Morbus Parkinson ist eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die primär motorische Symptome wie Zittern, Steifigkeit und verlangsamte Bewegungen verursacht. Die Erkrankung greift die Substantia Nigra im Gehirn an, in der sich ca. 400.000 schwarze Zellen befinden, die für die Bildung des Botenstoffes Dopamin zuständig ist. Die Wahrscheinlichkeit an Parkinson zu erkranken, steigt mit dem Alter, jedoch können auch jüngere Menschen betroffen sein. Erste Symptome zeigen sich dann schon ab einem Alter von ca. 40 Jahren.
Inkontinenz ist eine häufige, aber oft wenig thematisierte Begleiterscheinung bei Morbus Parkinson. Sie stellt für Betroffene und ihre Angehörigen eine zusätzliche Belastung dar, die die Lebensqualität stark beeinträchtigen kann. Dieser Artikel beleuchtet den engen Zusammenhang zwischen Parkinson und Inkontinenz, erklärt die Ursachen und Symptome, stellt Behandlungsmöglichkeiten vor und gibt praktische Tipps für den Umgang im Alltag.
Der Zusammenhang zwischen Parkinson und Inkontinenz
Parkinson beeinflusst nicht nur das motorische System. Auch das autonome Nervensystem, das unwillkürliche Körperfunktionen wie die Herzfrequenz, die Verdauung und eben auch die Blasenfunktion steuert, kann durch die Erkrankung beeinträchtigt werden. Die Störungen im autonomen Nervensystem können bei Parkinson zu einer Vielzahl von Problemen führen, die die Blasenkontrolle betreffen. Dazu gehören Veränderungen bei der Wahrnehmung des Harndrangs - dieser kann verzögert oder aber plötzlich und sehr stark auftreten. Zudem kann die Koordination der Blasenmuskulatur und des Schließmuskels gestört sein. Auch vermehrter Harndrang und Nykturie bis hin zu einer Form der Harninkontinenz sind zusätzliche Symptome von Parkinson. Das liegt vor allem daran, dass sich durch Parkinson die motorischen Bewegungsabläufe verlangsamen. Dadurch können Betroffene es schlichtweg nicht mehr rechtzeitig zur Toilette schaffen.
Arten von Inkontinenz bei Parkinson
Bei Menschen mit Parkinson können verschiedene Arten von Inkontinenz auftreten:
- Dranginkontinenz: Diese Form ist die häufigste bei Parkinson-Patienten. Sie ist gekennzeichnet durch einen plötzlichen, sehr starken Harndrang, der oft kaum aufzuhalten ist und zu unwillkürlichem Urinverlust führt, bevor die Toilette erreicht wird.
- Überlaufinkontinenz: Hierbei entleert sich die Blase nicht vollständig, sondern läuft „über“, was zu ständigem Tröpfeln oder unkontrolliertem Verlust kleiner Urinmengen führt.
- Belastungsinkontinenz: Diese Form tritt bei erhöhtem Druck auf die Blase auf, etwa beim Husten, Niesen, Lachen oder Heben.
Diagnose und Abklärung
Die Abklärung von Inkontinenz bei Parkinson erfolgt durch den behandelnden Arzt, oft in Zusammenarbeit mit einem Urologen. Eine ausführliche Anamnese, ein Miktionsprotokoll (Aufzeichnung der Trinkmenge, Toilettengänge und Urinverlust), körperliche Untersuchung und ggf. urodynamische Messungen helfen, die Ursache und Art der Inkontinenz zu bestimmen.
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Behandlungsmöglichkeiten bei Inkontinenz und Parkinson
Es gibt verschiedene Behandlungsansätze, um die Inkontinenz bei Parkinson zu verbessern und die Lebensqualität der Betroffenen zu erhöhen.
Medikamentöse Therapie
Bestimmte Medikamente, wie z. B. Anticholinergika oder Beta-3-Agonisten, können die Überaktivität der Blase reduzieren. Manchmal ist auch eine Anpassung der Parkinson-Medikation notwendig, da einige Präparate Einfluss auf die Blasenfunktion haben können.
Nicht-medikamentöse Therapien
- Blasentraining: Ziel ist es, die Intervalle zwischen den Toilettengängen schrittweise zu verlängern und die Kontrolle über den Harndrang zurückzugewinnen.
- Beckenbodentraining: Gezielte Übungen stärken die Muskulatur des Beckenbodens, die für die Blasenkontrolle mitverantwortlich ist.
