Epilepsiebehandlung und EEG-Diagnostik: Ein umfassender Überblick

Epilepsie ist eine der häufigsten chronischen neurologischen Erkrankungen. In Deutschland sind schätzungsweise 640.000 Menschen betroffen, wobei die Angaben je nach Quelle variieren. Diese Erkrankung des Gehirns manifestiert sich in vielfältigen Erscheinungsformen und stellt sowohl Ärzte als auch Betroffene vor Herausforderungen. Ein wichtiger Schritt zur erfolgreichen Behandlung ist die präzise Diagnosestellung, die auf bildgebenden und elektrophysiologischen Verfahren basiert.

Was ist Epilepsie?

Epilepsie beschreibt eine Gruppe von Erkrankungen des Gehirns, die sich durch wiederholte epileptische Anfälle äußern. Diese Anfälle sind kurzzeitige Funktionsstörungen des Gehirns, die in der Regel plötzlich und unprovoziert auftreten und nach wenigen Sekunden bis Minuten wieder enden. Bei einem epileptischen Anfall wird das harmonische Zusammenspiel der Nervenzellen (Neurone) im Gehirn plötzlich gestört, was zu einer gleichzeitigen Entladung vieler Nervenzellen führt. Die Erscheinungsform und Ausprägung eines Anfalls hängt von der betroffenen Gehirnregion ab.

Gelegenheitsanfall vs. Epilepsie

Ein einzelner Anfall wird als "Gelegenheitsanfall" bezeichnet. Etwa 5-10% aller Menschen erleben im Laufe ihres Lebens einen solchen Anfall. Ursachen hierfür können vielfältig sein. Eine Epilepsie liegt hingegen vor, wenn eine langfristige Veränderung des Gehirns besteht, die sich durch wiederholt auftretende epileptische Anfälle äußert. Diagnostisch relevant sind mindestens zwei epileptische Anfälle im Abstand von mehr als 24 Stunden oder ein einzelner unprovozierter Anfall, bei dem die Wahrscheinlichkeit für weitere Anfälle in den nächsten zehn Jahren bei mindestens 60 Prozent liegt. Auch das Vorliegen eines Epilepsie-Syndroms, wie beispielsweise das Lennox-Gastaut-Syndrom (LGS), deutet auf eine Epilepsie hin.

Diagnostik der Epilepsie

Die Epilepsiediagnostik ist ein umfassender Prozess, der verschiedene Untersuchungen und deren Ergebnisse aufeinander bezieht. Ziel ist es, festzustellen, ob es sich tatsächlich um epileptische Anfälle handelt, die spezifische Form der Epilepsie zu identifizieren und mögliche Ursachen aufzudecken.

Anamnese und Fremdbeschreibung

Ein wichtiger Bestandteil der Diagnostik ist die Anamnese, ein ausführliches Gespräch zwischen Arzt und Patient. Dabei werden die Vorgeschichte, die aktuellen Symptome und die Lebensgewohnheiten des Patienten erfragt. Da Anfälle häufig nicht bewusst miterlebt werden, ist eine detaillierte Fremdbeschreibung durch Angehörige, Freunde oder Arbeitskollegen unverzichtbar. Hilfreich kann auch die Aufzeichnung einer kurzen Videosequenz mit dem Handy sein.

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Folgende Fragen sind dabei relevant:

  • Was spürt der Betroffene vor, während und nach dem Anfall?
  • Wie sieht der Anfall aus (Beschreibung der Symptome)?
  • Welche Medikamente werden oder wurden bereits eingenommen?
  • Gab es Medikamente, die den Ablauf der Anfälle günstig beeinflusst haben?
  • Gibt es psychische und soziale Risikofaktoren?
  • Wie war das Verhalten als Säugling, Kleinkind oder im Kindergarten (bei Kindern)?

Elektroenzephalogramm (EEG)

Das Elektroenzephalogramm (EEG) ist ein nicht-invasives Verfahren zur Messung der elektrischen Aktivität des Gehirns und gilt als Goldstandard in der Epilepsiediagnostik. Über Elektroden, die auf der Kopfhaut angebracht werden, werden die Hirnströme aufgezeichnet und ausgewertet. Das EEG ermöglicht die Klassifikation von Anfallstypen und die Lokalisation des epileptischen Fokus.

Ablauf eines EEGs

  1. Vorbereitung: Anbringen von Elektroden auf der Kopfhaut nach einem bestimmten Schema. Die Elektroden werden mit einer Kochsalzlösung angefeuchtet, um den Kontakt zur Kopfhaut zu verbessern.
  2. Beginn der Messung: Aufzeichnung der Hirnströme über einen Zeitraum von etwa 20 Minuten. Der Patient ist während der Ableitung wach und soll idealerweise eindösen oder einschlafen.
  3. Einsatz äußerer Reize: In der Regel werden zusätzliche Reize (z.B. Augenöffnen und -schließen, Flackerlicht) eingesetzt, um die Hirnströme zu verändern und eventuelle Auffälligkeiten zu provozieren.

