Spastische Darmprobleme: Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten

Viele Menschen mit Multipler Sklerose (MS) erleben im Laufe ihrer Erkrankung Funktionsstörungen der Blase oder des Darms. Diese Probleme können erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität haben. Es ist wichtig, sich mit den Ursachen, Symptomen und Behandlungsmöglichkeiten dieser Störungen auseinanderzusetzen, um den Betroffenen zu helfen, ein möglichst normales Leben zu führen.

Ursachen für Darmprobleme bei Spastik

Spastik, auch bekannt als Spasmus oder Spastizität, ist eine krankhafte Erhöhung der Muskelspannung. Die Ursache für eine Spastik ist eine Schädigung des zentralen Nervensystems (ZNS), bestehend aus Gehirn und Rückenmark. Werden bei MS entsprechende Nervenzellen in den Zentren des ZNS angegriffen oder zerstört, können Störungen im Darm entstehen.

Die Nerven im zentralen Nervensystem (ZNS) und die Muskeln müssen korrekt zusammenarbeiten, um Körperfunktionen zu steuern. Bei einer Schädigung des ZNS kann diese Zusammenarbeit gestört werden, was zu einer Vielzahl von Problemen führen kann, einschließlich Darmfunktionsstörungen.

Symptome spastischer Darmprobleme

Darmprobleme bei MS können sich auf unterschiedliche Weise äußern. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Verstopfung: Der Darm ist weniger angeregt, transportiert den Stuhl langsamer weiter und der Stuhl dickt ein.
  • Durchfall: Der Darm ist zu stark angeregt, bewegt sich schneller, der Stuhl wird zügiger weitertransportiert.
  • Blähungen: MS kann Blähungen verursachen.
  • Stuhlinkontinenz: Unkontrollierter Stuhlverlust.

Diese Symptome können einzeln oder in Kombination auftreten und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen.

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Sigma-Divertikulitis und ihre Auswirkungen

Wenn Bauch und Verdauung verrückt spielen, leiden Betroffene möglicherweise an einer sogenannten Sigma-Divertikulitis. Hier bilden sich in der Darmwand Divertikel - also kleine Ausstülpungen -, die sich entzünden können. In manchen Fällen kann dies sehr starke Schmerzen verursachen und zu weiteren gefährlichen Komplikationen führen.

Dr. Min-Seop Son, Experte für die Behandlung von Bauch-, Darm- und Magenerkrankungen und Chefarzt der Hauptabteilung für Allgemein- und Viszeralchirurgie in der WolfartKlinik, erklärt: "Tatsächlich kommen Divertikel gar nicht so selten vor. Mit dem Alter werden sie sogar noch häufiger, dann treten sie bei über der Hälfte aller über 70-Jährigen auf. Bei den allermeisten Menschen passiert dies, ohne dass sie davon wissen."

Die genaue Ursache der Divertikelentstehung ist unbekannt. Es wird vermutet, dass sich der Druck im Darm durch Darmmuskelkrämpfe erhöht. Bestimmte Menschen sind erblich bedingt anfälliger für Divertikel. Weitere Risikofaktoren sind fortschreitendes Alter, starkes Übergewicht, ein schwaches Bindegewebe und gestörte Darmbewegungen. Eine ballaststoffarme Ernährung, Rauchen und wenig körperliche Bewegung können für die Entstehung ebenfalls eine Rolle spielen.

Typisch für eine Sigma-Divertikulitis sind zunehmende Schmerzen vor allem im linken Unterbauch. Manchmal tritt auch leichtes Fieber auf. Weitere Anzeichen für die Erkrankung sind Verstopfung und/oder Durchfall, Blähungen, Übelkeit, manchmal auch Krämpfe.

Komplikationen treten ein, wenn die Entzündung auf die Darmwand, die Umgebung oder benachbarte Organe übergreift. Dann können sich auch Eiteransammlungen (Abszesse) und Fisteln bilden. Eine seltene, aber schwere Komplikation ist ein Loch in der Darmwand, also ein Darmdurchbruch oder eine Darmperforation.

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Diagnose spastischer Darmprobleme

Zur Diagnose von Darmproblemen bei Spastik wird der Arzt zunächst eine ausführliche Anamnese erheben und eine körperliche Untersuchung durchführen. Zusätzlich können folgende Untersuchungen erforderlich sein:

  • Stuhluntersuchung: Um Infektionen oder andere Ursachen für die Beschwerden auszuschließen.
  • Darmspiegelung (Koloskopie): Um den Dickdarm auf Entzündungen, Polypen oder andere Veränderungen zu untersuchen.
  • Röntgenuntersuchung: Um den Darm auf Verstopfungen oder andere Anomalien zu untersuchen.
  • Manometrie: Um die Funktion der Darmmuskulatur zu beurteilen.

Behandlungsmöglichkeiten

Die Behandlung von Darmproblemen bei Spastik zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Die Behandlungsmöglichkeiten sind vielfältig und können individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt werden.

