sein. Jährlich erleiden in Deutschland etwa 180.000 Menschen einen Bandscheibenvorfall. Die gute Nachricht ist, dass in den meisten Fällen eine konservative Therapie ausreichend ist, um die Beschwerden zu lindern.
Was ist ein Bandscheibenvorfall?
Ein Bandscheibenvorfall (auch Diskusprolaps genannt) tritt auf, wenn der Gallertkern einer Bandscheibe durch den schützenden Faserring bricht. Jede der 23 Bandscheiben besteht aus einem inneren, gelartigen Kern (Nucleus pulposus) und einem äußeren, festen Faserring (Anulus fibrosus). Mit zunehmendem Alter verliert die Bandscheibe an Elastizität und der Faserring kann Risse bekommen. Wenn sich der Gallertkern dann nach außen wölbt oder austritt, kann er auf Nerven im Wirbelkanal drücken und Schmerzen verursachen.
Ursachen und Risikofaktoren
Das Risiko für einen Bandscheibenvorfall steigt zwar mit zunehmendem Alter, doch auch jüngere Menschen können betroffen sein. Erste Veränderungen an den Bandscheiben können jedoch bereits ab dem 30. Lebensjahr beginnen. Zu den Hauptursachen und Risikofaktoren zählen:
- Altersbedingter Verschleiß: Mit zunehmendem Alter verlieren die Bandscheiben an Wassergehalt und Elastizität, wodurch der Faserring spröde wird und leichter reißt.
- Falsche Körperhaltung: Eine falsche Sitzhaltung oder untrainierte Rückenmuskulatur erhöhen den Druck auf die Bandscheiben.
- Bewegungsmangel: Ständiges Sitzen und Bewegungsmangel können die Bandscheiben zusätzlich belasten.
- Übergewicht: Übergewicht führt zu einer stärkeren Belastung der Wirbelsäule und der Bandscheiben.
- Falsches Heben und Tragen: Schweres Heben mit krummer Körperhaltung kann zu einer falschen Belastung der Lendenwirbelsäule führen.
- Genetische Veranlagung: Wenn nahe Angehörige bereits Bandscheibenvorfälle hatten, ist das Risiko auch bei jüngeren Menschen erhöht.
- Rauchen: Bei Rauchern werden die Blutgefäße verengt, was zu einer Nährstoffunterversorgung der Bandscheiben führen kann.
- Veränderungen an der Wirbelsäule: Angeborene Fehlstellungen oder eine genetisch bedingte Schwäche des Bindegewebes können ebenfalls das Risiko erhöhen.
Symptome eines Bandscheibenvorfalls
Die Symptome eines Bandscheibenvorfalls können vielfältig sein und hängen davon ab, wo genau der Vorfall lokalisiert ist und wie stark der Druck auf die umliegenden Nerven ausfällt. Nicht jeder Bandscheibenvorfall verursacht Schmerzen, und manchmal bleibt er sogar unbemerkt. Zu den typischen Anzeichen gehören:
- Rückenschmerzen: Plötzlich auftretende oder sich bei Belastung verstärkende Rückenschmerzen sind ein häufiges Symptom.
- Ausstrahlende Schmerzen: Die Schmerzen können in das Gesäß, die Beine oder Arme ausstrahlen.
- Taubheitsgefühle: Taubheitsgefühle oder Kribbeln in den Beinen, Armen oder Händen können auftreten.
- Lähmungserscheinungen: In schweren Fällen kann es zu Lähmungen in der Bein- oder Armmuskulatur kommen.
- Bewegungseinschränkungen: Die Beweglichkeit der Wirbelsäule kann eingeschränkt sein.
- Störungen beim Wasserlassen oder der Darmentleerung: In seltenen Fällen, insbesondere bei einem Kauda-Syndrom, kann es zu Störungen der Blasen- und Darmfunktion kommen.
Je nach betroffenem Bereich der Wirbelsäule können die Symptome variieren:
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- Lendenwirbelsäule (LWS): Häufig starke Rückenschmerzen, die bis in ein oder beide Beine ziehen.
