Einführung
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die das Gehirn und das Rückenmark betrifft. Die Erkrankung ist durch eine Vielzahl von Symptomen gekennzeichnet, darunter Müdigkeit (Fatigue), Koordinationsstörungen, Muskelschwäche, Sehstörungen und kognitive Beeinträchtigungen. Die Ursachen von MS sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass genetische Faktoren und Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Die Behandlung von MS zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, die Häufigkeit und Schwere der Schübe zu reduzieren und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen.
In den letzten Jahren hat das Interesse an alternativen und komplementären Therapien für MS zugenommen. Eine dieser Therapien ist die Verwendung von Artemisia annua, auch bekannt als Einjähriger Beifuß. Artemisia annua ist eine Pflanze, die traditionell in der chinesischen Medizin verwendet wird und für ihre vielfältigen medizinischen Eigenschaften geschätzt wird. Insbesondere der Wirkstoff Artemisinin, der aus Artemisia annua gewonnen wird, hat sich als wirksam gegen Malaria erwiesen und wird auch auf seine potenziellen Anwendungen bei anderen Erkrankungen untersucht, darunter Krebs, Autoimmunerkrankungen und virale Infektionen.
Dieser Artikel untersucht die potenziellen Vorteile von Artemisia annua bei Multipler Sklerose, basierend auf den verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen und traditionellen Anwendungen.
Was ist Artemisia Annua?
Artemisia annua, auch bekannt als Einjähriger Beifuß, ist eine einjährige Pflanze aus der Familie der Korbblütler (Asteraceae). Sie stammt ursprünglich aus China, wird aber heute in vielen Teilen der Welt angebaut. Artemisia annua hat eine lange Geschichte in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) und wird wegen ihrer vielfältigen medizinischen Eigenschaften geschätzt. Einsatzgebiete sind z. B. die Behandlung von Fieber, Entzündungen, Kopfschmerzen, Blutungen und Malaria. Neben dem Einjährigen Beifuß werden auch andere Beifuß-Arten, wie z. B. der Gemeine Beifuß (Artemisia vulgaris) als Heilpflanzen eingesetzt. Estragon (Artemisia dracunculus) ist ein bekanntes Beispiel dafür.
Inhaltsstoffe und Wirkungsweise
Artemisia annua enthält verschiedene Pflanzenstoffe, für die mögliche gesundheitsförderliche Wirkungen nachgewiesen wurden. Der am meisten beforschte Inhaltsstoff ist der Wirkstoff Artemisinin, der für seine Wirksamkeit gegen Malaria bekannt ist. Artemisinin zählt zur chemischen Stoffgruppe der Sesquiterpene und kommt in den Blättern und Blüten von Artemisia annua vor.
Lesen Sie auch: Aktuelle Forschung zu Beifuß bei Epilepsie
Artemisinin und seine Derivate töten die Malaria-Parasiten auf zwei Arten: Erstens, sie beschädigen die Proteine der Parasiten, und zweitens, sie stören die "Reinigungsmaschine" (Proteasom) der Parasiten, die normalerweise beschädigte Proteine abbaut. Die Artemisinin-Derivate werden oft mit anderen synthetisch hergestellten Wirkstoffen kombiniert (z. B. Lumefantrin). Man bezeichnet die entsprechenden Medikamente als Artemisinin-Kombinationspräparate. Diese werden von der WHO als Präparate der ersten Wahl zur Therapie der Malaria empfohlen.
Neben der Wirksamkeit gegen Malaria deuten neuere Studien auch auf einen möglichen Einsatz von Artemisia annua gegen Krebs hin. Artemisinin wirkt dabei selektiv auf Krebszellen, während gesunde Zellen weitgehend unbeschädigt bleiben. Eine Wirksamkeit könnte gegen verschiedene Krebsarten gegeben sein, so z. B. gegen Brustkrebs und Dickdarmkrebs.
Studien weisen außerdem auf eine entzündungshemmende und schmerzlindernde Wirkung von Artemisia annua hin. In einer Studie zeigten Patienten mit einer Dosierung von 150 mg eine deutliche klinische Verbesserung und hatten nach dem 12-wöchigen Zeitraum eine verbesserte Beweglichkeit und weniger Schmerzen.
Laborstudien zeigen, dass Heißwasser-Extrakte aus Artemisia-annua-Blättern gegen verschiedene Covid-19-Varianten wirken.
