Soziale Phobie: Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten

Angst ist ein natürliches Gefühl, das uns in Gefahrensituationen hilft, schnell zu handeln. Sie äußert sich in körperlichen Reaktionen wie Herzrasen, Schwitzen und schneller Atmung, sowie in Gedanken und Gefühlen, die unsere Konzentration auf die Angst fokussieren. Im Verhalten zeigt sie sich oft durch Fluchtversuche. Doch wann wird Angst zur Krankheit? Wenn Angst unangemessen stark wird, ungewöhnlich häufig auftritt und scheinbar nicht mehr zu kontrollieren ist, kann sich eine Angststörung entwickeln.

Was ist eine Soziale Phobie?

Schüchternheit ist ein normales Verhalten in bestimmten Situationen. Wenn jedoch ausgeprägte Ängste vor Ablehnung, Kritik und Herabsetzung bestehen und ein starkes Vermeidungsverhalten entwickelt wird, kann es sich um eine soziale Phobie handeln. Die soziale Phobie, im amerikanischen Diagnosesystem DSM V als "Soziale Angststörung" bezeichnet, ist gekennzeichnet durch eine ausgeprägte und anhaltende Angst vor Situationen, in denen eine Konfrontation mit unbekannten Menschen oder eine Leistungsbeurteilung stattfinden könnte. Betroffene befürchten, sich demütigend oder peinlich zu verhalten (z.B. Erröten oder Stottern) oder von anderen negativ bewertet zu werden.

Formen der Sozialen Phobie

Soziale Ängste treten häufig früh auf, meist in der Pubertät. Es gibt zwei Hauptformen:

  • Generalisierte Form: Angst in vielen verschiedenen sozialen Situationen.
  • Nicht generalisierte Form: Angst in spezifischen Situationen, z.B. Redeangst.

Symptome der Sozialen Phobie

Menschen mit sozialer Phobie fürchten die Bewertung durch andere Menschen. Angstauslösende Situationen können z.B. Essen oder Vorträge in der Öffentlichkeit sein, aber auch der Kontakt zum anderen Geschlecht kann Ängste hervorrufen. Meist leiden Erkrankte unter einem sehr niedrigen Selbstwertgefühl und haben Angst vor Kritik. Sie haben Angst, etwas Peinliches zu tun, fürchten beispielsweise zu erröten und vermeiden deshalb Kontakt zu anderen Menschen.

Die Kriterien für eine soziale Phobie umfassen:

  • Ausgeprägte Angst vor Aufmerksamkeit und Leistungssituationen, bei denen man sich blamieren könnte, die länger als sechs Monate besteht.
  • Die Konfrontation mit einer Situation, in der man in der Öffentlichkeit steht oder in der eine Leistung gefordert wird, löst eine Angstreaktion oder Panikattacke aus.
  • Erkenntnis, dass das eigene Verhalten übertrieben ist.
  • Vermeidung bestimmter Situationen oder Ertragen dieser nur unter großem Druck und mit Angstgefühlen.
  • Deutliche Einschränkung der Lebensqualität durch die soziale Phobie.

Weitere Symptome können sein:

  • Angst, sich zu blamieren oder abgewiesen zu werden.
  • Vermeidung zwischenmenschlicher Kontakte.
  • Angst, in der Öffentlichkeit zu essen, zu trinken oder zu schreiben.
  • Körperliche Symptome wie Erröten, Zittern, Schwitzen, Übelkeit, Herzrasen, Schwindel.

Ursachen der Sozialen Phobie

Eine einzelne Ursache für die Entwicklung von sozialen Ängsten gibt es nicht. Untersuchungen zeigen, dass auch die genetische Veranlagung eine Rolle spielt. Menschen mit dieser Anlage zeigen in sozialen Situationen eine Art „natürlicher Zurückhaltung oder Hemmung“, um besser vom Umfeld oder einer Gruppe aufgenommen zu werden. Betroffene sind häufig von frühester Kindheit an eher gehemmt und schüchtern. Dieser Teil ihrer Persönlichkeit zeigt sich gerade in neuen Situationen oder beim Kontakt mit fremden Menschen.

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Heutige Modelle der Entstehung und Aufrechterhaltung der sozialen Phobie sind sogenannte "multifaktorielle Modelle". Diese Modelle gehen davon aus, dass eine Vielzahl verschiedener Faktoren und deren Wechselwirkung dazu beitragen, dass eine soziale Phobie entsteht und oft über Jahre bestehen bleibt.