- Halswirbelsäule (HWS): Nackenschmerzen, gelegentlich ausstrahlende Schmerzen in Arme, Hände oder Hinterkopf, Kribbeln und Taubheitsgefühl in Armen und Händen.
- Rückenmark: Intensive Schmerzen, Gefühlsstörungen, Taubheitsgefühle sowie Schwäche oder Lähmung von Armen und/oder Beinen.
- Pferdeschweif (Cauda equina): Störungen beim Wasserlassen oder der Darmentleerung, Taubheitsgefühle im Bereich des Afters, der Oberschenkelinnenseiten oder der Genitalien.
Diagnose
Bei Verdacht auf einen Bandscheibenvorfall ist eine gründliche Diagnose wichtig. Diese umfasst in der Regel:
- Anamnese: Der Arzt erfragt die genauen Symptome und Beschwerden.
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt untersucht die Beweglichkeit, Reflexe und Sensibilität, um mögliche neurologische Ausfälle festzustellen.
- Bildgebende Verfahren: Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) können den Bandscheibenvorfall sichtbar machen und zeigen, ob Nerven eingeklemmt werden. In bestimmten Fällen kann zusätzlich eine Myelografie eingesetzt werden.
- Neurologische Untersuchung: Bei Bedarf wird eine neurologische Untersuchung durchgeführt, um die Funktion der Nerven zu überprüfen.
Konservative Behandlung
In den meisten Fällen (bis zu 90 Prozent) kann ein Bandscheibenvorfall konservativ behandelt werden. Ziel der konservativen Therapie ist es, die Schmerzen zu lindern, die Entzündung zu reduzieren und die Beweglichkeit wiederherzustellen. Zu den gängigen konservativen Behandlungsmethoden gehören:
- Schmerzlindernde Medikamente: Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Diclofenac können Schmerzen und Entzündungen reduzieren. Bei starken Schmerzen können auch Opioide eingesetzt werden, jedoch nur unter ärztlicher Kontrolle. Paracetamol kann eine Alternative für Patienten mit Magenproblemen sein.
- Muskelrelaxantien: Diese Medikamente können bei schmerzhaften Muskelverspannungen helfen.
- Kortikoide: Kortisonpräparate können Entzündungen reduzieren und Schmerzen lindern. Sie werden als Tabletten, Infusionen oder Spritzen eingesetzt.
- Wärme- und Kälteanwendungen: Wärme kann Muskelverspannungen lösen, während Kälte bei Nervenreizungen helfen kann.
- Physiotherapie: Gezielte Übungen stärken die Rückenmuskulatur, verbessern die Flexibilität und fördern die aktive Bewegung. Massagen und Wassergymnastik können ebenfalls wohltuend sein.
- Ergotherapie: Hier lernen Patienten, alltägliche Bewegungen rückenfreundlich zu gestalten.
- Stufenlagerung: Das Hochlagern der Beine in Rückenlage kann den Druck auf die Wirbelsäule reduzieren.
- Akupunktur: Einige Studien deuten darauf hin, dass Akupunktur Schmerzen lindern kann.
Es ist wichtig, sich trotz der Schmerzen weiterhin zu bewegen und nicht zu viel Ruhe zu halten, um den Muskelabbau zu vermeiden. Kurzfristige Entlastung kann durch die Stufenlagerung erreicht werden.
Operative Behandlung
Eine Operation wird in Betracht gezogen, wenn konservative Therapien nicht ausreichend helfen, starke Schmerzen trotz Behandlung bestehen bleiben, neurologische Ausfälle wie Lähmungserscheinungen auftreten oder die Blasen- oder Darmfunktion gestört ist. Ziel der Operation ist es, das ausgetretene Bandscheibengewebe zu entfernen und den Druck auf die Nervenwurzel zu verringern.
Es gibt verschiedene operative Verfahren:
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- Mikrochirurgische Diskektomie: Ein minimal-invasiver Eingriff, bei dem das Bandscheibengewebe unter dem Mikroskop entfernt wird.
