Die Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende Kopfschmerzattacken gekennzeichnet ist. Neben den typischen Symptomen wie einseitigen, pulsierenden Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen sowie Licht- und Geräuschempfindlichkeit, gibt es auch Sonderformen wie die familiäre hemiplegische Migräne (FHM). Diese seltene Form der Migräne ist durch zusätzliche motorische Schwäche oder Lähmung (Hemiplegie) gekennzeichnet und stellt besondere Herausforderungen an die medikamentöse Behandlung.
Was ist hemiplegische Migräne?
Die familiäre hemiplegische Migräne (FHM) ist eine seltene, genetisch bedingte Form der Migräne mit Aura. Sie tritt familiär gehäuft auf und ist durch dramatische Symptome gekennzeichnet, die mit einer halbseitigen Muskelschwäche oder -lähmung einhergehen. Diese motorischen Ausfälle treten zusätzlich zu den typischen Aura-Symptomen wie visuellen Störungen (z.B. Lichtblitze) oder sensorischen Veränderungen auf. Mindestens ein Verwandter ersten Grades (Eltern oder Kinder) oder zweiten Grades (Geschwister) muss ebenfalls betroffen sein, um die Diagnose FHM zu stellen.
Genetische Grundlagen der FHM
Die FHM ist eine monogenetische Erkrankung mit dominantem Erbgang. Bisher sind Mutationen in drei Genen bekannt, die mit der FHM in Verbindung stehen:
- CACNA1A: Dieses Gen kodiert für eine Untereinheit eines Kalziumkanals. Mutationen in diesem Gen sind für die FHM Typ 1 (FHM1) verantwortlich.
- ATP1A2: Dieses Gen kodiert für eine Natrium-Kalium-Pumpe. Mutationen in diesem Gen verursachen die FHM Typ 2 (FHM2).
- SCN1A: Dieses Gen kodiert für einen Natriumkanal. Mutationen in diesem Gen sind für die FHM Typ 3 (FHM3) verantwortlich.
Inzwischen steht auch ein viertes Gen mit spezieller Mutation (PRRT2-Mutation) unter Beobachtung, das nach derzeitigem Wissen beispielsweise zu Krampfanfällen in der frühen Kindheit, aber eventuell auch zu hemiplegischer Migräne führen kann.
Symptome der FHM
Die Symptome der FHM können sehr unterschiedlich sein, umfassen aber typischerweise:
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- Aura: Visuelle Störungen (z.B. Flimmerskotome, Fortifikationen), Sensibilitätsstörungen (z.B. Kribbeln, Taubheit), Sprachstörungen (z.B. Wortfindungsstörungen)
- Hemiplegie: Halbseitige Muskelschwäche oder -lähmung, die vorübergehend ist
- Kopfschmerzen: Typische Migränekopfschmerzen, oft einseitig, pulsierend und von mäßiger bis starker Intensität
- Weitere Symptome: Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit, Schwindel, Ataxie (Bewegungsstörungen)
Medikamentöse Behandlungsstrategien bei FHM
Die Behandlung der FHM zielt darauf ab, die Häufigkeit und Intensität der Attacken zu reduzieren sowie die Symptome während einer akuten Attacke zu lindern. Aufgrund der Seltenheit der Erkrankung gibt es jedoch nur wenige spezifische Studien zur medikamentösen Behandlung der FHM. Die Therapie basiert daher häufig auf Erfahrungen und Empfehlungen von Experten.
Akuttherapie
Die Akuttherapie der FHM ähnelt der Behandlung anderer Migräneformen, wobei jedoch einige Besonderheiten zu beachten sind:
- Schmerzmittel: Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Diclofenac können bei leichten bis mittelschweren Attacken eingesetzt werden. Bei stärkeren Schmerzen können auch Metamizol oder Paracetamol in Betracht gezogen werden.
- Triptane: Triptane sind spezifische Migränemittel, die bei vielen Migränepatienten wirksam sind. Allerdings ist bei der FHM Vorsicht geboten, da es Hinweise darauf gibt, dass Triptane in einigen Fällen das Risiko für einen Schlaganfall erhöhen könnten. Die Anwendung von Triptanen sollte daher nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung und unter ärztlicher Aufsicht erfolgen.
- Antiemetika: Gegen Übelkeit und Erbrechen können Antiemetika wie Metoclopramid oder Domperidon eingesetzt werden. Diese Medikamente können auch die Aufnahme von Schmerzmitteln verbessern.
- Ergotamine: Fast alle Ergotamine-Präparate sind bis auf Ergotamintartrat jedoch seit Juli 2003 vom Markt genommen worden.
- Intravenöse Therapie: In schweren Fällen oder wenn die orale Medikation nicht ausreichend wirksam ist, können Medikamente intravenös verabreicht werden. Hierzu gehören beispielsweise Lysin-Acetylsalicylsäure (LAS) oder Valproinsäure.