Anwendungsformen
Artemisia annua kann in verschiedenen Formen angewendet werden, darunter:
Lesen Sie auch: Symptome der Beifußallergie
- Tee: Die getrockneten Blätter können zur Herstellung eines Tees verwendet werden. Für einen Tee nimmt man 5 g getrocknete Blätter, überbrüht sie mit 1 l kochendem Wasser und lässt das Ganze 10 - 15 Minuten ziehen.
- Pulver: Die getrockneten Pflanzenteile werden fein gemahlen, um ein Pulver herzustellen. Das Pulver kann in Form von Kapseln oder lose eingenommen werden.
- Extrakte: Extrakte werden häufig durch das Einweichen der Pflanzenteile in einem Lösungsmittel wie Ethanol oder Wasser hergestellt, um die Wirkstoffe zu extrahieren. Extrakte können in flüssiger Form eingenommen werden.
- Ätherisches Öl: Ätherisches Öl aus Artemisia annua oder Extrakte können in Cremes oder Lotionen eingearbeitet werden.
Artemisia Annua und Multiple Sklerose: Mögliche Wirkmechanismen
Die potenziellen Vorteile von Artemisia annua bei Multipler Sklerose beruhen auf verschiedenen Wirkmechanismen:
Entzündungshemmende Wirkung
MS ist eine entzündliche Erkrankung, bei der Entzündungen im Gehirn und Rückenmark eine wichtige Rolle spielen. Artemisia annua enthält verschiedene Pflanzenstoffe, die entzündungshemmende Eigenschaften besitzen. Durch die Reduzierung von Entzündungen könnte Artemisia annua dazu beitragen, die Symptome von MS zu lindern und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen.
Immunmodulierende Wirkung
Das Immunsystem spielt bei MS eine zentrale Rolle, da es fälschlicherweise die Myelinscheide angreift, die die Nervenfasern schützt. Artemisia annua enthält Inhaltsstoffe, die die Immunabwehr regulieren und somit potenziell die Autoimmunreaktion bei MS modulieren können.
Antioxidative Wirkung
Oxidativer Stress, der durch freie Radikale verursacht wird, kann bei MS zu Nervenschäden beitragen. Artemisia annua enthält antioxidative Pflanzenstoffe, die dazu beitragen können, die Zellen vor Schäden durch freie Radikale zu schützen.
Einfluss auf die Darmflora
Neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Darmflora eine wichtige Rolle bei der Entstehung und dem Verlauf von MS spielen könnte. Eine gestörte Darmflora kann Entzündungen fördern und das Immunsystem beeinflussen. Artemisia annua besitzt antimikrobielle Eigenschaften und könnte dazu beitragen, die Darmflora positiv zu beeinflussen.
Lesen Sie auch: MS-Medikamente im Detail erklärt
Wissenschaftliche Evidenz
Bisher gibt es nur wenige spezifische Studien zur Anwendung von Artemisia annua bei Multipler Sklerose. Die meisten Erkenntnisse stammen aus Studien zu anderen Erkrankungen, die ähnliche Entzündungs- und Immunmechanismen aufweisen.
- Studien zu Autoimmunerkrankungen: Einige Studien deuten darauf hin, dass Artemisia annua bei der Behandlung von Autoimmunerkrankungen nützlich sein könnte. Verschiedene der enthaltenen sekundären Pflanzenstoffe regulieren die Immunabwehr und wirken entzündungshemmend.
- Studien zu entzündlichen Erkrankungen: Studien weisen auf eine entzündungshemmende und schmerzlindernde Wirkung von Artemisia annua hin. In einer Studie zeigten Patienten mit einer Dosierung von 150 mg eine deutliche klinische Verbesserung und hatten nach dem 12-wöchigen Zeitraum eine verbesserte Beweglichkeit und weniger Schmerzen.
Es ist wichtig zu beachten, dass diese Studien nicht speziell an MS-Patienten durchgeführt wurden und daher keine direkten Schlussfolgerungen für die Behandlung von MS zulassen. Es sind weitere Forschungsarbeiten erforderlich, um die Wirksamkeit und Sicherheit von Artemisia annua bei MS zu untersuchen.
Erfahrungen von MS-Patienten
Einige MS-Patienten berichten von positiven Erfahrungen mit der Anwendung von Artemisia annua. Diese Berichte sind jedoch anekdotisch und nicht durch wissenschaftliche Studien belegt. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass die Wirkung von Artemisia annua von Person zu Person unterschiedlich sein kann und dass es keine Garantie für eine Verbesserung der Symptome gibt.