- Offene Diskektomie: Diese Technik wird heute seltener eingesetzt und kommt bei komplexen Fällen zum Einsatz.
- Endoskopische Diskektomie: Ein schonendes Verfahren, bei dem Endoskope und Mikroinstrumente über kleine Hautschnitte eingeführt werden.
Nach einer Operation ist eine strukturierte Rehabilitation erforderlich, um die volle Funktionsfähigkeit der Wirbelsäule wiederherzustellen und zukünftigen Beschwerden vorzubeugen.
Nervenschmerzen nach Bandscheibenvorfall
Ein Bandscheibenvorfall kann zu Nervenschmerzen führen, wenn das ausgetretene Bandscheibengewebe auf eine Nervenwurzel drückt. Diese Nervenschmerzen (auch neuropathische Schmerzen genannt) können sich durch verschiedene Symptome äußern:
- Brennende, stechende oder einschießende Schmerzen: Die Schmerzen werden oft als sehr unangenehm und quälend beschrieben.
- Ausstrahlung in Arme oder Beine: Je nachdem, welche Nervenwurzel betroffen ist, können die Schmerzen in Arme oder Beine ausstrahlen. Ischiasschmerzen sind ein häufiges Beispiel, wenn der Ischiasnerv durch einen Bandscheibenvorfall im Lendenbereich gereizt wird.
- Taubheitsgefühle und Kribbeln: Neben Schmerzen können auch Taubheitsgefühle und Kribbeln auftreten.
- Allodynie: Leichte Berührungen der Haut können Schmerzen auslösen.
- Hyperalgesie: Eine verstärkte Schmerzempfindlichkeit nach schmerzauslösenden Reizen.
Behandlung von Nervenschmerzen
Die Behandlung von Nervenschmerzen nach einem Bandscheibenvorfall erfordert oft einen multimodalen Ansatz, der verschiedene Therapiebausteine kombiniert:
- Schmerzmittel: Neben klassischen Schmerzmitteln können auch spezielle Medikamente gegen Nervenschmerzen (z. B. Antidepressiva oder Antiepileptika) eingesetzt werden.
- Physiotherapie: Gezielte Übungen können die Nervenschmerzen lindern, Verspannungen lösen und Schonhaltungen korrigieren.
- Injektionen: Bei der periradikulären Therapie (PRT) werden Betäubungsmittel und Kortikoide in die Nähe der gereizten Nervenwurzel gespritzt.
- Psychologische Betreuung: Eine Verhaltenstherapie kann helfen, den Umgang mit chronischen Schmerzen zu verbessern.
- Operation: In einigen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um den Druck auf den Nerv zu entlasten.
Es ist wichtig, die Nervenschmerzen schnell zu lindern, um chronische Schäden zu vermeiden.
Vorbeugung
Einem Bandscheibenvorfall lässt sich in vielen Fällen gezielt vorbeugen. Ein gesunder Lebensstil, der die Wirbelsäule entlastet und die Rückenmuskulatur stärkt, ist besonders wichtig. Wichtige Maßnahmen zur Vorbeugung sind:
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- Regelmäßige Bewegung: Sportarten wie Schwimmen, Walking oder Radfahren sind rückenfreundlich und stärken die Muskulatur.
- Rückenfreundliche Körperhaltung: Achten Sie auf eine gute Körperhaltung beim Sitzen, Stehen und Heben.
- Ergonomischer Arbeitsplatz: Ein rückenschonender Arbeitsplatz mit einem ergonomischen Stuhl und einem höhenverstellbaren Schreibtisch kann helfen, Fehlbelastungen zu vermeiden.
- Gewichtsmanagement: Übergewicht sollte vermieden werden, um die Wirbelsäule nicht unnötig zu belasten.
- Rauchverzicht: Rauchen schädigt die Bandscheiben und sollte vermieden werden.
- Rückenschule: In einer Rückenschule lernen Sie, wie Sie Ihren Rücken im Alltag schonen und stärken können.
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