Prophylaktische Therapie
Die prophylaktische Therapie der FHM zielt darauf ab, die Häufigkeit und Intensität der Migräneattacken zu reduzieren. Hierzu werden verschiedene Medikamente eingesetzt, die unterschiedliche Wirkmechanismen haben:
- Betablocker: Betablocker wie Propranolol oder Metoprolol werden häufig zur Migräneprophylaxe eingesetzt. Sie können die Häufigkeit der Attacken reduzieren, sind aber nicht für alle Patienten geeignet (z.B. bei Asthma oder niedrigem Blutdruck).
- Antiepileptika: Einige Antiepileptika wie Topiramat oder Valproinsäure haben sich ebenfalls als wirksam in der Migräneprophylaxe erwiesen. Insbesondere bei FHM mit PRRT2-Mutation könnten niedrig dosierte Antiepileptika wie Carbamazepin wirksam sein. Die Behandlungsdauer sollte jedoch gut überlegt sein, da manche Patienten auch ohne Behandlung symptomfrei werden können.
- Calciumkanalblocker: Flunarizin ist ein Calciumkanalblocker, der ebenfalls zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden kann.
- CGRP-Antikörper: Neue Medikamente, die gegen das Neuropeptid CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) oder dessen Rezeptor wirken, haben in den letzten Jahren vielversprechende Ergebnisse in der Migräneprophylaxe gezeigt. Obwohl es noch keine spezifischen Studien zur Anwendung von CGRP-Antikörpern bei FHM gibt, könnten diese Medikamente eine Option für Patienten sein, bei denen andere Prophylaktika nicht ausreichend wirksam sind oder nicht vertragen werden.
- Weitere Medikamente: In einigen Fällen können auch andere Medikamente wie Amitriptylin (ein Antidepressivum) oder Magnesium zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden.
Besonderheiten bei FHM mit PRRT2-Mutation
Bei Patienten mit FHM, die eine Mutation im PRRT2-Gen aufweisen, gibt es Hinweise darauf, dass Antiepileptika wie Carbamazepin wirksam sein könnten. Eine Studie untersuchte den Verlauf der Erkrankung und Behandlungsergebnisse von mehreren Betroffenen aus drei Generationen einer Familie mit bekannter PRRT2-Mutation. Die Forscher schlossen daraus, dass niedrig-dosierte Antiepileptika bei familiärer, hemiplegischer Migräne mit PRRT2-Mutation wirksam sein können. Allerdings sollte die Behandlungsdauer gut überlegt sein, da manche Patienten auch ohne Behandlung symptomfrei werden können.
Nicht-medikamentöse Behandlungsansätze
Neben der medikamentösen Therapie spielen auch nicht-medikamentöse Behandlungsansätze eine wichtige Rolle bei der FHM:
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- Vermeidung von Triggern: Viele Migränepatienten können bestimmte Auslöser (Trigger) identifizieren, die eine Migräneattacke provozieren können. Diese Trigger können individuell unterschiedlich sein und umfassen beispielsweise Stress, Schlafmangel, bestimmte Nahrungsmittel oder Wetterveränderungen. Das Vermeiden dieser Trigger kann dazu beitragen, die Häufigkeit der Attacken zu reduzieren.
- Regelmäßiger Lebensstil: Ein regelmäßiger Tagesablauf mit ausreichend Schlaf, regelmäßigen Mahlzeiten und ausreichend Bewegung kann ebenfalls dazu beitragen, Migräneattacken vorzubeugen.
- Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie progressive Muskelrelaxation, autogenes Training oder Yoga können helfen, Stress abzubauen und die Entspannung zu fördern.
- Verhaltenstherapie: Eine Verhaltenstherapie kann Patienten helfen, besser mit ihrer Migräne umzugehen und Strategien zur Schmerzbewältigung zu entwickeln.
- Biofeedback: Bei der Biofeedback-Therapie lernen Patienten, biologische Signale wie den Blutdruck oder die Muskelspannung bewusst zu beeinflussen. Dies kann dazu beitragen, die Kopfschmerzen zu lindern.
Diagnose und Differentialdiagnose
Die Diagnose der FHM basiert auf den klinischen Kriterien der International Headache Society (IHS) und der Familienanamnese. Wichtig ist, andere Ursachen für die Symptome auszuschließen, insbesondere Schlaganfall, Epilepsie oder andere neurologische Erkrankungen.
Genetische Testung
Eine genetische Testung kann durchgeführt werden, um Mutationen in den bekannten FHM-Genen (CACNA1A, ATP1A2, SCN1A, PRRT2) nachzuweisen. Dies kann die Diagnose bestätigen und zur genetischen Beratung der Familie beitragen.
Zusammenfassung
Die familiäre hemiplegische Migräne (FHM) ist eine seltene und komplexe Form der Migräne, die durch zusätzliche motorische Schwäche oder Lähmung gekennzeichnet ist. Die medikamentöse Behandlung der FHM ähnelt der Behandlung anderer Migräneformen, wobei jedoch einige Besonderheiten zu beachten sind. Triptane sollten nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung eingesetzt werden, und bei Patienten mit PRRT2-Mutation könnten Antiepileptika wirksam sein. Neben der medikamentösen Therapie spielen auch nicht-medikamentöse Behandlungsansätze eine wichtige Rolle.
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