- Veränderung der Trink- und Ernährungsgewohnheiten: Vermeiden Sie blasenreizende Substanzen wie Koffein, Alkohol, säurehaltige Säfte oder scharfe Speisen.
Invasive Verfahren
In ausgewählten Fällen können auch invasivere Verfahren wie die Sakrale Neuromodulation (ein „Blasen-Schrittmacher“) oder sehr selten chirurgische Eingriffe in Betracht gezogen werden.
Beckenbodentraining bei Parkinson: Gezielte Übungen zur Stärkung der Muskulatur
Die Beckenbodenmuskulatur ist nicht nur bei vielen neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose, Querschnittsyndrom, Schlaganfall und Parkinson, sondern auch nach einer Schwangerschaft, bei Erkrankungen der Prostata und mit zunehmendem Alter insuffizient. Das Thema „Inkontinenz“ ist ein Tabu und führt zu erheblichen Einschränkungen im Alltag der Betroffenen.
Die Bedeutung des Beckenbodens
Der Beckenboden breitet sich im unteren Bereich des Beckens wie eine Platte aus und besteht aus Bindegewebe, Muskeln und Bändern. Der Aufbau des Beckenbodens unterscheidet sich bei Männern und Frauen. Der Beckenboden bei Frauen ist elastischer. Bei Frauen sind das Becken und somit der Beckenboden breiter sowie elastischer als beim Mann. Insbesondere bei einer Schwangerschaft kommen diese Eigenschaften zugute, da sich das Becken mit dem wachsenden Säugling ausdehnen kann.
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Tagtäglich hält der Beckenboden starkem Druck stand. Sobald Sie stehen, lachen, husten, niesen oder auch Sachen heben, wird Druck auf die Organe im Bauchraum ausgeübt. Der Beckenboden stützt und stabilisiert diese Organe. So bleiben sie in ihrer Position, verrutschen nicht und können ihren Körperfunktionen weiterhin nachgehen. Zudem spielt der Beckenboden eine wichtige Rolle bei der Entleerung der Harnblase und des Enddarms.
Wer profitiert von Beckenbodenübungen?
Nicht nur das Alter oder das Geschlecht müssen eine Beckenbodenschwäche begünstigen. Ein regelmäßiges Beckenbodentraining ist in jedem Alter sinnvoll - insbesondere jedoch in der zweiten Lebenshälfte oder nach einer Schwangerschaft. Hier neigt die Beckenbodenmuskulatur nämlich dazu, zunehmend locker zu werden.
Statistisch gesehen betrifft eine Beckenbodenschwäche Männer seltener als Frauen. Oftmals wird das Beckenbodentraining erst beim Mann im Alter bedeutsam. Nach einem operativen Eingriff an der Prostata, beispielsweise bei Prostatakrebs, lockert sich die Beckenbodenmuskulatur. Sie erhalten nach der Operation Physiotherapie für die richtige Beckenbodengymnastik, bis sich die Kontinenz verbessert.
Auch Parkinson-Patienten können von gezielten Beckenbodenübungen profitieren, um die Blasenkontrolle zu verbessern und die Symptome der Inkontinenz zu lindern.
Praktische Übungen für den Alltag
pflege.de hat Ihnen leichte Beckenbodenübungen für zuhause zusammengestellt, die Sie kostenlos herunterladen und ausdrucken können. Bauen Sie die Übungen ganz einfach in Ihren Alltag ein - sei es im Stehen, Sitzen, auf dem Stuhl oder im Liegen. Beckenbodentraining hilft Ihnen, die Beckenbodenmuskulatur bewusst zu spüren und nachhaltig zu stärken. Dazu werden die Beckenbodenmuskeln mithilfe gezielter Übungen für kurze Zeit angespannt und dann wieder entspannt.
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- Versuchen Sie regelmäßig den Beckenboden anzuspannen, diese Spannung kurz zu halten und schließlich wieder zu lockern.
- Gehen Sie lieber in die Hocke, wenn Sie etwas aufheben.
- Versuchen Sie im Alltag, den Beckenboden über den Tag mit mehreren Wiederholungen anzuspannen, die Spannung kurz zu halten und anschließend zu entspannen. Außerdem stärkt auch eine gerade Körperhaltung beim Gehen, Sitzen oder Stehen den Beckenboden.
- Legen Sie sich auf den Boden, stellen die Beine auf und heben das Becken und halten Sie die Spannung für einige Sekunden.