Arten von EEGs

  • Routine-EEG: Ableitung im Wachzustand, idealerweise mit Einschlafphasen.
  • Schlaf-EEG: Aufzeichnung während des Schlafs, um epilepsietypische Potenziale zu erfassen, die im Wachzustand möglicherweise nicht sichtbar sind.
  • Langzeit-EEG (24h-EEG): Aufzeichnung über einen Zeitraum von 24 Stunden mit einem tragbaren Gerät.
  • Video-EEG-Monitoring: Kontinuierliche Aufzeichnung des EEGs in Kombination mit einer Videoaufzeichnung, um den Anfallsablauf genau zu analysieren.

Interpretation des EEGs

Im EEG werden verschiedene Arten von Hirnwellen dargestellt, darunter Alpha-, Beta-, Theta- und Deltawellen. Bei der Auswertung wird auf Störungen der gleichmäßigen Wellen geachtet, sogenannte Spikes oder Spike-Waves, die Anzeichen für eine Epilepsie sein können. Epilepsietypische Potenziale sind Spitzen (Spikes oder Spike-Waves), Spitze-Welle-Komplexe und steile Wellen (Sharp Waves).

Limitationen des EEGs

Es ist wichtig zu beachten, dass ein normales EEG einen negativen Befund nicht zwingend ausschließt. Das EEG ist nur eine Momentaufnahme und kann sich kurz nach der Ableitung bereits wieder ändern. Zudem werden nur Veränderungen sichtbar, die ein elektrisches Feld über der äußeren Hirnoberfläche erzeugen.

Magnetresonanztomographie (MRT)

Die Magnetresonanztomographie (MRT) ist ein bildgebendes Verfahren, das detaillierte strukturelle Informationen des Gehirns liefert. Moderne Geräte ermöglichen die Detektion selbst kleiner Veränderungen wie Gewebeneu- oder Umbildungen. Die MRT ist besonders geeignet, um strukturelle Läsionen wie Tumore, Fehlbildungen der hirnversorgenden Gefäße oder Narbengewebe nach einem Trauma oder Entzündungen darzustellen.

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Anwendung der MRT in der Epilepsiediagnostik

  • Identifizierung von Ursachen: Aufdeckung von strukturellen Veränderungen, die epileptische Anfälle auslösen können (z.B. Hippokampussklerose bei mesialer Temporallappenepilepsie).
  • Prächirurgische Planung: Präzise anatomische Planung operativer Eingriffe und Abschätzung der Risiken, indem die für Sprache oder Motorik zuständigen Zentren mit der funktionellen MRT identifiziert werden.

Computertomographie (CT)

Die Computertomographie (CT) nutzt Röntgenstrahlen, um Bilder des Gehirns zu erzeugen. Obwohl sie in der Epilepsiediagnostik gewisse Limitationen hat, spielt sie eine wichtige Rolle in spezifischen klinischen Situationen.

Anwendung der CT in der Epilepsiediagnostik

  • Notfalldiagnostik: Schnelle Abklärung bei Status epilepticus oder erstmaligen Anfällen, um lebensbedrohliche Ursachen wie Blutungen oder raumfordernde Prozesse auszuschließen.
  • Alternative bei Kontraindikationen: Einsatz als Alternative zur MRT, wenn Kontraindikationen wie Herzschrittmacher vorliegen.
  • Verdacht auf Verkalkungen: Darstellung von Verkalkungen, die als Folge einer Entzündung oder Infektion entstehen können.

Szintigraphie (SPECT und PET)

Die Nuklearmedizin bietet mit der SPECT (Single Photon Emission Computed Tomography) und PET (Positronenemissionstomographie) funktionelle Aspekte der Hirnphysiologie dar. Dabei werden radioaktiv markierte Stoffe (Radiotracer) verwendet.

Anwendung der Szintigraphie in der Epilepsiediagnostik

  • Lokalisierung des epileptischen Fokus: Iktale SPECT-Bildgebung zeigt eine Hyperperfusion (stärkere Durchblutung) im epileptischen Fokus, während die interiktale Aufnahme eine Hypoperfusion (Minderdurchblutung) dokumentiert.
  • Ergänzung der strukturellen Bildgebung: Die FDG-PET (Fluordesoxyglukose-Positronenemissionstomographie) stellt den Glukosestoffwechsel dar und zeigt zwischen Anfällen oft eine abnehmende Stoffwechselaktivität in den epileptogenen Arealen.

