Das menschliche Gehirn, ein faszinierendes Organ, ist in zwei Hälften unterteilt, die auf den ersten Blick fast identisch erscheinen. Doch diese beiden Hemisphären sind keineswegs Spiegelbilder voneinander. Stattdessen arbeiten sie auf komplexe Weise zusammen, wobei jede Hälfte bestimmte Aufgaben übernimmt und zum Gesamtbild beiträgt. Dieser Artikel beleuchtet die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Zusammenarbeit der beiden Gehirnhälften und räumt mit dem Mythos auf, dass eine Hälfte dominant ist.
Anatomie und erste Eindrücke
Auf den ersten Blick scheint der menschliche Körper symmetrisch zu sein: zwei Arme, zwei Beine, zwei Augen, zwei Ohren, selbst Nase und Mund scheinen sich bei den meisten Menschen in beiden Gesichtshälften an einer imaginären Achse zu spiegeln. Und schließlich das Gehirn: Es ist in zwei Hälften geteilt, die ungefähr gleich groß sind, und auch die Furchen und Wülste folgen einem ähnlichen Muster. Doch der erste Eindruck trügt: Die verschiedenen Hirnregionen weisen subtile, aber funktionell relevante Unterschiede zwischen der linken und der rechten Seite auf.
Spezialisierung der Hirnhemisphären
Die beiden Hemisphären sind auf unterschiedliche Funktionen spezialisiert. So wird beispielsweise die Aufmerksamkeit bei den meisten Menschen überwiegend in der rechten Hemisphäre verarbeitet, die Sprache überwiegend in der linken. Der Grund: Die Arbeit kann besser auf beide Hälften verteilt werden - und das Aufgabenspektrum damit insgesamt erweitert.
Sprache und Sprachkontrolle
Lange Zeit ging man davon aus, dass die linke Gehirnhälfte für die Entstehung des gesprochenen Wortes verantwortlich ist, während die rechte Gehirnhälfte das Gesprochene analysiert. Neueste Forschungsergebnisse zeigen jedoch ein differenzierteres Bild. Beide Gehirnhälften sind an der Sprachproduktion beteiligt, wobei jede einen spezifischen Beitrag leistet.
Eine Studie der Goethe-Universität Frankfurt und des Leibniz-Zentrums für Allgemeine Sprachwissenschaft hat gezeigt, dass die linke Gehirnhälfte zeitliche Aspekte der Sprachkontrolle übernimmt, insbesondere die Übergänge zwischen Sprachlauten. Die rechte Gehirnhälfte hingegen ist für das Klangspektrum zuständig und analysiert den Klang der Laute selbst.
Lesen Sie auch: Taubheitsgefühle in beiden Armen: Mögliche Ursachen
Handmotorik und Rhythmus
Die Aufgabenteilung zwischen den Hirnhälften beschränkt sich nicht nur auf die Sprache. Auch bei der Handmotorik spielen beide Hemisphären eine Rolle. Studien haben gezeigt, dass die linke Gehirnhälfte, die die rechte Körperseite steuert, bei schnellen Bewegungsabläufen aktiver ist, während die rechte Gehirnhälfte, die die linke Körperseite steuert, bei langsamen, rhythmischen Bewegungen eine größere Rolle spielt.
Interhemisphärische Kommunikation
Die beiden Gehirnhälften sind durch den Corpus callosum, auch Hirnbalken genannt, miteinander verbunden. Dieser besteht aus etwa 200 Millionen Nervenfasern und ermöglicht einen ständigen Informationsaustausch zwischen den Hemisphären. Diese Kommunikation ist entscheidend für die Integration von Informationen und die Ausführung komplexer Aufgaben.
Zusammenarbeit beim Lernen von Tönen
Eine Studie des Leibniz-Instituts für Neurobiologie (LIN) Magdeburg, des Deutschen Primatenzentrums (DPZ) in Göttingen und der Otto-von-Guericke-Universität (OVGU) Magdeburg hat gezeigt, wie beide Gehirnhälften beim Erlernen akustischer Reize zusammenarbeiten. Die Erkenntnisse könnten zu neuen Therapiemöglichkeiten bei Menschen mit Störungen in der interhemisphärischen Kommunikation führen.