- Kegel-Übungen: Diese Übungen zielen darauf ab, die Muskulatur des Beckenbodens zu stärken und die Kontrolle über die Blase zu verbessern. Um sie korrekt auszuführen, sollten die Senioren die Muskeln im Bereich des Beckenbodens anspannen und für einige Sekunden halten, bevor sie entspannen. Dieser Vorgang kann mehrmals hintereinander wiederholt werden.
- Brücke: Die Brückenübung stärkt nicht nur den Beckenboden, sondern auch die Gesäß- und Oberschenkelmuskulatur. Um diese Übung auszuführen, legen die Senioren sich auf den Rücken, beugen die Knie und heben das Becken vom Boden ab, bis der Körper eine gerade Linie bildet. Sie halten die Position für einige Sekunden und senken dann das Becken langsam wieder ab.
- Tiefe Bauchatmung: Eine korrekte Atmung kann auch den Beckenboden unterstützen. Die Senioren sollten sich aufrecht hinsetzen oder hinlegen, eine Hand auf den Bauch legen und tief durch die Nase einatmen. Dabei sollte sich der Bauch nach außen ausdehnen.
Wichtige Hinweise
- Als Anfänger sollten Sie nicht übereifrig starten. Können Sie Ihren Beckenboden wahrnehmen und bewusst zusammenziehen? Denn als Erstes müssen Sie lernen, Ihren Beckenboden überhaupt zu spüren.
- Wenn Sie Probleme mit Ihrem Beckenboden haben, sollten Sie zunächst Ihren Hausarzt, einen Orthopäden, Urologen, Gynäkologen oder einen Physiotherapeuten aufsuchen. Es ist ratsam, dass Experten der Ursache Ihrer Beckenbodenschwäche auf den Grund gehen. Anschließend lernen Sie unter professioneller Anweisung, welche Übungen in welcher Ausführung für Sie geeignet sind und wie Sie den Beckenboden weiter zuhause trainieren können.
- Beim Beckenbodentraining ist es wichtig, dass Sie die Übungen korrekt ausführen. Daher ist es ratsam, dass ein Physiotherapeuten oder Fitnesstrainer Ihnen die Übungen erklärt und prüft, ob Sie diese korrekt ausführen. Wichtig hierbei ist es, dass Sie nur die Übungen durchführen, zu denen Sie auch körperlich in der Lage sind.
- Es ist wichtig, dass Pflegefachkräfte den Senioren eine ausführliche Anleitung geben, um sicherzustellen, dass sie die Beckenbodenübungen korrekt ausführen. Sie sollten den Senioren erklären, wie man die richtigen Muskeln identifiziert und anspannt. Eine Möglichkeit besteht darin, den Senioren zu zeigen, wie sie den Urinstrahl unterbrechen können, um die Beckenbodenmuskulatur zu aktivieren.
- Es ist ratsam, die Übungen schrittweise zu steigern und individuelle Anpassungen vorzunehmen, um den Fortschritt und das Wohlbefinden des Senioren zu berücksichtigen.
- Das Beckenbodentraining ist ein fortlaufender Prozess, der Zeit und Engagement erfordert. Die Dauer, um den Beckenboden zu trainieren, kann von mehreren Wochen bis zu mehreren Monaten oder sogar länger reichen. Für den Anfang ist es ratsam, mit einer niedrigeren Trainingsfrequenz zu beginnen, zum Beispiel 2-3 Mal pro Woche. Idealerweise sollten die Senioren versuchen, die Beckenbodenübungen in den Alltag zu integrieren. Kurze Trainingseinheiten von 10-15 Minuten können mehrmals pro Woche durchgeführt werden. Es ist wichtig, regelmäßig zu trainieren, um den Beckenboden kontinuierlich zu stärken und die Muskulatur aufzubauen.
- Bei der Anpassung der Trainingshäufigkeit an die individuellen Bedürfnisse der Senioren sollten Pflegefachkräfte deren körperliche Verfassung und eventuelle gesundheitliche Einschränkungen berücksichtigen. Eine individuelle Betreuung und Überwachung durch Fachkräfte aus der Pflegebranche, wie Physiotherapeuten oder Urologen, ist entscheidend, um die Trainingshäufigkeit entsprechend anzupassen und sicherzustellen, dass die Senioren die Übungen korrekt durchführen. Kurze Trainingseinheiten zusammen mit Pflegern und in Trainingsgruppen können mehrmals pro Woche durchgeführt werden.