Neuropsychologische Untersuchung

Ausführliche neuropsychologische Untersuchungen sind ein wichtiger Bestandteil der Diagnostik, Behandlung und Verlaufskontrolle von Epilepsien. Dabei werden unterschiedliche kognitive Funktionen wie Gedächtnisleistung, psychische Leistungsfähigkeit und spezielle Sprachfunktionen untersucht.

Anwendung der neuropsychologischen Untersuchung in der Epilepsiediagnostik

  • Hinweise auf den Entstehungsort der Epilepsie: Identifizierung von kognitiven und psychischen Funktionsstörungen, die mit dem Entstehungsort der Epilepsie assoziiert sind.
  • Prächirurgische Diagnostik: Abschätzung möglicher Funktionseinbußen durch einen epilepsiechirurgischen Eingriff.
  • Postoperative Verlaufskontrollen: Beurteilung des Erfolgs der Operation und Veränderungen beispielsweise der Gedächtnisleistung oder Sprachfunktionen.

Weitere diagnostische Verfahren

  • Funktionelle transkranielle Dopplersonographie (fTCD): Ultraschallmethode zur Darstellung des Blutflusses in hirnversorgenden Blutgefäßen und zur Lokalisation von Sprachfunktionen.
  • Funktionelle MRT (fMRT): Darstellung der Lokalisation von wichtigen Hirnfunktionen.
  • Wada-Test: Test zur Lokalisation von Sprach- und Gedächtnisfunktionen vor epilepsiechirurgischen Eingriffen.

Behandlung der Epilepsie

Die Epilepsiebehandlung zielt darauf ab, die Anfallsfrequenz zu reduzieren oder idealerweise Anfallsfreiheit zu erreichen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Therapie mit Antiepileptika ist die häufigste Behandlungsform der Epilepsie. Antiepileptika wirken direkt auf das Nervensystem und die Nervenzellen, indem sie die Reizweiterleitung der Nerven hemmen und die Erregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn vermindern. Im Wesentlichen werden zwei Wirkmechanismen unterschieden: die Blockierung epileptischer Impulse sowie das Verhindern der Ausbreitung epileptischer Aktivität.

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Verhaltenstherapeutischer Ansatz der Anfallsselbstkontrolle

Parallel zur medikamentösen Therapie kann auch der verhaltenstherapeutische Ansatz der Anfallsselbstkontrolle in die Behandlung integriert werden.

Epilepsiechirurgie

Bei ca. 30 Prozent der Betroffenen kann durch eine medikamentöse Behandlung keine Anfallsfreiheit erreicht werden. In diesen Fällen kann eine epilepsiechirurgische Behandlung in spezialisierten Zentren in Erwägung gezogen werden.

Voraussetzungen für eine Epilepsiechirurgie

  • Die epileptischen Anfälle gehen von einer bestimmten Stelle des Gehirns aus.
  • Die operative Entfernung dieser Stelle ist möglich, ohne dass der Patient Störungen im Bereich von Gedächtnis, Kraft oder Sprache erleidet.

Ablauf einer Epilepsiechirurgie

  1. Prächirurgische Abklärung: Umfassende Diagnostik zur Lokalisation des epileptogenen Fokus und zur Abschätzung der Risiken.
  2. Operation: Entfernung des epileptogenen Fokus.
  3. Stationärer Aufenthalt: Überwachung und Rehabilitation nach der Operation.
  4. Medizinische Rehabilitation: Empfehlung eines stationären Aufenthalts in einer Rehabilitationsklinik mit Epilepsie-Schwerpunkt.
  5. Nachsorgeuntersuchungen: Regelmäßige Kontrollen in den ersten Jahren nach der Operation.
  6. Medikamenteneinnahme: Fortsetzung der Einnahme von Antiepileptika über mehrere Jahre. Bei Anfallsfreiheit kann nach Absprache mit dem behandelnden Arzt versucht werden, die Medikamente abzusetzen.

Neurostimulation

Die Neurostimulation ist eine alternative Behandlungsmöglichkeit für Patienten, bei denen eine Anfallsfreiheit durch Medikamente oder eine Operation nicht erreicht werden kann. Bei der Neurostimulation werden Strukturen im Gehirn oder solche, die dort hinführen (wie der Vagus-Nerv), mit niedriger Stromstärke stimuliert.

Arten der Neurostimulation

  • Vagus-Nerv-Stimulation (VNS): Stimulation des 10. Hirnnervs (Vagus-Nerv) im linken Halsbereich durch einen implantierten Pulsgenerator.
  • Transkutane Vagusnervstimulation (tVNS): Nicht-invasive Stimulation des Vagus-Nervs über eine Ohrelektrode.
  • Transkranielle Magnetstimulation (TMS): Stimulation der Hirnstrukturen durch die Schädeldecke.
  • Tiefe Hirnstimulation (THS): Implantation von Elektroden in bestimmte Strukturen im Gehirn (meist auf beiden Seiten).

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