PD Dr. Stefan Schwarz, ein Arzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, äußerte sich in einem Online-Chat zu alternativen Therapien bei MS. Er erwähnte Vitamin D und ungesättigte Fettsäuren als Therapien, für die es gute Argumente gibt, aber noch keine wissenschaftlichen Beweise für ihre Wirksamkeit. Er betonte, dass die eigene Erfahrung täuschen kann und dass wissenschaftliche Studien erforderlich sind, um die Wirksamkeit einer Behandlung zu belegen.
Sicherheitshinweise und Nebenwirkungen
Wie bei jeder medizinischen Anwendung können auch bei der Einnahme von Artemisia annua Nebenwirkungen auftreten. Die empfohlenen Dosierungen variieren und hängen vom Produkt und dem Grund der Einnahme ab. Meistens wird eine Einnahme über 1 bis 2 Monate empfohlen.
- Leberentzündung: Bei hohen Dosierungen kann es zu einer Schädigung der Leber kommen. Beispielsweise kam es bei einem Mann, der über 4 Wochen lang täglich Artemisia-annua-Tee (1,25 g Teepulver) zur Malariaprophylaxe getrunken hatte, zur Entstehung einer Leberentzündung.
- Magen-Darm-Beschwerden: Bei hohen Dosen können Übelkeit, Erbrechen und Durchfall auftreten.
- Wechselwirkungen mit Medikamenten: Artemisia annua kann die Wirkung von Medikamenten beeinflussen, da es Leberenzyme hemmt, die Medikamente abbauen.
- Schwangerschaft und Stillzeit: Von der Einnahme von Artemisia annua in der Schwangerschaft wird sicherheitshalber abgeraten (insbesondere im 1. Trimester). Bei kurzzeitigem Einsatz in der Stillzeit ist das im Ausnahmefall vermutlich für den Säugling kein Problem, doch sollte eine längere Einnahme in jedem Fall vermieden werden.
Es ist wichtig, vor der Einnahme von Artemisia annua einen Arzt oder Apotheker zu konsultieren, insbesondere wenn Sie bereits Medikamente einnehmen oder an einer Vorerkrankung leiden.
Rechtliche Situation in der EU
Artemisia annua fällt in der EU unter die Novel-Food-Verordnung. Als Novel Food (neuartiges Lebensmittel) werden Produkte/Stoffe/Pflanzen bezeichnet, die vor dem 15. Mai 1997 nicht in nennenswertem Umfang für den menschlichen Verzehr in der EU verwendet wurden. Um als Lebensmittel zugelassen zu werden, müssen Novel Foods einen aufwändigen Zulassungsprozess durchlaufen. Artemisia annua ist in der EU bisher nicht als Lebensmittel bzw. Nahrungsergänzungsmittel zugelassen. Aus diesem Grund werden Produkte aus Artemisia annua von den Herstellern in der EU z. B. als Aromaprodukte oder Räucherware verkauft. In anderen Ländern, z. B. Großbritannien und USA, wird Artemisia annua hingegen als Supplement mit Empfehlungen zur Dosierung verkauft.
Fazit
Artemisia annua ist eine traditionsreiche Heilpflanze mit vielfältigen medizinischen Eigenschaften. Insbesondere der Wirkstoff Artemisinin hat sich als wirksam gegen Malaria erwiesen und wird auch auf seine potenziellen Anwendungen bei anderen Erkrankungen untersucht, darunter Krebs, Autoimmunerkrankungen und virale Infektionen.
Die potenziellen Vorteile von Artemisia annua bei Multipler Sklerose beruhen auf verschiedenen Wirkmechanismen, darunter entzündungshemmende, immunmodulierende und antioxidative Eigenschaften. Bisher gibt es jedoch nur wenige spezifische Studien zur Anwendung von Artemisia annua bei MS, und die meisten Erkenntnisse stammen aus Studien zu anderen Erkrankungen.
Es ist wichtig, vor der Einnahme von Artemisia annua einen Arzt oder Apotheker zu konsultieren, insbesondere wenn Sie bereits Medikamente einnehmen oder an einer Vorerkrankung leiden. Aufgrund der Novel-Food-Verordnung ist Artemisia annua in der EU nicht als Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel zugelassen.
Weitere Forschungsarbeiten sind erforderlich, um die Wirksamkeit und Sicherheit von Artemisia annua bei MS zu untersuchen und die potenziellen Vorteile dieser Pflanze für MS-Patienten besser zu verstehen.