Mögliche Ursachen und Risikofaktoren:

  • Genetische Faktoren: Kinder von Eltern mit Angststörungen haben ein erhöhtes Risiko, ebenfalls eine Angststörung zu entwickeln.
  • Neurobiologische Faktoren: Eine gestörte Balance bestimmter Botenstoffe (Neurotransmitter) im Gehirn, insbesondere Serotonin, Noradrenalin und Dopamin, kann eine Rolle spielen. Auch scheinen Hirnbereiche, die für die Verarbeitung und Speicherung emotionaler Inhalte verantwortlich sind (der sog. Mandelkern), bei Menschen mit sozialer Phobie überaktiv zu sein.
  • Erziehungsstil: Ein überbehütend-beschützender Erziehungsstil oder ein gleichgültig-instabiles Verhalten der Eltern kann sich ungünstig auswirken.
  • Soziale Erfahrungen: Kritisches Verhalten der Eltern, wenig Liebe oder das Gefühl, zu stören, können zu einem geringen Selbstwertgefühl führen. Auch Hänseleien, Ablehnung oder Auslachen in der Kindheit können traumatische Erlebnisse sein.
  • Belastende Lebensereignisse: Der Eintritt ins Berufsleben mit neuen sozialen Anforderungen oder soziale Traumatisierungen (z.B. Ausgrenzung, Mobbing) können eine soziale Phobie auslösen.
  • Persönlichkeitsmerkmale: Perfektionismus, übermäßige Vorsicht und ein geringer Selbstwert können die soziale Phobie aufrechterhalten.

Der Teufelskreis der Sozialen Phobie

Der Teufelskreis der sozialen Phobie besteht darin, dass Betroffene in Angstsituationen ihre Aufmerksamkeit übermäßig stark auf sich selber richten, körperliche Angstsignale vor anderen zu verdecken versuchen und die Situation nachträglich übermäßig kritisch bewerten.

Ein Beispiel:

Peter B., ein von sozialer Phobie Betroffener, tritt in der Kantine mit seinem Tablett an den Tisch seiner Kolleg*innen. Aufgrund bestimmter ungünstiger Lebenserfahrungen ist er in sozialen Kontakten darum bemüht, nicht unangenehm aufzufallen und ist entsprechend ängstlich und angespannt. In der Kantinen-Situation hat er nun die Befürchtung, die anderen könnten nur darauf warten, dass er sein Essen verschüttet und sich lustig machen und entwickelt den Gedanken, "jetzt bloß keinen Fehler machen!". Um Fehler zu vermeiden, richtet der Betroffene seine Aufmerksamkeit auf sich selber, betrachtet z.B. sehr konzentriert seine Hände, die das Tablett umklammern. Durch diese verstärkte Selbstaufmerksamkeit nimmt der Betroffene dann auch die Zeichen seiner Anspannung und Angst verstärkt wahr (z.B. den erhöhten Herzschlag, das Erröten und Zittern). Das wiederum führt zu noch stärkeren Körperreaktionen. Auch diese Körperreaktionen sind jetzt Gegenstand der Gedanken ("Hoffentlich bemerken die anderen jetzt nicht, dass ich schon wieder zittere! Wie peinlich!"). Diese Gedanken verstärken wiederum die Körperreaktionen, so dass ein Teufelskreis entsteht. Zudem versucht der Peter B., seine Angst und seine körperlichen Angstsymptome zu bewältigen, indem er sich über (ein oftmals ausgeklügeltes) System abzusichern versucht (beispielsweise wählt der Betroffenen extra Speisen aus, welche nicht überschappen können, oder er versteckt seine zitternden Hände unter den Ärmeln seines Pullovers). Zunächst scheint diese Absicherung tatsächlich eine hilfreiche Strategie zu sein, verringert sie doch in diesem Moment die auftretende Angst. Längerfristig verstärkt die Absicherung jedoch den Teufelskreis. Denn durch diese Absicherung verhindert der Betroffene, sich mit seiner Angst und mit den tatsächlichen Reaktionen der Mitmenschen auseinander zu setzten (Lachen die ihn tatsächlich aus, wenn ein Teil der Suppe überschwappt oder seine Hände zittern? Bekommen die das überhaupt mit?). Angst und Absicherung (Vermeidung) beeinflussen sich also wechselseitig. Ist die Situation durchstanden, neigen Menschen mit sozialer Phobie dazu, eigene Fehler und Misserfolge überzubewerten und lassen an ihrem eigenen Verhalten zumeist "kein gutes Haar". Diese "Kritikbrille" bestätigt scheinbar das negative Selbstbild als sozial unzulänglich und steigert die Angst vor neuen Situationen. Auch haben Menschen mit sozialer Phobie meist hohe Standards und eine idealisierte Vorstellungen von kompetentem Sozialverhalten. Übermäßige Selbstkritik und hohe Standards halten die Angst langfristig aufrecht. Durch überstarke Selbstaufmerksamkeit, Absicherungsverhalten und übermäßige Selbstkritik ist ein Teufelskreis entstanden, der in der Therapie bearbeitet wird.