Konservative Behandlung

  • Ernährungsumstellung: Eine ballaststoffreiche Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukten kann helfen, Verstopfung vorzubeugen. Fermentierte Speisen wie Joghurt, Buttermilch, Essig für den frischen Salat oder Sauerkraut sind ebenfalls gut für eine gesunde Darmflora und einen aktiven Darm. Es sollte auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr (1,5-2 Liter/Tag) geachtet werden.
  • Regelmäßige Bewegung: Körperliche Aktivität kann die Darmtätigkeit anregen und Verstopfung entgegenwirken.
  • Beckenbodentraining: Beckenbodenübungen können helfen, die Darmfunktion zu verbessern und Inkontinenz vorzubeugen.
  • Kolonmassage: Eine Dickdarmmassage kann bei stärkeren Problemen mit Verstopfung sehr angenehm sein.
  • Psychologische Unterstützung: Da Darmprobleme oft mit Schamgefühlen und sozialer Isolation verbunden sind, kann eine psychologische Betreuung hilfreich sein.

Medikamentöse Behandlung

  • Abführmittel (Laxantien): Osmotisch wirkende Abführmittel wie Lactulose oder Macrogol können bei Verstopfung eingesetzt werden. Glycerin-Zäpfchen und Klistiere können ebenfalls helfen, den Stuhlgang zu erleichtern.
  • Antidiarrhoika: Bei Durchfall können Medikamente eingesetzt werden, die die Darmtätigkeit verlangsamen.
  • Anticholinergika: Diese Medikamente können bei Darminkontinenz eingesetzt werden, um die Darmtätigkeit zu reduzieren.
  • Medizinische Kohle: Bei ungewolltem Stuhlabgang können medizinische Kohletabletten genutzt werden.

Weitere Behandlungsmöglichkeiten

  • Transanale Irrigation (TAI): Dabei wird Wasser in den Darm eingebracht, um nach einer bestimmten Einwirkzeit eine vollständige Darmentleerung auszulösen. TAI kann nach Einweisung selbst angewandt werden.
  • Biofeedback: Diese Therapie kann helfen, die Kontrolle über die Darmmuskulatur zu verbessern.
  • Chirurgische Eingriffe: In seltenen Fällen kann ein chirurgischer Eingriff erforderlich sein, um die Darmfunktion zu verbessern. Dies ist beispielsweise bei einer schweren Divertikulitis oder einem Darmverschluss der Fall.

Umgang mit Dystonie und Darmproblemen

Dystonie ist eine Bewegungsstörung, die unmittelbar lediglich unsere Skelettmuskulatur betrifft, also jene Muskeln, die über Bänder, Sehnen und anderes Gewebe mit unseren Knochen verbunden sind. Innere Organe - zumindest sogenannte Hohlorgane, wie Darm, Harnblase, oder Blutgefäße - verfügen gleichsam über eine Muskulatur. Diese Organmuskulatur ist jedoch glatt und wird von anderen Hirnarealen gesteuert als unsere Bewegungsmuskulatur, weshalb sie nicht unmittelbar von Dystonie betroffen sein kann.

Davon unbenommen berichten insbesondere Betroffene einer Generalisierten oder Axialen Dystonie von „dystonen Darmproblemen“, die in Einzelfällen bis zur Stuhlinkontinenz führen können. Diese dystoniebezogenen Darmstörungen sind darauf zurückzuführen, dass die den Darm umgebende Skelettmuskulatur (zumeist Bauch- und Rückenmuskeln) den Darm fortwährend schubsen, beiseite drücken oder mitunter auch zeitweilig abklemmen können.

In diesen Fällen empfiehlt es sich, den Hausarzt bzw. die Hausärztin aufzusuchen, wenn die Störungen länger als 14 Tage anhalten. Zunächst gilt es, evtl. gemeinsam mit einem Facharzt, mögliche - vor allem Dystonie unabhängige Ursachen - auszuschließen. Parallel dazu bietet es sich an, von Anbeginn einen Neurologen bzw. eine Neurologin beratend hinzuzuziehen.

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Sollten die Darmstörungen tatsächlich von einer dystonen Rumpf- und oder Rückenmuskulatur herrühren gilt es, in einem nächsten Schritt, Möglichkeiten ihrer Linderung zu überlegen und zu erproben. Nicht eine Behandlung des Darms stehen. Oder: Die Gabe bzw. Einnahme von Abführmitteln u.ä. sollte grundsätzlich unterbleiben, da der Darm ja schließlich nicht das eigentliche Problem ist!

Um den Tonus der den Darm irritierende Rumpfmuskulatur herabsetzen, können zentral wirkende Medikamente der Muskelentspannung verordnet und eingenommen werden. Zum anderen ist es ein Versuch wert, relevante den Darm umgebende Muskeln zu identifizieren und in diese Botolinumtoxin versuchshalber zu injizieren.

Tipps für den Alltag

  • Führen Sie ein Tagebuch: Notieren Sie, wann und wie oft Sie zur Toilette müssen und welche Symptome auftreten. Dies kann dem Arzt helfen, die Ursache der Beschwerden zu finden und die Behandlung entsprechend anzupassen.
  • Trinken Sie ausreichend: Achten Sie auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr, um Verstopfung vorzubeugen.
  • Essen Sie ballaststoffreich: Eine ballaststoffreiche Ernährung kann helfen, die Darmtätigkeit anzuregen.
  • Bewegen Sie sich regelmäßig: Körperliche Aktivität kann die Darmfunktion verbessern.
  • Gehen Sie regelmäßig auf die Toilette: Unterdrücken Sie Ihren Harndrang nicht.
  • Beantragen Sie den Euro-WC-Schlüssel: Dieser Schlüssel ermöglicht Ihnen den Zugang zu behindertengerechten Toiletten in vielen öffentlichen Einrichtungen.

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