- Im Alter ist ein Beckenbodentraining empfehlenswert, da der Beckenboden schwächer wird und das Risiko einer Inkontinenz steigen kann. Informieren Sie sich bei Ihrer Krankenkasse, ob sie einen Beckenbodenkurs bezuschusst. In der Regel muss dafür eine medizinische Notwendigkeit vorliegen, wie bei einer Inkontinenz. Diese kann Ihnen Ihr Arzt schriftlich bescheinigen.
- In der Smartphone-App pelvina bekommen Frauen hilfreiche Informationen zum Beckenboden sowie Übungen an die Hand. Die Kosten für diese App übernimmt gegebenenfalls Ihre Krankenkasse. Informieren Sie sich auch hierzu am besten bei Ihrer Krankenkasse.
Vermeiden Sie diese Fehler
Machen Sie diese Übung nicht regelmäßig. Diese Übung dient Ihnen lediglich dazu, die Lage Ihres Beckenbodens wahrzunehmen. Führen Sie diese Übung nicht bei jedem Wasserlassen durch, da sie den Entleerungsprozess der Harnblase stören kann.
Die richtige Atmung
Atmen Sie eher in die Lungen oder in den Bauch ein? Viele Menschen neigen dazu, in die Lungen einzuatmen, anstelle in den Bauch. Atmen Sie in den Bauch hinein.
Weitere Tipps für den Alltag
- Regelmäßige Toilettengänge: Gehen Sie in festen Intervallen (z. B. alle 2-3 Stunden) zur Toilette, auch wenn Sie keinen starken Harndrang verspüren.
- Anpassung der Umgebung: Machen Sie den Weg zur Toilette sicher und schnell zugänglich. Entfernen Sie Stolperfallen, sorgen Sie für gute Beleuchtung und installieren Sie bei Bedarf Haltegriffe.
- Geeignete Inkontinenzprodukte wählen: Moderne Inkontinenzprodukte wie Einlagen, Pants oder Windeln bieten diskreten und zuverlässigen Schutz. Es gibt eine große Auswahl an Größen und Saugstärken für unterschiedliche Bedürfnisse am Tag und in der Nacht.
- Flüssigkeitsmanagement: Trinken Sie ausreichend, um Verstopfung vorzubeugen, die Inkontinenz verschlimmern kann.
- Hautpflege: Regelmäßiger Urinverlust kann die Haut reizen.
- Planung im Alltag: Planen Sie Ausflüge so, dass Toiletten verfügbar sind.
- Offenheit und Unterstützung suchen: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, Ihrer Familie und Freunden über Ihre Probleme. Tauschen Sie sich in Selbsthilfegruppen aus.
Hilfsmittel und finanzielle Unterstützung
Dazu gehören Inkontinenzprodukte, aber auch Bettschutzauflagen, Desinfektionsmittel oder Handschuhe. Wenn ein Pflegegrad vorliegt, können Sie diese Verbrauchsprodukte monatlich im Wert von bis zu 42 Euro kostenlos erhalten.
Wussten Sie, dass Inkontinenzprodukte auch medizinische Hilfsmittel sind und von einem Arzt verschrieben werden können? Bei einer medizinischen Notwendigkeit übernehmen die Krankenkassen oft einen Großteil oder sogar die gesamten Kosten für Inkontinenzmaterial. Sprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt über die Möglichkeit eines Rezepts. Sichern Sie sich monatlich kostenlose Pflegehilfsmittel im Wert von bis zu 42€ - passend auch bei Inkontinenz.
Leben mit Inkontinenz bei Parkinson
Inkontinenz bei Parkinson ist nicht nur eine körperliche Belastung, sondern kann auch das psychische Wohlbefinden und soziale Leben stark beeinträchtigen. Viele Betroffene fühlen sich beschämt, ziehen sich zurück und vermeiden Aktivitäten außer Haus. Es ist jedoch entscheidend zu verstehen: Sie sind nicht allein mit dieser Herausforderung.
Schlussfolgerung
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Inkontinenz bei Parkinson eine behandelbare und managebare Begleiterscheinung ist. Durch eine frühzeitige Diagnose, die Inanspruchnahme medizinischer und therapeutischer Hilfe, die Anpassung des Alltags und die Nutzung geeigneter Hilfsmittel wie Inkontinenzprodukte können die Auswirkungen auf Ihre Lebensqualität deutlich reduziert werden. Scheuen Sie sich nicht, offen über Ihre Beschwerden zu sprechen und die verfügbare Unterstützung zu nutzen.
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine professionelle medizinische Beratung oder Diagnose. Lassen Sie sich von unseren Experten beraten.
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