Diagnose der Sozialen Phobie

Durch eine Fachärztin oder einen Facharzt oder Psychotherapeutin oder Psychotherapeuten kann das Ausmaß und die Einordnung der Erkrankung abgeklärt werden. Diese erfassen Krankheitszeichen und Beschwerden durch ein ausführliches Gespräch. Fragen zur Lebensgeschichte können hilfreich sein, um bereits frühe Anzeichen der Erkrankung herauszuarbeiten. Damit körperliche Ursachen ausgeschlossen werden können, wird die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt Sie gründlich körperlich untersuchen.

In der Regel wird eine klinische Untersuchung durchgeführt, abgesichert durch strukturierte Interviews und Fragebögen. Differenzialdiagnostische Untersuchungen, wie zum Beispiel der Ausschluss einer Agoraphobie (Platzangst) bzw. anderer Angststörungen, sind ebenfalls wichtig.

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Behandlung der Sozialen Phobie

Viele betroffene Menschen versuchen, ihre Ängste ohne fremde Hilfe in den Griff zu bekommen. Manche versuchen es mit Entspannungstechniken, andere nehmen pflanzliche Beruhigungsmittel ein. Besser ist es, frühzeitig professionelle Hilfe zu suchen. Die Kombination psychodynamischer, verhaltenstherapeutischer und psychopharmakologischer Therapien verspricht Besserung.

Für eine erfolgreiche Behandlung von Ängsten, welche die Betroffenen im täglichen Leben stark einschränken, ist die frühzeitige fachkundliche Hilfe durch eine Psychotherapeutin oder einen Psychotherapeuten oder eine Psychiaterin oder einen Psychiater unumgänglich.

Psychotherapie

Das Wissen über die Erkrankung aber auch den Umgang mit Stress erlernen Betroffene in psychotherapeutischen Gesprächen. Um sich Ängsten stellen zu können, müssen zunächst Gedanken verändert werden. Hierzu ist es wichtig, mit Hilfe der Psychotherapeutin oder des Psychotherapeuten die Gedanken hinter der Angst erkennen und verstehen zu können. Danach erst können Gedanken gewandelt werden. Dadurch fühlen sich Betroffene nicht mehr so hilflos gegenüber ihren Ängsten. Darüber hinaus hilft die Psychotherapie Erkrankten dabei, sich ihren Ängsten zu stellen, damit diese sich nicht mehr durch ihre Ängste kontrollieren lassen. Solche Konfrontationen können in Gedanken, aber auch in der Realität stattfinden. Wichtig ist ein schrittweises Vorgehen, wobei die erkrankte Person Situationen zunächst in Begleitung und später alleine meistert.

Die bisher am häufigsten angewandten und überprüften Methoden zur Behandlung sozialer Phobien sind das Training sozialer Kompetenzen, Expositionsverfahren, Angstbewältigungstrainings, systematische Desensibilisierung, kognitive Verfahren und Entspannungstechniken. „Besonders Expositionsverfahren haben sich als sehr wirksame Behandlungsstrategie herausgestellt“, berichtet Prof. Dr. Iver Hand vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)

Im Rahmen einer kognitiven Verhaltenstherapie (KVT), der in Bezug auf Angststörungen mit den meisten Wirksamkeitsnachweisen belegten Psychotherapieform, können krankheitsbegünstigende Lernprozesse korrigiert werden. Durch eine Veränderung von Wahrnehmungen und Bewertung der Angstsymptome sowie der Reaktion gegenüber angstauslösenden Situationen gelingt es so häufig, eine Verbesserung bzw. einen vollständigen Rückgang der jeweiligen Symptomatik zu erreichen.