Die Forscher trainierten Mongolische Wüstenrennmäuse darauf, Schallreize mit absteigender oder aufsteigender Tonhöhe zu unterscheiden. Mäuse mit intakten Verbindungen zwischen den Hörrinden beider Hemisphären erlernten diese Aufgabe schneller und erfolgreicher als Mäuse mit gestörten Verbindungen. Dies deutet darauf hin, dass die rechte Hemisphäre melodische Tonhöhenveränderungen zwar bevorzugt verarbeitet, für deren Erlernen aber Informationen aus der linken Hemisphäre benötigt.
Unterschiede bei Kindern und Erwachsenen
Studien haben gezeigt, dass Kinder im Vergleich zu Erwachsenen bei der Spracherfassung eher beide Gehirnhälften nutzen. Dies deutet auf eine spezielle Bedeutung der rechten Hemisphäre während der Sprachentwicklung hin. Bei Erwachsenen ist die Sprachverarbeitung stärker in der linken Gehirnhälfte lokalisiert. Die Verwendung beider Hemisphären bietet offenbar eine Möglichkeit zur Kompensation. Wenn die linke Seite durch einen Schlaganfall geschädigt ist, der direkt nach der Geburt aufgetreten ist, kann das Kind Sprache unter Verwendung der rechten Hemisphäre lernen.
Lesen Sie auch: Behandlung von Nervenschmerzen in den Beinen
Hirnasymmetrie und ihre Vorteile
Die funktionelle Asymmetrie des Gehirns, also die Spezialisierung der beiden Hemisphären auf unterschiedliche Aufgaben, bietet mehrere Vorteile:
- Intensives Training: Durch die Spezialisierung kann eine Seite des Gehirns besonders intensiv trainiert werden, was zu höheren Leistungen in bestimmten Bereichen führt.
- Kürzere Reaktionszeiten: Das einseitige Training macht die Bewegungen der bevorzugten Hand sowie die Sprachverarbeitung in der betreffenden Hirnhälfte deutlich schneller.
- Parallele Verarbeitung: Asymmetrische Gehirne verarbeiten auf der linken und der rechten Seite verschiedene Informationen parallel, was die Rechenleistung erhöht und die Verarbeitungsdauer verkürzt.
Unterschiede zwischen Männern und Frauen
Studien haben gezeigt, dass es Unterschiede in der Vernetzung der Gehirne von Männern und Frauen gibt. Während es bei Frauen besonders viele Kontakte zwischen den beiden Hirnhälften gebe, bestünden bei Männern mehr Verknüpfungen innerhalb der Gehirnhälften. Diese anatomischen Unterschiede könnten die oft beschriebenen unterschiedlichen Eigenschaften von Männern und Frauen erklären. So könnten Männer dank ihrer Hirnarchitektur ihre Wahrnehmungen besser in koordinierte Handlungen umsetzen; Frauen hingegen besser analytische und intuitive Informationen miteinander verbinden.
Der Mythos der dominanten Gehirnhälfte
In der Populärwissenschaft hält sich hartnäckig der Mythos, dass Menschen entweder eine dominante linke oder rechte Gehirnhälfte haben. Demnach wären "linkshirnige" Menschen analytisch und logisch, während "rechtshirnige" Menschen kreativ und emotional wären. Diese Vorstellung ist jedoch wissenschaftlich nicht haltbar.
Das Gehirn arbeitet als ein integriertes System, in dem beide Hemisphären ständig miteinander interagieren. Zwar gibt es Spezialisierungen, aber keine der beiden Hälften ist grundsätzlich dominant. Komplexe Aufgaben erfordern die Zusammenarbeit beider Hemisphären.
Lesen Sie auch: Gehirnaktivierung mit Kinesiologie
tags: #beide #gehirnhalften #benutzen