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Psychodynamische Therapie

Psychodynamische Therapieformen werden ebenfalls häufig eingesetzt. Empfehlungen für eine psychodynamische Therapie umfassen:

  • Kognitive Vorbereitung der Patienten.
  • Bearbeitung der zentralen Rolle des Schamaffektes.
  • Beachtung einer möglichen Überhöhung der Ansprüche.
  • Selbstgesteuerte „Symptomexpositionen“ im Sinne Freuds „neuer Aktivität“.
  • Arbeit an Ich-Defiziten (vor allem aller sozialer Fertigkeiten).
  • Bearbeitung des Selbstverständnisses von Sozialphobikern, mit einem grundlegenden Defekt behaftet zu sein.

Gruppentherapie

Psychotherapeutische Maßnahmen, die u.a. auch im Rahmen von Gruppensitzungen erfolgen, können Betroffenen nachweislich wirksam helfen. Ziel einer Therapie ist es, dass die soziale Phobie verschwindet oder wenigstens so kontrolliert werden kann, dass Betroffene souverän damit umgehen können und das Leben dadurch nicht weiter negativ beeinflusst und eingeschränkt wird. „Eine kognitive Verhaltenstherapie kann unter anderem dabei helfen, Strategien zur Emotionsregulierung zu entwickeln und die Selbstkontrolle zu normalisieren. Jüngst konnte dieser Effekt von Forschenden der Universität Zürich auch im Gehirn sichtbar gemacht werden. Eine Studie konnte zeigen, dass eine zehnwöchige Therapie zu strukturellen Veränderungen in Hirnarealen führt, die mit der Selbstkontrolle und der Emotionsregulierung zusammenhängen“, ergänzt die Psychiaterin. „Dabei zeigte sich auch, dass die Hirnveränderungen umso stärker ausgeprägt waren, je erfolgreicher sich die Behandlung auf den Patienten ausgewirkt hatte. Ebenso wurde deutlich, dass nach der Therapie die tiefen Hirnareale, die an der Emotionsverarbeitung beteiligt sind, stärker vernetzt sind.“

Medikamentöse Behandlung

Neben der psychotherapeutischen Behandlung können in manchen Fällen Medikamente, beispielsweise Antidepressiva, hilfreich sein. Je nach Schwere der Erkrankung kann es notwendig sein, zunächst Medikamente einzunehmen, um eine Psychotherapie möglich zu machen. Medikamente können die Angst und die Stimmung verbessern. Eine initiale medikamentöse Behandlung mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern könnte bei sozialen Phobien indizierter sein als bei anderen Formen von Angststörungen, da sie eine frühe Symptomentlastung bewirken und dadurch das Vertrauen der Patienten in ihre Selbstkontrolle verstärken.

Kontraindiziert sind Benzodiazepine bei Angsterkrankungen, da diese ein hohes Abhängigkeitspotential bieten. Bei der Bühnenangst können unter ärztlicher Aufsicht und als Teil eines therapeutischen Gesamtkonzeptes auch vorübergehend Betablocker eingesetzt werden.

Selbsthilfe und Unterstützung

  • Konfrontation mit der Angst: „Ängste verliert man, wenn man das tut wovor man Angst hat und dabei erlebt, dass das Befürchtete nicht eintritt und die Sorgen unbegründet waren. Diese Konfrontation mag für Betroffene zwar zunächst schwer vorstellbar sein, ist jedoch ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung“, so die Psychiaterin.
  • Stärkung des Selbstwertgefühls: „Für Betroffene ist es wichtig, dass sie lernen, Ihr Selbstwertgefühl zu stärken. Je mehr sie sich selber annehmen, umso weniger Angst haben Sie vor anderen und deren möglicher Kritik oder Ablehnung“, fügt Dr. Roth-Sackenheim hinzu.
  • Entspannungstechniken und Sport: Das Erlernen von Entspannungstechniken und regelmäßiger Ausdauersport können helfen, die Angst zu reduzieren.

Auswirkungen der Sozialen Phobie

Unbewältigte soziale Ängste können enorme persönliche und berufliche Einschränkungen nach sich ziehen. So werden oftmals wichtige Entscheidungen im Leben, wie etwa berufliches Weiterkommen, von der Phobie abhängig gemacht und beeinflusst, um die problematischen Situationen zu vermeiden. Auch kann es zunehmend zur sozialen Isolation kommen, wenn Betroffene von familiären und beruflichen Feierlichkeiten fernbleiben und ihre privaten Kontakte einschränken.

Die Angststörung verläuft meist chronisch und eine spontane Genesung ist eher nicht zu erwarten. Betroffene sollten daher möglichst frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Viele Betroffene erkranken zusätzlich an einer Depression oder Suchterkrankungen und auch Suizidalität kann auftreten.

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